29.7.09

Aufstieg zum Mythos II

Eine Rezension von Michael Birnthaler

Mythen und Mythologien feiern in der Gegenwart eine fröhliche Renaissance. Harry Potter, Herr der Ringe, Eragon, Artus, Atlantis sind unübersehbare Beispiele für die ungestillte Sehnsucht des Menschen nach einer Wiederverzauberung der Welt durch alte und moderne Mythen und Märchen.

Umso erstaunlicher mutet es dagegen an, dass fachlich anspruchsvolle Bücher, die die Hintergründe der Mythologien beleuchten ausgesprochen rar sind. Mit dem Werk »Aufstieg zum Mythos« des bekannten anthroposophischen Schrifstellers und Waldorfpädagogen Lorenzo Ravagli schließt sich endlich diese bislang schmerzliche Lücke.

Mit hoher gedanklicher Stringenz werden in der 200-seitigen Publikation die mythologischen Säulen, auf denen unsere postmoderne Kultur ruht, aufgezeigt. Dabei spannt dieses Werk gewaltige literarische Bögen, die den Leser in die Welt der Geschichte und Geschichten lockt und ihn das eine Mal mit spannenden Erzählungen erbaut und das andere Mal mit scharfzüngigen Analysen der Zivilisationskrisen konfrontiert.

Ganz nebenbei stellt sich dabei die frappierende Einsicht ein, dass die Ergebnisse der großen Mythenforscher wie Jean Gebser und Mircea Eliade und die geistigen Forschungen von Rudolf Steiner zu dieser Thematik durch geschickte Perspektivwechsel harmonisch zur Deckung kommen können.

Im Mittelpunkt der Studie stehen bei Ravagli dabei exemplarisch die faszinierenden Mythologien der Navaho-Indianer aus dem nordamerikanischen Canyonland. An der eindrucksvollen Schilderung ihres Weltbildes reift im Leser zunehmend eine beängstigende Gewissheit: die Grundlagen unserer abendländischen Kultur, unsere moderne Vorstellung von Raum und Zeit, von Schöpfung und dem Wirken des Göttlichen ist als beschränkt und verarmt anzusehen. Wie ein kümmerlicher ruinöser Rest einer vormals grandiosen spirituellen »Weltbild-Kathedrale« mutet unser heutiges mechanistisches Weltverständnis an.

Eine erneuerte und begründete Ehrfurcht vor der Religion und Kultur alter Völker, insbesondere hier der Navaho-Indianer zu entwickeln, ist jedoch nur die eine Seite des Verdienstes des Autors. Die besondere Leistung besteht vielmehr darin, eine exakte Beschreibung gegeben zu haben, wie sich das Bewusstsein des Menschen im Laufe der Menschheitsgeschichte in bestimmten Stufen weiter- und höherentwickelt: vom archaischen, über das magische, mythische bis hin zum gegenwärtigen mental-rationalen Bewusstsein. Die nächste Stufe, das integrale Bewusstsein, so der Autor, kann jedoch erst erreicht werden, wenn konstruktiv auf der Stufe des Mythos aufgebaut wird. An dieser Stelle zeigt Ravagli in nachdrücklicher Weise, was wir von den sogenannten »Naturvölkern«, die gelegentlich noch als »Primitive Kulturen« bezeichnet werden, zum eigenen Wohl noch lernen können.

In einer Zeit, in der die Anthroposophie in grober Weise rassistischer Denkweisen bezichtigt wird, sind die sensiblen, positiven und fundierten Darstellungen von Lorenzo Ravagli über die mythischen Kulturen (hier der Indianer) ein »Denk-mal« für eine antirassistische und tolerante Auseinandersetzung mit fremden Völkern.

Doch eigentlich geht es dem Autor nach eigenen Angaben um weit mehr.
Denn Ravagli sieht die Menschheit unverhohlen an einem globalen Abgrund angekommen. Kolossale ökonomische, soziale und ökologische Katastrophen gehören zur apokalyptischen Signatur der westlichen Menschheit. Die Ursachen hierfür sieht der Autor in dem modernen unspirituellen, man möchte beinahe sagen »mythologiefernen« Bewusstsein, das primär von Angst und Gier gekennzeichnet ist.

Mit markigen Formeln ruft der Autor dem Leser bereits im Vorwort zu, dass der einzige Weg aus diesem globalen Dilemma die Entwicklung eines neuen Bewusstseins von der lebendigen Erde ist. Kurzum: Der Mensch muss dabei wie er schreibt, zu einem mythogenen Bewusstsein aufsteigen: »Aus dem Teufelskreis der sich gegenseitig verstärkenden Angst und Gier und den stets vergeblichen Versuchen, die damit verbundene existenzielle Qual zu verschleiern, indem wir uns vorgaukeln, unsere Rationalität habe alles im Griff und werde alle Probleme meistern, können wir uns nur befreien, wenn wir uns dazu entschließen, jene Realität wieder in unser Bewusstsein und Leben aufzunehmen, von der der Mythos erzählt. Das neue Bewusstsein, von dem die Anthroposophie spricht, das die Einsicht in den Zusammenhang alles Lebens auf Erden und die gemeinsame Verantwortung aller für dieses Leben bringen wird, und die Lebenspraxis, die manche noch heute auf Erden existierende mythogene Gemeinschaften bewahrt haben, schließen sich über die Jahrtausende hinweg zusammen.«

Ravaglis neues Buch ist als bildungsreiche und wissenschaftliche Streitschrift für ein notwendiges neues Bewusstsein geschrieben. Bedauerlich an diesem Werk ist einzig und alleine, dass es wohl vor allem diejenigen Leser erreichen wird, die sich mit Ravaglis anspruchsvoller Schreibweise und bewundernswertem Abstraktionsvermögen anfreunden.
Es hätte verdient, eine große Leserschaft zu finden, denn unsere Zeit braucht mehr denn je eine Wiederverzauberung durch die Mythen und gleichzeitig einen Wegweiser für den »Aufstieg zum Mythos«.

Lorenzo Ravagli: Aufstieg zum Mythos: Ein Weg zur Heilung der Seele in apokalyptischer Zeit

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26.7.09

Denken des Mythos

Ein neues Licht am Himmel des Denkens erscheint in Gestalt Martin Spuras, der mit seinem genialen Erstlingswerk Das verweigerte Opfer des Prometheus, einen bahnbrechenden Beitrag zur Interpretation mythischer Denkbilder und der Geistesgeschichte des Abendlandes leistet.

Spura unternimmt in seinem Buch nichts Geringeres, als eine Rekonstruktion der Wegscheiden und Umbrüche in der Bewusstseinsentwicklung des Okzidents, die in eine klare, philosophisch formulierte Perspektive mündet, wie die gegenwärtige Menschheit sich aus den Sackgassen befreien kann, in die sie durch diese Entwicklung geraten ist. Im Zentrum seiner Untersuchung, die sich ebensosehr an die Begriffssprache Heideggers wie die Denkformen der Anthroposophie anlehnt, steht eine philosophische Meditation über das Wesen des Opfers und des Mythos. Spura entwickelt eine völlig neuartige Form – neuartig im Vergleich mit den Ansätzen anderer Mythographen des 20. Jahrhunderts –, den Mythos zu denken, die weder symbolisch noch naturalistisch ist, sondern schlicht spirituell. Der Mythos ist ein Bild der realen Geschichte. Diese Geschichte ist in erster Linie Geistes- und Bewusstseinsgeschichte. Die Bilder des Mythos, deren Sinngehalt er entbirgt, schildern eben diese Geistes- und Bewusstseinsgeschichte und umgreifen einen Zeitraum von Jahrtausenden. Sie greifen weit in die schriftlose Zeit zurück und weisen auf eine ebenso weit bevorstehende Zukunft der Menschheit. Sie betreffen eben so sehr unsere Gegenwart. Sie enthalten aber nicht nur Aussagen über die Geschichte der Menschheit als Kollektiv, sondern auch Schilderungen von Seelenvorgängen, die sich in jedem einzelnen Menschen abspielten und bis heute abspielen.

Nicht allein der Mythos erhält so eine vollkommen neue Bedeutung – die in Wahrheit nur seine vergessene alte, ewige ist –, sondern auch die Offenbarungsreligionen, insbesondere das Christentum, das als notwendige Konsequenz der vom Mythos beschriebenen Entwicklungen gedacht werden kann. Die Wahrheit des Christentums kann gedacht werden, ebenso wie die Wahrheit des Mythos. Sie stehen nicht im Gegensatz zueinander. Sie stehen auch nicht im Gegensatz zur Philosophie. Vielmehr wird sich die Philosophie nach ihrem Ende wieder dem Mythos zuwenden, um aus ihm eine Neubelebung zu erfahren. Was die Genien des deutschen Frühidealismus als Programm formuliert haben, wird von Spura in denkbar umfassendem Sinn eingelöst: die Philosophie muss wieder Mythologie werden, ohne die Klarheit des Begriffs und die rationale Form aufzugeben.

Alle von Spura untersuchten Mythen schildern die Beziehungen der Menschen zu den Göttern und die Wandlungen dieser Beziehungen. Die Entstehung des rationalen Geistes, der Philosophie und der Wissenschaften vor zweieinhalb Jahrtausenden ist die Folge von Handlungen der Götter, die jene gewaltige Veränderung im Bewusstsein der abendländischen Menschheit einleiteten, durch die sie selbst untergingen: durch die sie allmählich aus dem Bewusstsein der Menschheit entschwanden, um in den unbewussten Tiefen der menschlichen Seelen fortzuleben. Nicht nur im griechischen Mythos geht Spura den Zeugnissen für diese Umwälzungen nach, sondern auch im germanischen. Die Geschichte des Prometheus, die Schicksale der Tantaliden, der Demeter und Persephone, des Apoll und des Dionysos, die Edda, die Nibelungen, Beowulf und Parzival stellen von je unterschiedlichen Standpunkten dieselben Vorgänge oder bestimmte Aspekte dieser Vorgänge dar. Prometheus brachte der Menschheit nicht nur das Licht des Bewusstseins und der Wissenschaften und entbarg auf diese Weise das Seiende, er verhüllte zugleich die Götterwelt – das Sein – vor den Menschen. In den Gestalten des Dionysos und des Apoll, in den Geschicken der Demeter und Persephone, des Orest und der Iphigenie bereitete sich eine Überwindung der bewusstseinsgeschichtlichen Folgen dieser Prometheustat vor. Die Gefangenschaft am Kaukasus und die Hoffnung der Pandora erfahren eine neue, tiefgreifende Beleuchtung. Die Schicksale Baldurs und die Erzählungen von der Götterdämmerung künden, wenn auch aus einer anderen Perspektive, von der Heraufkunft der rationalen, begrifflichen Weltauffassung und von den Möglichkeiten ihrer Überwindung.

In ganz anderer Art bezeugt Hiob die Beziehung des Menschen zu Gott. Seine Heilsgewissheit und seine Zuversicht, dass sein Erlöser lebt, stellen eine wichtige Stufe in der Entwicklung des Wissens des Menschen von Gott und von sich selbst dar. In ihm scheint aus der Geschichte des Judentums eine aufkeimende Beziehung der Menschheit zur Weisheit, zur Sophia auf, die sich erst in den kommenden Jahrtausenden unter Einbezug der realgeschichtlichen Folgen der Menschwerdung Gottes entfalten kann.

Die Alchemie des Mittelalters und die »Aurora consurgens« des Thomas von Aquin erhalten durch Spura eine einzigartige Tiefendeutung, die ihre Relevanz für die Gegenwart erweist, schließlich auch das Rosenkreuzermysterium und der Isis-Osiris-Horus-Mythos, der sich in der unmittelbaren Gegenwart spiegelt.

Die bevorstehende Wandlung des abendländischen Bewusstseins ist jedoch nicht zu erringen, ohne eine Auseinandersetzung mit dem Bösen. In vielerlei Gestalt spricht der Mythos von diesem Bösen, das in den Tiefenschichten des Seins und der Menschenseele waltet, und das in der Neuzeit, insbesondere in der Gegenwart eine neue Erscheinungsform annimmt. Mit beeindruckender Präzision und Schärfe charakterisiert Spura die Konfigurationen dieses vom Menschen erzeugten Bösen in der sich vereinseitigenden wissenschaftlichen Rationalität und den scheinrealen Gebilden einer zweiten Natur, die sich von ihrem Erzeuger in den technomorphen Schichten des Daseins ablöst. Was in den Reichen der technischen Artefakte, in der Cyberwelt und den weltumspannenden Informationssystemen Gestalt annimmt, ist eine spezifisch neuzeitliche Erscheinungsform des Bösen, das den Menschen in seinem Sein bedroht. Während der Mensch als Abbild seines göttlichen Urbildes das Potential in sich trägt, durch Rückbesinnung auf die göttliche Weisheit und Liebe die Kluft zwischen sich und seinem Ursprung zu überwinden, reisst sich in den »Abbildern der Abbilder« eine neue ontologische Schicht vom Menschen los, die ihn mit sich in einen Abgrund des Scheins und des Todes zu ziehen droht, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt. Spura bietet in seinen Analysen eine vom Mythos gespeiste Technikphilosophie, die an Heidegger anknüpft, aber weit über ihn hinausweist. Hier ist auch der Ort, wo er sich mit den Verlockungen und Verirrungen Sloterdijks und seinem Loblied auf die technomorphe Selbstmodellierung des Menschen auseinandersetzt.

Der künftige Weg des Abendlandes führt durch die Erlösung des Bösen. Nur die Integration der Schattengestalten, die aus dem Menschen hervorgegangen sind, deren Umwandlung durch die Liebe, wird auch den an den Kaukasus geschmiedeten abendländischen Intellekt erlösen. Die lebenzerstörende Ratio muss durch die Liebe erlöst werden, die Herzenskräfte müssen in den Verstand einfließen, das Denken muss sich verchristlichen, wenn die drohende Apokalypse abgewendet werden soll.

Schließlich werfen Spuras Analysen auch ein gänzlich neues Licht auf die größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts, auf den Holocaust, auf den Nationalsozialismus und den Kommunismus. Überzeugend legt er dar, dass das tiefere Wollen des Nationalsozialismus und des Kommunismus, das totalitäre Wollen, das den Menschen dem Sein entfremdet und ihn in die Opferung des Anderen treibt, keineswegs überwunden ist. Die entmenschlichenden politischen Religionen des 20. Jahrhunderts, die Hekatomben zum Opfer brachten, um sich selbst an der Macht zu erhalten, die aus der Seinsvergessenheit und der Verweigerung des Selbstopfers hervorgingen, sie beherrschen in metamorphosierter Form weiterhin die Gesellschaften, die angeblich aus ihrer Überwindung hervorgegangen sind. Der Ökonomismus, der Konsumismus und die Technokratie, die an die Stelle der totalitären Systeme getreten sind, gründen ebenso auf der Seinsvergessenheit und der Verweigerung des Selbstopfers wie jene. Die Gefahr, die uns droht, ist indes weitaus schwerer zu erkennen, da sie von Illusionen verdeckt wird. Im Wiederaufkommen der Eugenetik und medizinischer Selektionspraktiken zeichnet sich ab, dass das Verdrängte und scheinbar Überwundene zurückkehrt.

Die Menschheit steht an einem Scheideweg. Entweder sie setzt den Weg des verweigerten Opfers fort, oder es gelingt ihr, sich an den Vorbildern auszurichten, von denen der Mythos erzählt. Er erzählt von der Suche nach der göttlichen Sophia, der Liebe, die das Böse erlöst. Er erzählt von der freiwilligen Annahme und Verwandlung des Schattens, vom Tod und der Auferstehung, die aus dem Verzicht auf das ohnehin Vergängliche hervorgehen kann. Er erzählt davon, wie das Feuer des Herzens den Intellekt erlöst, der den Menschen sich selbst und den Göttern entfremdet. Der Mythos will bedacht sein. Er ist nicht eine überwundene Stufe der Entwicklung, sondern der fortströmende Quell des Seins, aus dem wir unser Leben schöpfen. Wird er bedacht, lässt er uns nicht in eine Welt des Irrationalen zurückfallen, sondern bewahrt uns gerade vor einem solchen Rückfall, der darin besteht, dass wir den undurchschauten Mythen des Rationalismus erliegen. Dieser verheisst uns das prometheische Licht der Erkenntnis, ohne die erlösende und versöhnende Liebe der Persephone. Er will uns glauben machen, in diesem Licht allein liege unser Heil. Dass dies nicht zutrifft zeigt bereits das Schicksal der Tantaliden.

Lorenzo Ravagli

Martin Spura, Das verweigerte Opfer des Prometheus: Der Ariadnefaden der abendländischen Geistesentwicklung

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18.7.09

»Eine Rückkehr zum Mythos mag wohl angezeigt sein«

Paul Feyerabends »Naturphilosophie«

Lorenzo Ravagli

Paul Feyerabend, einer der führenden Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts, beschäftigt sich in seinem nachgelassenen Fragment einer Naturphilosophie mit dem Verhältnis von Mythos und Logos. Dieses Verhältnis ist »eines der großen Themen der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts und der Gegenwart. Es ist noch keineswegs abschließend geklärt, was im Übergang von der ›mythisch‹ zur ›logisch‹ verfassten Bewusstseinsstufe, wie er sich im Griechenland des 7. bis 5. vorchristlichen Jahrhunderts ereignete, eigentlich geschehen ist.« (Timo Kölling in Leopold Ziegler, eine Schlüsselfigur im Umkreis des Denkens von Ernst Jünger und Friedrich Georg Jünger).

Ähnlich wie Steiner 1895 in seinem Buch Goethes Weltanschauung, sieht Feyerabend in der Philosophie des Parmenides den Beginn eines jahrhundertelangen Irrwegs des abendländischen Denkens. »Eine wahre Odyssee muss das Denken durchschreiten, eine lange Kette von Irrtümern, bevor es sich der wirklichen Welt wieder nähert und die Züge in ihr wiedererkennt, die Schöpfungs- und Entwicklungsmythen einst so lebendig beschrieben haben. Die Odyssee beginnt mit Parmenides ... Parmenides ist der Mann, der unveränderliche und rein begrifflich formulierte Gesetze anstelle anschaulicher Ereignisfolgen setzt und der so Wirklichkeit und Welterfahrung, Denken und Anschauung, Wissen und Handeln entschieden voneinander trennt ... Ihm verdankt die Wissenschaft den Glauben an ewige Gesetze und die axiomatische Darstellungsweise, die nun als die allgemeingültige Grundlage des Verstehens angesehen wird.« Nich viel anders schrieb Steiner 1895: »In einem verhängnisvollen Augenblicke bemächtigte sich eines griechischen Denkers ein Mißtrauen in die menschlichen Sinnesorgane. Er fing an zu glauben, dass diese Organe dem Menschen nicht die Wahrheit überliefern, sondern dass sie ihn täuschen ... Es wird schwer zu sagen sein, in welchem Kopfe sich dieses Mißtrauen zuerst festsetzte. Man begegnet ihm in der eleatischen Philosophenschule ... Als die wichtigste Persönlichkeit dieser Schule erscheint Parmenides. Denn er hat mit einer Schärfe wie niemand vor ihm behauptet, es gäbe zwei Quellen der menschlichen Erkenntnis. Er hat erklärt, dass die Eindrücke der Sinne Lug und Täuschung seien, und dass der Mensch zu der Erkenntnis des Wahren nur durch das reine Denken, das auf die Erfahrung keine Rücksicht nimmt, gelangen könne. Durch die Art, wie diese Auffassung über das Denken und die Sinnes-Erfahrung bei Parmenides auftritt, war vielen folgenden Philosophien eine Entwicklungskrankheit eingeimpft, an der die wissenschafliche Bildung noch heute leidet.«

Parmenides wandte sich laut Feyerabend vom mythischen Weltbild ab, das noch in Hesiods Kosmogonie erkennbar ist. In diesem Weltbild sind nicht nur das Tier- und Pflanzenreich, sondern auch die Menschen und der Kosmos Glieder einer Evolution, der nichts entgeht. Raum, Zeit und Stoff ändern sich zusammen mit den Gesetzen, die sie bestimmen, schöpferische Umbildungen sind an der Tagesordnung. Jeder Teil der Welt hat eine Geschichte, die seine eigene Struktur erklärt, Entwicklungsreihen verbinden Belebtes und Unbelebtes, Zerstreutes und Geordnetes, führen von kosmischen Katastrophen zu Stadien der Ruhe, in denen ernorme Kräfte einander das Gleichgewicht halten, zu weiteren Katastrophen, verursacht von einer Störung des Gleichgewichtszustandes. »Zug für Zug«, so Feyerabend, »wiederholt die moderne Kosmogonie und Kosmologie ... die allgemeinen Prinzipien der alten mythischen Theorien, und selbst die moderne Theorie von Katastrophen und dazwischen liegendem Gleichgewicht findet in der Geschichte vom Titanenkampf und der Bändigung ... der Titanen durch einen mächtigen Gott ... ein mythologisches Analogon.« Selbst die Belebtheit der Welt, die Existenz von Schöpferkräften auch in der unbelebten Materie, die in ununterbrochenem Strom ständig neue Formen in diese Welt werfen, eine Grundeinsicht des Mythos, »wird heute zu guter Letzt als richtig erkannt.«

Dieser Gedanke vom impliziten Wissen des Mythos, zu dem die wissenschaftliche Entwicklung nach langen Umwegen erst wieder hinführt, findet sich ebenfalls bei Steiner. 1906 bemerkte er in einem Vortrag: »Die echten Mythen stammen von den Eingeweihten als deren Schöpfung ... Und wenden sie die Mythen um, so haben sie, ihrem Begriffe nach, die heutige Naturwissenschaft. In der Naturwissenschaft treten ihnen dieselben Wahrheiten entgegen – die Evolutionswahrheiten, die in den Mythen enthalten sind. Daher kommt die merkwürdige Übereinstimmung des tiefer verstandenen Entwicklungsgedankens mit den urältesten Lehren der Menschheit. (GA 96, S. 137, 1906)

Die Parallelen ließen sich noch weiter verfolgen, etwa, wenn man die Einschätzung des Aristoteles durch beide Autoren vergleicht, der die abendländische Philosophie nach Steiner vor dem Parmenideischen Irrtum hätte bewahren können und der aus der Sicht Feyerabends den »grandiosen Versuch« unternahm, eine Kosmologie aufzubauen, »die sich überall ganz nahe an die Anschauung hält, die den Argumenten des Parmenides gerecht wird, und die doch reich genug ist, um die zahlreichen neuen Tatsachen« der Forschung in sich aufzunehmen. Vergleichbar ist auch die Deutung Bacons durch die beiden Denker.

Erst im Lauf des 20. Jahrhunderts, so Feyerabend, hat man wieder eingesehen, »dass die Idee eines unveränderlichen Gesetzes oder eines absolut stabilen Elementes nur approximative Gültigkeit besitzt, dass die Grundform der Materie die Bewegung ist, dass diese Bewegung alle Bereiche des Lebens umfasst, Belebtes mit Unbelebtem verbindet, und dass auch das Universum als ganzes mit allen seinen Gesetzen ihr unterliegt. Alle diese Ideen sind in Hesiod mit nicht zu übertreffender Klarheit ausgedrückt.« Diese Einsicht von der abgründigen dynamischen Struktur der Wirklichkeit hat Steiner in Anknüpfung an Goethe bereits 1890 zum Ausdruck gebracht: »Das sinnenfällige Weltbild ist die Summe sich metamorphosierender Wahrnehmungsinhalte ohne eine zugrunde liegende Materie«. (Nachzulesen in seinen Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften).

Ein deutliches Plädoyer enthält Feyerabends Studie auch für die Anerkennung der mit der mathematisch-rationalen Weltinterpretation inkommensurablen, aber nichtsdestoweniger originären Form der Wirklichkeitserfahrung des mythischen Bewusstseins: »Belebtheit der Welt, Eingriffe der Götter, ›Offenheit‹ des Seelenlebens sind nicht die Vorurteile oder Irrtümer oder Ergebnisse einer oberflächlichen Betrachtungsweise, sie sind deutlich feststellbare Teile dieser Welterfahrung und ihre Beseitigung ist die Beseitigung von wichtigem Wissen.« Die Welt, so Feyerabend, »erscheint diesen frühen Denkern wirklich als ein ›Du‹ und nicht als ein ›Es‹, der Himmel ist ein ›Bilderbuch‹ und nicht ein ›Rechenbuch‹, jedes beschriebene Phänomen ›ist vorhanden‹, ›wird wahrgenommen‹ und entsprechend behandelt.«

Das Fragment schließt mit einem visionären Ausblick. In der Gegenwart ist eine neue Naturphilosophie und Wissenschaft im Entstehen begriffen. In ihr werden die Mittel wissenschaftlicher Forschung zur Ermöglichung eines Prozesses verwendet, »der Mensch und Natur zu einer höheren, aber keineswegs totlitären Einheit verschmilzt. In diesem Prozess verliert der Mensch weder seine Freiheit noch jenes Ausmaß an Wissen, das er braucht, um seine Probleme in stets wechselnder sozialer und natürlicher Umwelt zu bewältigen. Noch auch gewinnt er dieses Wissen unter Ausschluss weiter Bereiche seiner Menschlichkeit und durch Vergewaltigung der Natur, die ihn umgibt. Sympathie mit dieser Natur, intuitives Verständnis des mannigfachen Lebens, das sie enthält, volle Entwicklung der eigenen Persönlichkeit sind wesentliche Teile der neuen philosophisch-mythologischen Wissenschaft, die sich heute erst undeutlich am Horizont abzeichnet.«

Was dem Wissenschaftsphilosophen hier vorschwebt, ist nichts anderes als jene Form einer spiritualisierten Wissenschaft, die die Anthroposophie anstrebt: eine Synthese von Logos und Mythos, in der Subjektivität und Objektivität, Bild und Begriff, Leben und Reflexion zu einer neuen, höheren Einheit verschmelzen.

Literatur:
Paul Feyerabend, Naturphilosophie
Timo Kölling, Leopold Ziegler: Eine Schlüsselfigur im Umkreis des Denkens von Ernst und Friedrich Georg Jünger
Lorenzo Ravagli, Aufstieg zum Mythos: Ein Weg zur Heilung der Seele in apokalyptischer Zeit

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