2.1.10

Esoterik als Denkform – Antoine Faivres Beitrag zur Methodik der Forschung

Von Lorenzo Ravagli
 
Der klassische Beitrag zur Methodologie der Esoterikforschung stammt von Antoine Faivre, dem Inhaber des Lehrstuhls für die »Erforschung esoterischer und mystischer Strömungen im modernen und zeitgenössischen Europa« von 1979 bis 2002 an der Sorbonne in Paris. Er veröffentlichte seine methodologischen Überlegungen zuerst 1986 unter dem Titel »Accèss de l' ésoterisme occidental« auf französisch, 1994 in einer englischen Übersetzung »Access to Western Esotericism«. Der folgende Essay orientiert sich an der englischen Übersetzung.

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26.12.09

Wiederkehr des Perennialismus?

Von Lorenzo Ravagli

Roland Benedikter hat in der Online-Zeitschrift Integral Review eine Rezension des Buches von John Holman »The Return of the Perennial Philosophy. The Supreme Vision of Western Esotericism« veröffentlicht. Die Zeitschrift wird von der »holistischen« Internet-Organisation Arina in Bethel Ohio, herausgegeben, deren Akronym für »Acting / Researching / Integrating Network Associates« steht. Holman interpretiert in seinem Buch die westliche Esoterik als historische Grundlage der heutigen spirituellen Bewegungen.

Angesichts der Renaissance traditioneller Religionen fordert Holman den Westen dazu auf, sich seiner originären (autochthonen) spirituellen Erfahrungen zu erinnern. Diese spirituellen Erfahrungen und ihre Traditionen, die in der Vergangenheit eine bloße Randexistenz geführt hätten, stellen aus seiner Sicht ein notwendiges Gegengewicht gegen kollektivistische und am Mythos orientierte Religionsformen dar. Empirische Spiritualität, die für Holman im Gegensatz zum bloßen Glauben steht, soll die säkulare Gesellschaft auf die bevorstehende Wiederkehr der philosophia perennis, der »ewigen Wahrheit« vorbereiten. Holman bemüht sich in seinem Buch um einen partizipatorischen, ja identifikatorischen Zugang zur Geschichte der Erfahrungsspiritualität, weil allein ein solcher zu einem angemessenen Verständnis führe. Entsprechend nähert er sich dem Neuplatonismus, der Hermetik, der Alchemie und der Kabbala. Der Theosophie schreibt der Autor eine Schlüsselstellung in der Entwicklung der Erfahrungsspiritualität zu.

Holman ist von der Existenz eines Kerns der westlichen Esoterik überzeugt, der für ihn in einem spezifischen Initiationsprozess besteht. Eine wichtige Rolle spielt im 20. Jahrhundert die spirituelle Psychologie von C.G. Jung, Roberto Assagioli und Ken Wilber, die für ihn eine besondere Erscheinungsform der westlichen Esoterik und zugleich ein notwendiger Schritt in ihrer Entwicklung ist. Er hält diese Psychologie für die Hauptform der modernen westlichen Esoterik und sieht in ihr auch einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der heutigen Bewusstseinskrisen.

Abgesehen davon, dass das Buch von Holman keine Kenntnisse voraussetzt und gut in seinen Gegenstand einführt, gibt es aus Benedikters Sicht aber vor allem Kritikwürdiges.

1. Holman sei auf jüngste Entwicklungen im angelsächsischen Diskurs konzentriert und gehe kaum auf die esoterischen Traditionen Kontinentaleuropas ein. Von der Freimaurerei, die in der Geschichte der Esoterik eine zentrale Rolle spiele, sei kaum die Rede. Die Anthroposophie werde bloß unter die Theosophie subsumiert. Westliche und östliche Formen der Esoterik würden ständig vermischt, ihre Unterschiede verundeutlicht. Ken Wilbers Theorie der subtilen Bewusstseinsformen werde zum Hauptinhalt der westlichen Esoterik erklärt, während sie in Wahrheit eine eklektische Form östlicher Esoterik darstelle. Wilber selbst habe von bedeutenden Strömungen der westlichen Esoterik wie der Freimaurerei, dem Rosenkeuzertum, der Theosophie oder Anthroposophie kaum eine Ahnung.

2. Holmans Zugang zur Esoterik sei nicht »wissenschaftlich«, sondern »identifikatorisch«, was Benedikter als Mangel betrachtet. Holman spreche als privater Experte und Mitglied einer Gemeinschaft, nicht als in den akademischen Diskurs eingebundener Gelehrter, der sich um eine gründliche subjektiv-objektive Forschung bemühe. Allerdings entgeht Benedikter hier die Pointe, dass er selbst aus der Sicht einer Gemeinschaft von privaten Experten spricht, jener der akademischen Gelehrten, die für sich jenen objektiv-subjektiven Zugang zum Gegenstand (welchem auch immer) beanspruchen, den sie Nichtmitgliedern ihrer Tradition absprechen. Dass man nur durch identifikatorische Prozesse und durch rigorose Initiationsverfahren Mitglied dieser Gemeinschaft werden kann, entgeht seinem soziologischen Blick. Holman lasse es an der nötigen Epoché, der Zurückhaltung des Urteils mangeln und verfalle sogar manchmal in einen Stil, der von Propaganda kaum mehr zu unterscheiden sei. Ausserdem polemisiere er gegen die akademische Gelehrsamkeit, was der Akzeptanz der Spiritualität an den Universitäten kaum zuträglich sei. Der Autor, über dessen Studie der in der Tradition Alices Baileys stehende »Esoteric Quarterly« schreibt: »The book is written in a somewhat dense scholarly style, though its relatively short length avoids tedium«, könnte durchaus der Tradition angehören, die er kritisiert. Doch selbst, wenn dies nicht der Fall ist, stellt eine solche Polemik kein generelles Disqualifizierungsmerkmal dar.

3. Hinzu kommt, dass Holman seine Leitideen selbst nicht in Frage stelle. Warum sollte er das tun? Weil er sonst nämlich den Eindruck erweckt, er wolle von seinen Ideen überzeugen, oder er gebe seine Interpretationen von Ideen als die Bedeutung dieser Ideen aus. Diese mangelnde Selbstkritik schlage vor allem dort zu Buche, wo der Verfasser darzulegen versuche, dass die »vier Erleuchtungen« des Perennialismus die Kernideen der westlichen Esoterik seien. Doch diese These ist aus Benedikters Sicht äußerst fragwürdig.

4. Was am am schwersten wiegt: dem Autor sei völlig entgangen, dass weder esoterische noch sonst irgendwelche Strömungen eine wirkliche Identität besäßen. Aus der Sicht der heutigen Ideengeschichte – hier formuliert Benedikter den für ihn bindenden akademischen Gesichtspunkt – müsse betont werden, dass jede Gedankenströmung aus mindestens zwei auf einander bezogenen Strömungen bestehe, die miteinander um die Vorherrschaft föchten. Allerdings würde dieser Gedanke, weiter verfolgt, in die Aporie führen, zwischen Unterströmungen unterscheiden zu müssen, die nach der These des Rezensenten ebenso wenig wie die Hauptströmung über eine Identität verfügen könnten. Diese Konsequenz gilt übrigens auch für den Vorwurf der mangelnden Unterscheidung zwischen westlicher und östlicher Esoterik. Wenn es keine Identität einer wie auch immer gearteten geistigen Strömung gibt, wie soll man hinreichend zwischen westlicher und östlicher Esoterik unterscheiden können?

Aus der Sicht des Rezensenten jedenfalls kann Holman aufgrund dieses Gesetzes nicht beanspruchen, das integrale Denken zu verkörpern, da viele einen solchen Anspruch erheben, die aber völlig Unterschiedliches unter diesem Begriff verstehen. Aber eben diese Identifikation des Autors mit seinen Ideen erschwert wieder, dass seine Interpretation akademisch Ernst genommen wird. Auch hier wieder so ein Widerspruch: man kann akademisch nur Ernst genommen werden, wenn man sich selbst nicht allzu Ernst nimmt. Anders ausgedrückt: es gehört zu den Ritualen der akademischen Gemeinschaft, sich selbst nicht Ernst zu nehmen, diese Gemeinschaft wird aus Teilnehmern gebildet, die sich selbst nicht Ernst nehmen. Wer das nicht Ernst nimmt, wird von ihr nicht Ernst genommen. Schließlich hindert diese Überzeugung von den eigenen Ideen auch noch die unterschiedlichen Vertreter des Perennialismus daran, einen wirkliche philosophia perennis auszubilden, weil sie sich weigern, miteinander über ihre verschiedenen Interpretationen zu diskutieren. Wäre aber eine solche wirkliche philosophia perennis nicht eine Philosophie mit einer eindeutigen Identität?

So bleibt am Ende nicht mehr viel übrig, was das Buch zur Diskussion über jene »ewige Philosophie« beitragen könnte. Seine Angst vor der Unterscheidung mache es unmöglich, dass sich das Unterschiedene – das es laut Benedikters Dialektik-These aber gar nicht wirklich gibt –, zu einer Einheit zusammenführen ließe.

Leider gelinge es Holman nicht, deutlich zu machen, wie es möglich sei, Rationalität und Spiritualität miteinander zu versöhnen. Benedikter erwartet die tragfähigen Umrisse einer solchen Versöhnung von künftigen, wissenschaftlich fundierteren Untersuchungen. Am Ende ist das Buch Holmans nicht mehr als eine – wenigstens gute – Selbstinterpretation eines Angehörigen einer bestimmten esoterischen Strömung der Gegenwart.

Was will man mehr, möchte man ausrufen, als dass die Angehörigen jener Traditionen, für die man sich interessiert, sich selbst gut auslegen und verständlich machen, was sie wollen! Und wenn sie das auch noch so tun, dass man ihnen glaubt, dass sie von ihrer Sache überzeugt sind! Jedenfalls weitaus interessanter als »subjektiv-objektive« Publikationen von Mitgliedern einer esoterischen Gemeinschaft, in der sich alle selbst nicht Ernst nehmen, über Gegenstände, die sie ebenfalls nicht Ernst nehmen, während sie von ihren Publikationen erwarten, dass man sie Ernst nimmt!

Mehr zur Esoterikforschung

John Holman, »The Return of the Perennial Philosophy. The Supreme Vision of Western Esotericism«

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21.11.09

Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners

Erstmals online zugänglich: der Aufsatz »Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners« aus dem Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1997. Der Aufsatz von Lorenzo Ravagli untersucht die philosophischen Wurzeln des esoterischen Schulungswegs in den Goetheschriften, den gnoseologischen und moralphilosophischen Werken Steiners vor der Jahrhundertwende.

Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners

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26.7.09

Denken des Mythos

Ein neues Licht am Himmel des Denkens erscheint in Gestalt Martin Spuras, der mit seinem genialen Erstlingswerk Das verweigerte Opfer des Prometheus, einen bahnbrechenden Beitrag zur Interpretation mythischer Denkbilder und der Geistesgeschichte des Abendlandes leistet.

Spura unternimmt in seinem Buch nichts Geringeres, als eine Rekonstruktion der Wegscheiden und Umbrüche in der Bewusstseinsentwicklung des Okzidents, die in eine klare, philosophisch formulierte Perspektive mündet, wie die gegenwärtige Menschheit sich aus den Sackgassen befreien kann, in die sie durch diese Entwicklung geraten ist. Im Zentrum seiner Untersuchung, die sich ebensosehr an die Begriffssprache Heideggers wie die Denkformen der Anthroposophie anlehnt, steht eine philosophische Meditation über das Wesen des Opfers und des Mythos. Spura entwickelt eine völlig neuartige Form – neuartig im Vergleich mit den Ansätzen anderer Mythographen des 20. Jahrhunderts –, den Mythos zu denken, die weder symbolisch noch naturalistisch ist, sondern schlicht spirituell. Der Mythos ist ein Bild der realen Geschichte. Diese Geschichte ist in erster Linie Geistes- und Bewusstseinsgeschichte. Die Bilder des Mythos, deren Sinngehalt er entbirgt, schildern eben diese Geistes- und Bewusstseinsgeschichte und umgreifen einen Zeitraum von Jahrtausenden. Sie greifen weit in die schriftlose Zeit zurück und weisen auf eine ebenso weit bevorstehende Zukunft der Menschheit. Sie betreffen eben so sehr unsere Gegenwart. Sie enthalten aber nicht nur Aussagen über die Geschichte der Menschheit als Kollektiv, sondern auch Schilderungen von Seelenvorgängen, die sich in jedem einzelnen Menschen abspielten und bis heute abspielen.

Nicht allein der Mythos erhält so eine vollkommen neue Bedeutung – die in Wahrheit nur seine vergessene alte, ewige ist –, sondern auch die Offenbarungsreligionen, insbesondere das Christentum, das als notwendige Konsequenz der vom Mythos beschriebenen Entwicklungen gedacht werden kann. Die Wahrheit des Christentums kann gedacht werden, ebenso wie die Wahrheit des Mythos. Sie stehen nicht im Gegensatz zueinander. Sie stehen auch nicht im Gegensatz zur Philosophie. Vielmehr wird sich die Philosophie nach ihrem Ende wieder dem Mythos zuwenden, um aus ihm eine Neubelebung zu erfahren. Was die Genien des deutschen Frühidealismus als Programm formuliert haben, wird von Spura in denkbar umfassendem Sinn eingelöst: die Philosophie muss wieder Mythologie werden, ohne die Klarheit des Begriffs und die rationale Form aufzugeben.

Alle von Spura untersuchten Mythen schildern die Beziehungen der Menschen zu den Göttern und die Wandlungen dieser Beziehungen. Die Entstehung des rationalen Geistes, der Philosophie und der Wissenschaften vor zweieinhalb Jahrtausenden ist die Folge von Handlungen der Götter, die jene gewaltige Veränderung im Bewusstsein der abendländischen Menschheit einleiteten, durch die sie selbst untergingen: durch die sie allmählich aus dem Bewusstsein der Menschheit entschwanden, um in den unbewussten Tiefen der menschlichen Seelen fortzuleben. Nicht nur im griechischen Mythos geht Spura den Zeugnissen für diese Umwälzungen nach, sondern auch im germanischen. Die Geschichte des Prometheus, die Schicksale der Tantaliden, der Demeter und Persephone, des Apoll und des Dionysos, die Edda, die Nibelungen, Beowulf und Parzival stellen von je unterschiedlichen Standpunkten dieselben Vorgänge oder bestimmte Aspekte dieser Vorgänge dar. Prometheus brachte der Menschheit nicht nur das Licht des Bewusstseins und der Wissenschaften und entbarg auf diese Weise das Seiende, er verhüllte zugleich die Götterwelt – das Sein – vor den Menschen. In den Gestalten des Dionysos und des Apoll, in den Geschicken der Demeter und Persephone, des Orest und der Iphigenie bereitete sich eine Überwindung der bewusstseinsgeschichtlichen Folgen dieser Prometheustat vor. Die Gefangenschaft am Kaukasus und die Hoffnung der Pandora erfahren eine neue, tiefgreifende Beleuchtung. Die Schicksale Baldurs und die Erzählungen von der Götterdämmerung künden, wenn auch aus einer anderen Perspektive, von der Heraufkunft der rationalen, begrifflichen Weltauffassung und von den Möglichkeiten ihrer Überwindung.

In ganz anderer Art bezeugt Hiob die Beziehung des Menschen zu Gott. Seine Heilsgewissheit und seine Zuversicht, dass sein Erlöser lebt, stellen eine wichtige Stufe in der Entwicklung des Wissens des Menschen von Gott und von sich selbst dar. In ihm scheint aus der Geschichte des Judentums eine aufkeimende Beziehung der Menschheit zur Weisheit, zur Sophia auf, die sich erst in den kommenden Jahrtausenden unter Einbezug der realgeschichtlichen Folgen der Menschwerdung Gottes entfalten kann.

Die Alchemie des Mittelalters und die »Aurora consurgens« des Thomas von Aquin erhalten durch Spura eine einzigartige Tiefendeutung, die ihre Relevanz für die Gegenwart erweist, schließlich auch das Rosenkreuzermysterium und der Isis-Osiris-Horus-Mythos, der sich in der unmittelbaren Gegenwart spiegelt.

Die bevorstehende Wandlung des abendländischen Bewusstseins ist jedoch nicht zu erringen, ohne eine Auseinandersetzung mit dem Bösen. In vielerlei Gestalt spricht der Mythos von diesem Bösen, das in den Tiefenschichten des Seins und der Menschenseele waltet, und das in der Neuzeit, insbesondere in der Gegenwart eine neue Erscheinungsform annimmt. Mit beeindruckender Präzision und Schärfe charakterisiert Spura die Konfigurationen dieses vom Menschen erzeugten Bösen in der sich vereinseitigenden wissenschaftlichen Rationalität und den scheinrealen Gebilden einer zweiten Natur, die sich von ihrem Erzeuger in den technomorphen Schichten des Daseins ablöst. Was in den Reichen der technischen Artefakte, in der Cyberwelt und den weltumspannenden Informationssystemen Gestalt annimmt, ist eine spezifisch neuzeitliche Erscheinungsform des Bösen, das den Menschen in seinem Sein bedroht. Während der Mensch als Abbild seines göttlichen Urbildes das Potential in sich trägt, durch Rückbesinnung auf die göttliche Weisheit und Liebe die Kluft zwischen sich und seinem Ursprung zu überwinden, reisst sich in den »Abbildern der Abbilder« eine neue ontologische Schicht vom Menschen los, die ihn mit sich in einen Abgrund des Scheins und des Todes zu ziehen droht, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Spura bietet in seinen Analysen eine vom Mythos gespeiste Technikphilosophie, die an Heidegger anknüpft, aber weit über ihn hinausweist. Hier ist auch der Ort, wo er sich mit den Verlockungen und Verirrungen Sloterdijks und seinem Loblied auf die technomorphe Selbstmodellierung des Menschen auseinandersetzt.

Der künftige Weg des Abendlandes führt durch die Erlösung des Bösen. Nur die Integration der Schattengestalten, die aus dem Menschen hervorgegangen sind, deren Umwandlung durch die Liebe, wird auch den an den Kaukasus geschmiedeten abendländischen Intellekt erlösen. Die lebenzerstörende Ratio muss durch die Liebe erlöst werden, die Herzenskräfte müssen in den Verstand einfließen, das Denken muss sich verchristlichen, wenn die drohende Apokalypse abgewendet werden soll.

Schließlich werfen Spuras Analysen auch ein gänzlich neues Licht auf die größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, auf den Holocaust, auf den Nationalsozialismus und den Kommunismus. Überzeugend legt er dar, dass das tiefere Wollen des Nationalsozialismus und des Kommunismus, das totalitäre Wollen, das den Menschen dem Sein entfremdet und ihn in die Opferung des Anderen treibt, keineswegs überwunden ist. Die entmenschlichenden politischen Religionen des 20. Jahrhunderts, die Hekatomben zum Opfer brachten, um sich selbst an der Macht zu erhalten, die aus der Seinsvergessenheit und der Verweigerung des Selbstopfers hervorgingen, sie beherrschen in metamorphosierter Form weiterhin die Gesellschaften, die angeblich aus ihrer Überwindung hervorgegangen sind. Der Ökonomismus, der Konsumismus und die Technokratie, die an die Stelle der totalitären Systeme getreten sind, gründen ebenso auf der Seinsvergessenheit und der Verweigerung des Selbstopfers wie jene. Die Gefahr, die uns droht, ist indes weitaus schwerer zu erkennen, da sie von Illusionen verdeckt wird. Im Wiederaufkommen der Eugenetik und medizinischer Selektionspraktiken zeichnet sich ab, dass das Verdrängte und scheinbar Überwundene zurückkehrt.

Die Menschheit steht an einem Scheideweg. Entweder sie setzt den Weg des verweigerten Opfers fort, oder es gelingt ihr, sich an den Vorbildern auszurichten, von denen der Mythos erzählt. Er erzählt von der Suche nach der göttlichen Sophia, der Liebe, die das Böse erlöst. Er erzählt von der freiwilligen Annahme und Verwandlung des Schattens, vom Tod und der Auferstehung, die aus dem Verzicht auf das ohnehin Vergängliche hervorgehen kann. Er erzählt davon, wie das Feuer des Herzens den Intellekt erlöst, der den Menschen sich selbst und den Göttern entfremdet. Der Mythos will bedacht sein. Er ist nicht eine überwundene Stufe der Entwicklung, sondern der fortströmende Quell des Seins, aus dem wir unser Leben schöpfen. Wird er bedacht, lässt er uns nicht in eine Welt des Irrationalen zurückfallen, sondern bewahrt uns gerade vor einem solchen Rückfall, der darin besteht, dass wir den undurchschauten Mythen des Rationalismus erliegen. Dieser verheisst uns das prometheische Licht der Erkenntnis, ohne die erlösende und versöhnende Liebe der Persephone. Er will uns glauben machen, in diesem Licht allein liege unser Heil. Dass dies nicht zutrifft zeigt bereits das Schicksal der Tantaliden.

Lorenzo Ravagli

Martin Spura, Das verweigerte Opfer des Prometheus: Der Ariadnefaden der abendländischen Geistesentwicklung

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14.12.08

Michael Ende und die Anthroposophie

Von Lorenzo Ravagli

In ihrem lesenswerten Artikel über »Darwins Jim Knopf«, der am 13. Dezember in der FAZ erschienen ist, weist Julia Voss darauf hin, dass Michael Ende in seinem Denken am meisten von Rudolf Steiners Essay »Darwinismus und Sittlichkeit« beeinflusst worden sei. Jim Knopf stellt nach Julia Voss eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Interpretation des Darwinismus dar. Darwins Lehre von Wandel, Zufall und Variation mutierte im Nationalsozialismus zu einer Erzählung von Zucht, Herrschaft und Hierarchie. »Jim Knopf und die wilde Dreizehn«, vielen aus den Aufführungen der Augsburger Puppenkiste bekannt, ist ein Schlüsselroman, in dem einige der schönsten Mythen der Menschheit aus den Fängen des Bösen befreit werden.

»Lummerland«, schreibt Julia Voss, »die Drachen, die Völker, ihre Heimat Atlantis, werden den Nationalsozialisten entwendet. Die Mischwesen siegen, und alles darf sich mit allem verbinden. Rasse, Schande und Tod werden von Lukas, Jim, dem Riesen Tur Tur, Prinzession Lisi oder Sursulapitschi überwunden, eine neue Evolution wird in Gang gesetzt.«

Bei dem Text, der Ende am meisten beeinflusste, »Darwinismus und Sittlichkeit«, handelt es sich nicht um einen Essay Steiners, sondern um ein Kapitel der »Philosophie der Freiheit«. Dieses Buch stellt die philosophische Grundlegung der Anthroposophie dar. Das Kapitel XII: »Die moralische Phantasie«, trägt den in Klammern gesetzten Untertitel »Darwinismus und Sittlichkeit«. In ihm führt Steiner den Gedanken aus, dass der ethische Individualismus die Krönung des Gebäudes ist, das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft errichtet haben. Er ist eine »vergeistigte Entwicklungslehre«, auf das sittliche Leben übertragen. Mit anderen Worten: der moralischen Verbesserung der Menschheit sind keine Grenzen gesetzt, weil sie sich auch in dieser Hinsicht zu entwickeln vermag. Steiner reicht Lessing hier die Hand.

Der Text findet sich in der Rudolf-Steiner-Bibliothek auf anthroposophy.com im Internet

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1.12.07

Was wollen Anthroposophen wirklich?

Von Lorenzo Ravagli

Die Anthroposophen wollen eine andere Welt, eine bessere Welt. Eine Welt, in der nicht verschwenderisch Raubbau an den Ressourcen der Erde getrieben wird. Eine Welt, in der die Menschheit die Erde von der Lithosphäre bis zur Stratosphäre schützt und hegt, weil sie die Grundlage der Existenz aller ist. In der Tiere nicht grausam gequält werden, um einen Teil der Menschheit ungesund zu ernähren und gleichzeitig andere dem Hungertod preiszugeben. Eine Welt, die nicht vergiftet wird, um billige Lebensmittel zu erzeugen, in der Landwirtschaft ein wirklicher Dienst an der Erde und ihren Lebewesen ist, der entsprechend von den Konsumenten der Nahrung gewürdigt wird.

Eine Welt, in der Menschen nicht gezwungen werden, nur um subsistieren zu können, sinnlose Produkte zu erzeugen, die ihrer Gesundheit und der Gesundheit anderer schaden oder menschenunwürdige Arbeiten und Dienstleistungen zu verrichten. Sie wollen eine Ökonomie, die nicht Überfluss, sondern Sättigung schafft, die mit ihrer Wertschöpfung nicht dem Egoismus Weniger, sondern dem Wohl aller dient. In der Menschen nicht als Sklaven von Gruppeninteressen missbraucht werden, sondern die Kapitalressourcen der individuellen und spirituellen Entfaltung der Menschen dienen. Sie wollen eine gerechtere Welt, in der die Schätze der Natur und der Kultur unter allen Völkern und Kulturen brüderlich geteilt werden. Eine Welt, in der die kulturellen und zivilisatorischen Güter gerecht verteilt werden, in der die Zugänge zur Bildung und zu Lebenschancen jedem offen stehen.

Sie wollen eine Gesellschaft, in der wirkliche Freiheit herrscht, Freiheit des Denkens und Handelns, in der sich die kreativen Kräfte der Einzelnen optimal entfalten können und diese Entfaltung durch die Anstrengungen aller gesichert wird. Sie wollen eine Welt, in der Behinderte ihren Lebensbedingungen entsprechend vollwertig in die Gesellschaft integriert sind. In der Kranke wirklich geheilt, statt durch medizinische Behandlung krank werden. In der iatrogene Moribundität nicht in Gesundheit umdefiniert wird, weil ein medizinisch-industriell-politischer Komplex aus dieser Umdefinition schamlos Profit zieht. In der Alte nicht abgeschoben werden, sondern mit ihren Lebenserfahrungen vollwertig an der Gemeinschaft partizipieren dürfen. In der Sterbende würdevoll in ihre geistige Heimat zurückkehren dürfen.

Sie wollen eine Welt, in der es keine Kriege gibt, da die einzelnen Völker oder Bürgerschaften nur danach wetteifern, sich in Friedfertigkeit und Edelmut gegen einander zu übertreffen. Sie glauben, dass eine solche Welt möglich ist, wenn die einzelnen Völker und Kulturen sich in ihren unterschiedlichen Werten und Mythen achten und diesen dieselbe Liebe entgegenbringen, wie den jeweils eigenen. Sie wollen eine pluralistische Gesellschaft, in der die unterschiedlichen Religionen, Weltanschauungen und Wissenschaftsrichtungen gleichberechtigt und friedlich miteinander koexistieren können. Sie wollen eine Gesellschaft, in der das spirituelle Leben nicht ausgeschlossen wird, sondern den Alltag bis in die Wirtschaft durchdringt, und eine Technik erzeugt, die nicht lebensfeindlich, sondern lebensdienlich ist.

Sie glauben, dass die Menschheit eine Aufgabe hat: sich als Gemeinschaft zu begreifen, in der jeder Einzelne, jedes Volk, jede Kultur den anderen die gleiche Liebe und Anerkennung entgegenbringt. Dass sie sich als eine vielfältige, in sich differenzierte und doch in allen ihren Teilen auf einander angewiesene Einheit erkennen kann. Als eine organismische Noosphäre, die den Planeten Erde als Arche inmitten eines unendlichen Kosmos sehen lernt, von dem ihre Existenz abhängt, dem gegenüber sie Ehrfurcht und Selbstlosigkeit bezeugen will. Dass diese bruderschaftlich verstandene Menschheit nicht nach der Maxime verfahren wird, das Glück Weniger auf Kosten Vieler anzustreben, oder das Glück vieler auf Kosten Weniger, sondern das Glück aller. Sie streben eine Welt an, in der biologische oder Herkunftsunterschiede oder sonst irgendwelche äußeren Kennzeichen des Menschen kein Hindernis für den Zugang des Einzelnen zu was auch immer darstellen. In der sich die Menschen, gleich welche Hautfarbe, welche Weltsicht, welche Bildung, welche Religion sie haben, vorbehaltlos als Menschen anerkennen und auch als solche behandeln.

Sie wollen die Menschen insgesamt von ihrer Abhängigkeit von Macht und Besitz befreien. Sie würden sich wünschen, die Begegnung unter Menschen könnte wie ein religiöses Sakrament aufgefasst werden, als das Heiligste, das uns geschenkt ist. Sie glauben an die Heiligkeit des menschlichen Lebens, an seine Gottursprünglichkeit, aber auch die Gottebenbildlichkeit des Menschen, eines jeden Menschen, möge er welche Hautfarbe auch immer und was für Vorzüge oder Behinderungen auch immer besitzen. Sie sehen den Menschen aufgrund seiner Gottebenbildlichkeit im Besitz einer unantastbaren und unveräußerlichen Würde. Sie halten diese Würde des Menschen für ein heiliges Gut, das sie mit religiöser Ehrfurcht achten.

Sie sind der Überzeugung, dass der Mensch mit Verstand und Vernunft begabt ist, um bis in die letzten Gründe und Ursachen des Weltgeschehens vorzudringen. Dass er seine Erkenntnisfähigkeiten anwenden kann, um eine pluralistische, freiheitliche Gesellschaft autonomer Individuen zu schaffen, in der zugleich der Individualismus durch gegenseitige Liebe und Solidarität nicht nur unter den Nächsten, sondern auch den Fernsten ausgeglichen wird. Sie sind der Überzeugung, dass eine rein diesseitsorientierte Zivilisation wesentliche Teile der menschlichen Existenz unberücksichtigt lässt, und soziales Unglück heraufbeschwört, weil sie die spirituellen Bedürfnisse des Menschen verneint. Dass eine Wissenschaft, die sich lediglich dem Sichtbaren und Messbaren zuwendet, der komplexen menschlichen Existenz nicht gerecht wird, und Gefahr läuft, wenn sie Dominanz über die politischen Entscheidungen erlangt, eine soziale Wirklichkeit zu schaffen, in der der unsichtbaren und ungreifbaren Seite des Menschenwesens die Existenzberechtigung aberkannt wird. Ganz zu schweigen von der Intoleranz und dem sozialen Unfrieden, die eine solche Dominanz erzeugen würde.

Sie betrachten spirituelle Erfahrung und spirituelle Weltbilder als notwendige Konsequenz der conditio humana, aus deren spirituellen Dimensionen sie sich naturgemäß ergeben und erkennen diesen dieselbe Existenzberechtigung zu, wie unspirituellen Weltbildern. Sie plädieren für Toleranz zwischen den Weltanschauungen und Religionen, die die fremde Andersartigkeit ebenso achtet wie die eigene. Sie sind der Ansicht, dass ein Friede zwischen den Religionen nur erreicht werden kann, wenn diese sich nicht mit ausschließlichen Wahrheitsansprüchen bekämpfen, sondern ihre jeweiligen Welterklärungsweisen und aus ihnen entspringenden Lebensformen als legitime Selbstauslegung des spirituellen Menschenwesens gelten lassen.

Sie verabscheuen jede Ideologie, die danach trachtet, das Fremde oder Andersartige auszulöschen, weil sie alleinige Geltung beansprucht. Jede Form von Totalitarismus ist ihnen zuwider, weil sie ihrem höchsten Ideal, der individuellen Freiheit widerspricht. Sie befürworten eine absolute Religionsfreiheit. Sie betrachten ebenso die Kunst als eine wesentliche Selbstauslegung des Menschen, der eine bedeutende Aufgabe in der Bildung, Erziehung und im gesellschaftlichen Leben zukommt, weil sie auch Ausdrucksformen für jene Aspekte des menschlichen Lebens bietet, die von der wissenschaftlichen Rationalität missachtet werden, wie die Emotionalität oder die Empathie, wie das Ahnen und die Sehnsucht.

Sie sind der Überzeugung, dass die Menschheit, wenn sie diese Ziele anstrebt, nicht nur ein friedliches Leben auf dieser Erde führen kann, sondern dass sie durch die Verwirklichung dieser Ideale sich kollektiv auf eine höhere Evolutionsstufe erheben wird, eine spirituelle Stufe der Evolution, in der nicht mehr die ererbten tierischen Urinstinkte die Geschichte bestimmen werden, sondern die moralischen Instinkte, die sich der Mensch selbst anerzogen hat. Dieser neue Entwicklungsschub kommt jenem der neolithischen Revolution gleich, ja wird ihn bei weitem übertreffen. Die Menschheit wird dann nicht mehr die Erde für sich beanspruchen, sondern sich ihr hingeben. Die moralischen Kräfte werden die Menschheit und mit ihr die Erde in eine Form erheben, die dem göttlichen Ursprung näher steht, als die gegenwärtige. Denn letztlich schließt die Gottebenbildlichkeit des Menschen eine Perspektive der Entwicklung ein, in der der Mensch durch Freiheit zur theosis gelangen kann. Für all diese Ziele setzen sich die Anthroposophen überall auf der Welt ein, weil es ihnen Ernst mit der besseren Welt ist. Sie arbeiten im Bildungswesen, im medizinisch-therapeutischen Bereich, im Kulturwesen, in der Wirtschaft, in den Wissenschaften, um die sanfte Revolution voranzutreiben, die ihnen vor Augen schwebt.

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28.1.06

Dreigliederung des sozialen Organismus

Von Lorenzo Ravagli

Man kann heute von „Sozialisierung” als von dem reden hören, was der Zeit nötig ist. Diese Sozialisierung wird kein Heilungsprozeß, sondern ein Kurpfuscherprozeß am sozialen Organismus sein, vielleicht sogar ein Zerstörungsprozeß, wenn nicht in die menschlichen Herzen, in die menschlichen Seelen einzieht wenigstens die instinktive Erkenntnis von der Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dieser soziale Organismus muß, wenn er gesund wirken soll, drei solche Glieder gesetzmäßig ausbilden.

Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses ökonomische Leben muß ein selbständiges Glied für sich innerhalb des sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das Nerven-Sinnes-System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum ist.

Als zweites Glied des sozialen Organismus ist zu betrachten das Leben des öffentlichen Rechtes, das eigentliche politische Leben. Zu ihm gehört dasjenige, das man im Sinne des alten Rechtsstaates als das eigentliche Staatsleben bezeichnen könnte. Während es das Wirtschaftsleben mit all dem zu tun hat, was der Mensch braucht aus der Natur und aus seiner eigenen Produktion heraus, mit Waren, Warenzirkulation und Warenkonsum, kann es dieses zweite Glied des sozialen Organismus nur zu tun haben mit all dem, was sich aus rein menschlichen Untergründen heraus auf das Verhältnis des Menschen zum Menschen bezieht. Es ist wesentlich für die Erkenntnis der Glieder des sozialen Organismus, daß man weiß, welcher Unterschied besteht zwischen dem System des öffentlichen Rechtes, das es nur zu tun haben kann aus menschlichen Untergründen heraus mit dem Verhältnis von Mensch zu Mensch, und dem Wirtschafts-System, das es nur zu tun hat mit Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum. Man muß dieses im Leben empfindend unterscheiden, damit sich als Folge dieser Empfindung das Wirtschafts- von dem Rechtsleben scheidet, wie im menschlichen natürlichen Organismus die Tätigkeit der Lunge zur Verarbeitung der äußeren Luft sich abscheidet von den Vorgängen im Nerven-Sinnesleben.

Als drittes Glied, das ebenso selbständig sich neben die beiden andern Glieder hinstellen muß, hat man im sozialen Organismus das aufzufassen, was sich auf das geistige Leben bezieht. Noch genauer könnte man sagen, weil vielleicht die Bezeichnung „geistige Kultur” oder alles das, was sich auf das geistige Leben bezieht, durchaus nicht ganz genau ist: alles dasjenige, was beruht auf der natürlichen Begabung des einzelnen menschlichen Individuums, was hineinkommen muß in den sozialen Organismus auf Grundlage dieser natürlichen, sowohl der geistigen wie der physischen Begabung des einzelnen menschlichen Individuums. Das erste System, das Wirtschaftssystem, hat es zu tun mit all dem, was da sein muß, damit der Mensch sein materielles Verhältnis zur Außenwelt regeln kann. Das zweite System hat es zu tun mit dem, was da sein muß im sozialen Organismus wegen des Verhältnisses von Mensch zu Mensch. Das dritte System hat zu tun mit all dem, was hervorsprießen muß und eingegliedert werden muß in den sozialen Organismus aus der einzelnen menschlichen Individualität heraus.

Ebenso wahr, wie es ist, daß moderne Technik und moderner Kapitalismus unserm gesellschaftlichen Leben eigentlich in der neueren Zeit das Gepräge gegeben haben, ebenso notwendig ist es, daß diejenigen Wunden, die von dieser Seite her notwendig der menschlichen Gesellschaft geschlagen worden sind, dadurch geheilt werden, daß man den Menschen und das menschliche Gemeinschaftsleben in ein richtiges Verhältnis bringt zu den drei Gliedern dieses sozialen Organismus. Das Wirtschaftsleben hat einfach durch sich selbst in der neueren Zeit ganz bestimmte Formen angenommen. Es hat durch eine einseitige Wirksamkeit in das menschliche Leben sich besonders machtvoll hereingestellt. Die andern beiden Glieder des sozialen Lebens sind bisher nicht in der Lage gewesen, mit derselben Selbstverständlichkeit sich in der richtigen Weise nach ihren eigenen Gesetzen in den sozialen Organismus einzugliedern. Für sie ist es notwendig, daß der Mensch aus den oben angedeuteten Empfindungen heraus die soziale Gliederung vornimmt, jeder an seinem Orte; an dem Orte, an dem er gerade steht. Denn im Sinne derjenigen Lösungsversuche der sozialen Fragen, die hier gemeint sind, hat jeder einzelne Mensch seine soziale Aufgabe in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft.

Rudolf Steiner, Kernpunkte der sozialen Frage 1919

Kernpunkte der sozialen Frage

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