25.1.10

Einfühlsamer Empirismus

Der Beitrag von Arthur Versluis zur Methodologie der Esoterikforschung

Von Lorenzo Ravagli

In den Jahren 2002 und 2003 hat Arthur Versluis, einer der führenden amerikanischen Köpfe auf diesem Gebiet, in der Zeitschrift »Esoterica« einen zweiteiligen Beitrag zur Diskussion über die Methoden der Forschung veröffentlicht, der sich kritisch mit Antoine Faivre und Wouter J. Hanegraaff auseinandersetzt. Die Grundzüge seiner Argumentation werden in einem  Essay auf anthroweb.info referiert und kommentiert.

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17.1.10

Die Konstruktion esoterischer Traditionen

Von Lorenzo Ravagli

1998 erschien in der Reihe »Gnostica« ein Band mit dem Titel »Western Esotericism and the Science of Religion«, mit einem Beitrag Wouter J. Hanegraaffs über die »Konstruktion esoterischer Traditionen«, der für das Selbstverständnis dieses führenden Esoterikforschers und für die Methodendiskussion dieser jungen Disziplin von herausragender Bedeutung ist. Hier werden die wesentlichen Grundgedanken des Beitrags referiert und soweit Anlass besteht, kritisch kommentiert

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2.1.10

Esoterik als Denkform – Antoine Faivres Beitrag zur Methodik der Forschung

Von Lorenzo Ravagli
 
Der klassische Beitrag zur Methodologie der Esoterikforschung stammt von Antoine Faivre, dem Inhaber des Lehrstuhls für die »Erforschung esoterischer und mystischer Strömungen im modernen und zeitgenössischen Europa« von 1979 bis 2002 an der Sorbonne in Paris. Er veröffentlichte seine methodologischen Überlegungen zuerst 1986 unter dem Titel »Accèss de l' ésoterisme occidental« auf französisch, 1994 in einer englischen Übersetzung »Access to Western Esotericism«. Der folgende Essay orientiert sich an der englischen Übersetzung.

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26.12.09

Wiederkehr des Perennialismus?

Von Lorenzo Ravagli

Roland Benedikter hat in der Online-Zeitschrift Integral Review eine Rezension des Buches von John Holman »The Return of the Perennial Philosophy. The Supreme Vision of Western Esotericism« veröffentlicht. Die Zeitschrift wird von der »holistischen« Internet-Organisation Arina in Bethel Ohio, herausgegeben, deren Akronym für »Acting / Researching / Integrating Network Associates« steht. Holman interpretiert in seinem Buch die westliche Esoterik als historische Grundlage der heutigen spirituellen Bewegungen.

Angesichts der Renaissance traditioneller Religionen fordert Holman den Westen dazu auf, sich seiner originären (autochthonen) spirituellen Erfahrungen zu erinnern. Diese spirituellen Erfahrungen und ihre Traditionen, die in der Vergangenheit eine bloße Randexistenz geführt hätten, stellen aus seiner Sicht ein notwendiges Gegengewicht gegen kollektivistische und am Mythos orientierte Religionsformen dar. Empirische Spiritualität, die für Holman im Gegensatz zum bloßen Glauben steht, soll die säkulare Gesellschaft auf die bevorstehende Wiederkehr der philosophia perennis, der »ewigen Wahrheit« vorbereiten. Holman bemüht sich in seinem Buch um einen partizipatorischen, ja identifikatorischen Zugang zur Geschichte der Erfahrungsspiritualität, weil allein ein solcher zu einem angemessenen Verständnis führe. Entsprechend nähert er sich dem Neuplatonismus, der Hermetik, der Alchemie und der Kabbala. Der Theosophie schreibt der Autor eine Schlüsselstellung in der Entwicklung der Erfahrungsspiritualität zu.

Holman ist von der Existenz eines Kerns der westlichen Esoterik überzeugt, der für ihn in einem spezifischen Initiationsprozess besteht. Eine wichtige Rolle spielt im 20. Jahrhundert die spirituelle Psychologie von C.G. Jung, Roberto Assagioli und Ken Wilber, die für ihn eine besondere Erscheinungsform der westlichen Esoterik und zugleich ein notwendiger Schritt in ihrer Entwicklung ist. Er hält diese Psychologie für die Hauptform der modernen westlichen Esoterik und sieht in ihr auch einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der heutigen Bewusstseinskrisen.

Abgesehen davon, dass das Buch von Holman keine Kenntnisse voraussetzt und gut in seinen Gegenstand einführt, gibt es aus Benedikters Sicht aber vor allem Kritikwürdiges.

1. Holman sei auf jüngste Entwicklungen im angelsächsischen Diskurs konzentriert und gehe kaum auf die esoterischen Traditionen Kontinentaleuropas ein. Von der Freimaurerei, die in der Geschichte der Esoterik eine zentrale Rolle spiele, sei kaum die Rede. Die Anthroposophie werde bloß unter die Theosophie subsumiert. Westliche und östliche Formen der Esoterik würden ständig vermischt, ihre Unterschiede verundeutlicht. Ken Wilbers Theorie der subtilen Bewusstseinsformen werde zum Hauptinhalt der westlichen Esoterik erklärt, während sie in Wahrheit eine eklektische Form östlicher Esoterik darstelle. Wilber selbst habe von bedeutenden Strömungen der westlichen Esoterik wie der Freimaurerei, dem Rosenkeuzertum, der Theosophie oder Anthroposophie kaum eine Ahnung.

2. Holmans Zugang zur Esoterik sei nicht »wissenschaftlich«, sondern »identifikatorisch«, was Benedikter als Mangel betrachtet. Holman spreche als privater Experte und Mitglied einer Gemeinschaft, nicht als in den akademischen Diskurs eingebundener Gelehrter, der sich um eine gründliche subjektiv-objektive Forschung bemühe. Allerdings entgeht Benedikter hier die Pointe, dass er selbst aus der Sicht einer Gemeinschaft von privaten Experten spricht, jener der akademischen Gelehrten, die für sich jenen objektiv-subjektiven Zugang zum Gegenstand (welchem auch immer) beanspruchen, den sie Nichtmitgliedern ihrer Tradition absprechen. Dass man nur durch identifikatorische Prozesse und durch rigorose Initiationsverfahren Mitglied dieser Gemeinschaft werden kann, entgeht seinem soziologischen Blick. Holman lasse es an der nötigen Epoché, der Zurückhaltung des Urteils mangeln und verfalle sogar manchmal in einen Stil, der von Propaganda kaum mehr zu unterscheiden sei. Ausserdem polemisiere er gegen die akademische Gelehrsamkeit, was der Akzeptanz der Spiritualität an den Universitäten kaum zuträglich sei. Der Autor, über dessen Studie der in der Tradition Alices Baileys stehende »Esoteric Quarterly« schreibt: »The book is written in a somewhat dense scholarly style, though its relatively short length avoids tedium«, könnte durchaus der Tradition angehören, die er kritisiert. Doch selbst, wenn dies nicht der Fall ist, stellt eine solche Polemik kein generelles Disqualifizierungsmerkmal dar.

3. Hinzu kommt, dass Holman seine Leitideen selbst nicht in Frage stelle. Warum sollte er das tun? Weil er sonst nämlich den Eindruck erweckt, er wolle von seinen Ideen überzeugen, oder er gebe seine Interpretationen von Ideen als die Bedeutung dieser Ideen aus. Diese mangelnde Selbstkritik schlage vor allem dort zu Buche, wo der Verfasser darzulegen versuche, dass die »vier Erleuchtungen« des Perennialismus die Kernideen der westlichen Esoterik seien. Doch diese These ist aus Benedikters Sicht äußerst fragwürdig.

4. Was am am schwersten wiegt: dem Autor sei völlig entgangen, dass weder esoterische noch sonst irgendwelche Strömungen eine wirkliche Identität besäßen. Aus der Sicht der heutigen Ideengeschichte – hier formuliert Benedikter den für ihn bindenden akademischen Gesichtspunkt – müsse betont werden, dass jede Gedankenströmung aus mindestens zwei auf einander bezogenen Strömungen bestehe, die miteinander um die Vorherrschaft föchten. Allerdings würde dieser Gedanke, weiter verfolgt, in die Aporie führen, zwischen Unterströmungen unterscheiden zu müssen, die nach der These des Rezensenten ebenso wenig wie die Hauptströmung über eine Identität verfügen könnten. Diese Konsequenz gilt übrigens auch für den Vorwurf der mangelnden Unterscheidung zwischen westlicher und östlicher Esoterik. Wenn es keine Identität einer wie auch immer gearteten geistigen Strömung gibt, wie soll man hinreichend zwischen westlicher und östlicher Esoterik unterscheiden können?

Aus der Sicht des Rezensenten jedenfalls kann Holman aufgrund dieses Gesetzes nicht beanspruchen, das integrale Denken zu verkörpern, da viele einen solchen Anspruch erheben, die aber völlig Unterschiedliches unter diesem Begriff verstehen. Aber eben diese Identifikation des Autors mit seinen Ideen erschwert wieder, dass seine Interpretation akademisch Ernst genommen wird. Auch hier wieder so ein Widerspruch: man kann akademisch nur Ernst genommen werden, wenn man sich selbst nicht allzu Ernst nimmt. Anders ausgedrückt: es gehört zu den Ritualen der akademischen Gemeinschaft, sich selbst nicht Ernst zu nehmen, diese Gemeinschaft wird aus Teilnehmern gebildet, die sich selbst nicht Ernst nehmen. Wer das nicht Ernst nimmt, wird von ihr nicht Ernst genommen. Schließlich hindert diese Überzeugung von den eigenen Ideen auch noch die unterschiedlichen Vertreter des Perennialismus daran, einen wirkliche philosophia perennis auszubilden, weil sie sich weigern, miteinander über ihre verschiedenen Interpretationen zu diskutieren. Wäre aber eine solche wirkliche philosophia perennis nicht eine Philosophie mit einer eindeutigen Identität?

So bleibt am Ende nicht mehr viel übrig, was das Buch zur Diskussion über jene »ewige Philosophie« beitragen könnte. Seine Angst vor der Unterscheidung mache es unmöglich, dass sich das Unterschiedene – das es laut Benedikters Dialektik-These aber gar nicht wirklich gibt –, zu einer Einheit zusammenführen ließe.

Leider gelinge es Holman nicht, deutlich zu machen, wie es möglich sei, Rationalität und Spiritualität miteinander zu versöhnen. Benedikter erwartet die tragfähigen Umrisse einer solchen Versöhnung von künftigen, wissenschaftlich fundierteren Untersuchungen. Am Ende ist das Buch Holmans nicht mehr als eine – wenigstens gute – Selbstinterpretation eines Angehörigen einer bestimmten esoterischen Strömung der Gegenwart.

Was will man mehr, möchte man ausrufen, als dass die Angehörigen jener Traditionen, für die man sich interessiert, sich selbst gut auslegen und verständlich machen, was sie wollen! Und wenn sie das auch noch so tun, dass man ihnen glaubt, dass sie von ihrer Sache überzeugt sind! Jedenfalls weitaus interessanter als »subjektiv-objektive« Publikationen von Mitgliedern einer esoterischen Gemeinschaft, in der sich alle selbst nicht Ernst nehmen, über Gegenstände, die sie ebenfalls nicht Ernst nehmen, während sie von ihren Publikationen erwarten, dass man sie Ernst nimmt!

Mehr zur Esoterikforschung

John Holman, »The Return of the Perennial Philosophy. The Supreme Vision of Western Esotericism«

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21.11.09

Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners

Erstmals online zugänglich: der Aufsatz »Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners« aus dem Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1997. Der Aufsatz von Lorenzo Ravagli untersucht die philosophischen Wurzeln des esoterischen Schulungswegs in den Goetheschriften, den gnoseologischen und moralphilosophischen Werken Steiners vor der Jahrhundertwende.

Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners

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6.11.09

Esoterik als Erscheinungsform der Moderne

Von Lorenzo Ravagli

Dass Esoterik und Okkultismus vor allem antimodern sind und zur Vorgeschichte des Faschismus und Nationalsozialismus gehören, ist ein Mythos, den Corinna Treitel in einer 2004 erschienenen Studie zertrümmert. Treitel, derzeit Professorin an der Universität von St. Louis, Missouri, untersucht in ihrem Buch* die Frage, warum der »Okkultismus« (für Treitel ein Sammelbegriff für eine Vielzahl esoterischer Interessen) zwischen 1870 und 1914 im deutschen Sprachraum zu einer Massenbewegung wurde und welche Bedeutung ihm bei der Herausbildung einer spezifischen deutschen Modernität zukam.

Revisionen

Bis vor kurzem hielten Historiker den deutschen »Okkultismus« vor allem deswegen für bedeutsam, weil sie glaubten, aus ihm den Nationalsozialismus erklären zu können. George Mosse brachte diese Hypothese, die von Georg Lukács eingeführt worden war, 1961 auf den Punkt und legte die Marschroute für seine Nachfolger fest, als er schrieb: »In Deutschland legte die Wiederentdeckung des Unbewussten – eine Reaktion auf den herrschenden Tatsachenpositivismus – den Grund für den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. Diese Reaktion verband die tief verwurzelte romantische Strömung mit den Geheimnissen des Okkulten und dem Idealismus der Tat. Um was für Taten es sich handelte, steht mit Blut in den Annalen der Geschichte geschrieben.« Bis heute ist unter Historikern, die dem Mythos der Aufklärung verpflichtet sind, die Ansicht verbreitet, Romantik, Antipositivismus, die Wiederkehr des Unbewussten – kurz: das Irrationale –, hätten den Weg nach Auschwitz gebahnt.

Aber diese Ansicht erscheint aufgrund neuerer Forschung zunehmend zweifelhaft. Insbesondere die Untersuchungen von Nicholas Goodrick-Clarke über die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben gezeigt, dass die Ariosophen, die für Hitlers Rassenwahn verantwortlich gemacht wurden, das Okkulte nur insoweit in ihre Weltsicht einbauten, als es ihre bereits bestehenden Ansichten über Rasse und Nation zu legitimieren schien. Während der ariosophische Rassismus Hitlers Zustimmung fand, stieß ihn der Okkultismus der Ariosophen ab.

Je genauer die Historiker das völkische Milieu der Jahrhundertwende erforschten, um so deutlicher wurde die Notwendigkeit einer Entkoppelung von Okkultismus und Nazismus. Ekkehard Hieronimus hat im »Handbuch der Völkischen Bewegung« Lanz von Liebenfels einer eingehenden Analyse unterzogen und festgestellt, dass sein Einfluss auf den Nationalsozialismus verschwindend war.

Die Forschung der letzten fünfzig Jahre zum Thema »Okkultismus und Nazismus« oder »Okkultismus und völkisches Milieu« hat deutlich gemacht, dass es zwar ideologische und soziale Beziehungen zwischen Hitler und ariosophischen Kreisen gab, sie hat aber ebenso klar gemacht, dass diese Beziehungen von geringer Bedeutung waren. Die Erforschung des deutschen Okkultismus hat vor allem gezeigt, dass in ihm wesentlich mehr enthalten war, als Proto-Nazismus.

Okkultismus und Theosophie

Treitel bricht mit der ideologisch bedingten Unterordnung des Okkulten unter das Völkische. Sie sieht in beiden Bewegungen unterschiedliche Gebiete kultureller Praxis, die sich nur teilweise berührten. Der Okkultismus und die völkische Bewegung erscheinen dem durch die geschichtlichen Tatsachen belehrten Blick als zwei Reformströmungen, die sich zwischen der Gründung des Deutschen Reichs und dem I. Weltkrieg darum bemühten, die neuen Herausforderungen der Moderne, die alles bisherige durcheinander warf, zu bewältigen. Der Okkultismus insbesondere ist eine Schlüsselfigur der deutschen Moderne. (Natürlich gelten diese Einsichten nicht nur für den Okkultismus in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, in denen er eine ähnliche Rolle spielte).

Was für den Okkultismus gilt, trifft auch auf die Theosophie zu (Treitel verwendet den Begriff »Okkultismus« so wie andere Forscher den Begriff »westliche Esoterik«). Die »Theosophie« (ihrerseits ein »weiter Titel«) ist ein fester Bestandteil der Moderne und steht nicht zu ihr im Gegensatz, nicht mehr jedenfalls als die Moderne zu sich selbst im Gegensatz steht. Von ihren Anfängen in den 1880er Jahren bis zu ihrer endgültigen Unterdrückung durch die Nazis 1936-37 verfolgte die theosophische Bewegung ein Projekt der kulturellen Erneuerung durch okkulte Methoden und erwies sich dabei als höchst offen für ein weites Spektrum reformistischer Trends und politischer Zielsetzungen. Ebenso wie der Okkultismus muss auch die Theosophie aus dem quasi teleologischen Rahmen herausgelöst werden, in den sie vielfach zu Unrecht gesetzt wird. Die Forschungen zur Verbindung zwischen Theosophie und Ariosophie, die als eine Art Angsttrieb der ersteren betrachtet werden kann, haben zwar eine Fülle von Informationen über die Ariosophie zu Tage gefördert, die Hauptströmung der deutschen Theosophie jedoch vernachlässigt. Diese war weitaus verbreiteter, wirkungsreicher und soziopolitisch vielfältiger als die Ariosophie. Betrachtet man die Theosophie im Rahmen der allgemeinen Kulturgeschichte und nicht eingeengt durch die Suche nach den Ursprüngen des Nazismus, bietet sie erhellende Einblicke in die Reformbewegungen der Jahrhundertwende. Zu oft haben die Historiker dieses Reformmilieu nur unter dem Gesichtspunkt späterer Entgleisungen betrachtet, und in ihm nur nach Spuren von mangelnder Liberalität und Proto-Faschismus gesucht. Dies gilt insbesondere für die Theosophie, in der traditionell liberale Ideen im Kontext okkulter Modernität neu formuliert wurden.

Theosophie und Liberalismus

Die deutsche Theosophie ist vom Liberalismus nicht zu trennen. Der klassische Liberalismus glaubte an die Unausweichlichkeit des Fortschritts und die zentrale Bedeutung, die Heiligkeit des Individuums. Er war jeder Kirche abhold, die Anspruch auf absolute Wahrheit erhob, und strebte nach einer integrierten ständelosen Gesellschaft, in der alle Bürger vor dem Gesetz gleich sein würden. Im späten 19. Jahrhundert wurden diese liberalen Ziele durch die beschleunigte Industrialisierung und die politische Einigung Deutschlands in Frage gestellt. Liberalismus und Fortschritt waren für viele Gruppen von Deutschen, die früher zur Klientel des Liberalismus gehört hatten, nicht mehr gleichbedeutend. Viele übertrugen daher ihre Sympathien auf andere soziale oder politische Bewegungen, unter anderem auch auf die Theosophie, die die alten liberalen Ideen der Entwicklung, des Fortschritts, der sozialen Harmonie und der Heiligkeit des Individuums in spiritueller Begrifflichkeit neu formulierte. Die Zuwendung Deutschlands zur Theosophie am Ende des 19. Jahrhunderts kann als implizite Kritik an einem politischen Liberalismus gelesen werden, der sich selbst verraten hatte, als Versuch, wesentliche Elemente der liberalen Programmatik in das weite Feld modernistischer kultureller Experimente zu übertragen.

Die Theosophische Gesellschaft (oder die Theosophischen Gesellschaften) bot ein Milieu, in dem viele der reformistischen und experimentellen Anliegen des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts gedeihen konnten. Zu diesen gehörten die Frauenemanzipation, der Pazifismus, die Bekleidungsreform, die Gefängnisreform, der Antivivisektionismus, der Vegetarismus und die Bewegung zur Befreiung Indiens.

Die universelle Brüderschaft und die »Rassen«

Die frühen Theosophen verstanden sich als spirituelle Vorhut der kulturellen Erneuerung des modernen Lebens auf okkulter Grundlage. Kritisch gegenüber dem grassierenden Materialismus und der spirituellen Verarmung ihrer Zeit, strebten sie danach, die »sechste Wurzelrasse«, die »universelle Brüderschaft« zu verwirklichen. Diese würde Menschen aus der ganzen Welt vereinigen, ohne Rücksicht auf ihre Religion, Rasse, Nationalität, Klasse oder Geschlechtszugehörigkeit. Sie würde die spirituelle Natur der Menschheit anerkennen und erneut zur Geltung bringen. Diese universelle Brüderschaft versuchten sie auf zwei Wegen zu verwirklichen. Überzeugt, dass wertvolle Teile eines alten Wissens um die spirituellen Grundlagen der Menschheit unter den Völkern der Welt verstreut waren, ermutigten sie zu einer vergleichenden Untersuchung der Religionen, Philosophien und Wissenschaften, um die verborgenen Wahrheiten aufzudecken, die in ihnen enthalten waren. Sie förderten die Erforschung der okkulten Kräfte, die in den Seelen der einzelnen Mitglieder schlummerten. Sie waren überzeugt, diese beiden Methoden könnten die Menschheit über die wahre Beschaffenheit der Wirklichkeit aufklären und alle Völker in einer harmonischen Gemeinschaft vereinigen, die sich auf den Weg zur Wiedervereinigung mit dem reinen Geist machen würde.

Es wäre ebenso falsch die Überschneidungen zwischen der theosophischen und der völkischen Bewegung zu ignorieren, wie es falsch ist, die Beziehungen zwischen beiden überzubewerten. Lediglich acht Gruppen in Deutschland praktizierten die Ariosophie, die völkische Variante des theosophischen Okkultismus, während mehr als fünfzig weitaus größere Gruppierungen zur Hauptströmung der Theosophie gehörten. Trotz einzelner Überschneidungen waren diese Bewegungen keineswegs identisch. Ihre grundlegendste Differenz war ideologischer Natur. Während die Theosophie nach einer neuen Religion suchte, die die gesamte Menschheit vereinigen sollte, verfolgte die völkische Bewegung kein universalistisches Ziel. Sie suchte vielmehr nach einer rassenspezifischen Religion, die ausschließlich die spirituellen Bedürfnisse der Ariogermanen befriedigen sollte. Rassismus und Antisemitismus grundierten die völkische Weltsicht, was bei der Theosophie nie der Fall war.

Das heißt nicht, dass Betrachtungen über Rassen in der deutschen Theosophie keine Rolle spielten. Die Theosophie vermischte in einer oft inkonsistenten Art biologische und spirituelle Rassenbegriffe. Theosophen konnten die Auffassung vertreten, die Rasse, zu der man gehöre, habe in erster Linie mit der persönlichen spirituellen Reife zu tun, und gleichzeitig behaupten, biologisch verstandene Rassen wie die indischen Arier hätten einen besonders hohen Grad spiritueller Reife erlangt. Rudolf Steiner, so Treitel, habe oft die Auffassung zum Ausdruck gebracht, die weißen Europäer hätten einen höheren Grad der spirituellen Entwicklung erreicht, als die afrikanischen oder asiatischen Rassen. Auf der anderen Seite habe er aber nicht weniger häufig die spirituelle Einheit aller Völker betont. Außerdem, muss man hinzufügen, hat er die indische Kultur als die höchste, nie mehr erreichte Synthese spiritueller Weisheit betrachtet.

Auch wenn man Rassenbegriffe und bestimmte Vorurteile in der Hauptströmung der deutschen Theosophie finde, so Treitels Fazit, habe diese doch nie Rassismus oder Antisemitismus in den Kern ihrer Weltsicht eingebaut.

Der Gegensatz von Ariosophie und Theosophie

Ganz im Gegensatz dazu der Begründer der Ariosophie, Guido von List. Seine Mischung aus Rassismus, Nationalismus und Okkultismus beeinflusste die Ideologie des Germanenordens und seiner Nachfolgerin, der Thulegesellschaft, aus der 1919 die Deutsche Arbeitpartei, die Vorläuferin der Nationalsozialistischen Partei hervorging.

Die Frage ist, was Ariosophie und Theosophie gemeinsam haben und was nicht. Schon die Namen deuten einen Unterschied an. 1905 von Lanz von Liebenfels geprägt, spielte »Ariosophie« auf die Theosophie an. Die veränderte Wurzel deutete jedoch auf eine wichtige Grunddifferenz: nicht um das theosophische Ziel eines Wissens von Gott ging es in der Ariosophie, sondern um das Wissen der Arier. Die Ariosophen beriefen sich zwar auch auf okkultes Wissen, aber mit gänzlich anderen Zielen. Während die Theosophen glaubten, das Hauptziel der »Großen Weißen Bruderschaft« sei es, ihr okkultes Wissen mit der gesamten Menschheit zu teilen und spirituelle Erleuchtung zu fördern – ohne Rücksicht auf Rasse, Religion oder Geschlecht –, stand die Berufung der Ariosophen auf den Okkultismus im Gegensatz zum theosophischen Universalismus. Für sie war okkultes Wissen ein Mittel zur Errichtung einer reinrassigen und nach Geschlechterrollen gegliederten Gesellschaft.

Trotz mancher Bezüge zwischen Ariosophie und Theosophie waren überzeugte Ariosophen alles andere als neutral gegenüber der Theosophie und den Hauptströmungen des Okkultismus. Der völkische Ideologie Richard Ungewitter zum Beispiel klagte die Theosophie und die Anthroposophie an, die spirituelle Unterjochung Deutschlands anzustreben. Vor allem der theosophische Begriff der Weltreligion irritierte ihn, da er seiner Ansicht nach die Aufmerksamkeit von der Tatsache ablenkte, dass jede Rasse eine einzigartige Religion besaß, die Ausdruck ihres Blutes sei. Was Ariosophen von den Theosophen unterschied, war ihre Betonung der herausragenden Bedeutung von Rasse und Blut, wodurch die ersteren als Angehörige der völkischen Bewegung gekennzeichnet sind.

Die Bezüge zwischen Theosophie, Ariosophie und der frühen völkischen Bewegung können nach Treitels Auffassung schwerlich als Grundlage für Verallgemeinerungen dienen, sie deuten weniger auf kausale Verbindungen, denn auf die enorme kulturelle und politische Beweglichkeit des theosophischen Denkens im frühen 20. Jahrhundert. Am bedeutsamsten scheint ihr, dass jene völkischen Gruppen, die sich theosophischer Begriffe bedienten, weder den theosophischen Kult des Selbstes noch das Ideal der universellen Brüderschaft übernahmen.

Die genuine Feindschaft des Nationalsozialismus gegen den Okkultismus

Was das Spektrum der nationalsozialistischen Reaktionen auf den Okkultismus anbetrifft, so wendet sich Treitel gegen die Vorstellung, der Okkultismus sei ein »Paradies der Narren« gewesen und gegen die von Walter Laqueur vorgetragene Auffassung, in den höheren Rängen des Nationalsozialismus habe es von dem Okkultismus verfallenen Somnambulen nur so gewimmelt. Hitler, Himmler oder Hess waren weder Somnambule noch Mystiker. Himmler konsultierte zwar »Seher«, aber als Polizeichef und Leiter der SS befehligte er auch eine zwölf Jahre währende Aktion, die darauf abzielte, die okkulte Bewegung in Deutschland auszulöschen. Eine gründliche Prüfung der Quellen zeigt, dass die Geschichte der Beziehung des Naziregimes zum Okkultismus die Geschichte einer eskalierenden Feindschaft war. Nach 1933 pflegten Vertreter des Regimes den Okkultismus als eine gefährliche Strömung veralteten Aberglaubens zu betrachten, dessen charismatische Anführer die Öffentlichkeit auf Abwege führten. Im Gegensatz zu den Behörden der Weimarer Zeit sahen sie im Okkultismus jedoch zusätzlich eine ideologische Herausforderung, da er einen zersetzenden Individualismus und einen gefährlichen Internationalismus förderte, der sich im Gegensatz zur Naziideologie befand.

Dass dennoch einzelne Nationalsozialisten Beziehungen zu Okkultisten unterhielten, ist nicht auf ihre Sympathien für den Okkultismus zurückzuführen, sondern auf trivialere Gründe. Hitler beispielsweise fürchtete sein Leben lang, er könne an Krebs erkranken. Deshalb ließ er im September 1934 einen Wünschelrutengänger die Staatskanzlei nach gefährlichen Erdstrahlen absuchen. Trotzdem verabscheute Hitler den Okkultismus.

Hess war ein Anhänger der Naturkeilkunde, der Homöopathie und einer gesunden Ernährung. Über seinem Bett hing ein Magnet, von dem er hoffte, er werde gesundheitsschädliche Strahlen ablenken. Er konsultierte regelmäßig Astrologen, unterzog sich magnetischen Therapien und konsultierte Hellseher. Aber gerade diese Vorlieben waren der Ansatzpunkt für das Regime, ihn im Mai 1941 als Geisteskranken zu denunzieren, als er aus eigenem Antrieb nach England geflogen war, um im Westen einen Separatfrieden zu schließen. Joseph Goebbels nutzte die privaten Neigungen von Hess, um ihn in der Öffentlichkeit als einen dem Okkultismus verfallenen Geisteskranken darzustellen. Er habe an Halluzinationen gelitten, die auf seine Beratungen durch Astrologen, den Einfluss von Mesmeristen und andere Okkultisten zurückgingen.

Auch Himmler interessierte sich sein Leben lang für Naturheilkunde. Dieses Interesse führte dazu, dass er in Dachau einen Heilpflanzengarten einrichten ließ. Sein Interesse war biographisch begründet. Er litt jahrelang unter schweren Leibkrämpfen, die von Schulmedizinern nicht geheilt werden konnten. Schließlich konsultierte er in den 1920er Jahren einen Spezialisten für chinesische Medizin, Felix Kersten, der ihm Linderung verschaffte. Seither war er Anhänger der alternativen Medizin. 1940, nach dem Ausbruch des Krieges, zwang Himmler Kersten ihm als Leibarzt zu dienen. Aus Kerstens später veröffentlichten Erinnerungen geht hervor, dass Himmler während des Krieges einen Astrologen konsultierte, auch wenn er seinen prognostischen Fähigkeiten nicht besonders traute. Außerdem hielt er sich für die Reinkarnation eines mittelalterlichen Minnesängers. In den 1930er Jahren hatte Himmler außerdem eine Beziehung zu dem ariosophischen Seher Karl Maria Willigut unterhalten. Diese Beziehung stellt die intensivste Berührung zwischen einem Angehörigen der Nazielite und dem Okkulten dar. Wiligut hatte in den 1920er Jahren seine »seherischen« Talente entdeckt, die er auf die »Ahnenerinnerung« zurückführte, aus der Guido von List das Sehertum erklärte: das Blut sollte demnach Träger einer Art von Erberinnerung sein, die es Wiligut erlaubte, in die ariogermanische Vergangenheit zurückzusehen. An diesem Beispiel lässt sich ersehen, dass selbst spirituelle Fähigkeiten von den Ariogermanen rassistisch reinterpretiert wurden. Zwischen 1924 und 1927 war Wiligut wegen paranoider und megalomaner Schizophrenie in einem Irrenhaus in Salzburg interniert. 1933 führte ihn einer seiner ariogermanischen Kollegen bei Himmler ein, der ihn im September unter dem Pseudonym Karl Maria Weisthor zum Leiter der Abteilung Vor- und Frühgeschichte des SS Rasse- und Siedlungshauptamtes ernannte. Wiligut entwarf den Totenkopfring der SS und überzeugte Himmler 1935 davon, die Wewelsburg zu einem Schulungszentrum der SS umzubauen. 1939 wurde Wiligut zum Rücktritt gezwungen, nachdem Informationen über seine psychiatrische Vergangenheit bekannt geworden waren.

Was die Fälle von Himmler und Hess beweisen, ist, dass gewisse okkulte Ansichten und Praktiken tatsächlich bis in die Spitze des Regimes Eingang gefunden haben, was nicht weiter verwunderlich ist, da der Okkultismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine Massenbewegung geworden war. Aber am Ende deuten sie auf nicht mehr als verschwommene persönliche Neigungen. Hess war zweifellos an Naturheilkunde und bestimmten praktischen Anwendungen des Okkultismus interessiert, aber es deutet nichts darauf hin, dass er seine Expedition nach England unter dem Einfluss ungenannter Seher unternommen hätte. Himmler konsultierte zweifellos Astrologen und angebliche Seher, aber nichts deutet darauf hin, dass die Ratschläge, die sie ihm erteilten, jemals Einfluss auf wichtige politische Entscheidungen genommen hätten. Wiligut hat zwar auf das Erscheinungsbild der SS Einfluss genommen, aber nicht auf die mörderische rassistische Politik des Polizeichefs. Es wäre ein Fehler, diese Einzelfälle zu verallgemeinern, und zu unterstellen, die gesamte Nazielite hätte die okkulten Interessen von Hess oder Himmler geteilt, oder dass Nazismus und Okkultismus letztlich in eins zusammenfallen. Vielmehr waren viele Angehörige der NS-Elite dem Okkultismus gegenüber extrem feindlich eingestellt, eine Feindseligkeit, die sich nach dem Englandflug von Hess noch steigerte.

Einer der fanatischsten Gegner war Goebbels. Für ihn war klar, dass Hess ein Opfer seiner »Grasfresserei« und von Geistheilern geworden war. Die Maßnahmen, die das Regime nach dem Englandflug gegen den Okkultismus ergriff, kommentierte Goebbels im Mai 1941 in seinem Tagebuch mit der Bemerkung: »Der ganze obskure Schwindel ist jetzt endgültig ausgerottet. Die Wundermänner, die Lieblinge von Hess, kommen hinter Schloss und Riegel.« Für Hess war jegliche Form von Okkultismus nichts als ein abergläubischer Rückfall ins Mittelalter und eine Pestbeule am Körper des Volkes. Goebbels vertrat in dieser Hinsicht eine rationalistische Position, die uns aus heutigen »aufklärerischen« Polemiken gegen die Esoterik nicht unvertraut ist.

Andere Nazis stimmten mit Goebbels völlig überein. Martin Bormann machte seine Ablehnung des Okkultismus in einem Geheimbericht im Zusammenhang mit dem Skandal um Hess ebenfalls deutlich. Die Okkultisten, so Bormann, benützten mittelalterliche Methoden, um Unzufriedenheit unter den Massen zu verbreiten, indem sie Deutschlands bevorstehende Niederlage prophezeiten.

Was war die ideologische Quelle dieser nationalsozialistischen Feindschaft gegen den Okkultismus?

Okkultismus als Verschwörung gegen das deutsche Volk

Die Antwort ergibt sich aus der Geschichte der völkischen Bewegung, aus der nicht wenige Angehörige der Nazielite stammten. Die völkische Bewegung war weitgehend einig, dass Deutschland einer Erneuerung bedürfe, aber uneinig über den Weg zu dieser Erneuerung. Der Okkultismus war einer der Zankäpfel. Während Ariosophen wie Guido von List im Okkultismus ein Mittel der deutschen Erlösung sahen, widersprachen andere. Die Kritik, die diese zweite Gruppe am Okkultismus übte, fand später Eingang in die Begründungen, mit denen das Naziregime die Verfolgung des gesamten deutschen Okkultismus rechtfertigte.

Bereits in den 1920er und 1930er Jahren gab es führende völkische Theoretiker, die den Okkultismus und die Freimaurerei miteinander verknüpften und zu den Kräften zählten, die an einer internationalen Verschwörung gegen die deutsche Kultur beteiligt waren. Für sie war eines der schwersten Verbrechen der Freimaurerei die Verbreitung eines gefährlichen Kosmopolitismus, der im 19. Jahrhundert die Emanzipation der Juden ermöglicht hatte. Solche Ansichten wurden 1933 Bestandteil der offiziellen Ideologie. Das Regime betrachtete die Freimaurer als gefährliche Feinde des Dritten Reiches. Die Feindseligkeit des Naziregimes gegen den Okkultismus hängt mit der Feindseligkeit der völkischen Bewegung gegen die Freimaurerei zusammen.

Der Haupttheoretiker des freimaurerischen Verbrechertums war Alfred Rosenberg. In Pamphleten wie »Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten« (1920) und »Das Verbrechen der Freimaurerei« (1921) vertrat er die These, die Deutschen seien das Opfer einer internationalen Verschwörung von Juden und Freimaurern, die einen universalistischen Humanismus propagierten, der der deutschen Seele fremd sei.

Rosenberg war für die Verknüpfung von Judentum und Freimaurerei verantwortlich. Mathilde Ludendorff fügte zu diesem Duo den Okkultismus hinzu. Sie sah in den Juden, Freimaurern, Okkultisten und der Katholischen Kirche die Hauptfeinde des deutschen Volkes. Unterstützt von ihrem Ehemann Erich Ludendorff, dem ehemaligen Obersten Heeresleiter, gelang es ihr schließlich, die Okkultisten zu ideologischen Gegnern des Dritten Reichs zu erheben. Ihre Feindschaft gegen den Okkultismus ging auf ihre Studienzeit in München zurück, in der sie angeblich Patienten erlebt hatte, die durch okkulte Aktivitäten krank geworden waren. Ihre erste Publikation war ein Generalangriff gegen den führenden Vertreter der wissenschaftlichen Erforschung okkulter Phänomene, Albert von Schrenck-Notzing.

Ludendorff blieb nicht bei einer Kritik an Schrenck-Notzing stehen, sondern weitete diese zu einer Generalabrechnung mit dem gesamten Okkultismus aus, nachdem sie sich in den frühen 1920er Jahren zum völkischen Denken bekehrt hatte. Seit der Gründung des Tannebergbundes 1926 nahm diese Kritik an Schärfe zu. Die Verseuchung des deutschen Volkes durch den Okkultismus war aus ihrer Sicht gefährlich weit fortgeschritten. Die Astrologie erschien ihr als trojanisches Pferd, durch das Juden und Freimaurer versuchten, das deutsche Volk zu unterjochen. Solange die Rassenmischung erlaubt sei, werde die Astrologie Triumphe feiern. 1933 weitete sie ihre Verdächtigung auf Spiritisten und Anthroposophen aus. Sie machte die völkischen Verleumdungen der 1920er Jahre, nach denen Helmuth von Moltke die Marneschlacht verloren habe, weil er dem Einfluss des Okkultisten Rudolf Steiner erlegen sei, populär. Okkultisten wurden nun den Feinden Deutschlands zugeordnet, die für den Dolchstoß verantwortlich waren. Nach 1933 wurde die Identifikation von Freimaurerei, Okkultismus und Judentum zur offiziellen Lehrmeinung des Polizeistaates.

Die Geschichte muss hier nicht weiter verfolgt werden. Man kann sie im Buch von Treitel nachlesen. Dort findet man auch aufschlussreiche Kapitel über die Bedeutung des »Okkultismus« (der Esoterik) für die Entwicklung der deutschen Moderne in der Psychologie oder der Kunst.

* Corinna Treitel: A Science for the Soul: Occultism and the Genesis of the German Modern

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19.10.09

Die neue Inquisition

Ketzerjagd und die geistigen Ursprünge des modernen Totalitarismus

Von Lorenzo Ravagli

Im Jahr 2006 hat einer der führenden amerikanischen Esoterikforscher, Arthur Versluis*, eine Studie über die geistige Vorgeschichte des modernen Totalitarismus veröffentlicht, an der niemand vorbeigehen kann, der die Barbarei des 20. Jahrhunderts verstehen will. Er verfolgt deren Spuren bis zu ihren Anfängen im antiken und mittelalterlichen Christentum zurück.

Der Ursprung des Totalitarismus liegt in der Idee der Orthodoxie, der Vorstellung, es gebe eine einzig richtige, allgemein verbindliche Wahrheit, und die Abweichung von dieser Wahrheit, die Häresie, sei ein gefährliches Übel, das von der Kirche, der Hüterin der Orthodoxie verfolgt und bestraft werden müsse. Ihren schärfsten Ausdruck fand diese Idee in der katholischen Inquisition. Die Organisation und die Verfahrensweisen der Inquisition legten das Fundament für den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts.

Im 19. Jahrhundert, so Versluis, etablierten »säkularistische« Denker eine Tradition der Verteidigung der Inquisition und im 20. trat das Phänomen der Ketzerverfolgung in den totalitären Systemen des Kommunismus und Nationalsozialismus wieder auf. Die Methoden, die von der katholischen Inquisition angewendet wurden, erlebten ihre Auferstehung. Von Joseph de Maistre bis Lenin, von Carl Schmitt und Theodor Adorno bis zur Satanismus-Panik in den gegenwärtigen USA verfolgt Versluis die Spur der Ketzerjäger. In den heutigen Rechtfertigungen des US-Ausnahmezustands angesichts islamistischer Bedrohung sieht er ebenfalls die Züge eines antihäresiologischen Diskurses.

Für Versluis besteht kein Zweifel, dass die beiden Hauptformen des Totalitarismus, der Kommunismus und der Faschismus, dem Wesen nach identisch sind: totalisierte, zentralisierte Staatsmacht verbunden mit der Auslöschung der individuellen Menschenrechte. Aber auch ihr modus operandi zeigt kaum Unterschiede: Geheimpolizei, geheime Verhaftungen, Folter, Schauprozesse, Zwang zu öffentlichen Schuldbekenntnissen, öffentliche Hinrichtungen, Konzentrations- und Arbeitslager. Der Totalitarismus ist das »Antlitz des Bösen«, dessen archetypische Form im Kampf der katholischen Kirche gegen den sogenannten Gnostizismus in der abendländischen Geschichte erstmals in Erscheinung trat.

Dem ursprünglichen Wortsinn nach ist der Häretiker jemand, der wählt (griechisch »hairein«), jemand, der die Freiheit der individuellen Entscheidung für sich in Anspruch nimmt, und zumindest einige der Dogmen der Kirche nicht akzeptiert. Der Häretiker bekennt sich zu etwas, aber aus der Sicht der Kirche verneint er etwas. In dem Augenblick, in dem eine historische Glaubensgemeinschaft ein verbindliches Bekenntnis festsetzt, begründet sie die Möglichkeit der Häresie. In den ersten Jahrhunderten des Christentums vertraten die Gnostiker einen individuellen, inneren Zugang zu den religiösen Wahrheiten, was Pluralismus und Meinungsvielfalt einschloss. Hätte sich das pluralistische Modell der Gnosis durchgesetzt, hätte es keine Ketzer, sondern nur Andersdenkende gegeben. Die Verfestigung der Kirche als Institution mit einer dogmatisch verbindlichen Lehre schuf erst die Häretiker. Mit Irenaeus, Tertullian und Epiphanius begann die Denunziation der Andersdenkenden in der Kirche. Hätten sich die Gnostiker Clemens von Alexandria, Origenes und Dionysios Areopagita gegen die Dogmatiker durchgesetzt, hätte ihre Suche nach der Transzendierung des Subjekts-Objekt-Gegensatzes, auf dem die Ketzerjagd beruht, die Entstehung eines verfolgenden Christentums verhindert. Aber Tertullian, der die Verfolgung der Christen durch den römischen Staat geisselte, übernahm die Denkformen des verfolgenden Staates in seinem Kampf gegen die Gnostiker und leitete den historischen Übergang vom verfolgten Christentum zur verfolgenden Kirche ein. Anti-Gnosis, Historisierung und Rationalisierung gingen dabei in eins.

Im Mittelalter verfestigte sich die Überzeugung, die Häresie sei eine Erfindung des Teufels. Sie machte die Folterung und Ermordung von Häretikern möglich, da diese nunmehr den Erzfeind Gottes repräsentierten. In der Inquisition war der Ankläger zugleich Richter. In ihr verband sich die kirchliche mit der staatlichen Macht. Sie definierte abweichendes Denken als Verbrechen. Ketzerverfolger aller Couleur versuchten seither die Einheitlichkeit des Denkens zu erzwingen: im Denkzwang zeigt sich die spezifische Natur des totalitären Bösen. Dissidenz ist deswegen ein krimineller Akt, weil totalitäre Systeme »Ideokratien«, Ideenherrschaften sind. Ideokratien sind monistisch und totalistisch, sie bestehen auf der Anwendung der Ideologie auf jeden Bereich des Lebens, Pluralismus ist für sie Anathema. Der totalitäre Staat ist ein Versuch, den Säkularismus auf alle Bereiche des Lebens auszudehnen und die einzige Möglichkeit, dies zu erreichen, ist die Durchsetzung einer totalitären Ideologie, die keinen einzigen Abweichler duldet. In einer Ideokratie ist das größte denkbare Verbrechen das Andersdenken. Der Andersdenkende beweist allein schon durch seine Existenz, dass das totalitäre Konstrukt, das der Gesellschaft aufgezwungen wird, eine Lüge ist.

Totalitärer Diskurs im 20. Jahrhundert

Zwei Beispiele des totalitären Diskurses aus dem 20. Jahrhundert, die Versluis näher untersucht, seien hier aufgegriffen: die antignostische Polemik Eric Voegelins und die antiesoterische Polemik Theodor W. Adornos. Die antignostische Obsession konservativer Kreise in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht auf Eric Voegelin zurück, für den Modernität eine Bedrohung der sozialen Ordnung ist. Im Anschluss an Voegelin tauchen Interpretationen der Gnosis als politische Religion der Sowjetunion, des Kommunismus, Hitlers oder Stalins auf. Aber was in diesen Publikationen als Gnosis bezeichnet wird, hat nichts mit der wirklichen Gnosis zu tun. In Wahrheit ist das Gnosisbild Voegelins und seiner Nachahmer identisch mit dem protototalitären, antihäretischen Phantasma, das Tertullian und andere durch ihre Polemik erzeugt haben. Vor der Entdeckung der Nag Hammadi Bibliothek 1945 war es noch möglich, jene Karikatur der Gnosis zu verteidigen, die im Wesentlichen auf Hans Jonas zurückgeht. Aber am Ende des 20. Jahrhunderts ist dessen simplizistische Charakterisierung der Gnosis als dualistisch, akosmisch und pessimistisch in der akademischen Forschung weitgehend diskreditiert. Die Gnosis für den modernen Totalitarismus verantwortlich zu machen, wie Voegelin dies tut, erscheint angesichts des heutigen Kenntnisstandes als bizarr.

Die antignostische Polemik Voegelins

In seinem Aufsatz »Wissenschaft, Politik und Gnostizismus« hat Voegelin 1958 behauptet, das Ziel des Gnostikers sei stets die Zerstörung der alten Welt und der Übergang in eine neue. Der Gnostiker wolle mit Hilfe der Erkenntnis dieser Welt entfliehen. Selbsterlösung durch Erkenntnis, so Voegelin, besitze ihre eigene Magie, und diese Magie sei keineswegs harmlos. Die Ordnung der Welt ändere sich nicht, nur weil man sie schlecht finde und versuche, ihr zu entfliehen. Der Versuch, die Welt zu zerstören, zerstöre nicht die Welt, sondern vermehre die Unordnung in der Gesellschaft. Voegelin sieht in der Gnosis eine Form von Erkenntnis, die sich nicht substantiell von anderen unterscheidet. In Wirklichkeit ist Gnosis Erkenntnis Gottes oder die Überschreitung des Subjekt-Objekt-Gegensatzes. Sie strebt nach der Vereinigung des erkennenden Subjektes und des göttlichen Offenbarungsinhaltes. Offenbarung setzt einen Offenbarer voraus, was der Unterstellung der Selbsterlösung den Boden entzieht. Gnostiker reden ständig von der Notwendigkeit göttlicher Offenbarung und des Zusammenwirkens des menschlichen Willens mit der himmlischen Gnade. Besonders abwegig erscheint der Vorwurf Voegelins, der Gnostiker strebe danach, die Welt zu zerstören. Es gibt keinen einzigen Beweis in den historischen Texten der Gnostiker, dass sie eine solche Zerstörung der Welt angestrebt hätten. Stattdessen geht es im Nag Hammadi Corpus stets um die innere spirituelle Erfahrung und ihren Gegensatz zu weltlicher oder politischer Macht.

Völlig abenteuerlich sind die Assoziationen, die Voegelin zwischen der Gnosis und Nietzsche herstellt. In der »Grausamkeit des intellektuellen Gewissens«, von der Nietzsche spricht, sieht Voegelin ein gnostisches Motiv. In der Gnosis bleibe der Mensch vom Transzendenten ausgeschlossen. Der gnostische Wille zur Macht stoße sich an der Mauer des Seins, das zu einem Gefängnis geworden sei. Ohne Bezugnahme auf jedwede Form authentischer Gnosis schreibt Voegelin hier Nietzsche eine Gnosis zu, die vom Transzendenten ausgeschlossen sei. Der Gnostiker strebe nach Herrschaft, durch Herrschaft werde man Gott, um Gott zu werden, nehme der Gnostiker die Qualen der Täuschung und Selbstverstümmelung auf sich. Auch Hegel wird von Voegelin zum Gnostiker ernannt. Die Begründung: Der Gnostiker strebe nach Herrschaft über das Sein, um diese Herrschaft zu erlangen, konstruiere er sein System, die Bildung von Systemen sei eine spezifisch gnostische Denkform. Der Syllogismus, der Hegel zu einem Gnostiker macht, lautet: Die Gnostiker hatten Systeme, Hegel hatte ein System, also ist Hegel ein Gnostiker, – ja, alle Systembildner sind Gnostiker. Es ist schleierhaft, wie Voegelin zur Auffassung kam, der Gnostiker strebe nach Herrschaft über die Welt, wo er doch gleichzeitig behauptete, er versuche, ihr zu entfliehen. Mit der wirklichen Gnosis, die nach innerer Erleuchtung und Vereinigung mit dem Göttlichen strebte, haben Voegelins Syllogismen rein gar nichts zu tun.

Voegelin geht es gar nicht um eine Erkenntnis der historischen Gnosis. Er verfolgt eine andere Agenda. Welche, wird deutlich, wenn man sein Werk »Die neue Wissenschaft der Politik« heranzieht. Im Kapitel über die »Gnostische Revolution, der Fall des Puritanismus« behauptet er, die gesamte Reformation, die Moderne insgesamt, müsse als erfolgreiche Unterwanderung westlicher Institutionen durch gnostische Bewegungen interpretiert werden. Der Puritanismus sei schlichtweg Gnosis. Angesichts der Feindschaft Calvins und des Calvinismus gegen die Mystik oder jede gnostische Idee, muss man annehmen, Voegelin habe geglaubt, Calvin und der Calvinismus seien bei all ihrer Feindchaft gegen den Gnostizismus gnostisch – das ist genau jene Form von rhetorischer Verdrehung, die Voegelin ansonsten den Gnostikern vorwirft.

Unter dem Titel »Ersatz-Religion« weitet Voegelin den Vorwurf des Gnostizismus auf die gesamte moderne Welt aus. Nun ist alles Schlechte »gnostisch«. »Unter gnostischen Bewegungen verstehen wir solche Bewegungen wie den Fortschrittsglauben, den Positivismus, den Marxismus, die Psychoanalyse, den Kommunismus, den Faschismus und den Nationalsozialismus«, so Voegelin. Die Allgegenwart des Gnostizismus ist eine logische Konsequenz, wenn man wie Voegelin unterstellt, die Gnosis sei am Projekt der Abschaffung der Ordnung des Seins beteiligt, jener Ordnung die im transzendenten Göttlichen verankert sei, und sie strebe danach, diese durch eine weltimmanente Seinsordnung zu ersetzen, deren Vollendung im Reich des menschlichen Handelns liege. Wenn der Begriff der Gnosis so weit ausgedehnt wird, lässt er sich am Ende auf jeden Versuch einer sozialen Reform beziehen.

Voegelins geheime Agenda: die Verteidigung des Katholizismus, in dem er die Essenz des Christentums sieht, wird in seinem Briefwechsel mit Alfred Schutz deutlich. 1953 schreibt Voegelin an Schutz, für ihn sei das wahre Christentum der Katholizismus. Protestantismus und Moderne sind seiner Auffassung nach gnostisch, der Katholizismus nicht.

Einer der Grundirrtümer Voegelins ist die Verwechslung von gnostischen mit endzeitlichen Bewegungen, die den Anbruch des tausendjährigen Reichs oder die Verwirklichung des Paradieses auf Erden, in der historischen Zeit, in der Geschichte erwarteten. Diese Verwechslung ist umso bemerkenswerter, als der Gnostizismus sich gerade gegen eine Verzeitlichung des Christentums zur Wehr setzte. Grundlegend für die Gnosis ist die Unterscheidung zwischen den Gläubigen, die in der äußeren Kirche die endgültige Verwirklichung des Christentums in der Geschichte sahen, und den Wissenden, die von ihrer Verwirklichung und Gegenwart im Herzen jedes Einzelnen überzeugt waren.

Warum schrieb Voegelin der Gnosis jene Ziele zu, von denen sie sich in Wahrheit am stärksten distanzierte? Wo hat die Tradition der geschichtlichen Endzeiterwartung stattdessen ihren Ursprung? Im Katholizismus. Joachim von Fiore schuf im Hochmittelalter die Vision einer Geschichte, die sich über die drei Zeitalter des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes entfaltet. Er sah die nahe Ankunft eines Dritten Reiches voraus, und diese Erwartung eines tausendjährigen Reiches ist dem gesamten Christentum eigen. Es ließe sich mit größerem Recht behaupten, diese Hoffnung auf ein tausendjähriges Reich sei eine Folge des Verlustes der Gnosis (der vertikalen Perspektive einer direkten spirituellen Erleuchtung für jeden Einzelnen). In der Entstehung einer hierarchischen sozialen Körperschaft mit ihrer Betonung des historischen Glaubens und der alleinigen Mittlerschaft der Kirche liegt der Ursprung der geschichtlichen Endzeiterwartung. Die Gnostiker betonten die Notwendigkeit der individuellen spirituellen Erfahrung, sie hatten keine weltlichen oder historischen Ziele. Dort, wo dieses gnostische Uranliegen verschwindet, tritt die historisch-endzeitliche, hierarchische Kirche in Erscheinung, die die Gnostiker bekämpft, verfolgt und tötet.

Wenn man realisiert, dass Voegelin den Gnostikern vorwirft, was in Wahrheit dem Katholizismus zur Last gelegt werden muss, begreift man erst das ganze Ausmaß der rhethorischen Inversion, die seinem Antignostizismus zugrunde liegt. Sie dient der Verschleierung der wirklichen Ursprünge des Totalitarismus. Die Gnostiker waren in der Geschichte die Dissidenten, die Verfolgten, – und nicht etwa die Inhaber der kirchlichen Amtsgewalt, von denen sie verfolgt wurden. Der moderne Totalitarismus hat seinen Ursprung in den historischen Endzeiterwartungen des totalistischen Kirchenchristentums, das jede abweichende religiöse Auffassung erbarmungslos verfolgte. Der marxistische und faschistische Glaube an den Staat, an eine klassenlose Gesellschaft oder ein tausendjähriges Reich, die praktisch jedes Mittel zu ihrer Verwirklichung rechtfertigen, selbst den Massenmord, wurzeln in der christlichen Endzeiterwartung. Die historische Entwicklungslinie verläuft nicht von den Gnostikern zu den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts. Sie verläuft von den apokalyptischen Erwartungen eines tausendjährigen Reiches innerhalb des Christentums über den Hegelschen Evolutionismus zu dem Glauben von Marx, die Verwirklichung einer utopischen Gesellschaft stehe in naher Zukunft bevor. Und von Marx war es nicht weit zu Lenin und Stalin, zu Hitler und der Ausrottung all jener, die als Parasiten betrachtet wurden.

Der Antignostiker steht dem individuellen spirituellen Leben, das sich im Inneren des Menschen abspielt, ablehnend gegenüber, er betrachtet den Gnostiker als Feind und stellt insofern die moderne Ausformung eines intellektuellen Totalitarismus dar, der jede Suche nach innerem Frieden oder jede Orientierung auf eine geistige Welt bekämpft. Dieser neue Totalitarismus versucht das ganze Leben auf das Diesseits zu beschränken. Die Erben der Täter von gestern sind die militanten Säkularisten, die jede Form von Spiritualität bekämpfen. Sie sind die Nachfolger der Inquisition und der Ideokratien des 20. Jahrhunderts.

Die antiesoterische Polemik Adornos

Adorno gehört ohne Zweifel zu den einflussreichsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Als Mitglied der Frankfurter Schule trug er maßgeblich zur Entwicklung der linken »Kulturkritik« bei. Ein zentrales Motiv seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist seine Kritik am »Irrationalismus«, den er vor allem im »Okkultismus« verkörpert sah. Adornos Angriffe auf den Okkultismus sind bei genauerem Hinsehen ein Beispiel für den Antiesoterismus der Linken, der ein exaktes Spiegelbild der inquisitorischen Tendenzen der Rechten ist.

Adorno war der Überzeugung, der Nationalsozialismus sei auf den Einbruch antirationaler oder irrationaler Kräfte in die Gesellschaft zurück zu führen. Sein Kampf gegen den angeblich irrationalen Autoritarismus der Astrologie und des Okkultismus war in seinen Augen ein Kampf gegen jene geistigen Strömungen, die den Antisemitismus und den Nationalsozialismus ermöglicht hatten. Die Auffassung ist heute verbreitet, viele führende Figuren des Nationalsozialismus – Hitler, Himmler und Hess eingeschlossen – hätten okkulte Neigungen gehabt. Tatsächlich wuchs der Nationalsozialismus aus einem Milieu hervor, das in einer lockeren Verbindung mit dem Okkultismus stand. Zu diesem Milieu gehörten die Thule-Gesellschaft, diverse »arische«, pseudomythologische Gruppierungen, antimodernistische, neuheidnische, vegetarische und andere Gemeinschaften, die man im weitesten Sinne als irrational, wenn nicht sogar okkultistisch bezeichnen könnte. Adorno war der Überzeugung, der Feind des Rationalen und Humanen sei das Irrationale und Inhumane, deswegen müsse das Irrationale in der modernen Gesellschaft ausgemerzt werden, um die Rückkehr des Nationalsoziallismus zu verhindern. Von dieser Ansicht zeugen seine »Thesen gegen den Okkultismus« (1946-47, wieder veröffentlicht in »Minima Moralia«).

Erstaunlicherweise ist Adorno völlig entgangen, dass man die Okkultisten – zusammen mit den Juden – in der europäischen Geschichte weit mehr auf der Seite der Verfolgten, als auf der der Verfolger findet. Ist Adorno derselben rhetorischen Inversion erlegen, wie Voegelin und andere? Grundlegend für Adornos Kritik am Okkultismus ist seine Überzeugung von seiner Irrationalität, seinem absoluten Gegensatz zum Rationalen. Dieser Dualismus ist typisch für die Logik der Inquisition. Adorno vergegenständlicht den Okkultismus und die Okkultisten in einer Art, die an die Argumentationsformen der Antisemiten erinnert. In seiner antiesoterischen Polemik finden sich ebenso grobe Verallgemeinerungen, Karikaturen, Halbwahrheiten, logische Fehlschlüsse und Lügen, wie bei jenen.

In seinen »Thesen gegen den Okkultismus« stellt Adorno weitreichende Behauptungen auf. Die Tendenz zum Okkultismus sei ein Symptom der Regression des Bewusstseins. Das Bewusstsein habe die Kraft verloren, das Absolute zu denken und das Relative zu ertragen. Der Monotheismus zerfalle in eine Aftermythologie, »der Geist« löse sich in Geister auf und verliere die Fähigkeit, zu erkennen, dass letztere gar nicht existierten. Die verschleierten Kräfte der Gesellschaft narrten ihre Opfer mit falschen Prophezeiungen und nach Jahrtausenden der Aufklärung breche über die Menschheit wieder die Panik herein, wobei die Herrschaft über die Natur, indem sie sich zu einer Herrschaft über den Menschen verkehre, alle Schrecken übertreffe, die der Mensch jemals von der Natur zu erleiden hatte.

Adorno bleibt eine nähere Definition dessen schuldig, was er unter Okkultismus versteht. Offensichtlich denkt er vor allem an den Spiritismus, an Medien und an Wahrsager. Er spricht auch von einem wiedergeborenen Animismus, der die Entfremdung negiere, die er selbst hervorgerufen habe, zu deren Beseitigung er eine nicht-existente Erfahrung anbiete. Warum jedoch ist eine »animistische« oder »okkulte« Erfahrung per se nicht-existent? Nur weil man dies behauptet? Behauptung ohne Beweis ist kein Argument. Wie kommt Adorno von der Behauptung, der Okkultismus sei ein Symptom der Regression zu der anderen, die Herrschaft über die Natur sei in die Herrschaft über den Menschen verkehrt worden – und was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Adorno macht die Rückkehr zum magischen Denken für den Totalitarismus verantwortlich. Aber der Zusammenhang zwischen beiden wird von ihm nicht nachgewiesen. Auch seine Behauptung, die hypnotische Wirkung magischer Objekte gleiche dem totalitären Terror, beide würden mit der Zeit eines, hängt in der Luft. Seine Erklärung ist bizarr: das Horoskop entspreche den Anweisungen des Zentralbüros an die Bürger und die Zahlenmystik bereite auf die Statistiken der Verwaltung und die Preiskontrolle vor. Schlußendlich entpuppe sich die Integration als Ideologie der Desintegration in Machtgruppen, die sich gegenseitig ausrotten. Wer auch immer hinein gerate, sei verloren. Ein Benutzer von Tarotkarten ist einem SA-Mitglied gleichzusetzen? Es ist völlig unerfindlich, aufgrund welcher Logik man vom unterdrückten und marginalisierten Okkulten in Gestalt der Astrologie oder der kabbalistischen Zahlenmystik zu den Direktiven eines Zentralbüros oder der Statistik der Verwaltung gelangen soll. Und was die Machtgruppen anbetrifft, die sich gegenseitig auslöschen: das »Okkulte« ist in der Geschichte des Abendlandes in der Regel auf der Seite der Opfer solcher Aurottungen zu finden. Ketzer und Hexen waren die Unterdrückten, die an den Rand Gedrängten, die Opfer der Inquisition. Aber auf wundersame Weise verwandeln sie sich bei Adorno in die Urheber der Bürokratie, von der sie verfolgt werden, in die Täter, die sie verfolgen.

Ohne es zu bemerken, reproduziert Adorno in seiner antiesoterischen Rhetorik die Argumentationsfiguren des Antisemitismus. Okkultisten sind bei ihm mit zwielichtigen, asozialen Randphänomenen verbunden, offenbaren die Kräfte des Niedergangs, eine »Krankheit des Bewusstseins«, für die der Abfall aus der Welt der Erscheinungen zur intelligiblen Welt wird, der Okkultismus ist auf barbarische Weise ungesund. Der Okkultist möchte laut Adorno die Welt mit seiner eigenen Dekadenz in Übereinstimmung bringen. Die »Macht des Okkulten« soll seiner Ansicht nach »wie der Faschismus« nicht bloß »pathisch« sein, beide seien durch ihr Denkmodell miteinander verwandt. Stattdessen besteht eine Verwandtschaft zwischen dem Antisemitismus und der Attacke Adornos auf den Okkultismus.

Der Okkultismus ist nach Adornos berühmt-berüchtigtem Diktum »die Metaphysik der Dummen«. Der Spiritismus, mit dem er den Okkultismus gleichsetzt, habe nicht mehr zutage gefördert, als Mitteilungen verstorbener Großmütter. Gegen Ende seiner Thesen trägt Adorno eine globale Interpretation des Religiösen vor, nach der die großen Religionen das Schicksal der Verstorbenen entweder mit Schweigen bedachten, oder die Auferstehung des Leibes lehrten. Sie hätten stets an der Untrennbarkeit des Geistigen und des Körperlichen festgehalten. Es habe in ihnen nichts Geistiges gegeben, das nicht in sinnlicher Wahrnehmung verankert war oder körperliche Erfüllung verlangte. Die Okkultisten dagegen hielten – so Adorno – diese Ansicht für abseitig, machten sich über die Idee der Auferstehung lustig und strebten nicht nach Erlösung.

Diese Argumentation ist nicht nur deswegen befremdlich, weil dem Spiritismus normalerweise vorgeworfen wird, er unterscheide nicht hinreichend zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, sondern auch weil dem Okkultismus etwas untestellt wird, was man ihm historisch nicht vorwerfen kann. Eine auch nur oberflächliche Kenntnis der Geschichte der Esoterik kann darüber belehren, dass die Beziehung zwischen der Körperwelt und der geistigen Welt ein zentrales Thema für die Esoterik war und dass die Idee einer »Geistleiblichkeit« in ihr bis heute eine große Rolle spielt.

Adorno schließt mit der Behauptung, die Idee einer Existenz von Geistern sei Ausdruck eines ins Extrem getriebenen bourgeoisen Bewusstseins. Diese These ist nicht mehr weit von Marx entfernt, für den die Religion Opium für das Volk war.

Adornos Thesen sind eine Ansammlung von Konfusion und Verallgemeinerungen, vermischt mit einer verstörenden Bitternis, die an Nihilismus grenzt. Es ist schwer zu verstehen, wie jemand, der mit der Rhetorik des Antisemitismus so vertraut war, diese Rhetorik in seiner eigenen antiokkultistischen Polemik so hemmungslos reproduzieren konnte. Versluis meint, Adornos »Thesen« bemühten sich ebensowenig darum, den Okkultismus zu verstehen oder angemessen darzustellen, wie die »Protokolle der Weisen von Zion« sich darum bemühten, die jüdische Kultur oder die Juden zu verstehen.

Die antiokkultistischen Ressentiments Adornos vagieren bis auf den heutigen Tag durch »kritische« Literatur. Insbesondere radikale Säkularisten haben sich seine Sprach- und Argumentationsmuster zu eigen gemacht. In der von ihnen produzierten Bekenntnisliteratur kehrt auch die Auffassung von Marx wieder, Religion sei Opium für das Volk, nur dass Religion heutzutage mit Okkultismus oder Esoterik ersetzt wird.

Der tiefere Grund für die Konvergenz rechter und linker Polemik

Obwohl Voegelin und Adorno von zwei entgegengesetzten Seiten kommen, stimmen sie doch in einem Grundirrtum überein. Irgendwie versuchen sie »Gnostiker« oder »Okkultisten« für den Aufstieg des Totalitarismus verantwortlich zu machen, auch wenn, wie die jüngere Forschung gezeigt hat, die Okkultisten in Wahrheit zu den ersten Opfern der Nazis gehörten, von ihnen unterdrückt, gefangengesetzt und getötet wurden. Wenn Voegelins These, die Gnostiker seien für den linken oder marxistischen Totalitarismus verantwortlich, ein Körnchen Wahrheit enthielte, wie ist es dann möglich, dass einflussreiche linke oder marxistische Autoren ebensolche Antiokkultisten oder Antignostiker sind, wie ihre Gegner bei den Rechten? Voegelin und Adorno stellen beide die Behauptung auf, Gnostiker oder Okkultisten seien für den Totalitarismus verantwortlich, aber beide bleiben die Beweise für ihre Behauptung schuldig. In Adorno lässt sich derselbe ideologische Geist der Inquisition beobachten, wie in Voegelin. Adorno verabscheut den Nazismus, Voegelin den Kommunismus, beide suchen einen ideologisch-politischen Sündenbock, den sie für das verantwortlich machen können, was sie verabscheuen. Okkultismus oder Gnostizismus sind ideale Sündenböcke, weil sie eine Menge historischen Ballast mit sich herum tragen, ihnen haften jahrhundertealte Verdächtigungen an, dennoch bleiben sie vage und unbestimmt, und eignen sich deshalb bestens als Gegenstände der Verachtung, gerade wegen ihrer Unbestimmtheit. Jedermann weiß, dass Okkultismus oder Gnostizismus »schlecht« sind, auch wenn kaum jemand weiß, was man genau darunter verstehen soll.

Voegelin und Adorno waren Schreibtischtäter, die sich auf eine intellektuelle Hexenjagd beschränkten. Die praktischen Konsequenzen solcher Dämonisierungen ließen sich seit 1933 in Deutschland beobachten (Näheres in der unten genannten Publikation von Corinna Treitel). Die moralischen Implikationen der Polemiken Voegelins und Adornos sind um so gravierender, als beide nach 1945 veröffentlicht wurden.

Für Adorno, Voegelin und alle, die noch heute den rhetorischen Konstrukten des »Fortschritts« und der »Aufklärung« anhängen, ist das »Okkulte« ein leichtes Ziel und ein geeigneter Sündenbock. Okkultisten repräsentieren den »überwundenen Aberglauben« der Vergangenheit, des »finsteren Mittelalters« und werden deswegen von linken und rechten Ideologen, die sich der Fortschrittsrhetorik bedienen, mit der sie den Gang in ein künftiges Utopia rechtfertigen, gerne als Ziele ihrer Ausrottungsfeldzüge auserkoren, bei denen sie die »rückwärtsgewandten« Kräfte der Gesellschaft zu beseitigen versuchen.

Der Antiokkultismus ist ein eigenständiges Phänomen, das sowohl bei Rechten wie bei Linken zu beobachten ist. Die Verlockungen zur ideologischen Inquisition und zu politischen Sündenbockritualen sind auf beiden Seiten des Spektrums gleich groß und die natürlichen Opfer sind oft die »Okkultisten«. Mit ihrer antiokkultistischen Rhetorik reproduzieren die Rechten und die Linken – meist unbewusst – die Sprach- und Argumentationsmuster ihrer Vorgänger in Zeiten der Inquisition und der Hexenjäger in der frühen Neuzeit.

Es ist leicht verständlich, warum konservative Autoren, die der katholischen Kirche nahestanden, wie Voegelin oder auch Carl Schmitt, bewusst oder unbewusst die Inquisition als intellektuelles und politisches Vorbild übernahmen. Warum aber Linke wie Adorno und seine Nachbeter?

Der Antiokkultismus und die Antiesoterik sind tief in das Denken des 20. Jahrhunderts verwoben, sowohl bei der Rechten als auch bei der Linken. Kommunisten und Nazis setzten die frühere Praxis der Kirche fort, die jene, die angeblich »irrationale«, »okkulte« oder »häretische« Überzeugungen vertraten, verfolgten und vernichteten. In seiner Reaktion gegen die »irrationalen« Aspekte des Nazismus setzte Adorno genau jene Art rhetorischer Dämonisierung fort, die die Nazis gegen mißliebige Minderheiten betrieben. Und in seinem Kreuzzug gegen die Irrationalismus übersah Adorno die schauerliche Rolle, die der rationale Industrialismus im Nationalsozialismus spielte: was anderes waren die Gaskammern, als industrielle Todeskammern? Antiokkultismus und Antiesoterik sind so tief in den Fundamenten der westlichen Gesellschaft verankert, dass sie selbst von Esoterikern oder Okkultisten kaum bemerkt werden, dass vor allem die Kritiker die jahrhundertealte Ausgrenzungtaktik nicht mehr als solche erkennen, auch wenn sie in ihrer Tradition stehen. Praktisch niemand im linken Lager scheint die unerfreulichen Ursprünge und Implikationen von Adornos Antiokkultismus bemerkt zu haben, stattdessen findet man fast ausschließlich stillschweigende Zustimmung oder ausdrückliche Bekräftigungen seiner Vorurteile. Natürlich muss man den Okkultismus ablehnen. Doch je unbewusster solche Vorurteile sind, um so größer ist ihre Macht. Die Esoterikforschung hat sich aufgemacht, über solche Vorurteile aufzuklären.

* Arthur Versluis ist Professor für Amerikanistik an der Michigan State University, Herausgeber der Zeitschrift Esoterica und Gründungspräsident der Association for the Study of Esotericism.

Arthur Versluis, The New Inquisitions: Heretic-Hunting and the Intellectual Origins of Modern Totalitarianism
Corinna Treitel, A Science for the Soul: Occultism and the Genesis of the German Modern

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26.9.09

Verbotenes Wissen

Der aufklärerische Mythos von der Esoterik als dem Anderen der Vernunft bedarf der Revision.

Von Lorenzo Ravagli

Die Geschichte des Westens ist die Geschichte eines fortwährenden Kampfes gegen einen imaginären Feind. Diese Geschichte lässt sich bis zur Begründung des Monotheismus zurück verfolgen. Das Judentum und das Christentum verdrängten das Heidentum, die katholische Kirche die Gnosis, später die Magie, der Protestantismus das »Heidentum« im Katholizismus, die Aufklärung den Okkultismus. In all diesen Verdrängungen wurde esoterisches Wissen (spirituelle Weisheit) unterdrückt. Die Esoterikforschung tritt heute an, die Aufklärung über sich selbst aufzuklären und sie dadurch konsequent zu Ende zu führen. Sie hebt das Verdrängte wieder ins Bewusstsein und befreit damit den Westen endgültig vom ideologischen Totalitarismus. So der Esoterikforscher Wouter J. Hanegraaff in einem Aufsatz aus dem Jahr 2005.

In seinem 2005 erschienenen Aufsatz »Verbotenes Wissen: Anti-Esoterische Polemik und akademische Forschung« vertritt Wouter J. Hanegraaff die These, dass die sogenannte westliche Esoterik das historische Produkt eines polemischen Diskurses ist, der bis zum Beginn des Monotheismus zurückverfolgt werden kann. Im Verlauf dieses Diskurses hat die heutige westliche Durchschnittskultur ihre eigene Identität konstruiert und tut dies bis heute. Diese Konstruktion von Identität vollzieht sich dadurch, dass wir uns selbst und anderen Geschichten darüber erzählen, wer, was und wie wir selbst sein möchten. Die heutige wissenschaftliche Esoterikforschung stellt insofern eine Herausforderung für das akademische Establishment, ja für das Selbstverständnis der westlichen Kultur dar, als sie ebendiese Erzählungen in Frage stellt, untergräbt, und uns dazu zwingt anzuerkennen, wer, was und wie wir wirklich sind. Der tiefere Grund für die Ablehnung des akademischen Establishments gegen die Esoterikforschung ist ein instinktiver Widerstand gegen den Zusammenbruch der Gewissheiten, die diese traditionellen Erzählungen vermitteln.

Jeder polemische Diskurs beruht auf dem Gefühl einer Bedrohung. Er setzt voraus, dass diese Bedrohung verhältnismäßig unklar ist. Er verlangt ein Objekt, eine Zuhörerschaft und Vereinfachungen. Vereinfachungen sind das Hauptinstrument des polemischen Diskurses, der darauf abzielt, ein vollkommen »Anderes« zu konstruieren und dieses zu vergegenständlichen. Das »Andere« des polemischen Diskurses ist stets imaginär und kann als imaginäre Größe um so bessere Dienste bei der Konstruktion der eigenen imaginären Identität leisten. Das Andere wird als das schlechthin Böse dargestellt, während die Partei der Polemiker das schlechthin Gute verkörpert. Eine solche Ausgrenzung des Imaginären liegt dem polemischen Diskurs zugrunde, der über viele Jahrhunderte hinweg gegen das geführt wurde, was als westliche Esoterik bezeichnet wird und lässt diese Esoterik heute als isoliertes Feld möglicher Forschung erscheinen, während sie in Wahrheit ein integraler Bestandteil der westlichen Kultur war und ist.

Von den zwei Strategien der Ausgrenzung, die im Lauf der abendländischen Geschichte gegen das Andere angewendet wurden, dem Verbot und der Ridikülisierung, ist heute allein die Letztere übrig geblieben, obwohl es in der Gegenwart Tendenzen gibt, wieder zum schärferen Mittel des Verbots zu greifen. (Man studiere in diesem Zusammenhang die Strategie der Anti-Kult und Antisektenbewegungen, durch Einfluss auf Parlamente und Behörden ein Verbot des angeblich für die Gesellschaft gefährlichen »Anderen« zu erreichen). Aber die Ridikülisierung ist lediglich das Überbleibsel einer weitaus militanteren Form der Polemik, die sich früher staatlicher Machtmittel bediente, um das »Andere« auszugrenzen, zu verbieten und zu vernichten.

Das große polemische Narrativ

Das große polemische Narrativ des Abendlandes gegen die Esoterik entwickelte sich über verschiedene Stufen. Am Anfang stand die »Mosaische Unterscheidung« (Jan Assmann), die der Begründung des Monotheismus zugrunde lag. Der Monotheismus konstruierte seine eigene Identität, die wahre Religion zu sein, gegen das von ihm polemisch konstruierte »Heidentum«, den Polytheismus und die Götzenverehrung. Im Monotheismus wendet sich die wahre Religion des einen, unsichtbaren Gottes gegen die per definitionem falsche Verehrung falscher Götter. Die Konstruktion des »heidnischen Anderen« war der erste Schritt auf dem Weg zur Herausbildung der abendländischen Identität. Doch trotz des Ausgrenzungsdiskurses gegen das Heidentum blieben dessen Ideen und Traditionen wesentliche Bestandteile des Christentums, die auf die Entwicklung des Abendlandes einen bedeutenden Einfluss ausübten, was sich aus der Geschichte des Neuplatonismus, des Aristotelismus, des Hermetismus oder der Vielfalt »heidnischer« Praktiken ersehen lässt, die bis heute nicht aus dem Alltag verschwunden sind. Da das »Heidentum« bis heute ein lebendiger Bestandteil der westlichen Kultur geblieben und nicht aus der Geschichte des Christentums wegzudenken ist, wurde dieses integrale Heidentum in einen imaginären Raum abgedrängt, in dem es als das »Andere« fortwährend bekämpft werden konnte und musste. Nur durch fortdauernde Polemik konnte sich die »westliche« Identität unter sich wandelnden historischen Bedingungen stets von neuem reproduzieren.

Die Konstruktion der Gnosis

In den ersten Jahrhunderten der Geschichte des Christentums konstruierte sich dieses gegen die Ketzerei, die in Gestalt der Gnosis imaginiert wurde. Gnosis oder Gnostizismus ist ein künstliches Konstrukt, das durch einen polemischen Diskurs geschaffen wurde, das so erfolgreich war, dass bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die Mehrzahl der Gelehrten an die tatsächliche historische Existenz einer Gnosis glaubte, die jedoch lediglich als imaginäre Größe existierte. Gnostizismus ist ein dubioser Begriff, der ein verfälschtes Bild der Geschichte erzeugt und auf dessen Gebrauch am besten verzichtet werden sollte. Die Polemik gegen die Ketzer in den ersten Jahrhunderten des Christentums hat bis ins 20. Jahrhundert hinein festgelegt, was die akademische Forschung unter Gnosis verstand. Die Gnosis war die falsche Religion, der religiöse Irrtum und wurde als gefährlich und unmoralisch denunziert, weil sie den Individualismus förderte. Ihr Hinweis auf die Grenzen der Philosophie und den individuellen Erfahrungszugang zum Göttlichen konnte zu einem Plädoyer für das Irrationale umgedeutet werden.

Bei genauerem Hinsehen erweist sich die sogenannte gnostische Bewegung oder Religion als inexistent. Stattdessen findet man im römischen Reich in der Zeit des Hellenismus eine diffuse und komplexe Form von Religiosität, die nach Erkenntnis (Gnosis) und rettendem esoterischem Wissen strebte. Sie ignorierte orthodoxe Grenzziehungen und konnte sowohl im Heidentum, Judentum, Christentum wie auch später im Islam in Erscheinung treten.

Die Konstruktion der Magie

Ähnlich verhält es sich mit der Konstruktion der Magie als des »Anderen« des rechtgläubigen Christentums. Schon bei den Griechen war Magie ein diffuser, pejorativer Begriff, der als illegitim betrachtete religiöse Praktiken bezeichnete. Die frühen Christen übernahmen diesen ausgrenzenden Begriff und schränkten ihn auf den »Verkehr mit Dämonen«, den falschen Göttern des Heidentums ein. Aus der Sicht der antiheidnischen Gegenreligion wurde Magie zum Herrschaftsgebiet des Feindes der Menschheit. Der religiöse Irrtum wurde zu einer Gefahr für die Gesellschaft. Diese musste gegen den Angriff des Bösen geschützt werden. Die Annahme, es gebe einen Verkehr mit bösen Dämonen war die Grundlage der Polemik gegen die Magie, der nun eine Fülle von divinatorischen Praktiken zugeordnet wurde, von mantischen Techniken über die Anrufung von Engeln oder Seelen Verstorbener, bis hin zu dem Wissen von Hexen usw. Auch hier wiederum verdeckt die Tatsache, dass all diese Praktiken als gesetzlos, gefährlich, unmoralisch und falsch denunziert wurde, lediglich die historische Wahrheit, dass sie durch die Jahrhunderte ein integraler Bestandteil des lebendigen Christentums waren. Wie im Fall des Gnostizismus sind die Kategorien der Polemiker später von Akademikern übernommen worden und haben die Interpretation der Geschichte des Christentums und der westlichen Kultur verfälscht.

Die Rekonstruktion des Heidentums

Ironischerweise erging es der katholischen Kirche ebenso wie dem Heidentum, das sie von sich auszugrenzen versucht hatte, als der Protestantismus sich erhob, und den Katholizismus als das fortexistierende Heidentum im Christentum zu konstruieren begann. Nunmehr sah sich der Protestantismus in der Rolle der wahren Religion und der Katholizismus wurde als die falsche deklariert. Im Protestantismus trat die Unterscheidung zwischen Glaube und Werken hinzu. Erlösung kommt allein aus dem Glauben, Werke, Rituale sind irrelevant. Der Einfluss des Protestantismus auf das Verständnis von Religion in der Neuzeit ist nicht zu überschätzen. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat die Religionswissenschaft begonnen, die protestantische Fixierung auf Glaubensinhalte, auf theoretische Lehren zu überwinden, und wieder anzuerkennen begonnen, dass Praxen wie Rituale, Zeremonien und so weiter ein integraler, zentraler Bestandteil des religiösen Lebens sind. Die Abkehr des Protestantismus von »Symbol, Mythos und Ritual« hat zu einer Verengung der Religion und ihres Verständnisses geführt. Ohne Berücksichtigung dieser Dimensionen des religiösen Lebens kann aber weder die historische Realität des Christentums noch die irgendeiner anderen Religion verstanden werden.

Zum großen polemischen Narrativ trug der Protestantismus zwei Elemente bei: er bestärkte die Ausgrenzung des Heidnischen, Gnostischen und Magischen, das gerade in der Renaissance wieder mächtig in das Christentum zurückzufließen begann (Marsilio Ficino, Pico della Mirandola, Ludovico Lazarelli) und er verengte das Verständnis von Religion auf Lehre, Wort und Schrift. Formen religiösen Lebens, die ihr Hauptgewicht auf Praxen legen, wurden so erneut herabgewürdigt: dies gilt besonders für das sogenannte Heidentum, das von neuem zum beherrschenden Thema wurde, da es in den Kolonialreichen in neuer Form in Erscheinung trat. In seinem Kampf gegen Bilder und Werke festigte der Protestantismus sein Selbstbild als antimagische, antimythische und antiritualistische Gegenreligion schlechthin. Die Gegenreaktion gegen diesen rigorosen Purismus konnte nicht ausbleiben: sie trat im Protestantismus selbst hervor, der einige der bedeutendsten Strömungen der Geschichte der westlichen Esoterik generierte: das Werk des Paracelsus und Jakob Boehmes, die Manifeste der Rosenkreuzer, schließlich die christliche Theosophie. Die christliche Theosophie nach der Reformation war ein Kind des Protestantismus. Gegen diesen inneren Feind setzte sich die protestantische Kirche zur Wehr und fügte zum ausgegrenzten Anderen das christianisierte Heidentum des Neuplatonismus und der Hermetik, die christliche Kabbala, des Paracelsismus, das Rosenkreuzertum, die christliche Theosophie – und im 20. Jahrhundert die Anthroposophie hinzu. Aus dieser Geschichte ist zu verstehen, warum manche der schärfsten Polemiken gegen die Anthroposophie bis heute aus protestantischer Perspektive vorgetragen werden, die eine intrinsische Strukturverwandtschaft mit der atheistischen Linken besitzt.

Die Konstruktion des Okkulten

Im Jahrhundert der Aufklärung schließlich wurde der protestantische Ausgrenzungsdiskurs als Polemik gegen das »Okkulte« fortgeführt. Den mythischen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Aberglaube, Vernunft und Unvernunft gab es zu Beginn der Aufklärung nicht. Die Frühaufklärer sahen sich auf der Seite der Wahrheit, die die wahre Religion selbstverständlich einschloss. Führende Vertreter der Royal Society bestanden auf der Möglichkeit der Hexerei und der Bedeutung dämonischer Einflüsse auf die Natur. Kepler war praktizierender Astrologe, Newton und Boyle waren Alchemisten – und gläubige Christen –, die sogenannten okkulten Wissenschaften waren ein integraler Bestandteil der »wissenschaftlichen Revolution«. Die Ablehnung okkulter Wissenschaften kann nicht zu einem auszeichnenden Merkmal der wissenschaftlichen Revolution in der Neuzeit erklärt werden. Der Diskurs über Aufklärung, der sich im Lauf des 19. Jahrhunderts entwickelte, die historische Entwicklung extrem simplifizierte, und die Vernunft gegen das Irrationale, die Wissenschaft gegen den Aberglauben ausspielte, fiel mit seinen Argumentationen in all die Muster zurück, die von den monotheistischen und christlichen Polemikern bereits vorgebildet waren. Vom Standpunkt des Fortschritts der Wissenschaften erschien das Heidnische nunmehr als das Primitive, das auf einer untergeordneten Entwicklungsstufe stehen geblieben war. Der Begriff des Fetischismus ersetzte den der Idolatrie. Das primitive Bewusstsein des Fetischisten vermochte angeblich nicht zwischen dem materiellen Abbild und dem Begriff zu unterscheiden, den ersteres symbolisierte und die von Primitiven praktizierte Magie beruhte angeblich auf der Verwechslung von eingebildeten Korrespondenzen mit kausalmechanischen Wirkungen.

Das imaginäre Andere wurde zum »Anderen der Vernunft« (Hartmut und Gernot Böhme). Als solches übte es einen unermesslichen Einfluss auf die Geschichte der Wissenschaften und der westlichen Kultur aus. Die Ideologen der Aufklärung definierten ihre eigene Identität im 19. Jahrhundert mittels eines polemischen Diskurses, der sie selbst als vollkommen rational erscheinen ließ, und alle möglichen Formen von Aberglauben als vollkommen irrational und abwegig ausgrenzte. Nicht nur die Dogmen der Kirche fanden sich nun in diesem Sammelbecken des Irrationalen, sondern auch die gesamte Hermetik und eben der Okkultismus. Dieses »Irrationale« wurde der Lächerlichkeit preisgegeben, aber die Vorwürfe der Immoralität und der Gefährlichkeit waren nicht fern. Dies gilt insbesondere für eine Reihe von modernistischen Diskursen, die den Faschismus oder Nationalsozialismus als die Rückkehr des gnostischen Feindes und als die fatale Folge der »Zerstörung der Vernunft« (Lukacs, Voegelin, Adorno) betrachten, die vage aber hartnäckig mit dem »Okkulten« verbunden wird.

Nichts ist esoterisch, so Hanegraafs Fazit, das nicht aus bestimmten Gründen von jemandem als esoterisch konstruiert wird. Dass die westliche Esoterik, das heißt ein wesentlicher, unwegdenkbarer Bestandteil der westlichen Kultur und ihrer Geschichte, nahezu vollständig von der akademischen Forschung ignoriert wurde, lässt sich letztlich nur psychologisch erklären. Denn die westliche Kultur ist in einem polemischen Narrativ entstanden, zu dessen Fundament es gehört, wesentliche Teile dieses Fundaments zu verdrängen und als inexistent zu erklären. Die Anerkennung dieser verdrängten Geschichte kommt der Anerkennung eines Schattens gleich. Die Anerkennung des Schattens erschüttert das Selbstbild, das auf der Verdrängung des Schattens beruht. Gewaltige psychische (psychosoziale) Energien werden aufgewendet, um dieses fragile Bild eines vollkommen rationalen und durchsichtigen, reinen Selbstes zu erzeugen. Die Anerkennung, dass der verdrängte Schatten ein integraler Bestandteil dieses Selbstes ist, zerstört dieses Selbstbild und entzieht der Inflation der Vernunft jegliche Grundlage. Würde die westliche Kultur aus dem großen polemischen Narrativ heraustreten, würde nichts mehr aussehen wie zuvor, der Boden unter unsern Füßen würde schwinden und das scheinbare Chaos drohen. Der wissenschaftlichen Esoterikforschung kommt die Rolle eines Therapeuten zu, der die vereinseitigte westliche Kultur wieder zu ihrer Ganzheit zurückführen kann, indem er uns bewusst macht, was wir alles hinter uns gelassen, ausgegrenzt und verdrängt haben, um zu dem zu werden, was wir heute sind.

Von Hanegraaff ist zuletzt erschienen: Swedenborg Oetinger Kant: Three Perspectives on the Secrets of Heaven

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