Textauszug
Sprechen wir zuerst von Swassjan. Swassjan ist Armenier. Nun gut,- aber müssen wir ihm deswegen jede Verstiegenheit verzeihen? Ist die Anwartschaft auf die sechste Kulturepoche eine Lizenz für juvenile Entgleisungen? Ich habe mich, während ich mich durch seine Bücher hindurchquälte, öfter gefragt, welche Qualitäten wohl den Ausschlag für ihre Veröffentlichung gaben. Inmitten der gähnenden Langeweile, die nur von wenigen Momenten der Empörung unterbrochen wurde, wunderte ich mich über das große Herz des Verlegers und die Langmut des Lesepublikums. Papier ist geduldig, sagte ich mir dann und das Goetheanum verfolgt seine Politik. Es denkt in Jahrhunderten, da kommt es auf ein paar Jahre und ein paar Bücher mehr oder weniger nicht an. Aber eine Antwort auf meine Frage fand ich nicht. Eines Abends, als ich über einem erneuten Versuch, dem Autor auf die Schliche zu kommen, eingeschlafen war, erwachte ich und mein Blick fiel auf jene Stelle. Das Buch hatte sich verschlagen, vielleicht hatte es meine Hand auch im Schlaf umgeblättert - ich weiß es nicht - auf jeden Fall nahm - während es meinen noch schlaftrunkenen Augen gelang, mit zunehmender Schärfe die Buchstaben zu fokussieren - jener Satz in meinem Bewußtsein Gestalt an. Ich rieb mir die Augen, kniff mich, unsicher, ob ich nicht träumte, nein: da stand wirklich dieser Satz. Nun begann ich mit angestacheltem Eifer zu lesen und ich fand: einen zweiten Satz. Und bald einen dritten. Und dann begann ich zu begreifen. Aus dem nicht endenwollenden Wortschwall, aus den exaltierten rhethorischen Kaskaden ragten sie heraus wie Granit. Wie die Pointe du Raz, der westlichste Zipfel des französischen Festlandes in der Bretagne, ragten sie aus dem kaukasischen Wortozean, der sich durch die ausgewaschenenen Küstenriffe meiner Seele ergoß. Ich hatte sie gefunden. Jene Sätze, an denen der Lektor - so vermute ich - wie ein Schiffbrüchiger an einer Planke seines untergegangenen Fischkutters hängengeblieben war. Jene Sätze, aus denen sich die aufgetürmten Wellenberge der Swassjanschen Revisionen der Geistesgeschichte erklären ließen. Jene Sätze, um deretwillen Tausende von nichtssagenden Worten geschrieben worden waren. Aus den aufgewühlten Tiefen der Swassjanschen Seele entrang sich ein Bekenntnisschrei. Es war der Bekenntnisschrei eines aus dem Gleichgewicht geratenen Philosophieprofessors, der wie ein trunkener Albatros Jahrhunderte der Geistesgeschichte überflog, für den Gebirge zu Maulwurfshügeln schrumpften und Maulwürfe zur Größe von Elefanten anschwollen.
Was fand ich denn nun? Worte, wie aus Marmor gemeisselt, geschrieben aus vulkanischen Tiefen und zu Säulen von schwarzem Basalt erstarrt. Worte wie diese: "Die Weltschöpfung (einst das einzige Privilegium des göttlichen Denkens) kennt von nun an den einzigen ... Verantwortlichen (... Nicht wir sind hier gemeint, sondern nur ... RUDOLF STEINER, der - bisher - einzige Mensch, dem gelungen ist, auf solche Weise das zu vollziehen, wozu kein Gott mehr fähig wäre)." (Abendmahl, S. 15)
Russen neigen im Trinken angeblich zur Maßlosigkeit. Aber nicht nur im Trinken. Sie sind überhaupt maßlos, auch im Denken und im Sprechen. Meine erste Reaktion war, das Buch wieder zuzuschlagen. Ich dachte, das kann nicht ernst gemeint sein. Ich dachte, das kann doch ein Autor am Ende des 20. Jahrhunderts - nach einem solchen Jahrhundert! - nicht schreiben. Ich dachte, das kann doch ein Verleger nicht drucken, zumal nicht ein Verleger am Goetheanum. Aber dann begriff ich, daß ich dem Geburtsakt des anthroposophischen Katholizismus beiwohnte und freute mich über diese Entdeckung. Die anthroposophische Bewegung hat ihren Gott und Rudolf Steiner seinen Propheten gefunden. Der Gott heißt RUDOLF STEINER und sein Prophet heißt KAREN SWASSJAN.
Ich las die Passage wieder und wieder: ohne Zweifel, da stand wirklich, was ich gelesen hatte. Swassjan schreibt und inzwischen bin ich zur Überzeugung gelangt, daß er auch glaubt, was er schreibt: Er schreibt, daß mit der Niederschrift der Philosophie der Freiheit sich ein Gott offenbart habe und der Name dieses Gottes lautet RUDOLF STEINER (die Kapitale verwendet Swassjan an der zitierten Stelle wirklich!) Er schreibt, daß die Weltschöpfung seit der Philosophie der Freiheit den einzigen Verantwortlichen kenne: den "frei denkenden und frei handelnden Menschen", daß aber nicht wir damit gemeint seien, sondern "nur Rudolf Steiner". Rudolf Steiner ist also, wenn ich Swassjan richtig verstehe, der einzige frei denkende und frei handelnde Mensch. Aber Swassjan ist fähig, ihn zu verkünden. Das setzt aber voraus, daß er ihn erkannt hat. Der Prophet, ob er sich nun selbst berufen hat oder berufen wurde: er steht seinem Gott wohl näher als alle anderen. Ich sagte, ich sei inzwischen zur Übereugung gelangt, Swassjan glaube auch tatsächlich, was er schreibe. Dies deshalb, weil es sich nicht um die einzige Stelle in seinen Büchern handelt. Eine andere Stelle: "Was hieße nun aber, die Wirklichkeit zu erschaffen - oder synonymisch gesprochen: zu denken? Es ist doch wohl das einmalige Privilegium des Verfassers der Philosophie der Freiheit, von dem wir zwar durch Lichtjahre entfernt sind, dem wir uns aber jeden Augenblick nähern können ..." (Abendmahl, S. 78) Wer kann diese Sätze lesen, ohne aufzuschreien? Oder die folgenden: "Wie, wenn die Freiheit, die in diesem Buch geschaffen ist (denn man vergesse nie und nimmer: Kein Gott war ja imstande, das zu schaffen, was der Mensch Rudolf Steiner geschaffen hat!) keine christliche gewesen wäre?" (Abendmahl, S. 150)
Die Philosophie der Freiheit ist also, nach Swassjan, nicht nur die Apotheose des Weltschöpfers, sie ist auch die Apotheose des Freiheitsschöpfers, sie ist, sagen wir es doch gleich heraus, die Apotheose unseres Schöpfers. Denn, wenn Rudolf Steiner nicht nur die Welt, sondern auch die Freiheit erschaffen hat, dann hat er natürlich auch uns erschaffen, sofern wir frei denken oder handeln. Wir sind dann frei denkende und frei handelnde Wesen von Rudolf Steiners Gnaden, weil er die Freiheit, an der wir Anteil haben, geschaffen hat. Ich kann mich nicht länger zurückhalten, aber ich empfinde diese Ansicht als pathologisch. Ich erkenne darin eine grenzenlose, manische Übersteigerung nicht nur des Urhebers der zitierten Zeilen, sondern auch des Subjektes, auf das sich seine Zeilen beziehen. Das ist allerdings keineswegs die Schuld Steiners. In seinem Nietzschebuch führt Swassjan das Stichwort selber an: Megalomanie. Er macht sich selbst zum megalomanen Propheten seines Gottes. Swassjan demaskiert sich selbst, wenn er sich über die Leser lustig macht, die die "kosmetische Bescheidenheitssemantik allzusehr" überschätzen (Nietzsche, S. 36). Wie aber, wenn hinter der Semantik eine wirkliche Haltung steht? Wenn es sich bei Äußerungen eines "Meerschweinchens" oder "Professors", wie Swassjan abschätzig all jene tituliert, die sich nicht auf seine größenwahnsinnigen Omnipotenzphantasien einlassen wollen, um einen tatsächlichen Bewußtseinszustand oder einen ethischen Zustand handelt? Dann verfällt er der Verurteilung alles Mittelmäßigen, in die Swassjan mit Nietzsche einstimmt. Das Problem ist nur, daß es außer Nietzsche, Steiner und vielleicht Swassjan keinen gibt, der das Maß des Menschseins erfüllt, das Swassjan vom Menschen erwartet. Da ziehe ich doch lieber dem spätpubertären, exaltierten Wortgetöse, der aufgeblasenen Subjektivität die intellektuelle Redlichkeit und Bescheidenheit des geliebten Sokrates vor, mit dem für Swassjan - von Nietzsche verführt - "die unerhörte Tyrannei von Vernunft und Moral, die das Leben ins Unbewußte verdrängt und es durch Lebens-Gebrauchsanweisungen ersetzt" begonnen hat. (Nietzsche, S. 29) Ist es möglicherweise dieses spätromantische Genietrauma, dem Swassjan erlegen ist, das ihn so große Sympathien mit Gobineau, einem der bedeutendsten Rassentheoretiker des 19. Jahrhunderts empfinden läßt, daß er ihn als einen der "riskantesten Abtrünnigen des Jahrhunderts" (Nietzsche, S. 22) bezeichnet, was keineswegs pejorativ, sondern als Auszeichnung gemeint ist? Wenn mit Sokrates die "unerhörte Tyrannei von Vernunft und Moral" begonnen hat, was für ein Zeitalter beginnt denn für uns mit Swassjan? Das Zeitalter der Unvernunft und Amoral? Ehrlich gesagt, ich ziehe das hohe, individualistische Ethos und die kritische Schärfe des sokratischen Geistes in ihrer heiligen Nüchternheit dem wahnsinnstrunkenen Nietzschegigerltum eines armenischen Philosophieprofessors vor! Eines Sokrates, der ohne alles größenwahnsinnige Pathos, ohne alles subjektivistische Gott-ist-tot- und pessimistische Leiden-an-der-Welt-Getöse die via dolorosa gegangen ist, der sein Leben für seine moralischen Intuitionen hingab, ohne deswegen die gesamte übrige Menschheit zu verurteilen oder zu verachten. Ich ziehe - das gestehe ich freimütig - die sokratische Religion der individuellen Wahrheitssuche und des Zweifels, aber auch der Selbstbegründungsfähigkeit der Vernunft der von Swassjan neu gestifteten Religion, deren Gott RUDOLF STEINER und deren Prophet KAREN SWASSJAN heißt, vor. Was für ein Neuer Glaube wird hier verkündet!
Auch sein Nietzschebuch bekennt sich zu diesem Neuen Glauben. Im siebten Zusatz schreibt Swassjan: "Die alte Genesis-Welt ist aufgehoben und auf das Nichts reduziert.Von nun an steht das alte Geschöpf Mensch vor der Wahl, entweder im Nichts als nichts auf das Nichts hin zu vegetieren, oder aber zum Schöpfer aus dem Nichts zu werden ... das Weltenall wird nun zum einzigen Stoff und Thema einer schöpferischen Eingebung. Die Frage der Fragen: Wer unter den Lebenden füllt diese Vakanz aus? ... Seit 1882 ... fängt der 21jährige Student Rudolf Steiner an ... die geistige Welt ex nihilo zu erschaffen. ... Man lebt im Nichts, man wird zum Nichts ... man wandelt aber dieses Nichts in die Freiheit um und behält sich das Recht vor, aus seiner Freiheit heraus bei Gelegenheit die Welt erschaffen zu wollen. ... Fragt man sich, was das Weltgeschehen sei, so handelt man äußerst unbedacht ... Das Weltgeschehen ist Bewußtsein ... ein konkretes menschliches Bewußtsein ... Nimmt der Einzige diese Vakanz ein, dann bedeutet das: das Weltgeschehen ist mit seinem Bewußtsein eins geworden. ... Die Welt geschieht, ereignet sich ... in diesem individuellsten Bewußtsein. Zu der Zeit, als Zarathustra geschrieben wurde, war der Einzige schon da ... mit Vollmacht ausgestattet. Dieses Bewußtsein ist das - Rudolf Steiners." (Nietzsche, S. 178 f.)
Wir können nun die grundlegenden Bestandteile des Neuen Glaubens erkennen. Sie bestehen in folgenden Dogmata: 1. Ich glaube an den einzigen Schöpfer der neuen Welt, an Rudolf Steiner, 2. ich glaube an den einzigen Schöpfer der Wirklichkeit, der imstande war, die Wirklichkeit durch sein Denken zu erschaffen, an Rudolf Steiner, 3. ich glaube an den einzigen frei denkenden und handelnden Menschen, der, ein Gott gewordener Mensch, die Freiheit geschaffen hat, an der ich teilhabe, wenn ich das Abendmahl genieße, das er mit der Philosophie der Freiheit gestiftet hat, 4. ich glaube an den Schöpfer der geistigen Welt aus dem Nichts, an den 21jährigen Studenten Rudolf Steiner, 5. ich glaube daran, daß im Bewußtsein Rudolf Steiners der Weltgeist, das Absolute in Erscheinung getreten ist, insofern das Weltgeschehen mit diesem Bewußtsein zusammenfiel, 6. ich glaube an Karen Swassjan, den Propheten unserer Neuen Religion.
Betrachten wir die einzelnen Glaubenssätze etwas näher. Fangen wir mit dem vorletzten an. Ich glaube daran, daß im Bewußtsein Rudolf Steiners das Absolute in Erscheinung getreten ist, insofern das Weltgeschehen mit diesem Bewußtsein zusammenfiel. Das wirft natürlich die Frage auf, wo das Weltgeschehen nach dem Tode Steiners hingegangen ist. Hat er es a) mitgenommen oder hat er es b) dagelassen?
a) Wenn er es mitgenommen hat: was ist seit seinem Tod geschehen? Hat die Welt aufgehört zu existieren, hat sie aufgehört zu geschehen? Ist sie womöglich zum Stillstand gekommen? Hat die Welt den Atem angehalten, weil Rudolf Steiner "uns nichts mehr geben konnte"? Diesen Eindruck vermitteln allerdings nicht wenige "Anthroposophen": daß die Welt mit dem Tode Rudolf Steiners an ihrem Endpunkt angelangt ist. Daß nichts anderes mehr möglich ist, als den Atem anzuhalten und zu warten, bis er wiederkommt und das Weltgeschehen wieder in Gang setzt. Wir aber können nichts anderes tun, als den Atem anzuhalten und im Zustand des Atemstillstandes die Gesamtausgabe zu memorieren.
b) Wenn Steiner das Weltgeschehen bei seinem Tode nicht mitgenommen, sondern es dagelassen hat, wo hat er es hingelegt? Hat er es irgendwo versteckt? Hat er es in der Eremitage vergraben? Wenn es aber überhaupt möglich war, das Weltgeschehen vom Bewußtsein Rudolf Steiners zu trennen, warum fiel es dann je mit seinem Bewußtsein zusammen? Dann kann es ja offenbar unabhängig von seinem Bewußtsein existieren, dann ist es nicht mit seinem Bewußtsein identisch, dann ist es etwas eigenständiges, das kommen und gehen kann. Wo ist es dann nach dem Tode Steiners hingegangen? Wer ist jetzt der Träger des Weltgeschehens? Derjenige vielleicht, der zu erkennen vermag, daß Steiner zu seinen Lebzeiten der Träger des Weltgeschehens war? Die Posaune Gottes Karen Swassjan? Dieser Schluß legt sich uns nahe. Denn wenn das Weltgeschehen mit dem Bewußtsein Steiners identisch war, dann kann der gesamte übrige Weltinhalt mitsamt allen Bewußtseinen, die in diesem Weltinhalt vorkommen, nicht zum Weltgeschehen gehören. Dann ist es aber auch nicht möglich, daß diese Bewußtseine am Weltgeschehen teilhaben, sei es nun existentiell oder erkennend, das heißt, es gibt für diese Bewußtseine schlechterdings keine Möglichkeit, das Weltgeschehen zu erkennen, es sei denn, das Weltgeschehen ausersehe sie zu ihrem Träger und nehme sie in sich auf, so wie seinen derzeitigen Propheten. Diesen Schluß legt auch das zweite Dogma nahe: ich glaube an den einzigen Schöpfer der Wirklichkeit, der imstande war, die Wirklichkeit durch sein Denken zu erschaffen, an Rudolf Steiner. Es ist im Grunde im eben behandelten enthalten. Denn das Absolute ist natürlich auch der Inbegriff der Wirklichkeit. Wenn Steiner der Schöpfer der Wirklichkeit war, dann gab es vor ihm keine Wirklichkeit, wenn er der einzige Schöpfer der Wirklichkeit war, dann gab es auch nach ihm keine Wirklichkeit mehr. Denn da die Schöpfung der Wirklichkeit mit seinen Denkakten zusammenfiel, mußte mit dem Aufhören seines Denkens auch die von ihm gedachte Wirklichkeit aufhören. Folglich leben wir nicht in der Wirklichkeit oder anders formuliert, das Leben, das wir führen, hat keine Wirklichkeit, es ist unwirklich. Wozu leben wir eigentlich noch? Oder bestehen die wirklichkeitsschöpferischen Denkakte Steiners über seinen Tod hinaus, halten sie bis heute an: dann empfangen wir die von Steiner geschaffene Wirklichkeit. (Das drückt vielleicht deutlich den Bewußtseinszustand Swassjans aus. Ich halte allerdings diesen Bewußtseinszustand nicht für anstrebenswertoffiziell). Allerdings ergibt sich hier ein nicht unbedeutendes Problem: wenn die Wirklichkeit mit dem Aufhören der Denkakte ihres Schöpfers aufgehört hat, dann sind die Denkakte ihres Propheten keine wirklichen Denkakte, das heißt, wir dürfen ihm nicht glauben, was er sagt. Es handelt sich bei seinen Sätzen dann bloß um Megalomanensemantik. Da ich nicht annehme, daß das die Ansicht Swassjans sein kann, bleibt nur die andere Alternative: die Wirklichkeit hat, nachdem sie einmal geschaffen war, zwar nicht fortbestanden, aber sie konnte jetzt im Bewußtsein Swassjans wieder zur Erscheinung kommen. Dann gilt aber der oben zitierte zweite Glaubenssatz: ich glaube an den einzigen Schöpfer der Wirklichkeit ..., nicht mehr. Denn es kann nicht zwei einzige Schöpfer der Wirklichkeit geben - es sei denn..., es sei denn diese zwei Schöpfer wären eins...
Ein paar Worte noch zum Glaubenssatz Nummer 4: ich glaube an den Schöpfer der geistigen Welt aus dem Nichts, an den 21jährigen Studenten Rudolf Steiner. Wenn Steiner die geistige Welt aus dem Nichts geschaffen hat, dann war sie offenbar vorher nicht vorhanden. Wenn nun Steiner zum Beispiel schildert, daß die Throne, die Kyriotetes, die Dynameis und die Exusiai als Wesen der geistigen Welt den Kosmos erschufen, sind dann all diese Wesen eine Schöpfung Rudolf Steiners? Müßte man dann die Geheimwissenschaft im Umriß nicht umschreiben, müßte man dann an jener Stelle in der Geheimwissenschaft, wo von der Unmöglichkeit über den Beginn der Saturentwicklung mit der Frage nach dem Anfang hinauszugehen die Rede ist, nicht eine wesentliche Ergänzung einfügen, die Ergänzung nämlich: "nach Mitteilung des Propheten Swassjan gibt es wohl einen Anfang, der vor dem Beginn der Saturnentwicklung liegt, einen Anfang, durch dessen Bestehen das Wirken der Throne, Kyriotetes, Dynameis, Exusiai etc. erst seinen Sinn erhält. Dieser Anfang ist der 21jährige Student Rudolf Steiner. Er hat all diese Wesen aus dem Nichts erschaffen, er ist der eigentliche, letzte Grund, aus dem alles hervorgegangen ist, der selbst aus Nichts hervorgegangen ist. Ihm selbst ging nichts voraus, weil er alles aus dem Nichts geschaffen hat." Ich schlage die Einberufung eines ersten Dornacher Konzils vor, zu dem die Generalsekretäre der Landesgesellschaften, die Hochschullektoren, die Zweigleiter und Repräsentanten der Nachlaßverwaltung eingeladen werden sollten, dem die Aufgabe gestellt werden könnte, diese wesentliche Ergänzung der Geheimwissenschaft im Umriß zu sanktionieren.
Swassjan ist übrigens nicht nur der Neue Prophet der von ihm geschaffenen Religion, er ist auch unser neuer Gesetzgeber. Er hat uns ein neues Gesetz offenbart, das Gesetz des Anthroposophentums, das den Kanon unseres rechten Menschseins beinhaltet. Es kommt ihm doch glatt ein "unmöglicher und dennoch unvermeidlicher Satz in den Sinn: Der Anthroposoph (per definitionem) ist derjenige, dem gelänge: erstens, die Prüfung in Philosophie der Freiheit und Theosophie zu bestehen, zweitens, das Gundseminar Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten durchzunehmen, drittens, das Werk Steiners (teilweise oder ganz) kennenzulernen, viertens, dieses gründlich zu vergessen, und fünftens - die Fünf, die Zahl der Freiheit, will ja schon etwas heißen -, anthroposophisch zu arbeiten anzufangen. Nichts für ungut!" (Abendmahl, S. 105)
Wenden wir uns Frank Teichmann zu. Ich beziehe mich hier auf Teichmanns Beitrag in der Publikation zu Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit, die in der Edition Hardenberg im Verlag Freies Geistesleben 1994 erscheinen ist. (Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit. Eine Menschenkunde des höheren Selbst. Verlag Freies Geisesleben, Stuttgart 1994) Ich muß mich in meiner Auseinandersetzung auf Teichmanns Beitrag beschränken, obwohl es sich lohnen würde auch auf eine Reihe anderer Beiträge und den Stil der ganzen Publikation einzugehen. Vielleicht läßt sich dies im Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1996 realisieren.
Von Teichmann hören wir, daß Rudolf Steiner ein "dringendes Bedürfnis" hatte (Rudolf Steiners ..., S. 197). Wie menschlich denken wir, wer hat das nicht! Dieses Bedürfnis ist aber nicht mit unseren Bedürfnissen zu vergleichen, es war ein Bedürfnis ganz anderer Art. Steiner wollte nämlich nun endlich einmal seine eigenen Gedanken zum Ausdruck bringen. Vor der Abfassung der Philosophie der Freiheit hatte er das nämlich nie getan. Da fragt sich, was denn eigentlich in den Grundlinien... und in Wahrheit und Wissenschaft steht, wenn nicht die eigenen Gedanken Steiners...!?
Doch Steiner hatte, nach Teichmann, nicht nur das Bedürfnis, endlich seine eigenen Gedanken auszudrücken, er hatte noch das zusätzliche Problem, daß diese Gedanken niemand verstehen konnte. Seine selbstgestellte Aufgabe bestand darin, eine "in sich bestehende Idee in den sich wandelnden Erscheinungen als bleibende zu erkennen", und nicht nur, sie zu erkennen, sondern noch mehr, sie darzustellen, so daß auch ein "mitdenkender, aber nichtschauender Mensch" (Ebenda, S. 197) sie verstehen könnte.
Man fragt sich, worin das Besondere dieser selbstgestellten Erkenntnisaufgabe bestand, da es doch in jeder Erkenntnis darum geht, eine in sich bestehende Idee zu erkennen und zwar so zu erkennen, daß sie in den sich wandelnden Erscheinungen als das Bleibende erfaßt wird. Denn während es das Wesen der Idee ist, in sich zu bestehen, kennzeichnet es die Erscheinungswelt, daß sie einer ständigen Wandlung unterliegt. Insofern irgendein Zusammenhang zwischen Idee und Erscheinungswelt besteht, stellt sich das Ideelle in der Erscheinungswelt als das Zusammenhangsbildende, also als das Bestehende in den Wandlungen der Erscheinung dar. Steiner hatte jedoch, nach Teichmann, in der Philosophie der Freiheit weniger ein Erkenntnisproblem, als ein Darstellungsproblem zu lösen. Es ging darum, wie er die für ihn sonnenklare Anschauung der in sich bestehenden Idee auch einem beschränkten, nichtschauenden Bewußtsein erklären oder nachvollziehbar machen könnte. Steiner war, in der Abfassungszeit der Philosophie der Freiheit schon der überlegene Eingeweihte, der aus seinem Überblick über die Äonen menschlicher Zeitrechnung und der Erkenntnis des begrenzten Fassungsvermögens seiner Zeitgenossen nach der idealen Form für seine Verkündigung suchte. Er hat diese Form dann seinem gesamten Werk aufgeprägt; bis in "jedes kleine Glied", bis in "jede scheinbare Nebenbemerkung" (Ebenda, S. 218) hat er die Kraft seines gestaltenden Denkens der äußeren Erscheinung des Werkes aufgeprägt. Deshalb erhielt dieses Werk seine vielgerühmte "organische Gestalt", deshalb muß ein Erforscher der Philosophie der Freiheit, der sie als "Schulungs- und Übungsbuch" (Teichmann) begreift, die Bauprinzipien dieses Werkes aufsuchen und in einer abstrakten Form zur Darstellung bringen, so wie man eine Pflanze seziert, um ihr gestaltbildendes Wesen zu erfassen.
An dieser Stelle scheint es angebracht alle Organologen der Philosophie der Freiheit, alle Mystagogen ihres Erscheinungsbildes an den Brief Steiners an Rosa Mayreder vom 4. November 1894 zu erinnern, jenen Brief, der in einer so wohltuenden Weise mit allen organologischen Mystifikationen - auch mit Steiners späteren eigenen - kontrastiert. 1894 schrieb Steiner an Rosa Mayreder:"Es ist alles in meinem Buche persönlich gemeint. Auch die Form der Gedanken. Eine lehrhafte Natur könnte die Sache erweitern. Ich vielleicht auch zu seiner Zeit. Zunächst wollte ich die Biographie einer sich zur Freiheit emporringenden Seele zeigen. Man kann da nichts tun für jene, welche mit einem über Klippen und Abgründe wollen. ... Ich glaube auch, ich wäre gestürzt: hätte ich versucht, die geeigneten Wege sogleich für andere zu suchen. Ich bin meinen gegangen, so gut ich konnte; hinterher habe ich diesen Weg beschrieben. Wie andere gehen sollen, dafür könnte ich vielleicht hinterher hundert Weisen finden. Zunächst wollte ich von diesen keine zu Papier bringen. Willkürlich, ganz individuell ist bei mir manche Klippe übersprungen, durch Dickicht habe ich mich in meiner nur mir eigenen Weise durchgearbeitet. Wenn man ans Ziel kommt, weiß man erst, daß man da ist. Vielleicht ist aber die Zeit des Lehrens in Dingen, wie das meine, vorüber." (Briefe, Band II, Dornach 1953, S. 177 f.) Spricht so ein Eingeweihter, der die irdische Welt sub specie aeternitatis betrachtet? Spricht so jemand, der der Überzeugung ist, jeder Satz, ja "jedes kleinste Glied" eines Satzes sei aus einem organischen Bildeprinzip hervorgegangen, das alles mit einer höheren Notwendigkeit durchdringt, so daß alles nur so und nur dort stehen kann wie und wo es steht? Spricht so jemand, der später im Hinblick auf dasselbe Buch jenes berühmte Diktum prägen wird, daß man in ihm nicht einen Satz an eine andere Stelle rücken könne, sowenig man bei einem Hund die Vorderbeine mit den Hinterbeinen vertauschen könne? Spricht so jemand, der überhaupt kein Erkenntnisproblem, sondern nur ein Darstellungsproblem hat? Keiner der bisher in Erscheinung getreteten Exegeten der Gestaltsymbolik der Philosophie der Freiheit hat sich zu der Tatsache auch nur andeutungsweise erhellend geäußert, daß Steiner in die Gestalt dieses Buches von der ersten zur zweiten Auflage gravierende Eingriffe vorgenommen, sie gekürzt, umgeformt, ergänzt und verbessert hat! An dieser Tatsache muß jede Verabsolutierung ihrer äußeren Form oder des einzelnen Wortlautes scheitern. Wenn die Gedankengestalt des Buches so organisch gewachsen war, wie immer behauptet wird, wie läßt es sich denn erklären, daß Steiner diese Gestalt für die zweite Auflage so gravierend veränderte? Dadurch hat er doch selbst zugestanden, daß die äußere Form revidierbar ist. Ja, er hat sogar ihre Vorderbeine mit den Hinterbeinen vertauscht, indem er das Einleitungskapitel der ersten Auflage in den Anhang verbannte und den Anfang des Kapitels völlig strich. Ähnlich verfuhr er mit dem Beginn des Kapitels über die Idee der Freiheit. Jede auch nur im Ansatz durchgeführte philologische Beschäftigung mit diesem Buch straft die Wortmystiker und Buchstabenexegeten Lügen!
Doch zurück zu Teichmanns Text. Hier wird das Darstellungsproblem folgendermaßen formuliert:"Folgt die Darstellung allein den sich wandelnden Erscheinungen, dann kann das Bewußtsein des mitdenkenden Lesers zwar in Bewegung versetzt werden, aber es schwimmt mit, träumt mit, könnte man sagen, und verliert dabei seine wache Kontur. Hält es diese jedoch ein für allemal fest, dann kann es nichts finden, weil sich die Erkenntnis ja erst in und durch die Verwandlung ergibt. Dieses Dilemma kann nur durch geistiges Üben überwunden werden, denn erst dadurch kann es gelingen, längere Formverwandlungen als Ganzheit im Bewußtsein ebenso klar zu überschauen wie eine feste Form. Durch das Üben bildet sich im Denken eine Art Organ, welches die Formverwandlungen nicht nur während des Bewegens wahrnehmen kann, sondern zugleich im Gedächtnis behält. Nur derjenige, der das geübt hat, kann auf diesem Felde Erkenntnisse gewinnen, und wenn er sie darzustellen versucht, kann wiederum nur derjenige, der schon ebenso vorbereitet ist, die Mitteilung verstehen. Ungeübte können einfach nichts begreifen, weil sie das Organ, welches zur Auffassung nötig ist, nicht haben. Die erste Forderung, die demnach an einen Studierenden der Metamorphosenlehre zu stellen ist, heißt, jenes geistige Organ in sich auszubilden. Ohne ein solches kann man den Inhalt entweder gar nicht wahrnehmen, oder man glaubt nur, ihn zu verstehen, und das ist das Schlimmere, weil man ihn dann ahnungslos mißinterpretiert..." (Ebenda, S. 198f.)
Was beinhalten diese Sätze anderes als Mystifikationen, die darauf hinauslaufen, die Philosophie der Freiheit aus einem philosophischen Buch in einen unsäglichen Artefakt umzudeuten, einen Artefakt, dem man sich nur mit Asbesthandschuhen nahen kann, weil man sich sonst die Finger an seinem seraphischen Feuer verbrennt. Was prudzieren denn die Morphologen anderes als endloses Gerede über die Form, statt sich auf das Buch selbst und seinen Inhalt einzulassen, statt zu lesen, was da steht und was Steiner zu den inhaltlichen, philosophischen Fragestellungen zu sagen hat. War denn die Philosophie der Freiheit von Steiner nicht als philosophisches Werk gemeint? Wozu dann der Titel Philosophie der Freiheit? Hätte er im Sinne seiner anthroposophischen Mystagogen nicht besser schreiben sollen: Gnostischer Schulungslehrgang in verklausulierter und erst zu entschlüsselnder Form oder so ähnlich? Aber hinter dieser Umdeutung steckt ein Prinzip. Teichmann: "Aus den Aussagen Rudolf Steiners folgt unmittelbar, daß die Philosophie der Freiheit eigentlich keine Philosophie im herkömmlichen Sinne des Wortes ist, sondern ein Buch, welches einen ganz neuen Schritt in der Geistesentwicklung der Menschheit einleitet. Aus der bisher allein inhaltlich und systematisch bestimmten Wissenschaft wird der Umschwung vollzogen zu einer organisch-lebendigen." (Rudolf Steiners..., S. 203)Vermutlich hat Teichmann noch nie eine Zeile von Hegel gelesen, sonst wüßte er, wie wenig zutreffend seine Behauptung ist, die Philosophie sei bisher "allein inhaltlich und systematisch bestimmt" gewesen. Im Grunde hat Teichmann, was das Verständnis der wissenschaftlichen Methode als die Selbstentwicklung der Form, aus der sich der Inhalt ergibt anbelangt nur das Hegelsche Verständnis der Philosophie (vermutlich ohne es zu kennen) repetiert. Das Hegelsche Denken zeichnet sich gerade dadurch aus, daß in ihm der Versuch unternommen wurde, die Selbstbewegung des Begriffs zum leitenden Prinzip der Erkenntnis zu machen. Der Begriff ist aber die Form des Wissens, die zugleich der Inhalt ist. Dadurch wurde das Wissen zum sich selbst beherrschenden Organismus des Hegelschen Systems. Was Teichmann als so einmalig an Steiner hervorhebt, ist nichts anderes als der Anspruch, ein in sich zusammenhängendes System des Wissens, eine organische Entwicklung von Begriffen zu schaffen, der sich in genau dieser Art auch schon in den Systemen des deutschen Idealismus, ja im Grunde schon bei Descartes und Spinoza findet. Für Teichmann bricht aber mit Steiners Philosophie der Freiheit eine neue Epoche der Geistesgeschichte der Menschheit an. Es sind genau diese Ansichten, die bisher erfolgreich verhindert haben, daß die Philosophie der Freiheit in ihrer philosophischen Bedeutung, in ihrem philosophischen Tiefengehalt entdeckt und für die Diskussion des 20. Jahrhunderts fruchtbar gemacht wurde. Indem man sie aus dem Strom der Philosophie ein für allemal absondert, sargt man sie bis ans Ende der Zeiten ein. Statt sie für die philosophischen und existentiellen Fragestellungen des 20. Jahrhunderts aufzuschließen, wird sie zu einer terra nova erklärt, zu einem Utopia, in dem sich nur zurecht findet, wer obskure initiatische Verwandlungen über sich ergehen ließ. Ist es deshalb verwunderlich, daß das Werk von keinem Philosophen ernstgenommen wird, wenn von seinen Mystagogen stets erklärt wird, es sei gar kein philosophisches Werk? Was soll man mit einem Buch anfangen, dessen Kenner erklären, daß man seinen Inhalt "gar nicht wahrnehmen" oder nur "mißinterpretieren" könne (Teichmann), solange man sich nicht an diesem Buch irgendwelche geheimnisvollen Organe erbildet hat, ohne aber das Buch verstehen zu können. Das soll mir Herr Teichmann erst einmal vormachen, daß er in der Beschäftigung mit der Philosophie der Freiheit Organe ausbildet, ohne daß er sie versteht. Er schreibt, die Philosophie der Freiheit habe schon Ende des 19. Jahrhunderts einfach nicht verstanden werden können, denn "es waren «seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode», Erkenntnisse, deren Verständnis ein entwickeltes Geistorgan zur Voraussetzung haben, wozu also der landläufige sogenannte «gesunde» Menschenverstand nicht hinreicht." (Ebenda, S. 199) Was für eine verkehrte Welt, kann man da nur klagend ausrufen, in der es möglich ist, mit den Mitteln des gewöhnlichen, gesunden Menschenverstandes so ein Werk wie die Geheimwissenschaft im Umriß nicht nur zu verstehen, sondern auch zu prüfen, ein Werk wie die Philosophie der Freiheit aber nicht! Legt doch Steiner den größten Wert darauf, 1909 in der Vorrede zur ersten Ausgabe der Geheimwissenschaft... hervorzuheben, daß sein "Buch nichts wert" wäre, "wenn es nur auf blinden Glauben angewiesen wäre", daß es nur "in dem Maße tauglich" sei, als es sich"vor der unbefangenen Vernunft rechtfertigen" könne. Und 1913 fügte er in der vierten Auflage gar noch bekräftigend hinzu: "Gemeint ist hier nicht etwa nur die geisteswissenschaftliche Prüfung durch die übersinnlichen Forschungsmethoden, sondern vor allem die durchaus mögliche vom gesunden, vorurteilslosen Denken und Menschenverstand aus." (Geheimwissenschaft im Umriß, Dornach 1987, tb, S. 14f.) Ausdrücklich ist also nicht nur vom "vernunftgemäßen Denken" oder von der "unbefangenen Vernunft" die Rede, sondern sogar vom "gesunden Menschenverstand". In derselben Vorrede heißt es: "Wer sich bemüht, die Sache richtig anzusehen, wird den Einklang von des Verfassers gegenwärtigen Schriften mit seinen früheren schon bemerken können." (Ebenda, S. 13) Es kann wohl kaum ernsthaft angenommen werden, daß eine so fundamentale Frage wie die Frage des Verstehens einer Darstellung der Geheimwissenschaft und der Prüfung ihres Inhalts durch den gesunden Menschenverstand vom behaupteten Einklang ausgenommen sein könnte. Wenn aber für die explizit geheimwissenschaftlichen Werke nur der gesunde Menschenverstand nötig ist, um sie verstehen zu können, wie will man dann rechtfertigen, daß zum Verständnis der Philosophie der Freiheit mehr nötig ist, als der gesunde Menschenverstand? Daß erst ein mysteriöses Geistorgan erbildet werden muß, das nur durch die vorerst ja noch völlig verständnislose Beschäftigung mit der Schrift entstehen kann, das dann das Verständnis des Werkes eröffnen soll. Und dies bei einer Schrift, von der Steiner wiederum in der Geheimwissenschaft schrieb, daß sie sich auf das beschränke, was das Denken sich erarbeiten könne, wenn es sich nur sich selbst hingebe und den Eingang in die Geistesforschung noch vermeide (Ebenda, S. 344)
Teichmann meint dagegen, daß Steiner deshalb nicht verstanden werden konnte, weil er "in einem Stil schreiben mußte, der ohne Schulung nicht verstanden werden konnte." (Rudolf Steiners..., S. 200) Und er droht uns an, daß es auch uns nicht anders ergehen werde, wie den "Geistesgrößen des letzten Jahrhunderts", die unfähig waren, das Buch zu verstehen. (Ich frage mich - en passant - welche Geistesgrößen Teichmann meint. Denn abgesehen von Eduard von Hartmann und Arthur Drews ist mir kein Philosoph namentlich bekannt, der das Buch gelesen hätte.) Doch, o Glück, wir sind in einer besseren Lage als die Geistesgrößen des letzten Jahrunderts, denn uns naht der große Mystagog in Gestalt von Frank Teichmann, der uns über die Methode aufklären kann, die wir anwenden müssen, um jene geheimnisvollen Geistorgane auszubilden, die wir zum Verständnis der Philosophie der Freiheit benötigen.
Ich erspare mir und den Lesern eine Auseinandersetzung mit der in den zwei folgenden Kapiteln entwickelten Rezeptologie. Ich möchte nur die Gelegenheit wahrnehmen, einen kleinen Witz zu machen. Auf Seite 207 schreibt Teichmann von seiner Methode: "Alle Werke, die solcherart aktiv betrachtet werden, offenbaren einen Sinn, der sich nicht dem bloß äußeren Verstehen des Ausgesagten erschließt..." Ich möchte Herrn Teichmann und seinen Novizen empfehlen, mit der von ihnen praktizierten Methode einmal die Kritik der reinen Vernunft von Kant zu studieren. Ich könnte mir vorstellen, daß diese Arbeit einen beachtlichen Effekt im Hinblick auf die Entwicklung des bei Teichmann offenbar fehlenden gesunden Menschenverstandes hätte. Sie besäße zugleich den angenehmen Nebeneffekt, daß Teichmann sich ein differenzierteres Kantbild aneignen müßte und in Zukunft vor solchen unerträglichen Formulierungen wie "die altbekannten Irrtümer Kants und seiner Nachfolger" (Rudolf Steiners..., S. 200) gefeit wäre.
Eine letzte Bemerkung kann ich mir allerdings nicht verkneifen. Sie betrifft das Verhältnis von Teichmann zu Herbert Witzenmann. Immerhin ist Teichmann der einzige der Autoren des gesamten Buches, der Witzenmann überhaupt erwähnt. Allerdings tut er es so, daß man sich wünschte, er hätte es lieber nicht getan. Denn weder ist die von Teichmann praktizierte "Methode" mit dem vergleichbar, was Witzenmann in seinem überragenden Werk über die Philosophie der Freiheit geleistet hat, noch kommt Teichmann zu denselben Ergebnissen wie Witzenmann. Es ist also schlechterdings eine Zumutung, sich in diesem Zusammenhang auf Witzenmann zu berufen und so zu tun, als stünde man mit ihm auf einer Ebene. Es sind Welten, die Teichmann und Witzenmann voneinander trennen.