11.4.09

Wiederkehr der Rassenhygiene

Von Lorenzo Ravagli

Der Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments setzt sich neuerdings dafür ein, seltene Krankheiten mit Hilfe von Selektion und genetischer Beratung »auszumerzen«.

Ein Änderungsvorschlag zur Empfehlung der Kommission, die Lage erkrankter Menschen durch Koordination von Forschung auf europäischer Ebene zu verbessern, fordert, »Bemühungen zu unterstützen, um seltene Erbkrankheiten zu verhindern, die schließlich zur Ausmerzung (»eradication«) dieser seltenen Krankheiten führen werden.« Ausdrücklich werden genetische Beratung und die Selektion (»selection«) gesunder Babys vor der Einpflanzung genannt. Verfasst wurde der Änderungsvorschlag vom griechischen Christdemokraten Trakatellis zusammen mit einer niederländischen Sozialdemokratin, einer belgischen Liberaldemokratin und einem zyprischen Sozialisten. Die parteiübergreifende Koalition der Rassenhygieniker setzt auf die Verhinderung erbkranken Nachwuchses (so nannte man das früher) auf europäischer Ebene, nicht zuletzt, um Kosten zu vermeiden, die durch diesen Nachwuchs entstehen. Um welche Dimensionen es dabei geht, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass die EU-Kommission von etwa 5000 bis 8000 seltenen Krankheiten spricht, an denen 6 bis 8 Prozent der EU-Bürger leiden. Das sind auf die Bevölkerungszahl der EU übertragen 27 bis 36 Millionen Menschen. Nach Trakatellis und Konsorten hätten diese Menschen gar nicht erst geboren werden dürfen.

Die Denkweise, die dem Änderungsvorschlag zugrunde liegt, steht in schroffem Gegensatz zur Antidiskriminierungspolitik der EU, die sich darum bemüht, jegliche Art von Benachteiligung aufgrund körperlicher Merkmale, zu denen auch Krankheiten gehören, zu beseitigen. Während auf der einen Seite »Behinderte« oder Benachteiligte in das Leben der Gesunden integriert werden sollen, bemühen sich auf der anderen Neo-Eugeniker darum, eine solche Integration in Zukunft überflüssig zu machen. Wenn aus Gründen der Kostenvermeidung künftig genetische Zwangsuntersuchungen eingeführt werden, die die Grundlage für staatlich sanktionierte Entscheidungen über die Erlaubnis zur Fortpflanzung oder die Pflicht zur Abtreibung bilden, werden endlich jene Ziele verwirklicht sein, von denen die Eugeniker und Rassenhygieniker des frühen 20. Jahrhunderts träumten. Eine Welt, in der Menschen aufgrund genetischer Merkmale und aus Kostengründen selektiert werden, ist keine bessere Welt, sondern eine totalitäre Horrorvision.

Bücher zum Thema:

Peter Weingart et al: Rasse, Blut und Gene: Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland
Otto Speck: Soll der Mensch biotechnisch machbar werden?: Eugenik, Behinderung und Pädagogik

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21.3.09

Winnenden und das Böse

Von Lorenzo Ravagli

Der württembergische Kultusminister, Helmut Rau, hat den Amoklauf von Winnenden als eine Manifestation des Bösen bezeichnet. Der Bischof von Erfurt, Joachim Wanke, stellt in der FAZ die kirchliche Auffassung des Bösen klar.

Für Bischof Wanke ist die Herkunft des Bösen »ein dunkles Rätsel«, vor dem wir »ratlos« bleiben. (FAZ, Nr. 68 vom 21.3.2009) Das Reden vom Teufel ist ein »Festhalten am Geheimnis des Bösen, das letztlich unerklärlich ist«. Da das Christentum eine dualistische, gleichursprüngliche Existenz des Bösen mit dem Guten ebenso ablehnt, wie die Vorstellung, jenes könne seinen Ursprung in Gott haben, bleibt nur die Annahme, es beruhe auf einer freien Entscheidung, das Gute zu verneinen. »Das« Böse ist also eine Negation, die Negation des Guten. Wie verhält es sich aber mit jenem Bösen, das in der Bibel Eigennamen trägt?

Das Böse, so der Bischof, hat immer auch eine personale Dimension, aber die Person des Bösen kann man nicht mit dem menschlichen Person-Sein gleichsetzen, denn wo es nur reine Verneinung gibt, kann es keine Personalität, keine Kommunikation geben. Die Bibel »rechnet mit der Herrschaft Satans, aber dieser ist durch Jesus besiegt«. Sie spricht auch von der »Besessenheit« des Menschen durch »unreine Geister«. Ist das eine zeitbedingte, einem längst überholten Weltbild verpflichtete Rede? Dass ein Mensch »besetzt« sein kann, ist für Bischof Wanke »außerhalb jedes Zweifels«. Aber er warnt auch vor den »furchtbaren Folgen des Hexenwahns«. Das Böse sieht Wanke in der »Rebellion gegen Gottes Schöpfungsordnung« manifest werden, die das Zeitgeschehen durchzieht, in der Täuschung, der Mensch könne sein wie Gott, in Taten der Inhumanität, in Verhältnissen, die die Freiheit unterbinden, die Wahrheit unterdrücken. Das Böse, so der Bischof, ist ein »Epiphänomen«, das das Gute begleitet, ohne es je verschlingen zu können. Nein, müssen wir entgegnen: das Böse ist kein Epiphänomen, sondern ein Urphänomen.

Bischof Wanke blendet, wie so viele andere Christen unserer Tage, die Welt der Engel aus. Wenn es nur Gott und den Menschen gibt und Gott der Inbegriff des Guten ist, bleibt eigentlich für das Böse kein Platz, es sei denn, man verortet es im Menschen allein. Anerkennt man aber die Existenz von Engeln, wie die Bibel dies ja tut, eröffnet sich der Blick auf Heerscharen von personalen Wesen, die zwischen Gott und dem Menschen stehen, die zwischen beiden vermitteln, aber die Beziehung zwischen beiden auch trüben können. Autoren wie Thomas von Aquin oder Albertus Magnus schrieben ganze Enzyklopädien über die »substantiae separatae«, über die Engelwesen, reine, körperlose Geister, die vielfältige Aufgaben im Kosmos und im Leben des Menschen wahrnehmen. Heute sähen sich diese Scholastiker, die auf der Höhe der wissenschaftlichen Rationalität ihrer Zeit standen, dem Vorwurf des Spiritismus oder Okkultismus ausgesetzt, wenn die Glaubenswächter des Säkularismus sie überhaupt lesen würden. Es ist gut biblisch, von Wesen des Bösen zu sprechen. Sie sind im Neuen Testament Legion (man denke nur an die Schweineherde, in die die unreinen Geister fahren, die Jesus austreibt). Die Bibel kennt »Diabolos« und »Satanas«, sie kennt eine Fülle weiterer geistiger Wesen des Bösen. Man nehme sich nur einmal wieder das von aufgeklärten Christen am meisten gemiedene Buch, die Apokalypse des Johannes vor, die zur Diagnostik des 20. und 21. Jahrhunderts verfasst scheint.

Wenn man dem Menschen die Freiheit der Entscheidung zubilligt, muss man auch von jenen Kräften reden, die dieser Freiheit entgegenstehen. Und man muss anerkennen, dass diese Freiheit gerade die Möglichkeit des Irrtums und des Bösen einschließt. Was wäre eine Freiheit, wenn sie nur die Freiheit zum Guten wäre? Sie muss auch die Freiheit zum Bösen sein. Das Böse muss genauso real sein, wie das Gute, sonst stellte es keine wirkliche Alternative dar. Und zwar geistig real.

Besessenheit bedeutet nicht nur Tobsucht, wie der Begriff des »Amoklaufs« nahelegt. Der Mensch kann von Emotionen, Affekten überwältigt werden, die sein klares Urteilsvermögen, seine Selbstbeherrschung mit sich fort reißen, ihn zu Handlungen blindwütiger Gewalt treiben. Er kann aber auch von einer kalten, herzlosen Intelligenz ergriffen werden, die sein Mitgefühl, seine Empathie auslöscht und ihn mit kühler Überlegung Taten des Bösen vollbringen lässt. Die Attentäter des 11. September waren keine blindwütigen Affekttäter, der Amokläufer von Winnenden auch nicht, ebensowenig der Inzesttäter von Amstetten, der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller gefangenhielt, und sie mehrere tausend Mal vergewaltigte. All diese Täter waren von einer kalten, seelenlosen Intelligenz besessen, die ihnen ihre Taten als rational, als logisch, als natürlich und gerechtfertigt erscheinen ließ. So auch der »Amokläufer« von Winnenden.

Diese kalte, seelenlose, empathiefreie Intelligenz ist die Macht des Bösen, mit der wir es in unserer Epoche zu tun haben. Nennen wir sie beim Namen: sie ist satanisch.

Lektüre: Rudolf Steiner, Die Apokalypse des Johannes.

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19.12.08

Stimme der Humanität

Glaubenskongregation nimmt Stellung zur Bioethik

Von Lorenzo Ravagli

Die römische Glaubenskongregation hat am 12. Dezember eine Instruktion zur Bioethik veröffentlicht, in der die künstliche Befruchtung und die massenhafte Vernichtung von menschlichen Embryonen verurteilt wird. Höchster Leitsatz des Dokumentes »Dignitas personae« (Würde der Person) ist die Achtung der Menschenwürde. Der Mensch ist von der Empfängnis an als Person zu achten und zu behandeln. Der Ursprung des menschlichen Lebens ist die Familie, Zeugung ist die Frucht der Ehe und der gegenseitigen Liebe von Mann und Frau. Mit der Instruktion nimmt die katholische Kirche auf unmißverständliche Weise Stellung gegen eine Reihe von Fortpflanzungstechnologien, die im Namen der Humanität die elementarsten Grundsätze der Menschenwürde verletzen. Manche dieser Techniken wurden vor kurzem in Großbritannien legalisiert.

Mit Nachdruck weist die Kongregation auf die unethischen Begleitumstände der künstlichen Befruchtung. Die Zahl der geopferten Embryonen beträgt mehr als 80 Prozent. Die mit Defekten behafteten Embryonen werden in der Regel selektiert. Immer häufiger greifen auch nicht sterile Paare zur genetischen Selektion ihrer Kinder, um gewünschte Eigenschaften zu erzeugen. Die Mehrlingsübertragung, die in Kauf nimmt, daß einige der erzeugten Kinder zugrunde gehen, instrumentalisiert Embryonen. Die Injektion von selektierten Samenzellen ist verwerflich, weil sie das Leben des Embryos der Macht der Mediziner anvertraut und eine Herrschaft der Technik über den Ursprung der menschlichen Person errichtet. Die Einfrierung von Embryonen ist unethisch, da sie deren Schädigung und Tod in Kauf nimmt. Die Tausenden von eingefrorenen Embryonen stellen vor moralische Abgründe: sowohl ihre Vernichtung als auch ihre Verwendung für die medizinische Forschung sind mit dem Grundsatz der Menschenwürde unvereinbar. Dasselbe gilt für das Einfrieren von Eizellen im Hinblick auf eine künstliche Befruchtung. Werden überzählige Embryonen vor der Implantation vernichtet, um Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden, führt dies zu denselben moralischen Aporien. Die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht die Selektion bestimmter Embryonen aufgrund körperlicher Merkmale oder des Verdachts, sie könnten Chromosomendefekte aufweisen. Sie ist eine Technik der qualitativen Selektion, die Urteile über lebenswertes und lebensunwertes Leben impliziert.

Mittel der Schwangerschaftsverhinderung, die die Einnistung eines befruchteten Embryos verhindern, wie die Spirale oder die Pille danach, sind einer Abtreibung gleichzusetzen.

Während die somatische Gentherapie, die darauf abzielt, genetische Defekte auf der Ebene der Körperzellen zu beheben, unter bestimmten Bedingungen sittlich erlaubt ist, erscheinen die Risiken der Keimbahntherapie gegenwärtig kaum kontrollierbar und stehen in keinem Verhältnis zum erwarteten Nutzen. Insbesondere wird jedoch der Einsatz der Gentechnik zur vermeintlichen Verbesserung oder Potenzierung der genetischen Ausstattung des Menschen abgelehnt. In einer solchen Zielsetzung kommt nach Auffassung der Kongregation eine eugenische Mentalität zum Ausdruck, die Menschen ohne »besondere Gaben« sozial stigmatisiert, während andere mit erwünschten Begabungen, die aber nicht das spezifisch Menschliche ausmachen, bevorzugt werden. Könnte sich diese Ideologie durchsetzen, würde sie das friedliche Zusammenleben der Menschen gefährden. Der Versuch, einen neuen Menschentypus zu schaffen, schließt überdies die Anmaßung ein, der Mensch könne sich an den Platz des Schöpfers stellen.
Besonders gravierend erscheint der Kongregation auch das Klonen. Dem geklonten Menschen würde ein vorausbestimmtes genetisches Erbgut auferlegt, er würde einer »biologischen Sklaverei« unterworfen. Die genetischen Merkmale anderer Personen willkürlich zu bestimmen, ist ein schwerer Verstoß gegen die Menschenwürde, nicht weniger als die Herstellung von Embryonen mit dem Ziel, sie zu zerstören, um Kranken zu helfen. Letzteres erniedrigt den Menschen zu einem bloßen Mittel, das gebraucht und anschließend vernichtet werden kann.

Die Beurteilung der Stammzellforschung hängt davon ab, wie die Stammzellen gewonnen werden: unbedenklich sind die Gewinnung aus Geweben des erwachsenen Organismus, aus der Nabelschnur und aus Föten, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Verwerflich hingegen deren Gewinnung aus lebendigen Embryonen, weil diese unweigerlich zum Tode führt. Auch der Import solcher Stammzellen ist eine »Mitwirkung am Bösen«. Schließlich ist auch die Erzeugung von Mensch-Tier-Hybriden eine Beleidigung der Menschenwürde, weil sie die spezifische Identität des Menschen beeinträchtigt.

Wie immer man zur päpstlichen Lehrautorität stehen mag, man kann der katholischen Kirche für diese klaren Worte nur dankbar sein.

Die Langfassung der Instruktion findet sich hier.

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28.10.05

Totalität des Charakters



Der Mensch kann sich auf doppelte Weise entgegengesetzt sein:

entweder als Wilder, wenn seine Gefühle über seine Grundsätze herrschen; oder als Barbar, wenn seine Grundsätze seine Gefühle zerstören. Der Wilde verachtet die Kunst, und erkennt die Natur als seinen unumschränkten Gebieter; der Barbar verspottet und entehrt die Natur, aber verächtlicher als der Wilde fährt er häufig genug fort, der Sklave seines Sklaven zu sein. Der gebildete Mensch macht die Natur zu seinem Freund, und ehrt ihre Freiheit, indem er bloß ihre Willkür zügelt.

Wenn also die Vernunft in die physische Gesellschaft ihre moralische Einheit bringt, so darf sie die Mannigfaltigkeit der Natur nicht verletzen. Wenn die Natur in dem moralischen Bau der Gesellschaft ihre Mannigfaltigkeit zu behaupten strebt, so darf der moralischen Einheit dadurch kein Abbruch geschehen; gleich weit von Einförmigkeit und Verwirrung ruht die siegende Form. Totalität des Charakters muss also bei dem Volke gefunden werden, welches fähig und würdig sein soll, den Staat der Not mit dem Staat der Freiheit zu vertauschen.

Friedrich Schiller

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