Günter Röschert
Textauszug
Wer höhere Erkenntnis sucht, muß sie in sich erzeugen.
Rudolf Steiner
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?
In seinem Buche Theosophie von 1904 führt Rudolf Steiner aus, die denkerische Aufnahme von Sachmitteilungen über höhere Welten sei die erste Stufe zur höheren Erkenntnis. Steiner schreibt: Ausführungen von der Art, wie sie in dieser Schrift gegeben werden, liefern ein Gedankenbild der höheren Welten. Und sie sind in einer gewissen Beziehung der erste Schritt zur eigenen Anschauung. Denn der Mensch ist ein Gedankenwesen. Und er kann seinen Erkenntnispfad nur finden, wenn er vom Denken ausgeht.
Sinnentsprechend heißt es in dem anthroposophischen Hauptwerk Steiners von 1909 Die Geheimwissenschaft im Umriß: [...] das reine Denken ist selbst schon eine übersinnliche Betätigung. Es kann als Sinnliches nicht zu übersinnlichen Vorgängen durch sich selbst führen. Wenn man aber dieses Denken auf die übersinnlichen, durch die übersinnliche Anschauung erzählten Vorgänge anwendet, dann wächst es durch sich selbst in die übersinnliche Welt hinein.
Steiner nennt das reine Denken an derselben Stelle die gediegenste erste Stufe aller geisteswissenschaftlichen Schulung.
Ein inhaltsgleicher Hinweis ist in dem Buche Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? zu finden: Das Lesen solcher (geisteswissenschaftlichen G.R.) Schriften, das Anhören der Geheimforscherlehren sind selbst Mittel, auch zu eigener Erkenntnis zu gelangen. Jeder Satz der Geheimwissenschaft, den der Mensch hört, ist geeignet, den Sinn dahin zu lenken, wohin er gelangen muß, soll die Seele wahren Fortschritt erleben. Es müsse zu dem übenden Beschreiten des Erkenntnisweges eifriges Studium dessen treten, was die Geheimforscher der Welt mitteilen. Bei aller Geheimschulung gehört solches Studium zur Vorbereitung.1 Um diese Aussagen richtig bewerten zu können, wird man sich zuerst über die Bedeutung des höheren Erkenntnisweges der Anthroposophie selbst Klarheit zu verschaffen haben. Eingangs des Buches Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? heißt es programmatisch: Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann. Die in dem Buche vorgestellten seelischen Übungen sollen diese schlummernden Fähigkeiten wecken und dadurch den Weg zur Einweihung eröffnen. In der Vorrede zur ersten Buchausgabe 1909 weist Steiner der Schrift aber auch die Aufgabe zu, darzustellen, wie der Geistesforscher zu seinen Ergebnissen kommt. Schließlich ist als einer dritten Aufgabe darauf hingewiesen, daß manche Einzelheiten des Einweihungsweges auch für das uneingeweihte Dasein als Lebensregeln und praktische Ratschläge nützlich sein können. Unter der Wirkung von Lebenserfahrungen könne manche menschliche Eigenschaft entstehen, die auch für den höheren Erkenntnisweg unentbehrlich sei und die durch das Studium dieses Erkenntnisweges verstärkt und zur Klarheit gebracht werden könne. Soweit darüber überhaupt Aussagen möglich sind, scheinen nur wenige Schüler Rudolf Steiners den anthroposophischen Erkenntnispfad in persönlicher Art einigermaßen vollständig realisiert zu haben. Dieser Schwierigkeit dürfte sich Steiner selbst vollauf bewußt gewesen sein, jedenfalls für Menschen außerhalb des von ihm persönlich betreuten Schülerkreises und für die Zeit nach seinem Tode. Unter diesen Umständen gewinnen die beiden anderen Aufgaben der Darstellung des Pfades erhöhte Bedeutung:
Wer sich ohne allen Anspruch und ohne übertriebene Erwartung der Mühe des Studiums auch in dieser doppelten Hinsicht unterzieht, als Leser das Gespräch mit dem Autor sucht, wird bemerken, daß die zunächst rein intellektuellen Verständigungsversuche eine fortschreitende Verähnlichung des Seelenlebens mit den geschilderten höheren seelischen Verrichtungen ergeben. Zusätzlich erweist es sich als ungemein hilfreich, die praktischen Lebensregeln des Pfades schon auf der Stufe des Studiums zu beachten und sich um ihre Aneignung zu bemühen. Durch das Studium des Pfades ziehen nach und nach Merkmale desselben in das Seelenleben ein; sie werden verstärkt durch die dem Pfad zugehörigen praktischen Regeln. Unabhängig von jeder gezielten Meditation kann das persönliche Gedankenleben eine beschauliche Note erhalten, die es zum Beispiel erleichtert, voreiliges Urteilen über Lebenserscheinungen jeder Art zu meiden und sich stattdessen in Ruhe vom Verlauf der Dinge unterrichten zu lassen. Gelingt dies, so sind in vorläufiger Art Angaben verwirklicht, die Steiner in dem Buche Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? über die Bedeutung kurzer Abschnitte innerer Ruhe im Tagesverlauf gemacht hat: Schaffe dir Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augenblicken das Wesentliche von dem Unwesentlichen zu unterscheiden. In diesen kurzen Zeiten der Besinnung kommt es darauf an, mit rückhaltloser Aufrichtigkeit sich selbst als Fremder gegenüberzustehen. Die Unterscheidung des objektiv Wesentlichen vom objektiv Unwesentlichen erfordert die Überwindung subjektiver Vorurteile, ja den Verzicht auf übereiltes Bewerten und Beurteilen überhaupt: Zu betonen ist, daß der Geheimforscher sich nicht im Nachsinnen verlieren soll, was dieses oder jenes Ding bedeutet. Durch solche Verstandesarbeit bringt er sich nur von dem rechten Wege ab. Er soll frisch, mit gesundem Sinne, mit scharfer Beobachtungsgabe in die Sinnenwelt sehen und dann sich seinen Gefühlen überlassen. Was die Dinge bedeuten, das soll er nicht mit spekulierendem Verstande ausmachen wollen, sondern er soll es sich von den Dingen selbst sagen lassen.
Zum Weisheitsgut des Erkenntnisweges gehört auch das praktische Prinzip der geistigen Waage: Der Geheimschüler muß die rechte Mitte finden zwischen dem, was die äußeren Bedingungen vorschreiben und dem, was er als das Richtige für sein Verhalten erkennt. Zweifellos handelt es sich hier zunächst um ein ethisches Prinzip, aber mit Auswirkungen auch auf das höhere Erkenntnisleben. Schon innerhalb des Studiums werden Prozesse des Abwägens, der gelassenen Betrachtung, wird die Suche nach der rechten Verbindung zwischen ideeller Klarheit und persönlicher Begeisterung sich als nötig erweisen.
Auch die übrigen Angaben Steiners über den Erkenntnispfad enthalten mannigfache Anregungen für Veränderungen der Lebenseinstellung und Weltbetrachtung, die geeignet sind, das Studium der Geisteswissenschaft nachhaltig zu unterstützen
Das wichtigste Arbeitsmittel aber bleibt das intuitive Denken, ja dieses drängt aus sich selbst heraus zur moralischen Vertiefung, wie der höhere Erkenntnispfad dies fordert.
Im Winter 1900 auf 1901 hielt Rudolf Steiner seinen ersten Vortragszyklus über die Mystik in der Theosophischen Bibliothek in Berlin; im darauffolgenden Winter sprach er über das Christentum. Im Dezember 1901 trug man ihm die Position des Generalsekretärs der neuzugründenden deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) an. Steiner nahm an, nachdem er sich vergewissert hatte, daß ihm Marie von Sivers in der Geschäftsführung zur Seite stehen werde.2
Später bezeichnete Steiner das Jahre 1902 als das Geburtsjahr der anthroposophischen Arbeit, die sich von da an in Siebenjahres-Rhythmen entwickeln sollte. Tatsächlich bezeichnet das Jahr 1909 das Ende der theosophischen Epoche und den Beginn der anthroposophischen Arbeit im eigentlichen Sinne. Steiner ließ in diesem Jahr sein geisteswissenschaftliches Hauptwerk, Die Geheimwissenschaft im Umriß erscheinen; er begann mit den Vortragsreihen über die Evangelien. Er teilte das Ereignis des Wiedererscheinens Christi in der Ätherwelt mit; er stellte erstmals die Doppelheit des Bösen als Luzifer und Ahriman dar. Auf dem Kongreß der Theosophischen Gesellschaft in Budapest begegneten sich Rudolf Steiner und Anny Besant, die Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, zum letzten Mal.
Der inhaltliche Wendepunkt von 1909 erforderte auch eine Erneuerung des Erkenntnisansatzes. Schon im Januar hatte Steiner den grundlegenden Vortrag über die Praktische Ausbildung des Denkens gehalten. Im Herbst 1909 ging er auf Vortragsreise durch eine Anzahl deutscher Städte. In deren Verlauf gab Steiner am 13.November 1909 in Stuttgart eine programmatische Darstellung über das rechte Verhältnis zurAnthroposophie. 3 Der Vortrag ist für die Frage des Studiums fundamental, weshalb er hier näher betrachtet werden soll.
Einleitend blickt Steiner auf die vergangenen sieben Jahre anthroposophischer Arbeit zurück. Die Arbeit kehre nun auf höherer Stufe zu ihrem Anfange zurück. In den ersten sieben Jahren sei ein viergliedriger Unterbau geschaffen worden: Die Lehren über das Wesen des Menschen, über den höheren Erkenntnisweg, über die kosmischen Zusammenhänge und allgemein formuliert über die Weltengeheimnisse. Hierauf seien Einzelergebnisse erarbeitet worden. Aus dem Ganzen ergebe sich nun nach sieben Jahren die Frage: Welches ist die richtige Art, in der sich der Anthroposoph zur Geisteswissenschaft selber stellen kann? Weshalb werden überhaupt Ergebnisse geistiger Forschung mitgeteilt? Sollten nicht besser zuerst und allein die notwendigen Anweisungen für die eigene Entwicklung höherer Fähigkeiten gegeben werden? Es sei zwar richtig, daß für die Erforschung der mitgeteilten Tatsachen hellseherische Fähigkeiten nötig seien, für das Verständnis und für die Überprüfung des Mitgeteilten sei aber lediglich die unbefangene Vernunft erforderlich. Dazu sei der Erwerb der gewöhnlichen Denkmethoden, die Schulung der Erkenntnisfähigkeiten der Erde dringend geboten. Die Aufgabe der gegenwärtigen Inkarnation sei es, gerade die Fähigkeiten des Ich, logisches Denken und Unterscheidungsvermögen sich zu erwerben. Weil dies in früheren Inkarnationen nicht möglich gewesen sei, deshalb erinnere sich eben kaum jemand an diese früheren Verkörperungen zurück. Die Götter haben den Menschen entstehen lassen, um das geistig Einzigartige, das logische Denken auf dem physischen Plan, zu ermöglichen. Steiner führt aus: Und wer nicht denken will auf der Erde, der entzieht den Göttern das, worauf sie gerechnet haben, und kann also das, was eigentlich Menschenaufgabe und Menschenbestimmung ist auf der Erde, gar nicht erreichen.
Der denkende Hellseher stehe in einem ganz anderen Verhältnis zur geistigen Welt als der nicht-denkende. Ersterer besitze die Sicherheit der Beurteilung, die letzterem fehle. Das visionäre Hellsehen habe keinen Wert für die nachtodliche Welt. Selbsterarbeitete Begriffe seien dagegen Samenkörner für das Leben nach dem Tode. Schilderungen geistiger Vorgänge und Wesenheiten enthielten stets irdische Bestandteile. Deren allmähliche Überwindung setze rein begriffliche Verarbeitung voraus. Dem visionären Hellseher fehle das Erlebnis, daß er mit seinem Ich dabei gewesen sei. Steiner betont: Es ist tausendmal besser, die spirituellen Vorstellungen erst denkerisch erfaßt zu haben, um dann, je nach seinem Karma später oder früher, selber hinaufsteigen zu können in die geistigen Welten, als zunächst zu sehen und nicht denkerisch erfaßt zu haben, was mitgeteilt wird in der Bewegung, die man die anthroposophische nennt. Tausendmal besser ist es, Geisteswissenschaft zu kennen und noch nichts zu sehen, als etwas zu sehen und nicht die Möglichkeit zu haben, die Dinge auch denkerisch zu durchdringen, weil dadurch Unsicherheit in die Sache hineinkommt.
Das visionäre Hellsehen ohne Denken fördere den Hochmut. Scharfes Denken dagegen sei mühsam und binde den Ätherleib stark an das physische Gehirn. Dadurch werde die Erlangung des Hellsehens in der gegenwärtigen Inkarnation erschwert, aber erleichtert in der nächsten Inkarnation. Die rasche Entwicklung hellseherischer Fähigkeiten sei gefahrvoll, sie entfremde von den irdischen Verhältnissen. Das vom Denken nicht genügend strukturierte Gehirn verhindere das Durchschauen gerade der Dinge des physischen Planes. Wer nur vorstelle, aber nicht denke, besitze kein Unterscheidungsvermögen. Visionen und Wirklichkeit seien dann nicht zu unterscheiden. Besonnenheit sei nur durch Denken zu erreichen.
Wer das Denken verschmähe, blind nur glauben wolle auf Autorität hin, schädige die anthroposophische Bewegung. Verzicht auf denkerische Prüfung erzeuge sklavische Gläubigkeit. Es gehöre aber zu den heiligsten Angelegenheiten des Menschen, sich eine Überzeugung zu verschaffen. Steiner resümiert: Soll wirklich eintreten, was eintreten muß, daß nämlich in den nächsten Inkarnationen eine genügend große Anzahl von Menschen sich erinnert an die gegenwärtige Inkarnation, dann muß vorgesorgt werden. Bilden Sie also Ihre Urteilskraft aus, dann sind Sie Kandidat des Sich-Erinnerns in der folgenden Inkarnation an die gegenwärtige. Ob ein hellseherisches Vermögen auftrete, hänge vom Karma ab: [...] derjenige, der Geisteswissenschaft ordentlich studiert, hat das Sehen und kann dann warten, bis ihm sein Karma erlaubt, die Dinge auch zu schauen.
Der wohl eineinhalbstündige Vortrag hat den Charakter einer Ansprache an die versammelten Mitglieder der (noch) Theosophischen Gesellschaft. Seine Gliederung ist etwa die folgende:4
Die einzelnen Abschnitte sind von Steiner
durch strukturierende Zwischenbemerkungen voneinander abgesetzt:
Studiert man die thematischen Schwerpunkte der einzelnen Abschnitte, so bemerkt man, daß die Themata mit jeweils unterschiedlichen Nuancierungen wiederkehren. Es handelt sich in dem Vortrag um eine Gruppe eng miteinander verbundener Sinngehalte, die im Verlaufe der Darstellung, nämlich durch die neun Abschnitte hindurch, variiert werden.
1902 begann Steiner mit der Schilderung übersinnlicher Gegebenheiten vor dem vorhandenen theosophischen Publikum. 1909 sind zahlreiche neue Mitglieder hinzugekommen, ein gewisser Lehrstoff war bereits vorhanden. Die geisteswissenschaftliche Arbeit kehrte nun mit der grundsätzlichen Frage nach der sachgemäßen Aufnahme des Mitgeteilten auf höherer Stufe zu ihrem Anfang zurück, aber nicht in planerischer Absicht, sondern durch die gesellschaftliche Lage selbst bedingt. Das spezifisch Anthroposophische machte sich gegenüber dem Theosophischen mit Nachdruck geltend. Hieraus erklären sich Dringlichkeit und Pathos des Vortrages, der von seinen Zuhörern wahrscheinlich betroffen entgegengenommen, aber gewiß auch mit positiven Entschlüssen begleitet wurde. Die in Stuttgart damals bereits eingerichtete strenge Arbeit Carl Ungers (1878-1929) wurde durch den Vortrag Steiners mit Sicherheit sehr unterstützt5. Auch in der später gedruckten Fassung dürfte der Vortrag vom vorbereiteten Leser, d.h. von dem Leser, der den ersten Siebenerabschnitt der anthroposophischen Arbeit für sich persönlich realisiert hat, zunächst rückhaltlos positiv aufgenommen werden. Dann aber müssen sich Bedenken einstellen:
Der Vortrag ist in der Logik seines Verlaufs gut zu überblicken, wenn es sich auch nicht um eine Logik der Gedankenfolge, sondern der thematischen Variationen handelt. Seine Grundanliegen sind unschwer zu verstehen. Ist aber in dem Vortrag von demselben Denken die Rede, welches für seine lesende Aufnahme in Gang gesetzt werden muß? Ist der Vortrag also in diesem Sinne selbstbezüglich? Ist er aufklärend-emanzipatorisch oder informativ-paränetisch? Diese Frage löst die Einsicht aus, daß der Vortrag zwar gefühlsmäßig als unmittelbar glaubwürdig erscheinen mag, daß aber dadurch eine intuitive Einsicht von überzeugender Evidenz noch nicht erreicht ist. Der hermeneutische Zirkel muß erst zum Erkenntnismittel gemacht werden. Nähere Bemühungen erscheinen auf dieser Stufe der Rezeption angebracht, denn die angeführten oder ähnliche Fragen rufen Zweifel hervor an der Gesamtaussage des Vortrages und seinen methodischen Forderungen.
Zunächst ist darauf hinzuweisen, daß im Lesen des gedruckten Vortrages der Sehsinn, der Wort-(oder Struktur-)sinn und der Gedankenwahrnehmungs- oder Begriffssinn tätig werden.6 Die Sinneswahrnehmungen verbinden sich halb unbewußt durch denkerische Elemente, die überwiegend als Begriffsschatten an den Worten und Sätzen haften. Nun beginnt die Suche nach einem Anhaltspunkt für das selbstbewußte d.h. intuitive Denken. Es liegt zwanglos nahe, folgende Passagen des Vortrages zu wählen:
Scharfes Denken ist das, was überschauen kann, nicht was sich im Analysieren betätigt.
Die denkerische Erarbeitung der Geisteswissenschaft erfordert also über das analysierende Denken hinaus synthetisches Denken. Dieses faßt gestalthaft-gestaltend, was die Analyse um der Klarheit und der Ermöglichung nachfolgender Synthese willen getrennt hatte. Deshalb gilt:
Wenn sie sich einen Kreidekreis vorstellen, so geschieht dies nur durch das Gehirn; wenn Sie sich aber einen reinen, sinnlichkeitsfreien Kreis denken, so ist der Kreis selber das Aktive, was das Gehirn erst formt.
Das Studium der Geisteswissenschaft erfordert das reine, vorstellungsfreie Denken, in dem die Mitteilungen des Geistesforschers ähnlich wie der reine Kreis das Aktive sind d.h. das Gedachte denkt sich selbst. Damit ist der hermeneutische Zirkel erfüllt und der Begriff der Intuition gegeben, denn das Gedachte denkt sich selbst vermöge des Ich. Das Studium gelangt in das Licht der Intuition. Es verwirklicht sich die trinitarische Gliederung der Intuition: Denkinhalte, Denkakt oder Wille und Ich (Geist).
Der Vortrag vom 13. November 1909, sieben Jahre nach Steiners Aufnahme der anthroposophischen Arbeit im Schoße der Theosophischen Gesellschaft gehalten, beschreibt die Selbstbewegung der Intuition, d.h. er ist diese Selbstbewegung. Das Studium der Geisteswissenschaft führt nur dann und nur insoweit zu vernunftgemäßen Überzeugungen, als die Stufe der intuitiven Selbstanschauung des Denkens erreicht und damit die lediglich rezipierende Verbindung von Sinneswahrnehmungen überwunden wird. In diesem Falle tragen sich die einzelnen Denkinhalte gegenseitig. Ein äußerer Beweis ist damit nicht gegeben und auch die übersinnlichen Wahrnehmungen können auf diesem Wege nicht herbeigeholt werden. Das intuitive Denken ist selbst Wahrnehmung geworden, wodurch das Studienergebnis zwar Gedankensache bleibt, aber in vorläufiger Art in den Bereich des Übersinnlichen eingedrungen ist. Nur in diesem Falle ist das Studienergebnis seinem Fähigkeitsanteil nach unverlierbarer Besitz des Ich geworden. Vorstellungsreste fallen dann hinweg. Durch die intuitive Arbeit hat das Alltags-Ich Wirklichkeitselemente aus der Region des höheren Ich aufgenommen. Deshalb besteht die Erwartung, daß sich das Inkarnationengedächtnis künftig löse. Mit seinem Vortrag schreitet Steiner nicht nur voran, sondern bestätigt auch die Hereinnahme seines voranthroposophischen Werkes in den anthroposophischen Geistesbereich aufs Neue.7
Nach weiteren sieben Jahren wird Steiner die Philosophie der Freiheit in ergänzter und erweiterter Form wieder herausgeben.
Die disparaten Themenstücke des Herbstvortrages von 1909 fügen sich intuitiv zur Totalität. Es ist nicht die Totalität des Vortrages von der ersten bis zur letzten gedruckten Seite, sondern die essentielle Totalität des denkenden Menschen an der Schwelle zur geistigen Welt. Die Mitteilungen des Geistesforschers erreichen den Hörer (oder Leser) in geistig unvollkommener Form als Gedanken-Wahrnehmungsurteile. Durch prüfende Nachschau, d.h. durch die Gegenwirkung notwendiger Einwände aus dem diskursiven Denken wird die charakteristische Rückbezüglichkeit der Intuition ermöglicht. Was habe ich als Denkender gerade jetzt getan? Welche Idee erfüllt mich, d.h. welche Idee spricht sich nun als mein Ich aus? Ich habe Anteil an der Ewigkeit der Idee und es wird mir zur Überzeugung, daß dieser Ewigkeitsanteil über die Grenzen eines Erdenlebens hinausreicht. Die Unbegrenztheit der Intuition hindert den Sturz in Hochmut und Lügenhaftigkeit. Sie ordnet das einsame Menschen-Ich in die Dauer des Weltgedächtnisses.
Der intuitive Kern des Vortrages vom November 1909 ist die Evidenz des Aufnehmens gedanklicher Möglichkeitsformen und deren schöpferische Erfüllung, Belebung und Verwirklichung (Dynamisierung), aristotelisch gesprochen, die Transformation des nous pathetikos in den nous poietikos.8
Das Studium der Anthroposophie ist nicht als Informationsaufnahme gemeint. Wird es dennoch so betrieben, so verfehlt es seine kosmische Mission. Das Studium ist die ideelle Verwirklichung dessen, was mitgeteilt wurde.
Dadurch, daß die ewige Wahrheit [...] verselbständigt und mit dem Ich zu einer Wesenheit verbunden wird, erlangt das Ich selbst die Ewigkeit.9 Das intuitive Ich ist der Vorauswurf des sich reinkarnierenden Ich. Die Reinkarnation findet statt, ob der Ich-Reflex des Alltags davon weiß oder nicht. Das lebendige Gedächtnis aber wird nur ermöglicht, von persönlicher Unsterblichkeit kann nur die Rede sein, wenn sich das Ich seiner eigenen Existenz bewußt wird.10 Das Studium, nicht das Hellsehen ist Garant des Inkarnationsbewußtseins der Zukunft.
Intuitives Denken ist Denken aus der Totalität. Wie offenbart sich im konkreten Fall die Totalität? Es ist nicht selbstverständlich, bei einem bestimmten Studiengegenstand vom Ansatzpunkt der Intuition aus den Vorentwurf der Totalität zu finden. Ergänzend zu den oben bereits erwähnten allgemeinen Hilfsmitteln: Innere Ruhe, Sprechenlassen der Dinge, geistige Waage, gibt es für das Studium der Geisteswissenschaft moralische Richtlinien von unverbrüchlicher Geltung, ohne deren Beachtung nicht nur nichts Belangvolles zustandekommt, sondern vielmehr ein ethisch indifferenter Wissensvorrat zu entstehen droht, statt der lebendigen, individuellen Repräsentation einer geisteswissenschaftlichen Totalität (Idee des Menschen, Gesamtverlauf der Weltentwicklung, Idee des Erkennens).
Für jedes Gebiet der Geisteswissenschaft, für jede ernsthafte Erkenntnisfrage überhaupt, die nach geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten formuliert und vorangebracht werden soll, gelten die in den Vorträgen Rudolf Steiners vom 27. und 28. Dezember 1911, gehalten in Hannover, genannten gesinnungsmäßigen Bedingungen.11
Der Anfang aller Wissenschaft liegt im Staunen vor der Größe der Welt und der Tiefe des Geistes. Wer in seiner Umgebung nichts Staunenswertes findet, besitzt auch kein echtes Interesse an den Dingen. Er gehört vielleicht zu den Nützlichkeits-, nicht zu den Erkenntnissuchern um der Sache willen. Die Rätselhaftigkeit der Schöpfung, die innere Unendlichkeit des Menschen und seiner Hervorbringungen müssen Erlebnis sein, damit die Erkenntnissuche innerlich berechtigt erscheint und den nötigen Antrieb von Anfang an erhält.
Dem Staunen folgt als weitere Bedingung die Ehrfurcht oder Verehrung von allem, was ist. Ein umgepflügter kahler Acker ist in seiner gelassenen Größe in der Landschaft nicht weniger ehrfurchtgebietend als das verhangene Seelenherz des Menschen, nur in anderer Art. Ehrfurcht beinhaltet auch das Bewußtsein der eigenen Beschränktheiten und die Einsicht, daß substantielle Erkenntnis nur durch erworbene Sympathie der Dinge (Liebe) erreicht werden kann.
Dies steigert sich zur Empfindung des Einklanges mit dem Weltgeschehen. Alles, was ist, ist auch gut, freilich nicht in einem vordergründig buchstäblichen Sinn. Das Erdenleben fordert eine Beurteilung aller menschlichen Vorgänge nach den Kategorien gut und böse, aber im Hintergrund selbst der schrecklichsten Vorgänge steht immer ein Stück geistiger Führung.
Die Ergebenheit in den Weltenlauf als vierte Bedingung ist kein passives Erdulden, sondern die Überwindung einer grüblerischen Theodizee-Diskussion durch freies Handeln nach den Notwendigkeiten der Dinge und dazu gehört auch die rückhaltlose Bejahung des Vorhandenen, aber ohne das Mitleid mit der stummen Qual der Kreatur zu verlieren. Selbst die Krankheit ist bei dieser Gesinnung nicht zum Tode, sondern zur Offenbarung Gottes (Joh 11,4).
Diese vier Bedingungen zielen auf seelische Justierung des viergliedrigen Menschen und sie eröffnen auch die Möglichkeit, in immer tiefere Schichten der Dinge einzudringen.12 Die Erweiterung des Studiums zur geisteswissenschaftlichen Erforschung der Welterscheinungen erfordert die Realisierung der vier Bedingungen bereits im Verlaufe des Studiums. Die Vernachlässigung dieser geistig-moralischen Voraussetzungen kann von durchgreifend folgenreicher Auswirkung sein. Da sich in den vier Erkenntnisbedingungen die Viergliedrigkeit des Menschen spiegelt, ist nicht mit geringfügigen, sondern mit schwerwiegenden Verformungen des Erkenntnisstrebens zu rechnen. Das Fehlen des Staunens trübt schon die Wahrnehmung, das Fehlen der Devotion schädigt das sachbezogene Denken. Wer den Zielen seines Suchens nicht devotionell begegnet, wird brutal, er bedient sich der Brutalität des Begriffs. Hier liegt der Wende- und Angelpunkt eines sich auf die anthroposophische Geisteswissenschaft berufenden Erkenntnislebens. Fehlt es am Gefühl des Einklanges mit den Welterscheinungen, so tritt geistig ungesichertes, hochmütiges Be- und Verurteilen an die Stelle der Sympathie aller Dinge. Ergebenheit in den Weltenlauf hat ihr Gegenbild in der Auflehnung des Menschen gegen Gott. Der Rebell gegen Gott opfert Natur und Kultur seinem unüberwindlichen Egoismus. Es gehört in diesen Zusammenhang, wenn Rudolf Steiner an anderer Stelle das Erkenntnisleben als die sublimierte Mordwaffe Kains charakterisiert.13 Nur die moralischen Bedingungen des denkenden Erkennens sind das Gegengewicht zu der in Studium und im Welterkennen verborgen liegenden menschlichen Besitzgier. Sie sind zugleich die notwendig zu erfüllenden Voraussetzungen für die Erweiterung des Erkenntnisgebietes zur Totalität, weil sie aus sich selbst Weite und Tiefe des Fragens erst gewährleisten.
Das im Stuttgarter Vortrag vom Herbst 1909 behandelte Thema klingt noch ein Jahr später nach in dem Berliner Vortrag vom 17. Oktober 191014. Steiner bestätigt, daß das auf übersinnlichem Wege Gewonnene individuell und für das Leben nach dem Tode nur insoweit von Bedeutung ist, als es denkerisch und im gewöhnlichen Bewußtsein erfaßt wurde. Der Vortrag enthält einen zusätzlichen Gesichtspunkt, der es angezeigt erscheinen läßt, ihn gesondert zu erwähnen. Die gleiche persönliche Lage des Hellsehers und Eingeweihten einerseits und des nicht-schauenden Menschen andererseits mit Bezug auf das nachtodliche Leben erkennt Steiner als Wirkung eines der großen, verehrungswürdigen Gesetze der spirituellen Welt. Einem höheren Sittengesetz entspreche es nämlich, daß der Egoismus auf dem spirituellen Felde dadurch ausgeschlossen ist, daß der Hellseher für sein eigenes Kamaloka durch sein Schauen nichts erreichen kann, ja er schädigt sich sogar, wenn er im Erdendasein versucht, seine Fähigkeiten selbstisch auszunützen.
Schon für das denkerische Studium der Geisteswissenschaft ist daher die kritische Betrachtung des eigenen Egoismus von entscheidender Bedeutung. Eine besondere, nicht leicht aufzudeckende Art des Egoismus liegt in der offensiven Vertretung von Teilwahrheiten, zu denen das Studium geführt hat. Der Studierende greift in Freiheit und Würde Andersdenkender ein, wenn er versucht, diesen die erarbeiteten Wissensinhalte aufzunötigen und erst recht, wenn er unternimmt, den Andersdenkenden im Umgang oder in Gedanken anhand eigener partikularer Einsichten als Mensch zu bewerten. Es gehört daher im ernstesten Sinne zu den Bedingungen des rechten Studiums der Geisteswissenschaft, Erkenntnisbescheidenheit, ja Erkenntnisdienst in sich zu erzeugen. Die eigene Einsicht umfaßt in keinem Falle die ganze Geisteswissenschaft, noch weniger ist der einzelne Mensch imstande, das Geistesleben der ganzen Menschheit zu überblicken und zu beurteilen. Steiner führt aus:
Immer mehr und mehr wird sich das Bedürfnis in unserer Zeit entwickeln, die Dinge von den verschiedensten Seiten her anzusehen. Daher schließen wir uns heute nicht mehr ab gegenüber irgendeiner anderen Anschauung oder Meinung, gegenüber einem anderen Weg zu den höchsten Dingen hin, als es unser eigener oder der unserer eigenen Kultur ist. [...] Erkenntnisbescheidenheit wollen wir uns ganz besonders angelegen sein lassen.
Der Vortrag wirft ein wichtiges Licht auf die moralisch-geistige Seite des Studiums. Das Studium ist nie beendet, es geht seiner ideellen Seite nach selbst dann weiter, wenn eigenes Hellsehen erworben werden konnte.15 Es zielt auf hohe und höchste Wahrheiten, die der Studierende niemals auszuschöpfen in der Lage ist. Lebenslang begegnet er - wenn ihm das Karma günstig ist neuen Einsichten, weiterführenden Offenbarungen. Die von Rudolf Steiner geforderte Bescheidenheit ist nur die ethische Seite dieser fundamentalen Erkenntnistatsache. Der Schüler der Geisteswissenschaft wird dabei auch zu beachten haben, daß ihn sein Vorleben gerade an die anthroposophische Geisteswissenschaft herangeführt hat, daß er aber von allen Seiten umgeben ist von der Weisheit anderer Kulturen und Überlieferungen, welche die absolute Wahrheit in anderer Form in sich tragen. Als ein wichtiges Ergebnis des Studiums ist veranlagt, auch dieser konkurrierenden Weisheit gegenüber die rechte Bescheidenheit zu finden. Dies ist umsomehr angezeigt, als nach dem Vortrag vom 17. Oktober 1910 die Welt der Toten gerade von den Ergebnissen denkerischer Erarbeitung der Geisteswissenschaft, also durch die Mühen und Überwindungen des Studiums, beeinflußt wird. Der Dienst an der Welt der Toten ist allgemein-menschlich. Gerade deshalb ist es von derart umfassender Bedeutung, daß der Anfang der anthroposophischen Bewegung im Menschen das intuitive Denken ist.16 Dieses allein ist in der Lage, die geistigen Traditionen der Menschheit in zeitgemäßer Art nämlich unstreitig verständnisvoll in sich aufzunehmen. Auf Intuition beruhende Bescheidenheit läßt nicht nur die eigene Wahrheit, sondern auch andere Wahrheiten zu.
Das Studium der Geisteswisssenschaft ist die erste Stufe des höheren Erkenntnisweges. Das rechtgeleitete Studium entwickelt auf der Grundlage des reinen, intuitiven Denkens bereits Merkmale des höheren Erkenntnispfades im eigentlichen Sinne.
Meditative Übungen können das Studium fördern. Dies gilt vor allem für die sogenannten Nebenübungen, die Steiner an verschiedenen Stellen seines Werkes beschreibt.17 Es ist aber auch das Gegenteil möglich. Meditationen können den Blick verstellen auf das zentrale Erfordernis der Übung des intuitiven Denkens. Nicht selten ist zu beobachten, daß Leser Steiners auf der einen Seite ein meditatives Leben zu führen versuchen, auf der anderen Seite aber die ideelle Seite der Geisteswissenschaft in der Art des naiven Realismus oder völlig intellektuell sich aneignen.
Die Arbeit am intuitiven Denken ist der Meditation nicht unähnlich. Um einzusehen, wovon überhaupt die Rede ist, genügt als erstes die eingehende und wiederholte Beschäftigung mit dem dritten Kapitel der Philosophie der Freiheit. Hier kommt es auf eingehende Analyse jedes einzelnen Satzes an, dann auf die Synthese, d.h. auf die gesamthafte Aufnahme der Denkbewegung des ganzen Kapitels.18 Wem es gelingt, das verbreitete Diagonallesen zu meiden und sich einem hochgradig durchgeformten Text in Ruhe und Aufmerksamkeit wiederholt und im Zusammenhang zu widmen, wird nicht unbelohnt bleiben. Von dem geläufigen Reden, es handle sich um Erkenntnistheorie, erst mit dem Buche Theosophie von 1904 beginne das geisteswissenschaftliche Werk Steiners, sollte sich niemand beeindrucken lassen, der das Studium ernsthaft zu betreiben entschlossen ist.
Zum Verhältnis von Studium und Meditation ist noch zu bemerken, daß gewisse innere Ergebnisse der Meditation keinerlei argumentativen Wert besitzen, es sei denn, sie könnten in strenger Logik begrifflich begründet werden. Der Rückbezug auf Meditationserfahrungen zur Unterstützung geisteswissenschaftlicher Aussagen ist unzulässig und würde den Sturz in den reinen Subjektivismus bedeuten. Wohl aber ist es möglich und zulässig, das Studium auf der intuitiven Stufe durch Erkenntnis-Meditationen unabhängig von den Empfehlungen des höheren Pfades zu unterstützen. Die beschauliche Beschäftigung etwa mit den Imaginationen der Weltentwicklung nach dem Buche Die Geheimwissenschaft im Umriß kann die Studienarbeit an diesem Werke bedeutend voranbringen.
Das Studium ist fähigkeitsbildend, es besteht nicht in der Aufnahme von Wissensinhalten und deren Systematisierung. Selbstverständlich ist ein bestimmtes Grundwissen zur Verständigung unerläßlich, doch liegt das Hauptgewicht des Studiums in der Anregung fähigkeitsbildender Bewußtseinsvorgänge. Diese Führung des Studiums ist mühsam und vermeintlich unergiebiger als die Ansammlung von Wissensstoff samt Fundstellennachweisen. Der beste Student der Geisteswissenschaft kann aber nicht der Besitzer des besten Gedächtnisses sein, denn nicht die erinnerungsmäßige Wiedergabe, sondern die immer neue Erschaffung eines ideellen Inhalts ist das Ziel des Studiums.19 Wer dies in der Selbsterfahrung berücksichtigt und richtig zu deuten weiß, befindet sich in der Tat bereits auf der ersten Stufe des höheren Erkenntnisweges.
Anmerkungen:
Das Kapitel behandelt nicht alle Aspekte des Studiums der Geisteswissenschaft im Zusammenhang. Neben den zahlreichen, über sein gesamtes Vortragswerk verstreuten Hinweisen Rudolf Steiners sei auf die weiter unten besprochenen Schriften von Erhard Fucke und von Georg Kühlewind, ferner auf Paul Eugen Schiller: Der anthroposophische Schulungsweg, Dornach 1979, verwiesen. Wichtig für das Studium ist auch das gesamte Werk von Heinrich Leiste, überwiegend im Selbstverlag erschienen und das Werk von Herbert Witzenmann, vor allem die beiden Bände Intuition und Beobachtung, Stuttgart 1977 und 1978. Ohne dies immer wieder zu betonen, stellt das vorliegende Kapitel den Gesichtspunkt der Aufklärung in den Mittelpunkt und damit des intuitiven Denkens. Während der gesamten, siebzigjährigen Geschichte der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft haben Anthroposophen hingebungsvoll das Werk Rudolf Steiners studiert und sich dabei bedeutende Kenntnisse angeeignet, ohne aber schwere Auseinandersetzungen und Belastungen der Gesellschaftsentwicklung verhindern zu können. Hat das Studium nicht zur Toleranz und Erkenntnisbescheidenheit geführt, waren die moralischen Bedingungen nicht zur Geltung gelangt? Diese Fragen stehen im Hintergrund der nachfolgenden Ausführungen.
1) Theosophie, GA 9, Die Geheimwissenschaft im Umriß, GA 13, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10. Zurück zum Text
2 Rudolf Steiner: Mein Lebensgang, GA 28 und Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner, eine Chronik, Stuttgart 1988. Zurück zum Text
3) Enthalten in GA 117: Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien. Zurück zum Text
4) Für ein näheres Verständnis ist das Studium des überlieferten Wortlauts unerläßlich. Zurück zum Text
5) Carl Unger: Schriften, Bd.1, Stuttgart 1964, Bd.2, Stuttgart 1966. Zurück zum Text
6) Zu Rudolf Steiners Sinneslehre siehe Hans Erhard Lauer: Die zwölf Sinne des Menschen, Basel 1953, 2.erweiterte Auflage Schaffhausen 1977. Zurück zum Text
7) Vgl. GA 28, Mein Lebensgang, Kap. XXX. Zurück zum Text
8) Aristoteles: Über die Seele (De anima), Buch III, 4-8. Zurück zum Text
9) Rudolf Steiner: Theosophie, GA 9. Zurück zum Text
10) Vgl. Rudolf Steiner: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Bd.3, Vortrag vom 08.08.1924 gehalten in Dornach, GA 237. Zurück zum Text
11) GA 134. Das Studium des genauen Wortlauts ist hier in besonderem Maße erforderlich. Zurück zum Text
12) Die vier Bedingungen sind der allgemeingültige Hintergrund für die Aufnahme des vierfachen Schriftsinnes gegenüber inspirierten Schriftwerken: Sensus litteralis, sensus allegoricus, sensus moralis, sensus anagogicus oder eschatologicus. Zurück zum Text
13) Vortrag vom 27.03.1913, gehalten im Haag, GA 145. Zurück zum Text
14) GA 124. Zurück zum Text
15) Vgl. Rudolf Steiners Vortrag vom 04.06 1909, GA 109/111 gehalten in Budapest. Selbst der eingeweihte Hellseher hat das Werk seiner Vorgänger durch Studium zu berücksichtigen. Zurück zum Text
16) Über den Anfang der anthroposophischen Bewegung im Menschen vgl. Rudolf Steiners Vortrag vom 21.06.1923, gehalten in Stuttgart, GA 224. Zurück zum Text
17) Es handelt sich um die sechs Übungen zur Ausbildung des Herzlotos, die in Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10, behandelt sind. Zurück zum Text
18) Vgl. hierzu die Beiträge in K.M. Dietz (Hsg.): Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit, Stuttgart 1994, besonders den Beitrag von Thomas Kracht. Zurück zum Text
19) Vgl. Rudolf Steiner: Von Seelenrätseln, GA 21, Anhang 4: Ein wichtiges Merkmal der Geistwahrnehmung. Zurück zum Text
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