Gesetzmässigkeiten der Geistesschulung

Heide Oehms


I. EINIGE ASPEKTE DER GEISTESSCHULUNG
Für denjenigen, der sich entschließt den Schulungsweg zu gehen, erheben sich mancherlei Fragen.
Eine Grundfrage ist die nach dem Sinn einer solchen Schulung: was soll eigentlich erreicht werden und was ist der Kernpunkt?
Schon bei dieser Frage gehen die Ansichten auseinander, was bei der Fülle der Angaben und Beschreibungen Rudolf Steiners nicht weiter verwunderlich ist.
Auch die Vorstellungen und Erfahrungen anderer Geistes- und Religionsauffassungen spielen herein. Für viele Menschen scheint nur der Gesichtspunkt der Harmonisierung und Gesundheit zu gelten. Zu diesem Zwecke werden viele Praktiken angeboten und sogar von den Krankenkassen bezahlt.
Das Ziel wahrer Geistesschulung im Sinne des christlichen Okkultismus liegt aber auf ganz anderer Ebene.
Im Gegensatz zur östlichen Weisheit, welche die Weltentwicklung in einer ewigen Wiederholung ähnlicher Tatsachen sieht, aus der die einzelne Individualität sich zu befreien hat, hat sich in unserem Kulturkreis aus christlich-gnostischen und jüdisch-kabbalistischen Einweihungswegen die Auffassung der Evolution der Erde und der sie umgestaltenden Menschheit entwickelt.
Die Erde sollen wir nicht fliehen, sondern ergreifen und verwandeln, d.h. durchchristen. Der Geist Christi, der sich im Mysterium von Golgatha mit der Erde verbunden hat, gibt jedem Menschen, der sich IHM mit dem Willen hingibt, an dieser Verwandlung der Erde mitzuwirken, auch die Fähigkeit daran zu arbeiten. Die einzige Möglichkeit, sozusagen der erste Schritt, diese Fähigkeit zu erlangen, ist die Selbstverwandlung. Ehe ich irgendetwas in der Welt positiv beeinflussen kann, muß ich mich selber zum reinen Gefäß machen, um das Gute in der Welt - Christus - in mich aufzunehmen. Dann erst kann ich im Außenraum Gutes bewirken.
Diese Verwandlung ist nur durch Erkenntniswillen zu schaffen, der sogenannte gute Wille reicht da nicht aus. Erst durch Erkenntnis wird der vermeintlich gute Wille zum wirklichen, bewußt geführten Willen, der dann zum magischen Organ wird, das Liebestaten vollbringen kann.
Im zwischenmenschlichen, sozialen Bereich, der heute am stärksten entwurzelt ist, wird dadurch die Fähigkeit entwickelt werden können, neue Formen des Zusammenlebens zu finden und zu erfinden. Die von Rudolf Steiner in der "Philosophie der Freiheit" beschriebene Entwicklung der Eigenschaft der moralischen Fantasie ist eine Entwicklungstat, die zu leisten ist (1).
Wenn eine neue Form der Brüderlichkeit unter einigen Menschen Platz greifen kann, wird aus solchen Gemeinschaften die Möglichkeit entwickelt werden, auch die Erde zu gesunden.
Durch die bewußte, willensgetragene, nicht nur gefühlsmäßige Verbindung mit Christus, dem Herrn der Erde und damit auch dem Herrn der Elementarwelt, kann eine gezielte Veränderung dieser Bereiche bis in die untersinnlichen Schichten der Erde hinein vorgenommen werden. Die Notwendigkeit, in dieser Weise zu wirken, ist, angesichts der massiven Umweltzerstörung, für viele Menschen ein ernstes Anliegen. Und auf viele wirkt es wie eine Befreiung, daß es Menschen gibt, die auf diesem Gebiet wirken können.
Die eindrucksvollste Persönlichkeit, die mir in dieser Hinsicht bekannt ist, ist Marko Pogacnik, der durch seine Erdheilungsseminare aktiv an der Veränderung und Erlösung der Elementarwelt tätig ist. Aber er ist nicht der einzige. Viele Menschen sind von diesem Anliegen ergriffen und sind bereit, eine Geistesschulung auf sich zu nehmen, um an diesem Werk mitzuwirken.
Sicher könnte man die Sinngebung des Schulungsweges noch vermehren. Es gibt näher- und fernerliegende Ziele. Die naheliegenden sind angedeutet. Der Mensch muß sich einerseits zum sozialfähigen Wesen erziehen und andererseits zum umweltheilenden und nicht mehr zerstörenden.
Die fernerliegenden Ziele sind die Erringung bisher ungeahnter Kräfte und Fähigkeiten, die eine Umgestaltung des gesamten Planeten bis in den Erdkern hinein ermöglichen. In der Bibel ist dieser Prozeß mit dem Begriff "Das Neue Jerusalem" beschrieben. Aus den Früchten unserer Taten erbaut sich dieses wunderbare Gebilde.
Das Wissen um die Geheimnisse der Wissenschaft, der Ausbildung künstlerischer Fähigkeiten, der Künste, der Vollbringung des magischen Kultus und der Religion sind die Säulen der Geistesschulung.

II. GEZIELTES VORGEHEN
Weitere praktische Fragen erheben sich, wenn man die Grundwerke und einige Vortragszyklen Rudolf Steiners studiert.
Da eine Umwandlung vorhandener geistig-seelischer Substanzen erfolgen soll, muß ein gezieltes Vorgehen erstrebt werden. Worauf ist besonderes Augenmerk zu lenken?
Welche Übungen sind als erste vorzunehmen? Worauf zielen sie ab?
Durch das Studium des Grundwerkes "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" und "Die Geheimwissenschaft im Umriß" (2) und der anderen bekannten Schriften, sind viele Zusammenhänge klar geworden. Doch ein systematischer Beginn fällt oft schwer.
Durch die esoterischen Stunden der Frühzeit innerhalb der Theosophischen Gesellschaft erkennt man, daß der Ausbildung der Chakren oder Lotusblumen die Aufmerksamkeit gewidmet werden muß. Dabei werden vor allem die Übungen für das Herzchakra von Rudolf Steiner in den Vordergrund gestellt. Es soll hier versucht werden, einige wesentliche Hinweise Rudolf Steiners zu der Beschaffenheit der Chakren sowie der zu erreichenden Eigenschaften und den dazu notwendigen Übungen in der Überschau darzustellen, ebenso sollen einige Ergänzungen aus anderen Geistesrichtungen eingefügt werden.
Dieser Aufsatz kann nur Anregung und keinesfalls Ersatz für die ausführlichen Angaben Rudolf Steiners sein. Er soll den Blick auf eine zentrale Aufgabe in der Geheimschulung lenken.
In dem Kapitel :"Über einige Wirkungen der Einweihung" in "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" (3) findet man die ursprüngliche, durch Rudolf Steiner gegebene, Beschreibung der Beschaffenheit, sowie die der zu entwickelnden Eigenschaften und der zu ergreifenden Maßnahmen, um die Chakren, dort auch Lotusblumen oder Räder genannt, zu entwickeln.
In der Zeit der Entstehung 1904/05 der einzelnen Kapitel zu "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" führte Rudolf Steiner verschiedentlich in Vorträgen der Esoterischen Schule, aber auch in Mitglieder-Vorträgen, Einzelheiten zum Thema aus.
In den späteren Phasen der Gesellschaftsentwicklung, nach der Auflösung der Esoterischen Schule, werden seine diesbezüglichen Ausführungen seltener.
Auch in den Texten der Klassenstunden ist gar nichts in bezug auf die Chakren gesagt.
Daraus zu schließen, sie spielten nun keine Rolle mehr oder würden sich auf andere Weise als ursprünglich dargestellt entwickeln, wäre fatal.
Die Frage ist vielmehr: Was hat Rudolf Steiner 1924 voraus-
setzen können und was sollten die Klassenstunden bewirken?
Wie hätte die Fortentwicklung derselben ausgesehen ?
Wäre innerhalb der 2.Klasse der von Rudolf Steiner mehrfach angekündigte 2.Teil von "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" (4) ausgearbeitet worden?
Wir müssen uns klar machen, daß der von Rudolf Steiner gegebene Schulungsweg ein Torso geblieben ist. Zur Weiterentwicklung hätte es der Fragen bedurft! D.h. der Fragen derjenigen Geistesschüler, die soweit Fortschritte auf dem Wege gemacht hätten, daß sie die Fragen hätten formulieren können.
Derjenige, welcher stark in sich die karmische Aufgabe spürt, den anthroposophischen Schulungsweg zu gehen, steht in dem Dilemma, ab einer bestimmten Stufe der Entwicklung keine genauen weiterführenden Angaben zu finden.

III. ÜBER DIE ENTWICKLUNG DER CHAKREN
Rudolf Steiner beschreibt in dem genannten Kapitel "Über einige Wirkungen der Einweihung" "Verände-
rungen im sogenannten Seelenorganismus" (S.115).
Dieser wird im Verlauf der Übungen regelmäßiger gegliedert. Er ist ein Gebilde, welches vom Inneren des Kopfes bis zur Mitte des physischen Körpers verläuft. In diesem befinden sich Organe, die Lotusblumen genannt, die bei jedem Menschen vorhanden sind. Sie waren in alten Zeiten beweglich, drehten sich gegen den Uhrzeigersinn und machten damit das traumhafte Hellsehen möglich.
Beim heutigen Menschen sind sie in der Regel unbewegt, und dadurch ist er von der geistigen Welt abgeschnitten.
Die Aufgabe eines bewußt beschrittenen Weges liegt darin, diese Organe aus ihrem Schlafzustand durch regelmäßige Strukturierung in eine Rechtsdrehung zu versetzen,
was ein wachbewußtes Hellsehen ermöglicht. Die Lotusblumen hellen sich auf und werden zu Sinnesorganen der Seele.
Rudolf Steiner beginnt in seiner Beschreibung mit der sechzehn-blättrigen Lotusblume des Kehlkopfes.
Ich werde der Übersicht halber mit dem Stirnchakra beginnen und einige Formulierungen einfügen.

DIE ZWEIBLÄTTRIGE LOTUSBLUME
Es ist auffallend, daß Rudolf Steiner kaum Übungen zur Ausbildung der zweiblättrigen Lotusblume angibt. Auch seine Beschreibung der Eigenschaften dieses Organs fallen eher dürftig aus im Gegensatz zu der Beschreibung der weiteren Chakren. Man könnte denken, die Konzentrationsübungen zum Kehlkopf- und Herzchakra dienten auch der Ausbildung der zweiblättrigen Lotusblume.
Aber dies ist zu einfach gedacht. Oftmals weist Rudolf Steiner darauf hin, daß ein sinnlichkeits- freies Denken Voraussetzung für die moderne Geistesschulung sei. Um diese Fähigkeit zu erlangen, habe er die Bücher "Wahrheit und Wissenschaft" wie auch "Die Philosophie der Freiheit" geschrieben.
Meine persönliche Ansicht, die möglicherweise korrigiert werden kann, ist, daß die Beschäftigung mit diesen Werken im besonderen auf die zweiblättrige Lotusblume wirkt.
In "Die Geheimwissenschaft im Umriß" (5) steht auf Seite 343: "Es ist der Weg, welcher durch die Mitteilungen der Geisteswissenschaft in das sinnlichkeitsfreie Denken führt, ein durchaus sicherer. Es gibt aber noch einen anderen, welcher sicherer und vor allem genauer, dafür aber auch für viele Menschen schwieriger ist. Er ist in meinen Büchern "Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" und "Philosophie der Freiheit" dargestellt ... Es stehen diese Schriften auf einer sehr wichtigen Zwischenstufe zwischen dem Erkennen der Sinnenwelt und dem der geistigen Welt."
In dem Zyklus: "Mysterienstätten des Mittelalters" (6) geht Rudolf Steiner etwas deutlicher auf die zweiblättrige Lotusblume ein. Es wird dort der Zusammenhang des Einwirkens des Mondes auf das Rückenmarksystem und den Sehnerv gezeigt.
Der Mondrhythmus von achtundzwanzig Tagen bringt achtundzwanzig bis dreißig Rückenmarksnerven und achtundzwanzig bis dreißig Nervenfasern des Sehnervs hervor. Das Auge ahmt das Rückenmark nach.
Weiter wird die Sonnenwirkung auf die zwölf Hauptnerven des Gehirns beschrieben. Nun ist es das Geruchsorgan, welches in zwölf Strängen des Riechnervs das Gehirn nachahmt. Ein kleiner embryonaler Mensch liegt am Konzentrationspunkt der zweiblättrigen Lotusblume zwischen den Augenbrauen.
Durch die Meditation eines stark konzentrierten Gedankens bildet er diese Tätigkeit ins Astrallicht hinein. Dadurch wird die zweiblättrige Lotusblume ausgebildet, in Tätigkeit versetzt und bildet sich somit zum geistigen Wahrnehmungsorgan aus.
Aber bevor diese Ausbildung stattgefunden hat, ist sie auch schon in passiver Weise tätig: "...er (der Mensch) schreibt fortwährend alles dasjenige, was in seinen Gedanken ist, in das Astrallicht hinein. Das Schauen befähigt ihn dann nur das, was er hineinschreibt, eben zu verfolgen, wahrzunehmen und auch anderes damit wahrzunehmen, namentlich den wahren Unterschied von Gut und Böse ... Dem Schüler wurde klargemacht: Wenn er dieses Organ gebraucht, das ein ins Astrallicht hinaufgehobenes Geruchsorgan ist, dann lernt er die wahre Stofflichkeit aller Dinge kennen, die wahre Materie."
In "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" wird auf Seite 142 von einem durch die Übungen erzeugten Mittelpunkt im Kopfe gesprochen. Es ist dies das sinnlichkeitsfreie Denken, was diesen Mittelpunkt der Strömungen des Ätherleibes hervorbringt.
"Nur eine solche Geheimschulung hat den vollen Erfolg,
welche zuerst diesen Mittelpunkt schafft."
Der weitere Verlauf des Schulungsweges verlagert durch mannigfaltige Übungen diesen Punkt erst in den Kehlkopf und später in das Herzorgan. Dort wird dann in der Nähe der Herzlotusblume der nun fein strukturierte Ätherleib ein herrlich leuchtendes Mittelpunktsorgan haben.
Man sieht, es sind zwei Dinge auszubilden. Die Lotusblumen als Organ des Astralleibes; sie wiederum wirken auf den Ätherleib, der dadurch bestimmte Strukturen erhält, die wahrnehmbar und spürbar sind.
Auf Seite 154 im selben Werk spricht Rudolf Steiner von der Erfahrung des niederen Selbst, in dem das höhere Selbst auf der nun erreichten Stufe aufleuchtet, und fährt dann fort: "Und nun ist die Zeit gekommen", (d.h. nach der Ausbildung der anderen Lotusblumen) "um die zweiblättrige Lotusblume in der Augengegend zu gebrauchen. Fängt sie an sich zu bewegen, so findet der Mensch die Möglichkeit, sein höheres Ich mit übergeordneten geistigen Wesenheiten in Verbindung zu setzen." Im weiteren wird noch einmal auf die Bedingung der klaren logischen Schulung und gesunden Urteilskraft hingewiesen, als Grundlage der Geburt des höheren Selbst.
Eine Aussage Rudolf Steiners scheint mir noch sehr bedeutsam zu sein. Er nennt die Stirnlotusblume verschiedentlich ein Willensorgan (7). Dadurch werden wiederum andere Aussagen beleuchtet: Die Rosenkreuzerschulung ist eine Willensschulung, im Gegensatz zu den vorchristlichen Einweihungsschulen, welche die Denkkräfte üben mußten, und die frühen christlichen und mittelalterlichen Schulungen pflegten besonders die Gemütskräfte (8). Heute ist es wichtig, den Willen ins Denken zu bringen, und das wirkt auf die zweiblättrige Lotusblume.
Die Frage nach den Voraussetzungen der zu entwickelnden Eigenschaften und zu erlangenden Fähigkeiten der Stirnlotusblume können teilweise aus diesen Textstellen abgeleitet werden. Doch bleiben noch Fragen offen. Man könnte aber durch Eigenbeobachtung und durch Befragung anderer okkulter Schulen Vergleiche ziehen.
In diesen, von östlichen Lehren beeinflußten Darstellungen, wird Erinnerungsvermögen - Vorstellen und Intuition - non-
verbales Denken dem Stirnchakra zugeordnet, manchmal auch
Heilfähigkeit. Auch die Fähigkeit der Kommunikation mit Menschen und mit geistigen Wesen wird hier genannt.
Wichtig erscheint mir auch, den Zusammenhang mit den betreffenden Körperorganen zu sehen, auf den Rudolf Steiner in manchen Vorträgen auch hinweist, in diesem Fall die Hypophyse.
Die Zuordnung der sieben Farben zu den Chakren spielt eine wichtige Rolle, weil dadurch eine gewisse Interpretation der aurischen Beschaffenheit möglich wird. Dem Stirnchakra wird die Farbe Indigo (Intuition) bis Violett (übersinn- liche Wahrnehmung) und Gelb (Intellekt) zugeordnet.
Meine eigene Erfahrung, die durch andere Geistesforschung bestätigt wurde, ist, daß durch eine gut funktionierende zweiblättrige Lotusblume Karmaerkenntnis möglich wird.
Raum und Zeit fallen hier zusammen, man kann sein Bewußtsein grenzenlos ausdehnen.

DIE SECHZEHNBLÄTTRIGE LOTUSBLUME
Zur Ausbildung der sechzehnblättrigen Lotusblume dienen die von Rudolf Steiner gegebenen Übungen zu den Wochentagen, analog dem achtgliedrigem Pfad des Buddha und den acht Seligpreisungen des Matthäus-Evangeliums. In "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" beginnt Rudolf Steiner mit der Beschreibung dieser Übungen (S. 119):
"Der Mensch muß auf gewisse Seelenvorgänge Aufmerksamkeit und Sorgfalt verwenden, die er gewöhnlich sorglos und unaufmerksam ausführt." Es wird hier begonnen mit der Ordnung des Gedankenlebens, aber im Sinne einer Selbst-
beobachtung. In diesem Falle ist es nicht die Konzentration auf einen bestimmten Gedanken, sondern: "Eine jede Vorstellung soll in ihm Bedeutung gewinnen. Er soll in ihr eine bestimmte Botschaft, eine Kunde über Dinge der Außenwelt sehen ... Sein Streben soll dahin gehen, unwichtige Vorstellungen aus seiner Seele zu entfernen."
In diesem Zusammenhang kann es hilfreich sein, sich öfters während des Tages in dem normalen Gedankenablauf zu unter-
brechen und zu versuchen, rückwärts die Gedanken und Sinneseindrücke der letzten fünf oder zehn Minuten zu verfolgen, um dadurch das Denken stärker unter Kontrolle
zu bekommen. Die zweite Übung ist, gedankenloses Handeln zu unterlassen, sondern sich zu der unbedeutendsten Sache bewußt zu entschließen.
Die dritte Übung wendet sich der Kontrolle der Rede zu.
Auch dort gilt die Unterscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen. Das ist besonders schwierig, da man kein abgehobener Sonderling werden soll. Es kann auch wesentlich sein, in einer bestimmten Situation eine scherzhafte,
humorvolle Bemerkung zu machen. Es gilt auch hier, geistesgegenwärtig zu sein.
"Der vierte Seelenvorgang ist die Regelung des äußeren Handelns". Hier geht es im Gegensatz zur zweiten Übung, die eine eher passive Kontrolle des normalen, alltäglichen Handlungsablaufs ist, um die aktiven Entschlüsse des äußeren Handelns. "Er sucht sein Tun so einzurichten, daß es sich harmonisch eingliedert in seine Umgebung, in seine Lebenslage u.s.w. ... Wo er aus sich heraus handelt, da erwägt er die Wirkungen seiner Handlungsweise auf das deutlichste".
Die fünfte Übung "liegt in der Einrichtung des ganzen Lebens ... Übergeschäftigkeit und Lässigkeit liegen ihm gleich ferne ... Gesundheitspflege, Gewohnheiten u.s.w. richtet er für sich so ein, daß ein harmonisches Leben die Folge ist."
"Das sechste betrifft das menschliche Streben. Der Geheimschüler prüft seine Fähigkeiten, sein Können und verhält sich im Sinne solcher Selbsterkenntnis. Er versucht nichts zu tun, was außerhalb seiner Kräfte liegt; aber auch nichts zu unterlassen, was innerhalb derselben sich befin-
det. Andererseits stellt er sich Ziele, die mit den Idealen, mit den großen Pflichten eines Menschen zusammenhängen."
"Das siebente in seinem Seelenleben betrifft das Streben,
möglichst viel vom Leben zu lernen."
"Das achte endlich ist: der Geheimschüler muß von Zeit zu Zeit Blicke in sein Inneres tun ... sorgsam mit sich zu Rate gehen ..."
In den "Anweisungen für eine esoterische Schulung" (9)
werden diese Übungen den Wochentagen zugeordnet. Es ist sinnvoll, in dieser Reihenfolge zu verfahren. Man kann den Zusammenhang mit den Planeten erkennen und durch Vertiefung in die Übungen Bezüge zu den Metallen und zu anderen den Planetenkräften entsprechenden Ausgestaltungen und Gesetzmäßigkeiten erkennen.
Im Zyklus "Das Initiaten-Bewußtsein" (10) gibt es gewisse Hinweise auf den Zusammenhang der Metalle mit der Geistesschulung. Dort wird zuerst beschrieben, wie in älterer Zeit den zur Einweihung vorbereiteten Menschen die Metalle in hochpotenzierter Form zum Zwecke geistiger Erfahrung verabreicht worden sind.
Das war in der alten Zeit aufgrund einer ganz anderen Beschaffenheit der Körperlichkeit ein angemessener Weg, um zu übersinnlicher Wahrnehmung zu kommen. Weiter heißt es dort, daß in der heutigen Zeit der einzig richtige Weg darin besteht, daß der Mensch sich seelisch bekannt macht mit der Wesenheit des Metalls (Kupfer).
Es wird weiter angedeutet, wie man so etwas meditieren könne, indem man Farbe, Fundorte, chemische Beschaffenheit u.s.w. betrachtet und sich ein Gefühl davon verschafft, auf das man sich konzentriert.
Es ist eine Möglichkeit, auf diese Weise die Übungen für die Wochentage, die das Kehlkopfchakra strukturieren, zu erweitern und wirksamer zu machen, indem durch ein solch vertieftes Meditieren neue Weltzusammenhänge aufgehen können.
Die sieben Metalle wirken auf die sieben Chakren wie folgt:

Scheitel: Blei Saturn
Stirn: Zinn Jupiter
Kehlkopf: Eisen Mars
Herz: Gold Sonne
Solar plexus: Kupfer Venus
Nabel: Quecksilber Merkur
Basis: Silber Mond


Ausgehend von dieser erweiternden Übung für das Kehlkopfchakra können alle anderen Chakren beeinflußt werden.
Ein zusätzlicher Aspekt dieser Übungen kann die dreifache Gewissensbildung innerhalb der Empfindungsseele, der Verstandesseele und der Bewußtseinsseele sein.
In der Empfindungsseele:
Die Gefühle und Empfindungen werden kultiviert, indem man sich keine negativen Neigungen gestattet, auch keine Schwärmerei.
In der Verstandesseele:
Man läßt keine keine Dummheiten, Verkehrtheiten durchgehen.
In der Bewußtseinsseele:
Mit Wachheit und Geistesgegenwart werden alle Prozesse beobachtet, nichts gelangt unkontrolliert ins Bewußtsein.
Die Fähigkeiten, die herangebildet werden, beschreibt Rudolf Steiner in "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" (S. 126): "Man muß sich noch klarmachen, daß die Wahrnehmungen der einzelnen geistigen oder Seelensinne einen verschiedenen Charakter tragen." Die sechzehnblättrige Lotusblume "nimmt Gestalten wahr. Die Gedankenart, die eine Seele hat, die Gesetze, nach denen eine Naturerscheinung sich vollzieht, treten für die sechzehnblättrige Lotusblume in Gestalten auf. Das sind aber nicht starre, ruhige Gestalten, sondern bewegte, mit Leben erfüllte Formen."
In der nicht-anthroposophischen Esoterik gibt es weitere Zuordnungen: Ausdrucksvermögen, Hören, Kommunikation, Empfinden für Raum und Form, Klangäther und Schöpferwort. Die Farbe der sechzehnblättrigen Lotusblume ist ein helles Wasser- oder Himmelsblau. Auch Silber und grünlich sind positive Farben dort. Das dazugehörige Organ ist die Schilddrüse.

DIE ZWÖLFBLÄTTRIGE LOTUSBLUME
Die sogenannten sechs Nebenübungen sind in den "Anweisungen für eine esoterische Schulung" am Anfang, noch vor den Übungen für die Wochentage, plaziert.
Es ist sinnvoll, mit diesen Übungen, welche die Harmonisierung des Herzchakras bewirken sollen, zu beginnen, da sie gleichzeitig auch das Stirnchakra beeinflussen und ebenso in den unteren Bereich wirken. Des öfteren führt Rudolf Steiner aus, daß das Herz sich zum Denkorgan entwickeln soll und daß in der Nähe des Herzens das geistige Zentrum der Kundalinikraft ausgebildet wird.
Doch muß man im Laufe des Weges dazu kommen, alle Übungen, die des Kehlkopfes wie die des Herzchakras, ständig nebenher laufen zu lassen. Das mag anfangs mühselig und umfangreich erscheinen, wird aber im Laufe der Zeit zu einer Gewohnheit, die man nicht mehr missen kann, die auch in fast jeder Situation geschehen kann, dann auch immer weniger Mühe macht.
Aber aller Anfang ist schwer. Viele schrecken vor dem Umfang der Übungen erst einmal zurück.
Es beginnt mit der Gedankenkonzentration, die in diesem Fall aktiven Charakter hat: es ist die Konzentration auf einen selbstgewählten Gegenstand. Es kommt dabei weniger auf den Denkinhalt an, sondern auf die Willenskraft, die im Verweilen bei dem Gegenstand aufgebracht wird.
Die nächste Übung ist ein physisch ausgeführter, selbst bestimmter Willensakt. Dazu ist nicht geeignet, was zu den normalen, notwendigen Tätigkeiten gehört.
Das Dritte ist die Erlangung des Seelengleichgewichtes.
Das Vierte, die Positivität, wird erreicht, indem man in negativen Ereignissen, Tatsachen u.s.w. den positiven Aspekt aufsucht.
Die fünfte Eigenschaft ist die Unbefangenheit und Vorurteilsfreiheit.
Die Harmonie aller Eigenschaften gilt als sechste, alle anderen zusammenfassende Qualität.
Wichtig ist es, die Empfehlung ernst zu nehmen, die jeweilige Übung mit den in den esoterischen Stunden angegebenen Strömungen abzuschließen. Diese sind solange vorzunehmen, bis sie spürbar werden. Ein leises Strömen im Ätherleibe wird wahrnehmbar. Zuerst soll der Mittelpunkt an der Stirn erscheinen. Später wird der Mittelpunkt in den
Kehlkopf verlegt und danach erst im Herzen gebildet. Dazu werden bestimmte Mantren meditiert. Es genügt nicht ein rein gedankliches Meditieren, sondern willenhaft erlebtes. Dies meint ein Einprägen bestimmter Formeln, das noch beschrieben werden soll.
Die Herzlotusblume vermittelt Wahrnehmungen der Seelenwärme und Seelenkälte, ebenso ein tiefes Verständnis für Naturvorgänge: Wachsen und Vergehen, die ebenso Seelenwärme und -kälte ausströmen.
In der nicht-anthroposophischen Esoterik wird dem Herzchakra die Farbe Grün zugeordnet. Rudolf Steiner hat Grün im Zusammenhang mit den Goetheanum-Bauformen die Christus-Farbe genannt. Der Hellseher könne diese Formen in Grün erleben, der eigentlichen Christusfarbe. Es kann da verständlich erscheinen, daß das Herzchakra von hellsichtigen Personen in Grün wahrgenommen wird. Es können selbstverständlich andere Farben dort auftreten, z.B. Rosa-pfirsichblüt und Gold bei spirituellen Menschen. Ebenso können in allen Chakren verunreinigende Farben vorübergehend oder dauerhaft anwesend sein. Die Thymusdrüse ist das dazugehörige Wahrnehmungsorgan
Weitere Eigenschaften des Herzchakras sind: Harmoniestreben, selbstlose Liebe, Hingabe, Heilung, Nehmen und Geben . . . klares, helles Grün ist ein Hinweis auf
Heilfähigkeit.

DIE ZEHNBLÄTTRIGE LOTUSBLUME
In der zehnblättrigen Lotusblume sind alle zwölf Sinne zentriert. Zur Ausbildung derselben ist eine weitgehende Kontrolle notwendig. Die aktive Übung ist das Bewußtmachen der Sinne und dann ein vorsätzliches Ausschalten aller Sinne. Die mehr passive Sinneskontrolle muß so oft es geht vorgenommen werden: es ist zu überprüfen, welche Sinne z.B. angesprochen werden und in Aktion sind, um sie gegebenfalls auszuschalten. Nichts Unkontrolliertes soll in uns hineingelangen. Die Beobachtung wäre: welche Sinneseindrücke führen zu bestimmten Gedanken, Einfällen, Ideen, dem Entlarven und Wegschaffen von Illusionen.
"Das Leben des Geheimschülers muß ein Leben in Aufmerksamkeit sein ..." (11).
Eine voll ausgebildete zehnblättrige Lotusblume hat die Fähigkeit der Aurawahrnehmung und kann auch deren Inter-
pretation entwickeln, da sie gleichzeitig das Organ des
analytischen, intellektuellen Denkens ist. Man kann tief verborgene Eigenschaften des Menschen durch sie wahrnehmen.
Licht und Farbe, aber auch Talente und Fähigkeiten von Seelenkräften und verborgene Eigenschaften der Natur können nun erkannt werden.
Es wird ihr die Farbe Gelb zugeordnet.
Das dazugehörige Organ ist das Sonnengeflecht (Solar plexus).
Weitere Eigenschaften sind die Beziehungen zu anderen Menschen, Bindungen und Trennungen.

DIE SECHSBLÄTTRIGE LOTUSBLUME
Die schwerste Arbeit ist im Zusammenhang mit der sechsblättrigen Lotusblume in der Nabelgegend zu leisten.
Leib, Seele, Geist müssen in vollkommene Harmonie gebracht werden. "Der Leib muß so veredelt und geläutert werden, daß seine Organe zu nichts drängen, was nicht im Dienste der Seele und des Geistes geschieht . . . Eine Tugend, zu der man sich erst zwingen muß, ist für die Geheimschülerschaft noch wertlos" (12).
Durch diese ausgebildete Lotusblume erlangt der Geistesschüler die Fähigkeit, mit höheren geistigen Wesenheiten in Kontakt zu treten. Ihre Farbe ist das Orange.

EIN NOCH HÖHERES ORGAN
In "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?" wird nun ausführlich von der notwendigen Entwicklung eines noch höheren Organs gesprochen, welches seinen Mittelpunkt in der Herzgegend erhalten soll. Dieses höhere Organ ist das Kundalinilicht.
Es ist notwendig, sorgfältig an diesem Organ zu arbeiten.
Hier soll nur angedeutet werden, daß innerhalb der umfangreichen Anweisungen einige wesentliche Fortschritte erreicht werden müssen. Es soll gelernt werden, die Strömungen des Ätherleibes in bewußter Weise zu lenken. "Der Zweck dieser Entwicklung ist, daß sich in der Gegend des physischen Herzens eine Art Mittelpunkt bildet, von dem Strömungen und Bewegungen in den mannigfaltigsten geistigen Farben und Formen ausgehen. Dieser Mittelpunkt ist ... ein wunderbares Organ" (13).
Da dieses Organ in der Nähe der zwölfblättrigen Lotusblume liegt, muß diese ganz besonders sorgfältig ausgebildet sein. Es wird aber nicht sogleich dieser Mittelpunkt ausgebildet, sondern zuerst der schon anfangs genannte Punkt im Kopfe. Wenn dieser genügend befestigt ist, wird er in die Gegend des Kehlkopfes verlegt. "Ein weiteres Üben befähigt den Schüler, die Lage seines Ätherleibes zu bestimmen, ihn zu bewegen . . . Diese Fähigkeit wird durch Strömungen bewirkt, welche ungefähr längs der beiden Hände verlaufen und die ihren Mittelpunkt in der zweiblättrigen Lotusblume in der Augengegend haben ,,," "... die Strahlungen, die vom Kehlkopf ausgehen, gestalten sich zu runden Formen, von denen eine Anzahl zu der zweiblättrigen Lotusblume hingehen, um von da aus als wellige Strömungen den Weg längs der Hände zu nehmen" (14).
Diese Ströme werden zu einer Art Netzhaut, die eine Grenze des Ätherleibes bildet. "Dadurch wird der Mensch für diese äußeren (kosmischen) Strömungen empfindlich. Sie werden ihm wahrnehmbar."
Nun wird der Mittelpunkt in der Herzgegend gebildet.
"Das geschieht wieder durch die Fortsetzung der Konzentrations- und Meditationsübungen." Jetzt "wird der Mensch mit dem "inneren Wort" begabt" (15).
Es werden weitere wichtige Übungen ausgeführt, die zu dem Erlebnis des niederen und aus diesem hervortretenden höheren Selbst führen.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, "um die zweiblättrige Lotusblume in der Augengegend zu gebrauchen. Fängt sie an, sich zu bewegen, so findet der Mensch die Möglichkeit, sein höheres Ich mit übergeordneten geistigen Wesenheiten in Verbindung zu setzen" (16). Eine weitere Folge der Erlangung des Bewußtseins vom höheren Selbst ist die Erkenntnis des eigenen Bleibenden, d.h. Karmaerkenntnis (17).
Im folgenden Kapitel: "Veränderungen im Traumleben des Geheimschülers" wurde in der ursprünglichen Fassung in der Zeitschrift "Luzifer-Gnosis" vom Kundalinifeuer und Kundalinilicht gesprochen. Später hat Rudolf Steiner diesen Ausdruck in "geistige Wahrnehmungskraft" umbenannt. Es ist dies das schon beschriebene Mittelpunktsorgan des Ätherleibes in der Herzgegend.
Aus dem bisher Ausgeführten geht hervor, daß zuerst mit einer Ausbildung der Organe des Astralleibes begonnen wird, aber bald auch schon Wirkungen im Ätherleib spürbar werden müssen, da sich in ihm das eigentliche, geistige Wahrnehmungsorgan entwickelt.

DIE VIERBLÄTTRIGE LOTUSBLUME
Es fällt auf, daß weder die vierblättrige, noch die achtblättrige Lotusblume näher beschrieben wird. Rudolf Steiner erwähnt, daß damit Geheimnisse verbunden sind, die so ohne weiteres nicht veröffentlicht werden dürfen. Im Verlauf der Entwicklung erlebt der Schüler durch die genannten Übungen auch eine Belebung dieser Organe. Es scheint, daß mit der Ausbildung der sechzehn- und zwölfblättrigen Lotusblume auch auf die vierblättrige eine Wirkung ausgeübt wird. Es ist damit allerdings eine besondere Einstellung zur Sexualität notwendig. Man kann nicht mehr so unbeschwert mit diesem Bereich umgehen, wie es in heutiger Zeit üblich geworden ist. Es ist der Bereich, in dem die höchsten Hierarchien ihren Wirkensort haben. Im Zeugungsprozeß verbinden sich diese göttlichen Wesen mit dem Herrn der Materie, mit Ahriman. Es ist ein rein magisches Wirken, welches der Mensch triebhaft in Gang setzt. Diese Magie kann unbewußt oder bewußt mißbraucht werden. Der Mensch, der verantwortlich mit diesem Kraftpotential umgeht, kann durch den Schulungsweg allmählich lernen, diesen Bereich zu verwandeln und als unerschöpflichen Kraftquell für die höhere Schulung zu gebrauchen. "Das Sexuelle . . . wird . . . wenn wir es in seiner immer höheren und höheren Natur sehen, der zweite Logos . . . durch das Buddhi-Prinzip hinaufsteigend wurde es das Christusprinzip" (18).

DIE ACHTBLÄTTRIGE LOTUSBLUME (SCHEITELCHAKRA)
Sie wird in der östlichen Weisheit die tausendblättrige Lotusblume genannt.
Rudolf Steiner hat über das Scheitelchakra sehr wenig gesagt. Ich will versuchen, einige Hinweise anzudeuten und dann auch auf andere Quellen zurückgreifen. Die organische Grundlage dieser Lotusblume ist die Zirbeldrüse (Epiphyse), ein in alten Zeiten sehr regsames Organ, welches beim heutigen Menschen verkümmert ist. Durch den Schulungsweg wird dieses wieder entwickelt und zum hellsichtigen Organ werden. In den esoterischen Stunden findet man eine Stelle, die die Funktion etwas erhellt: "Wenn die Schleimdrüse (Hypophyse) die Zirbeldrüse (Epiphyse) mit goldenen Fäden umströmt, dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo die Umwandlung des Astralkörpers zum Geistselbst, zum Manas, soweit fortgeschritten ist, daß nun der Ätherkörper in die Buddhi verwandelt werden kann" (19). An anderer Stelle wird von einer zukünftigen zweiten Wirbelsäule gesprochen, welche durch Zirbel- und Schleimdrüse organisiert wird (20). Die wenigen Aussagen Rudolf Steiners über die Aufgabe und Beschaffenheit des Scheitelchakras können vorsichtig aus Erfahrungen ergänzt werden. Im Scheitelchakra sind wir mit allen himmlischen Hierarchien bis hinauf zum göttlichen Urgrund verbunden. Auch der persönliche Engel wirkt über diesen Strom, der, wenn er voll entwickelt ist, bis in die Füsse, d.h. in den Fußchakren, spürbar ist. Die Farbe dieser Lotusblume ist Violett als Grundfarbe, bei weiterer Ausbildung erscheint auch Weiß und Gold.

IV. PRAKTISCHE ERFAHRUNGEN
Bei der Ausbildung des Geistorganismus gibt es zahlreiche Abweichungen von der durch Rudolf Steiner gegebenen Idealform. Die Ausgangslage eines jeden Menschen ist individuell. Die Gegebenheiten des jetzigen Lebens können sehr einschränkend wirken. Vererbung und Umfeld sind erst einmal prägend. Erst das, was der Mensch diesen Faktoren abtrotzen kann, wirkt individualisierend. Es kann jemand wenig Neigung zum klaren, logischen Denken haben, aber eine große Offenheit gegenüber geistigen Tatsachen. Bei solchen Menschen können die unteren Chakren in einer gewissen Weise ausgebildet sein und eine bestimmte Form von Hellsichtigkeit ermöglichen. In einem solchen Fall müßte umso energischer am Ausgleich des Defizites gearbeitet werden. Aber auch karmische Voraussetzungen spielen eine Rolle. In früheren Inkarnationen erworbene Fähigkeiten werden durch die Schulung wieder aktiviert, so daß einige Chakren sich schneller entwickeln, andere stärkeren Widerstand leisten. Darauf muß besonderes Augenmerk gerichtet werden. Aus dem Prozeß der Selbsterkenntnis ergeben sich die Schwerpunkte der Übungen. Hilfreich kann eine Empfehlung Rudolf Steiners sein, nicht etwa seine offensichtlichen Fehler anzuschauen, sondern die vermeintlichen Stärken und guten Eigenschaften. Man ist z.B. flink, was als gute Eigenschaft angesehen ist. Nun soll man suchen, wo die Flinkheit negative Wirkungen zur Folge hat. Oder man ist sehr tatkräftig. Überrollt man nicht mit seiner Überaktivität die anderen Menschen? Man bewahrt immer die Ruhe, aber neigt man nicht manches Mal zur Bequemlichkeit u.s.w.? Es gilt also, die Einseitigkeiten zu erkennen und zum Ausgleich zu bringen (21).
Bei manchen Menschen sind die Chakren gelegentlich linksdrehend. Dadurch entsteht atavistisches Hellsehen, was dann durch Praktiken wie automatisches Schreiben und verwandte Techniken, von bestimmten geistigen Wesen niederer Art benutzt werden kann. Es können dadurch Wahrheiten herauskommen, aber in einseitiger verzerrter Form, eben Halb- oder Viertelwahrheiten.
In östlich beeinflußten Anweisungen werden die Chakren im Wechsel, links- und rechtsdrehend, bei Mann und Frau polar, dargestellt. Es scheint diese Auffassung auf den Weg des Tantra-Yoga zurückzugehen, der eine Verklärung der Sexualität als Ideal sieht, die Verschmelzung von Mann und Frau in der geistigen Extase.
Dem gegenüber steht die westliche Zielsetzung der einzelnen Individualität, die diese Verschmelzung in sich selber anstrebt, d.h. der Mann erreicht sie durch Kultivierung der höheren Wesensglieder, die eine Auswirkung auf seinen weiblichen Ätherleib hat, wodurch er in sich die Harmonie finden kann. Die Frau stärkt ebenso ihren männlichen Ätherleib durch die Höherentwicklung. Erst dann kann eine wirkliche Harmonie der Geschlechter entstehen, wenn einseitige Erwartungen an den Partner überwunden sind. Wunschvorstellungen, wie der andere zu sein habe aufgrund seiner Geschlechterrolle, und falsche Ideale sind häufig die Ursache für Enttäuschung und Zerwürfnisse.
Das Ziel einer solchen Schulung wird in fernerer Zukunft eine Umwandlung der sexuellen Kräfte sein; das Zeugungsorgan wird im Kehlkopf seinen Ort finden. Die Hervorbringung des neuen Menschen wird durch das magische Wort geschehen. Die Verwandlung der Triebnatur in höhere bewußte Kräfte ist hier das Ziel und nicht das Benutzen der Triebe, um kosmische Erlebnisse zu haben.
Aber nicht nur die unteren Chakren können eine Unregelmäßigkeit bewirken. Es kann auch geschehen, daß das Scheitel- oder Herzchakra oder der Solar plexus zuerst aufgehen. Da ist die Gefahr des Mißbrauches weniger gegeben, aber nicht ausgeschlossen. Durch das Scheitelchakra wirken die höheren Hierarchien. Eine zu frühe Öffnung kann bei Menschen geschehen, die in früheren Inkarnationen Einweihungen hatten oder sehr heilige Leben. Diese Menschen werden in der Regel sehr schnell erkennen, wo ihre Schwächen liegen und energisch daran arbeiten, um das in dieser Inkarnation Versäumte nachzuholen. Ähnliches gilt für die Herz- und Kehlkopf-Lotusblume, die schon in früheren Leben, z.B. durch eine oder mehrere Klosterausbildungen, veranlagt worden sind. In all diesen Fällen ist auf eine Schulung des klaren Denkens besonders zu achten.

V. MANTRA - MEDITATIONEN
Die Reifung der Chakren wird durch die Mantra-Meditation herbeigeführt. In den "Anweisungen für eine esoterische Schulung" (22) sind etliche solcher Meditations-Sprüche gegeben. Darüber hinaus hat Rudolf Steiner zu vielen Gelegenheiten Mantren verfaßt, allgemein oder für einzelne Menschen gedacht. Auch die Wochensprüche sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Jedes Mantram kann, wenn es in rechter Weise meditiert wird, eine ganz gezielte Wirkung auf ein bestimmtes Chakra oder Wesensglied des Menschen ausüben. Wichtig ist deshalb, sich klar zu machen, was bewirkt werden soll. Rudolf Steiner wußte, wem er zu welchem Zweck einen bestimmten Spruch gegeben hat. Für ihn spielte auch das Temperament und die ganz persönliche Veranlagung des Schülers eine Rolle. Wir sind darauf angewiesen, eigenmächtig herauszufinden und zu entscheiden, was wir für uns für geeignet halten. Dabei ist es wichtig, die eben genannten Gesichtspunkte nicht außer acht zu lassen. Darüber hinaus muß man versuchen zu erkennen, wie und worauf der Spruch wirken soll.
Das Mantram, welches mit den Worten: "Ich trage Ruhe in mir ..." beginnt, wirkt besonders auf das Stirn-Chakra. "Strahlender als die Sonne ..." ist dem Herzen zugeordnet (23).
Wenn man sich mit den Eigenschaften der Lotusblumen vertraut gemacht hat, lernt man erkennen, welcher Spruch für welches Chakra stimmig ist.
Ganz allgemein gültige Meditationsinhalte findet man in der Bibel, vornehmlich im Johannes-Evangelium. Wenn man die sieben "ICH-BIN"-Worte in der Zuordnung, die durch Valentin Tomberg gegeben worden ist, meditiert, erlebt man eine fortschreitende Christusdurchdringung des Seelenorganismus.
Beginnend mit dem Scheitel:

Scheitel Ich bin die Auferstehung und das Leben
Stirn Ich bin das Licht der Welt
Kehle Ich bin der gute Hirte
Herz Ich bin das Brot des Lebens
Solar plexus Ich bin die Tür zu den Schafen
Nabel Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben
Basis Ich bin der wahre Weinstock


In ähnlicher Weise können die sieben Wunder und die sieben Worte am Kreuz den Chakren zugeordnet werden. Es ist ein stufenweiser Aufbau, der Weltengesetzmäßigkeit entsprungen. Diese Weltengesetzmäßigkeit kann auch im Grundstein-Spruch erlebt werden und in den später gegebenen Klassenstunden. In diesen eine Zuordnung in den Chakren zu finden, müßte einer umfangreichen Arbeit vorbehalten bleiben.
Wenn die Entscheidung getroffen ist, mit welchen Mantren begonnen werden soll, ist es erfahrungsgemäß gut, über längere Zeit mit denselben Sprüchen zu leben. Man muß sie lieb gewinnen, sie sollen ein Teil von einem selbst werden.
Die erste Stufe ist die gedankliche Auseinandersetzung, die Erfassung des tieferen Sinnes. Die zweite Stufe führt zur gefühlsmäßigen Erwärmung und innerlichen Verbindung.
Die dritte Stufe tätigt ein willensmäßiges Einprägen in das jeweilige Chakra. Bei jeder Meditation erfolgen die drei Stufen, aber am Anfang überwiegt der Denkvorgang.
Wenn man das Mantram gut kennt und sich mit ihm verbunden hat, tritt die Wirkung des Willens in Erscheinung. Diese ist erfahrbar durch die schon beschriebenen feinen Strömungen.

DAS VATER UNSER ALS MANTRAM
Es gibt zwei Vorträge von Rudolf Steiner, welche die sieben Bitten des Vater-Unser als Meditations-Stoff zum Thema haben (24). Sicher gibt es viele Menschen, die diese Art der Meditation seit langem pflegen. Es ist das Ur-Gebet der Menschheit und tut seine Wirkung. In meiner Erfahrung stellt es sich so dar:
"Vater Unser im Himmel"
Es wird ein senkrechter Strom, eine Verbindung in die leuchtende Dunkelheit des Kosmos, wahrnehmbar durch das Scheitel-Chakra.
"Geheiligt werde Dein Name"
wird am Stirn-Chakra erlebt als Manas, als die manasische Entwicklung aller Menschen. Die wahre Brüderlichkeit ist der Name Gottes (Jupiter-Entwicklung, Umwandlung des Astralleibes).
"Dein Reich komme"
wird im Kehlkopf und Herzen erlebt als Buddhi-Kraft. Es folgen die Vergeistigung der Wachstumskräfte und der künstlerischen Fantasie (Venus-Entwicklung, Umwandlung der Verstandes- und Gemütsseele).
"Dein Wille geschehe"
wirkt auf den unteren Pol, das Nabel- und Basis-Chakra. Der eigentliche Willenspunkt ist in der Leibesmitte, einige Zentimeter unter dem Nabel. Dort greifen die Geister des Willens ein, dort wird hineingearbeitet, wenn Atma, der göttliche Wille, der alle Menschen vereint, ausgebildet wird. Der durch den geheiligten, vom Egoismus gereinigten Menschen wirkende göttliche Wille wird in ferner Zukunft das vulkanische Feuer des Erdinneren besänftigen und den Vulkan-Zustand der planetarischen Entwicklung der Erde herbeiführen.
"Unser tägliches Brot gib uns heute"
betrifft das Leben in der Gegenwart, die irdische und kosmische Ernährung des physischen Leibes, und wirkt auf den Solar plexus sowie auf Atmung, Blut und Nerven.
"Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern"
wirkt auf den Ätherleib, durch den wir mit den Menschen im sozialen Leben verbunden sind. Dort ist der Angriffsort Ahrimans. Der ahrimanische Doppelgänger kann den Ätherleib besonders über die Leber zerstören. Er will uns von der Vergangenheit abtrennen, damit wir unser Karma nicht ausgleichen. Ihm müssen wir die Türe weisen, jeden Tag, damit wir seiner Verführung nicht erliegen.
"Und führe uns nicht in Versuchung"
betrifft den Astralleib, in dem der Versucher Luzifer sitzt. Ihn gilt es zu verwandeln. Der luziferische Doppelgänger kann in dieser Entwicklungsepoche von uns erlöst werden. Das ist unsere gegenwärtige Aufgabe. Er wird dann zum Helferwesen, zum Diener der Engelwelt und des Menschen. Ahriman kann erst zu einem späteren Zeitpunkt erlöst werden. Luzifers Angriff im physischen Leib erfolgt über das Blutbildungsorgan Milz.
"Sondern erlöse uns von dem Bösen"
Die urbösen Mächte sind die Asuras, die unser Ich über den Willenspol und die Sexualität angreifen. Sie können nicht erlöst werden, sondern wir müssen durch den mächtigen Vater-Willen von ihnen erlöst und vor ihnen geschützt werden. Jahve hat die Aufgabe übernommen, von der Mondensphäre aus, die Macht dieser Wesen abzudämpfen.
"Denn Dein ist das Reich"
Die Welt der Erzengel schützt uns vor Ahriman.
"Und die Kraft"
Die Welt der Archai, Michael als Antlitz
Christi, schützt uns vor Asuras.
"Und die Herrlichkeit"
Der Engel schützt vor Luzifer, indem er von der Herrlichkeit Gottes kündet.
"In Ewigkeit Amen"
Als Zeichen der andauernden Wirklichkeit des A M E N - Christus.

DAS ROSENKREUZ
Das Rosenkreuz als Evolutionsmeditation
Auch das Rosenkreuz kann im Verlaufe einer längeren Meditationspraxis verschiedene Phasen durchlaufen, die sich individuell ausgestalten können. Ein Beispiel soll hier als Anregung dienen.
Rudolf Steiner wählt in der "Geheimwissenschaft" als Ausgangsgegenstand die Rose (25). Es wird dort die Reinheit, die von Trieben unverdorbene Pflanze, geschildert. Als Vorbote dieser Reinheit kann man den
Saturnzustand empfinden.
Am Abend des Samstag (Saturn)
erscheint der Keim und das Wurzelgebilde.
Dieses erblüht am Sonntag (Sonne) zur vollen Pflanze.
Am Montag (Mond-Entwicklung) durchkreuzt das seinen Trieben folgende Tier den aufrechten Stengel der Pflanze.
Am Dienstag (in der Marszeit der Erde) entwickelt der Mensch sein Leidenschaftswesen, er wendet das Kreuz um und wird durch seine Leidenschaft gefesselt.
Am Mittwoch (in der Merkurzeit der Erdenentwicklung) wird der Mensch durch die Christustat in seinem Ich befähigt, von dort her seine Wesensglieder zu läutern und umzuarbeiten, um dann die Manasentwicklung zu veranlagen. Als Zeichen des gewandelten Astralleibes mit den sieben entwickelten Chakren erblühen die roten Rosen am schwarzen Kreuz.
Donnerstag (Jupiter).
Der Freitag deutet auf den Venuszustand der Erde hin, in welchem die Buddhi-Entwicklung vollendet werden soll. Es erscheint vor dem imaginativen Blick des Meditierenden ein weißes Kreuz.
Im Umkreis dieses Kreuzes können sehr individuelle Attribute erscheinen. Es beginnt das reale Hellsehen.
Es erscheinen persönliche Schutzsymbole, die mit dem Karma des Betreffenden zusammenhängen können, und im weiteren Verlauf treten Schwellenerlebnisse und damit verbundene Geistwesen auf.

VI. DER SINN DER KARMAERKENNTNIS
Es gibt vielfältige Schilderungen Rudolf Steiners zu karmischen Zusammenhängen, auch gibt es verschiedene bestimmte Übungen, die Karmaerkenntnis zum Ziel haben.
Um so erstaunlicher ist die Tatsache, daß reale Karmaschau wenig zur Ausbildung gekommen ist. Es ist vielfach in anthroposophischen Kreisen ein Tabuthema.
Vermutlich hängt es damit zusammen, daß mehr spekuliert als wirklich ernsthaft gearbeitet worden ist. Der Wunsch sich mit einer historisch bekannten Persönlichkeit zu identifizieren oder im Kreise einer solchen gelebt zu haben, hat zu mannigfaltigen Fehlurteilen und dadurch zu Mehrfachbesetzungen begehrter Inkarnationen geführt. Von daher ist es geboten, äußerst vorsichtig mit historischen Namen zu sein.
Eine ernsthafte Karmaarbeit hat aber einen viel tieferen Sinn. Das Wesentliche besteht darin, den sogenannten Doppelgängerkomplex zu erkennen, um die oft sehr weit zurückreichende Persönlichtkeitsstruktur, d.h. deren Einseitigkeiten, zu erkennen und bewußt willentlich zu verwandeln.
Es geht dabei viel weniger um die Schuldfrage, die so häufig in den Vordergrund gestellt wird. Es ist in erster Linie ein Lernprozeß, in den wir alle als Menschen und Menschengruppen, auch als karmische Strömungen, hineingestellt sind.
Das Gesamtschuldenkonto der Menschheit hat Christus auf sich genommen.
Kein Mensch kann sich in Wahrheit als Einzelner aus dem karmischen Strom befreien. Wir sind nur so gut, wie unsere Umwelt gut ist, so weit, wie der Einzelne eine die Gesamtmenschheit verbessernde Wirkung ausüben kann. Diese Wirkung kann aber erst ausgeübt werden, wenn charakterliche Einseitigkeiten erkannt und verwandelt sind. Dabei müssen es nicht unbedingt die momentan herausragenden Fehler sein, die das Problem sind. Diese können tatsächlich aus den momentanen Lebensbedingungen entstanden sein und lenken vom eigentlichen Karma ab. Ebenso sind Krankheiten nicht geeignet, Rückschlüsse auf das Karma zu ziehen. Karmaerkenntnis läßt den Sinn einer Krankheit erkennen, aber nicht umgekehrt. Nicht jede Krankheit hat ihre Ursache im Karma. Das Karma ist außerordentlich individuell und Verallgemeinerungen führen zu gar nichts.
Karma ist das Gesetz eherner Notwendigkeit, das aber so individuell in Erscheinung tritt, daß jegliche Spekulation davor verstummen muß.
Es kann nur eine wirkliche Rückschau und vor allem Zusammenschau vieler Leben den notwendigen Lernschritt ermöglichen. Eine sinnvolle Rückschau ist wiederum nur im Einklang mit der geistigen Welt möglich.
Die Verbindung zum höheren Selbst, welches in der Christusregion lebt, und zum Engel, der durch die Inkarnationen führt, ermöglicht, den tieferen Sinn des Gesamtzusammenhanges des eigenen Lebens mit dem Leben anderer Menschen und karmischer Gruppen, zu erkennen.
Das ist ein langer Prozeß, der sich über viele Jahre erstreckt. In seinem Verlaufe lernt man geistige Fragen zu stellen und systematisch seine Schwächen und Stärken zu erfragen. Dadurch erfährt man, was in Zukunft zu tun ist, wie man sich ändern muß, wo ein karmischer Ausgleich zu leisten ist.
Im Verlaufe dieses Vorganges kann es erschreckend sein zu erfahren, wie sehr man im Vergleich zu früheren Leben heruntergesunken ist. Diese Erkenntnis kann genauso aufwühlend sein wie die Entdeckung einer schweren karmischen Verfehlung.
Bei sehr vielen Individualitäten tritt beides auf. Dieser Tatbestand erzeugt, so lange er unbewußt ist, die momentane Lebensspannung und gegenwärtigen Lebensprobleme. Es ist weniger die karmische Schuld, sondern die Spannung zwischen Hochgestandenhaben und Tiefgefallensein, die uns unausgeglichen, zweifelnd und schwankend u.s.w. werden läßt, und die oftmals zu Krankheit führt. Nach einem Fall können durchaus wieder hochstehende Inkarnationen folgen, ohne daß das vorherige Karma restlos ausgeglichen sein müßte. Es ist der Erinnerungsrest, der bestehen bleiben muß, um in der jetzigen Zeit der Bewußtseinsseele, die volle Karmaerkenntnis haben zu können. Nur eine solche Zusammenschau befähigt, die eigene Grundstruktur zu erkennen und die daraus folgenden Aufgaben ergreifen zu können.
Oftmals hört man von Anthroposophen die Meinung, es habe noch Zeit bis zur nächsten oder übernächsten Inkarnation, man müsse geduldig abwarten. Auch in Vorträgen und Schriften werden diese Ansichten verbreitet.
Ob diese Ratgeber das für die Menschheit Notwendige erkennen und tun, möchte ich in Frage stellen.
Rudolf Steiner 1924 wurde bei seinen abermaligen vehementen Versuchen, Karmainteresse bei seinen Zuhörern zu wecken, nicht ernstgenommen (nicht wirklich verstanden), und kaum einer seiner Schüler griff den Impuls wirklich auf. Dies hatte zur Folge, daß die geistigen Mächte ihr Interesse an diesem Menschenkreis verloren. Steiners früher Tod sowie die sich daran anschließenden Zerwürfnisse legen beredtes Zeugnis ab. Nur einzelnen geisteswachen Individualitäten gelang und gelingt es den Zugang zum lebendigen Quellstrom der Anthroposophie zu finden.
Wenn in einer natürlichen Landschaft ein Weg gebaut wird, z.B. ein Wanderweg, bleibt er nur dadurch erhalten, daß viele Menschen ihn gehen und daß gelegentlich Forstarbeiter pflegende Maßnahmen ergreifen. Wird er selten oder lange Zeit gar nicht mehr benutzt, wächst er wieder zu und verwildert.
Ähnlich verhält es sich auch mit geistigen Wegen. Auch sie sind darauf angewiesen, daß sie begangen werden, damit die veranlagte Struktur erhalten und weiter ausgebaut wird.
Das ist in anthroposophischen Zusammenhängen vor allem mit der Karmaforschung versäumt worden.
Die geistige Welt hat nach anderen Möglichkeiten suchen müssen, um die für die Weltentwicklung notwendigen Fähigkeiten innerhalb der Menschheit zu veranlagen.
Ähnlich wie bestimmte Erfindungen und Entdeckungen innerhalb der Wissenschaft zeitgleich an verschiedenen Orten der Welt gemacht werden, weil die Zeit reif dafür ist, muß auch eine spirituelle Fähigkeit in einem bestimmten Entwicklungszeitraum bei einer Anzahl dafür geeigneter Menschen herangebildet werden.
Es sind in den vergangenen Jahrzehnten verschiedene Praktiken der karmischen Rückschau unter die Menschheit gekommen, weil es notwendig ist in der heutigen Zeit des allgemeinen Schwellenübertritts der Menschheit, das Karma zu ordnen und neue Fähigkeiten für die Zukunft zu veranlagen.
Es besteht die Gefahr, daß in anthroposophischen Kreisen diese wichtige Arbeit versäumt wird. Nur ein Miteinander geistig strebender Gruppierungen kann sinnvollerweise die Zukunftsaufgaben lösen.

VII. DIE KÜNSTE
Ein wesentlicher Pfeiler der Veredlung des Menschen und der Menschheit ist noch nicht gebührend behandelt worden. Die Kunst ist die wahrhafte Bildnerin aller höheren und feineren Eigenschaften, die erstrebt werden müssen. Im anthroposophischen Weg ist sie ein markanter Faktor, der nicht zu unterschätzen ist. Es würde eine weitere umfangreiche Arbeit erfordern, um nur annähernd die Wirkung der Kunst auf die Geistorgane nachzuweisen. Das müßte für jede Kunstform ausführlich geschehen und würde den Rahmen der Arbeit sprengen.
Ein Gedicht Christian Morgensterns an Rudolf Steiner kann das Gewicht der Kunst in der ganzen Anthroposophie ausdrücken:

Zur Schönheit führt dein Werk:
denn Schönheit strömt
zuletzt durch alle Offenbarung ein,
die uns umgibt.
Aus Menschen-Schmerzlichkeiten
hinauf zu immer höhern Harmonien
entbindest Du das schwindelnde Gefühl,
bis es vereint
mit dem Zusammenklang
unübersehbarer Verkünder GOTTES
und SEINER nie gefaßten Herrlichkeit
der Seeligkeit.....
Aus Schönheit kommt, zur Schönheit führt Dein Werk.
Christian Morgenstern

Anmerkungen:
1) G A 4 Die Philosophie der Freiheit
2) G A 10 Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?
G A 13 Die Geheimwissenschaft im Umriß
3) GA 10 s.oben
4) In der Ausgabe von 1922 lautet der Titel:
Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten ?
1. Teil von Dr. Rudolf Steiner
28.-37. Tausend
Durch ein ausführlicheres Nachwort
erweitert.
5) GA 13 a.a.O. Seite 343/344 und
GA 94 Kosmogonie, Seite 176
6) GA 233a (1980) Mysterienstätten des Mittelalters,
12.1.1924 Seite 79-82
7) GA 94 a.a.O. Seite 176 und andere
8) GA 104 Die Apokalypse des Johannes, Seite 53
9) GA 42/245 Anweisungen für eine esoterische Schulung
10) GA 243 Das Initiatenbewußtsein
11) GA 10 a.a.O. Seite 134
12) GA 10 a.a.O. Seite 136
13) GA 10 a.a.O. Seite 140/141
14) GA 10 a.a.O. Seite 143/144
15) GA 10 a.a.O. Seite 144
16) GA 10 a.a.O. Seite 154
17) GA 10 a.a.O. Seite 157
18) GA 93a Grundelemente der Esoterik, Seite 149
19) GA 264 Zur Geschichte und aus den Inhalten
der ersten Abteilung der Esoterischen
Schule 1904-1914, Seite 196
20) GA 93a a.a.O. Seite 42
21) GA 95 Vor dem Tore der Theosophie, Seite 132/133
22) GA 42/245
23) GA 42/245 a.a.O. Seite 80/85
24) GA 97 Das christliche Mysterium (1968), Seite 102
GA 96 Ursprungsimpulse der
Geisteswissenschaft (1974), Seite 102
25) GA 13 a.a.O. Seite 301-312



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