Aufstieg zum Mythos II
Eine Rezension von Michael Birnthaler
Mythen und Mythologien feiern in der Gegenwart eine fröhliche Renaissance. Harry Potter, Herr der Ringe, Eragon, Artus, Atlantis sind unübersehbare Beispiele für die ungestillte Sehnsucht des Menschen nach einer Wiederverzauberung der Welt durch alte und moderne Mythen und Märchen.
Umso erstaunlicher mutet es dagegen an, dass fachlich anspruchsvolle Bücher, die die Hintergründe der Mythologien beleuchten ausgesprochen rar sind. Mit dem Werk »Aufstieg zum Mythos« des bekannten anthroposophischen Schrifstellers und Waldorfpädagogen Lorenzo Ravagli schließt sich endlich diese bislang schmerzliche Lücke.
Mit hoher gedanklicher Stringenz werden in der 200-seitigen Publikation die mythologischen Säulen, auf denen unsere postmoderne Kultur ruht, aufgezeigt. Dabei spannt dieses Werk gewaltige literarische Bögen, die den Leser in die Welt der Geschichte und Geschichten lockt und ihn das eine Mal mit spannenden Erzählungen erbaut und das andere Mal mit scharfzüngigen Analysen der Zivilisationskrisen konfrontiert.
Ganz nebenbei stellt sich dabei die frappierende Einsicht ein, dass die Ergebnisse der großen Mythenforscher wie Jean Gebser und Mircea Eliade und die geistigen Forschungen von Rudolf Steiner zu dieser Thematik durch geschickte Perspektivwechsel harmonisch zur Deckung kommen können.
Im Mittelpunkt der Studie stehen bei Ravagli dabei exemplarisch die faszinierenden Mythologien der Navaho-Indianer aus dem nordamerikanischen Canyonland. An der eindrucksvollen Schilderung ihres Weltbildes reift im Leser zunehmend eine beängstigende Gewissheit: die Grundlagen unserer abendländischen Kultur, unsere moderne Vorstellung von Raum und Zeit, von Schöpfung und dem Wirken des Göttlichen ist als beschränkt und verarmt anzusehen. Wie ein kümmerlicher ruinöser Rest einer vormals grandiosen spirituellen »Weltbild-Kathedrale« mutet unser heutiges mechanistisches Weltverständnis an.
Eine erneuerte und begründete Ehrfurcht vor der Religion und Kultur alter Völker, insbesondere hier der Navaho-Indianer zu entwickeln, ist jedoch nur die eine Seite des Verdienstes des Autors. Die besondere Leistung besteht vielmehr darin, eine exakte Beschreibung gegeben zu haben, wie sich das Bewusstsein des Menschen im Laufe der Menschheitsgeschichte in bestimmten Stufen weiter- und höherentwickelt: vom archaischen, über das magische, mythische bis hin zum gegenwärtigen mental-rationalen Bewusstsein. Die nächste Stufe, das integrale Bewusstsein, so der Autor, kann jedoch erst erreicht werden, wenn konstruktiv auf der Stufe des Mythos aufgebaut wird. An dieser Stelle zeigt Ravagli in nachdrücklicher Weise, was wir von den sogenannten »Naturvölkern«, die gelegentlich noch als »Primitive Kulturen« bezeichnet werden, zum eigenen Wohl noch lernen können.
In einer Zeit, in der die Anthroposophie in grober Weise rassistischer Denkweisen bezichtigt wird, sind die sensiblen, positiven und fundierten Darstellungen von Lorenzo Ravagli über die mythischen Kulturen (hier der Indianer) ein »Denk-mal« für eine antirassistische und tolerante Auseinandersetzung mit fremden Völkern.
Doch eigentlich geht es dem Autor nach eigenen Angaben um weit mehr.
Denn Ravagli sieht die Menschheit unverhohlen an einem globalen Abgrund angekommen. Kolossale ökonomische, soziale und ökologische Katastrophen gehören zur apokalyptischen Signatur der westlichen Menschheit. Die Ursachen hierfür sieht der Autor in dem modernen unspirituellen, man möchte beinahe sagen »mythologiefernen« Bewusstsein, das primär von Angst und Gier gekennzeichnet ist.
Mit markigen Formeln ruft der Autor dem Leser bereits im Vorwort zu, dass der einzige Weg aus diesem globalen Dilemma die Entwicklung eines neuen Bewusstseins von der lebendigen Erde ist. Kurzum: Der Mensch muss dabei wie er schreibt, zu einem mythogenen Bewusstsein aufsteigen: »Aus dem Teufelskreis der sich gegenseitig verstärkenden Angst und Gier und den stets vergeblichen Versuchen, die damit verbundene existenzielle Qual zu verschleiern, indem wir uns vorgaukeln, unsere Rationalität habe alles im Griff und werde alle Probleme meistern, können wir uns nur befreien, wenn wir uns dazu entschließen, jene Realität wieder in unser Bewusstsein und Leben aufzunehmen, von der der Mythos erzählt. Das neue Bewusstsein, von dem die Anthroposophie spricht, das die Einsicht in den Zusammenhang alles Lebens auf Erden und die gemeinsame Verantwortung aller für dieses Leben bringen wird, und die Lebenspraxis, die manche noch heute auf Erden existierende mythogene Gemeinschaften bewahrt haben, schließen sich über die Jahrtausende hinweg zusammen.«
Ravaglis neues Buch ist als bildungsreiche und wissenschaftliche Streitschrift für ein notwendiges neues Bewusstsein geschrieben. Bedauerlich an diesem Werk ist einzig und alleine, dass es wohl vor allem diejenigen Leser erreichen wird, die sich mit Ravaglis anspruchsvoller Schreibweise und bewundernswertem Abstraktionsvermögen anfreunden.
Es hätte verdient, eine große Leserschaft zu finden, denn unsere Zeit braucht mehr denn je eine Wiederverzauberung durch die Mythen und gleichzeitig einen Wegweiser für den »Aufstieg zum Mythos«.
Lorenzo Ravagli: Aufstieg zum Mythos: Ein Weg zur Heilung der Seele in apokalyptischer Zeit
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