30.5.09

Aufstieg zum Mythos I

»Wir können nicht so weiterleben wie bisher.« Diese Einsicht Peter Sloterdijks bildet auch die Grundlage für die Untersuchungen dieses Buches. Die apokalyptische Einsicht fordert uns dazu auf, unsere Gegenwart und Zukunft mit anderen Augen zu betrachten.

Die Moderne hat sich bisher als evolutionäres Endprodukt verstanden, das aus der Überwindung der Primitivität und der Entmythologisierung hervorgegangen ist. »Vom Mythos zum Logos«, hieß die Devise.

Der Verfasser vertritt dagegen die Ansicht, dass der Mythos nicht hinter und unter uns liegt, sondern vor und über uns. Die Menschheit muss ein neues Bewusstsein entwickeln, wenn sie die sozialen und ökologischen Herausforderungen der Zukunft meistern will − ein Bewusstsein, das mit dem mythischen verwandt ist, da nur eine Anschauung des großen Zusammenhangs des Lebens aus der gegenwärtigen Krise herausführen kann. Nicht die Rückkehr der Religionen, sondern der Aufstieg zum Mythos wird uns heilen.

Lorenzo Ravagli: Aufstieg zum Mythos: Ein Weg zur Heilung der Seele in apokalyptischer Zeit

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22.5.09

Kongress Marburg

Ich unterstütze die Erklärung von Wissenschaftlern, Publizisten und Vertretern des öffentlichen Lebens, die sich für die Freiheit der Rede, der Wissenschaft und der Therapie aus Anlaß der Kontroverse um den »6. Internationalen Kongresses für Psychotherapie und Seelsorge« vom 20. bis 24. Mai 2009 in Marburg einsetzen.

Zu den Erstunterzeichnern dieser Initiative gehören der Philosoph Prof. Dr. habil. Robert Spaemann, der Staats- und Verfassungsrechtler Prof. Dr. em. Martin Kriele, die Religionsphilosophin Prof. Dr. habil. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, der Direktor des Internationalen Instituts für Religionsfreiheit (Bonn, Kapstadt, Colombo), Prof. Dr. phil. Dr. theol. Thomas Schirrmacher, der Weihbischof von Salzburg, Prof. Dr. Andreas Laun, Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben, die Publizistin Gabriele Kuby und der Bundestagsabgeordnete Norbert Geis (CSU).

Unterzeichnen kann jeder!

15.5.09

Lorenzo Ravagli im Gespräch

Anthroblog führte mit Lorenzo Ravagli ein Gespräch, um seinen Lesern authentische Informationen über den mythenumwobenen Autor zur Verfügung zu stellen.

Anthroblog: Herr Ravagli, wenn man im Internet nach Ihrem Namen sucht, dann findet man je nach Suchmaschine zwischen 10.000 und mehr als 30.000 Einträge. Wie soll man sich unter all diesen Informationen zu Recht finden und sich ein zutreffendes Bild von Ihnen machen?

Lorenzo Ravagli: Das Internet ist, wie jeder weiß, nicht gerade eine Informationsquelle auf die man sich verlassen kann. Jeder kann heutzutage anonym einen Blog einrichten, und in die Welt setzen, was ihm gerade passt. Kein Mensch kann diese Fülle an Informationen noch überblicken und letztlich ist es mehr oder weniger dem Zufall überlassen, ob die Inhalte, die man im Netz findet, auch der Wahrheit entsprechen.

Anthroblog: Um so mehr freut es uns, dass Sie uns ein autorisiertes Interview gewähren, in dem wir Sie nach einigen Themen fragen können, zu denen alle möglichen falschen Informationen im Netz kursieren. Zunächst einmal, um das Unappetitlichste vorwegzunehmen: sind Sie ein Anhänger der NPD?

Lorenzo Ravagli: Gott bewahre! Ich bin weder ein Anhänger noch ein Sympathisant der NPD. Auch nicht irgendeiner anderen rechtsgerichteten Partei. Ich verabscheue diese bornierten Kreaturen, die glauben, sie könnten die gesellschaftlichen Probleme des 21. Jahrhunderts durch einen Rückgriff auf vollkommen diskreditierte politische Rezepte lösen. Der Nationalsozialismus war die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte. Die von ihm begangenen Verbrechen sind unverzeihlich. Diese Kombination aus Rassismus und Biologismus, die in der Massenvernichtung von Juden einen Weg zur Erlösung der arischen Rasse sah, ist einfach grauenhaft. Und dass dieser Erlösungswahn dann auch noch in die Tat umgesetzt wurde und ihm sechs Millionen Juden zum Opfer gefallen sind, das ist wirklich das Äußerste an Barbarei, das man in der kurzen Zeit erreichen konnte, die den Nazis zur Umsetzung ihres Programms zur Verfügung stand. Jeder der heute an diese schreckliche Episode der Geschichte positiv anknüpft oder die nazistische Ideologie zu rechtfertigen oder zu verharmlosen sucht, wird zu Recht ins Abseits gestellt.

Anthroblog: Sind Sie ein Linker?

Lorenzo Ravagli: In meiner Schulzeit war ich einige Jahre in der Marxistischen Liga aktiv. Ich habe aber eingesehen, dass diese Form der Agitation, dass die ganze Ideologie des Klassenkampfes nicht zum Ziel führt. Die Beschäftigung mit der Geschichte des Marxismus und Kommunismus hat mich von diesem Sozialromantizismus kuriert.

Anthroblog: Welche Partei steht denn Ihren Auffassungen am nächsten?

Lorenzo Ravagli: Ich interessiere mich nicht für Parteipolitik, sondern für Demokratie, für gesellschaftliche und kulturelle Diskussionen. Die Parteien beteiligen sich natürlich an diesen Diskussionen, aber ihr Problem ist, dass sie stets Kompromissformeln finden und die komplexe Wirklichkeit auf wenige Schlagworte reduzieren müssen, damit sie in die Fernsehformate noch hineinpassen. Ich halte das deutsche Grundgesetz für eine der besten Verfassungen, die es gibt, besonders, was die Betonung der Menschenwürde und die Garantie von Freiheitsrechten anbetrifft. Und wie wir wissen, hat es sogar die Möglichkeit offengelassen, die Formen der Bürgerbeteiligung auszuweiten, was ja derzeit in vielen Bundesländern geschieht. Ich denke, wir sind da auf einem guten Weg. Denn je mehr die Bürger die Möglichkeit haben, sich auch durch Gesetzesinitiativen (Bürgerbegehren), Referenden usw. an der Gestaltung der Gesellschaft zu beteiligen, um so besser. Ich finde die Schweiz in dieser Hinsicht vorbildlich.

Anthroblog: Sie engagieren sich für die Anthroposophie Rudolf Steiners, manche sehen in Ihnen sogar einen »Chefideologen«.

Lorenzo Ravagli: Ich weiss wirklich nicht, wie ich zu dieser Ehre komme. Das ist reine Polemik. Wer die anthroposophische Szene kennt, in der jeder auf seiner eigenen Meinung besteht, auch wenn er gar keine hat, kann über die Vorstellung eines anthroposophischen Chefideologen nur lachen. Ich würde mir das selbst auch nie anmaßen. Es gibt ja diesen Anthroposophenwitz: ein Anthroposoph, dreizehn Meinungen. Im übrigen engagiere ich mich auch nicht für die Anthroposophie Rudolf Steiners.

Anthroblog: Wie? Sie haben doch schon eine Menge Bücher geschrieben, die Anthroposophie sogar gegen den Rassismusvorwurf verteidigt ...

Lorenzo Ravagli: Das ist auch so ein Gerücht. Erstens weiss ich gar nicht, was die Anthroposophie eigentlich ist, obwohl ich mich schon lange mit dem Werk Steiners beschäftige. Und zweitens habe ich die Anthroposophie nicht verteidigt, sondern mich um die zeitgemäße Reformulierung einiger ihrer Grundideen bemüht.

Anthroblog: Das finde ich schon ein wenig paradox, dass Sie behaupten, Sie wüssten nicht, was Anthroposophie ist.

Lorenzo Ravagli: Ich glaube sogar, es ist ein Kennzeichen dafür, dass man sie nicht verstanden hat, wenn man behauptet, man wüsste, was sie ist. Immerhin glaube ich, eine Ahnung davon zu haben, was Anthroposophie nicht ist. Sie ist kein Ideensystem, keine Ideologie, keine Ansammlung von Meinungen oder Glaubenssätzen, sondern eine geistige Erfahrung. Da sie aber an das einzelne Individuum gebunden ist – diese geistige Erfahrung, meine ich – gibt es mindestens so viele Anthroposophien, wie es Individuen gibt, die diese geistige Erfahrung machen. Deswegen kann man die Anthroposophie weder definieren noch verteidigen. Man kann nur in ein Gespräch über ihre Lesarten treten, über das, was sich die Einzelnen darunter vorstellen. Was Steiner anbetrifft, so denke ich, man hat ihn aufs Äußerste verkannt, wenn man glaubt, er hätte ein Glaubenssystem hervorbringen wollen, zu dem man sich bekennen kann. Anthroposophie ist nicht die »Weisheit vom Menschen« im Sinne eines Systems von abstrakten Ideen, wie manche Lexika behaupten, sondern die Weisheit, die im Menschen und mit dem Menschen geboren wird, die mit ihm lebt – und mit ihm stirbt. Wie soll man eine solche höchst individuelle Weisheit in ein Credo fassen?

Anthroblog: Aber erheben Sie nicht den Anspruch, eine Interpretation der Anthroposophie zu formulieren, die auch für andere gültig ist?

Lorenzo Ravagli: Ich kann nicht für andere sprechen, sondern nur für mich selbst. Ich halte nichts von Repräsentation, vor allem nicht von angemaßter oder unterstellter. Jeder Mensch repräsentiert mit seinen Meinungen und Äußerungen immer nur sich selbst. Das ist radikaler Individualismus. Wenn ich etwas von Steiner gelernt habe, dann ist es dieser radikale Individualismus. Jeder Mensch, und das meine ich expressis verbis, ist ein Kosmos für sich, auch wenn diese Millarden von Kosmen in der vielfältigsten Art eineinander verschränkt und verflochten sind. Wie soll man also für einen anderen sprechen können?

Anthroblog: Was hat dann nach dieser Auffassung Anthroposophie für eine Aufgabe in der Welt?

Lorenzo Ravagli: Die Entfesselung der individuellen Kreativität. Diese Tendenz zur Entfesselung oder Befreiung ist der radikal autonomistische Grundzug der Anthroposophie, der Steiner dazu geführt hat, sich als individuellen Anarchisten zu betrachten. Wenn sich heute Menschen als Anthroposophen bezeichnen, dann müssen sie damit meinen, dass sie auf der Suche nach ihrer individuellen Lebensweisheit sind, sonst verstehen sie sich selbst nicht richtig. Noch weniger verstehen sie natürlich diejenigen, die von der Anthroposophie sprechen und meinen, gegen sie polemisieren zu müssen oder sie »bekämpfen« zu können. Man muss sich das einmal klarmachen: was sie meinen, bekämpfen zu müssen, ist die Grundlage ihrer eigenen menschlichen Existenz, - die Möglichkeit, sich durch individuelle Sinngebung geistig in der Welt zu situieren. In der Anthroposophie, so wie ich sie vestehe, geht es um nichts anderes, als um die Befreiung dieses individuellen Vermögens zur Sinnstiftung aus je eigener Erkenntnis.

Anthroblog: Und was ist mit der Verteidigung gegen den Rassismusvorwurf?

Lorenzo Ravagli: Der Rassismus ist nicht nur als Bestandteil des Nazismus verabscheuungswürdig, er ist es in jeder Form. Diese Reduzierung des Menschen auf die Perspektive einer Veterinärphilosophie ist intellektuell grenzdebil und vom Standpunkt des Humanismus aus gesehen schlicht würdelos. Von der Anthroposophie aus gesehen - ich meine jetzt den Begriff der Anthroposophie, den Steiner ansatzweise entwickelt hat –, ist die Reduktion des Individuums auf irgendwelche kollektiven Identitäten selbstredend ein Witz. Insbesondere der Versuch, das individuell Einzigartige auf biologische Kollektiveigenschaften zu reduzieren, schlägt der Idee einer aus dem Menschen geborenen, individuellen Weisheit ins Gesicht. Wenn man dem einzelnen Menschen die Fähigkeit zuerkennt, einen Kosmos der Weisheit aus sich zu schöpfen, dann kann man den Kosmos aus dem Menschen ableiten, aber nicht den Menschen aus einem beschränkten Bestandteil des Kosmos. Ich glaube, das ist ganz im Sinne Steiners, so wie ich ihn verstehe.

Anthroblog: Aber es gibt doch nicht wenige Zitate im Werk Steiners, in denen er sich in zweifelhafter Art über die Neger oder über die Rassen auslässt.

Lorenzo Ravagli: Nur, - was haben diese Zitate mit Anthroposophie zu tun? Sie haben vielleicht etwas mit Steiner oder seinen damaligen Zuhörern zu tun, aber gewiss nicht mit Anthroposophie, mit einer Weisheit des Menschen, in der er selbst sein Wesen definiert. Ich muss gestehen, dass ich diese ganze Fixierung von Leuten, die gegen die Anthroposophie agitieren, auf hundert Jahre alte Zitate nicht nachvollziehen kann. Enthalten denn diese hundert Jahre alten Zitate irgendwelche Aussagen über mich? Ich lasse mich doch nicht durch Äußerungen eines Autors definieren, der vor hundert Jahren gelebt hat, ich definiere mich selbst. Und ich definiere auch mein Verständnis von Anthroposophie selbst. Etwas anderes bleibt uns doch gar nicht übrig, gerade, wenn wir Steiner ernst nehmen.

Anthroblog: Nun haben Sie ja auch eine Entgegenung auf Helmut Zanders »Anthroposophie in Deutschland« geschrieben, in der sie ihm Inkompetenz und Unverständnis vorgeworfen haben. Ist das auch keine Verteidigung der Anthroposophie?

Lorenzo Ravagli: Nein! Man kann die Anthroposophie nicht verteidigen, weil es die Anthroposophie, um es noch einmal zu unterstreichen, gar nicht gibt. Es gibt immer nur Anthroposophie in der Mehrzahl. Die gibt es zum Beispiel auch in einem Muslim, denn ich würde einem Muslim nicht diese spezifische Form menschlicher Weisheit, die aus ihm selbst geboren wird, absprechen. Worauf es ankommt, ist dieses Potential der geistigen Kosmoserzeugung als solches zu erkennen und daraus das ihm angemessene Selbstverständnis als Mensch abzuleiten. Man kann natürlich sehen, dass manche Weisheitssysteme, die einzelne Menschen über ihre individuelle Kreativität stülpen, sie eher daran hindern, diese Kreativität anzuerkennen und ihr gemäß zu leben. Aber das ist ein Problem der Selbsterkenntnis, nicht ein Problem der Anthroposophie. Wenn man einmal begriffen hat, dass es heute nur darum gehen kann, das schöpferische Potential, das jedem Menschen eingeboren ist, freizulegen, dann leitet sich daraus natürlich eine kritische Haltung gegenüber Ideologien ab, die die Entfaltung dieses Potentials behindern, weil sie die Freiheit nicht zulassen wollen. Leider muss ich auch in Zanders Denken eine solche Struktur wahrnehmen, die sich bei ihm in die Attitüde der aufgeklärten Kritik kleidet. In Wahrheit ist diese Attitüde eine Strategie zur Verhinderung der individuellen Kreativität. Darum geht es in meiner Entgegnung, die im Grunde gar keine Entgegnung ist, sondern, wie es im Untertiel heißt, eine Analyse.

Anthroblog: Aber eine kritische Analyse.

Lorenzo Ravagli: Nun, eine Analyse ist immer kritisch. Insofern ist dieser Untertitel eigentlich eine Tautologie. Die Leute, die mich heute gerne zum Dogmatiker und Chefideologen stilisieren, sollten einmal meine Bücher lesen, insbesondere meine Beiträge zum »Jahrbuch für anthroposophische Kritik«, das ich 12 Jahre lang herausgegeben habe. Man kann all diese Titel durch eine simple Recherche bei amazon.de finden. Aber die Bereitschaft zu lesen und über das Gelesene auch nachzudenken, nimmt bedauerlicherweise immer mehr ab. Neuerdings kann man sogar das durch das Internet begünstigte Phänomen beobachten, dass es Leute gibt, die schreiben können, ohne dabei zu denken. In Abwandlung eines Satzes von Kleist könnte man von einer progressiven Inhibierung des Denkens während des Schreibens sprechen.

Anthroblog: Eine ganz andere Frage. Sind Sie religiös?

Lorenzo Ravagli: Wenn Sie in der permanenten Feier einer menschenwürdigen Existenz einen religiösen Akt sehen, dann bin ich religiös.

Anthroblog: Und was halten Sie von den verschiedenen Religionen?

Lorenzo Ravagli: Was soll man auf eine solche Frage antworten? Ich werde hier nicht das Christentum, den Islam oder den Buddhismus taxieren, wenn Sie mit Ihrer Frage auf so etwas abzielen. Religionen sind Weisheits- oder Wissensformen, die mehr oder weniger geeignet sind, den individuellen Menschen zu seiner einzigartigen Kreativität zu befreien.

Anthroblog: Und wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion?

Lorenzo Ravagli: Ich glaube nicht an das Märchen vom Gegensatz zwischen Religion und Aufklärung. Die historischen Religionen tragen ihre jeweils spezifischen Aufklärungen in sich und die Wissenschaften ihre spezifischen Religionen. Jeder, der sich ein wenig intensiver mit Wissenschaftsgeschichte oder der Geschichte der Aufklärung befasst hat, weiß, dass diese weit weniger rational sind, als die dogmatischen Rationalisten behaupten. Es ist ja nicht zu übersehen, dass diejenigen, die sich die Aufklärung und die Wissenschaft auf die Fahnen geschrieben haben, um gegen den Irrationalismus der Religionen zu Felde zu ziehen, nicht nur imitieren, was sie bekämpfen, sondern es auch noch schlecht imitieren. Die hochentwickelte Rationalität eines buddhistischen Sutra oder einer scholastischen Quaestio ist einem gebildeten Geschmack weitaus bekömmlicher als die Platitüden einer Trivialreligion des Rationalismus.

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Kongenialer Diskurs

Die Zuwendung zeitgenössischer Wissenschaft zur Anthroposophie:
Symptom eines neuen Epochenabschnitts? Zu Lorenzo Ravaglis Buch »Zanders Erzählungen«


Von Roland Benedikter

Seit einigen Jahren ist ein Trend zu beobachten, den Teile der institutionalisierten Anthroposophie meines Erachtens zu Recht aktiv mit eingeleitet haben: Die intensivere Zuwendung zeitgenössischer akademischer Wissenschaft zur Anthroposophie. Man sieht das an einer Reihe neuer Bücher, aber auch an der Einrichtung von anthroposophischen Forschungsclustern an renommierten Universitäten, wie etwa »Soziale Skulptur« an der Oxford Brookes Universität oder des »European Integrated Master Program« für anthroposophische Berufe an der Universität Plymouth in England. Ganz gleich, wie man den damit verbundenen verstärkten Austausch bewerten mag: Er wird zu einer der wichtigsten Herausforderungen der kommenden Jahre nicht nur für Einzelaspekte, sondern für das Ganze der Anthroposophie werden. ...

Lesen Sie weiter in der Zeitschrift Erziehungskunst, in der Rubrik Zeichen der Zeit.

Lorenzo Ravagli – Sloterdijks Ethik

Spiritualität aus dem Geist der Immunologie?

Peter Sloterdijk legt in seinem neuen Buch einen ambitionierten Versuch vor, Ethik angesichts der bevorstehenden Apokalypse neu zu denken. Wie stets bei seinen Projekten, durchdringen sich exzentrische Reformulierungen des Bekannten und genialische Vorstöße in unbekannte Dimensionen der Theorie. Seit längerem schon bemüht sich der Kulturphilosoph, der seine biografie-entscheidende, »autooperative Krümmung« durch Bhagwan in Poona erhalten hat, darum, alle kulturellen, geschichtlichen und theoretischen Gegenstände im Lichte einer von ihm als »work in progress« entwickelten, »blasen«artigen Denkweise zu reinterpretieren. Nachdem er sich im »Weltinnenraum des Kapitals« an der beherrschenden universalhistorischen Tendenz der Gegenwart, der Globalisierung, und in »Gottes Eifer« an den drei abrahamitischen Monotheismen versucht hat, wendet er sich nun dem Anruf des Ungeheuren an die Menschheit zu, dem drohenden »Totalzusammenbruch« des menschheitlichen Immunsystems und den aus diesem resultierenden ethischen Forderungen.

Der Struktur des von ihm angewandten Denkens entsprechend, das durchsichtige Hohlräume und schillernd-spiegelnde Oberflächen bildet, beschäftigt sich Sloterdijk aber nicht nur mit den kategorischen Imperativen, die uns das sich abzeichnende Schreckgesicht der Menschheitskatastrophe auferlegt, er streift nebenher und doch grundschürfend eine Fülle von Fragestellungen, die der Ersten Wissenschaft, als die ihm die Ethik erscheint, zufallen. Da es diese mit der entscheidenden Frage nach dem guten oder besser: dem richtigen Leben zu tun hat, gibt es eigentlich nichts Menschliches, das ihr fremd wäre, schließt doch die menschliche Existenz alles ein, was den Menschen ermöglicht und durch ihn ermöglicht wird.

Die umgreifende Geste seines Denkens lässt ihn die Frage nach dem richtigen Leben als Kapitel einer »allgemeinen Immunologie« abhandeln, die nach dem Überlebenswert der Ethik, nach ihrem Sinn innerhalb der Lebenszyklen sich selbst hervorbringender und erhaltender menschlicher Organismen sucht. Ethiken, Lehren vom richtigen Leben, sind, wie alle anderen symbolischen Systeme auch, »psycho-immunologische Praktiken, mit deren Hilfe es den Menschen von alters her gelingt, ihre Verwundbarkeit durch das Schicksal, die Sterblichkeit inbegriffen, in Form von imaginären Vorwegnahmen und mentalen Rüstungen mehr oder weniger zu bewältigen.« Als solche gehören sie zu den »Anthropotechniken«, den mentalen und physischen Übungsverfahren, mit denen die Angehörigen der verschiedenen geschichtlichen Kulturen versucht haben, »ihren kosmischen und sozialen Immunstatus zu optimieren«. Ebenso wie die sogenannten Religionen sind die Ethiken »spirituelle Übungssysteme«, die die Menschheit im Lauf ihrer Geschichte erzeugt hat, um sich selbst zu formen und den Anforderungen einer fragilen Existenz in einer stets prekären Um- und Mitwelt zu genügen. Mit den humanen Organismenreihen evolvieren ihre symbolischen Immunsysteme und deren rituelle Hüllen im Fortgang der Zeit. Das wirklich Wiederkehrende, die Grundwahrheit, zu der die Aufklärungsarbeit der letzten Jahrhunderte nach Sloterdijk geführt hat, ist die Einsicht in die immunitäre Verfasstheit des Menschen. Sie ist die »conditio humana«, aus der sich alle kulturellen Leistungen ableiten und verstehen lassen. Werden die symbolischen Systeme als Ausdrucksleistungen eines evolvierenden, immunitären Wesens verstanden, lässt sich die Frage nach der richtigen Lebensführung als fortwährende Erprobung neuer Immunantworten auf sich verändernde Umweltbedingungen verstehen. Sie sind Schöpfungen des Menschen, die es ihm ermöglichen, sich an seine prekären Existenzbedingungen mehr oder weniger erfolgreich anzupassen.

Sloterdijks Buch ist nicht nur der Versuch einer Grundlegung der Ethik aus dem Geist der Immunologie, sondern auch ein Versuch, die Geschichte der Moralität neu zu deuten. Obwohl es mit der »asketologischen Wende« im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert einsetzt, für die Rilke, Nietzsche, Unthan, Kafka und Cioran stehen, denen die ersten hundert Seiten gewidmet sind, greift es im Folgenden bis in die Jaspersche Achsenzeit zurück, um der Entstehung jener »Vertikalspannung« auf den Grund zu gehen, die allen »Anforderungssystemen« der Geschichte innewohnt. Die ersteren markieren die aus Sloterdijks Sicht für ein modernes Verständnis von Ethik maßgeblichen Exponenten, wird an ihnen doch die doppelte Entwicklung sichtbar, die das Wesen der übungsgeschichtlichen Wende des letzten Jahrhunderts ausmacht: die »Entspiritualisierung der Askesen« und die »Informalisierung der Spiritualität«. Die großen Lehrer der Achsenzeit dagegen, einschließlich Plato, Lao Tzu, Buddha und Jesus, schließlich auch Mohammed, sind »im strengen Wortsinn« keine Zeitgenossen mehr, weil sie einer Zeit angehören, die Ethik noch spirituell verstanden und aus der Beziehung auf eine Überwelt begründet hat. Die Entspiritualisierung der Askesen wird am deutlichsten am Massenphänomens des Sports sichtbar, die Informalisierung der Spiritualität in der Konjunktur der Mystiken, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Erscheinung traten. Exemplarisch für viele andere steht hier Scientology, die Sloterdijk als »erfundene« Religion einer eingehenden Analyse unterzieht. En passant schließt er Theosophie und Anthroposophie in diesen Typus mit ein.

Vertikalspannungen und Hierarchiephänomene sind für den Asketologen so etwas wie eine anthropologische Konstante, die in der Tatsache begründet liegt, dass der Mensch als immunitäres System stets Bezug auf etwas Transzendentes (eine »Umwelt«) nehmen muss, das sich unter Hinzutritt der Sprache, des symbolischen Ursystems, in Spiritualität verwandelt. Aber all jene Übermenschlichkeiten, die das ethische Denken der zweieinhalb vergangenen Jahrtausende bestimmt haben, sind im Grunde nichts als »Schäume«, Häute des »ältesten Parasiten« des Menschen, der Überwelt. Alle Kulturen und Subkulturen bauen auf »Leitdifferenzen« auf, der Mensch als kulturelles Wesen (als Organismus, der sich mit symbolischen und rituellen Hüllen umgibt, die sein psychobiologisches Immunsystem darstellen) bedarf dieses Bezugs auf das »Höhere«, doch ist heute der selbstkritische Umgang mit symbolischen Immunsystemen zu einer Überlebensbedingung der Menschheit geworden. »Wer die Gärten des Menschlichen betritt, stößt auf die mächtigen Schichten geregelter innerer und äußerer Handlungen mit immunsystemischer Tendenz über biologischen Substraten«, so Sloterdijk. Menschen stehen unumgänglich in vertikalen Spannungen, in allen Epochen und Kulturräumen. »Wo immer man Menschenwesen begegnet, sind sie in Leistungsfelder und Statusklassen eingebettet. Der Verbindlichkeit solcher Hierarchiephänomene kann sich selbst der äußere Beobachter nicht ganz entziehen, sosehr er sich um die Einklammerung seiner Stammesidole bemüht.« Die Anthropologie darf die Wirklichkeit dieser Konstanten nicht länger außer Betracht lassen, will sie an den »entscheidenden Vektoren« der »conditio humana« nicht vorbeireden.

Der Mensch, so die Grundeinsicht der allgemeinen Asketologie, ist ein übendes Wesen, das sich selbst hervorbringt, darauf lässt sich der Diskurs über Ethik (auch der über Pädagogik) reduzieren, wenn man alles »Geschwätz« hinter sich lässt. Es ist an der Zeit, den Menschen als selbstformendes und selbststeigerndes Wesen zu denken, das aus der Wiederholung entsteht. Allgemeine Asketologie meint eine umfassende Theorie des »übenden Daseins«, durch die sich alle religiösen, spirituellen und ethischen Tatsachen in die Sprache einer Übungstheorie übersetzen lassen. Durch eine solche Übersetzung lässt sich auch das weit verbreitete Missverständnis ausräumen, es gebe »Religion«, »Glauben« oder »Aberglauben«: in Wahrheit gibt es nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige oder ausbreitungswürdige »spirituelle Übungssysteme«.

Mit dieser Spiritualität ist es aber nicht weit her, da Sloterdijk der Bezug auf das real Spirituelle entglitten ist. Einem radikalen Immanentismus verpflichtet, kann er den ethischen »Attraktoren« keinen Ursprung außerhalb des Menschen zugestehen. Seine Beobachtungen über das Hervortreten des Beobachters durch die ethische »Sezession« in der Achsenzeit, über die Verdopplung des Selbstes, das Heraustreten aus dem Strom der Gewohnheiten, enthalten zwar genialische, phänomenologisch-hermeneutische Miniaturen, sie greifen aber historisch zu kurz. Sie blenden gerade jene geschichtlichen Epochen aus, die erkennen ließen, dass das Ethische auf der Verinnerlichung einer im Kosmos ausgebreiteten Moralität beruht und nicht auf einer Veräußerlichung biologischer Strukturen durch Projektion in symbolische Schaumsphären. Nicht in der Achsenzeit ist der Anfang des ethischen Phänomens zu suchen, sondern weit davor: die im Verlauf dieser Zeit erwachende ethische Reflexion beruht auf einer Einstülpung kosmoethischer Strukturen in das Seeleninnere des Menschen. Wird die den Menschen umgreifende Sphäre des Moralischen zu einem Produkt der Evolution erklärt, entzieht man der Spiritualität jede Grundlage. Wenn das Subjekt, das Selbst oder die Seele letztlich nur aus der organischen Materie emanieren, erhebt sich die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt all dieser »spirituellen« Übungssysteme. Zwar lässt sich durch die immunologische Umdeutung der »Religionen« die Frage nach der Gültigkeit von Offenbarungswahrheiten umgehen – sind doch alle nur noch miteinander im symbolischen Immunitätsraum konkurrierende Motivations- oder Identitätskonstrukte – , aber der Einzelne steht dennoch vor der Notwendigkeit der ethischen Unterscheidung. Warum entscheidet er sich für das eine oder das andere dieser symbolischen Systeme? Was haben all diese symbolischen Explikationssysteme der Welt, in der das immunitäre Wesen Mensch lebt, mit dieser und seiner Verfasstheit zu tun?

Wenn die Seele, das »mikrokosmische Organ zur Verdoppelung des Seienden«, lediglich als das Symptom einer »Überreizung« durch das unausweichliche Paradox entsteht, »dass sich das Begehren an unmöglich nachzuahmenden Beispielen ausrichten soll«, wenn das Subjekt letztlich nur ein »Träger von Aktivitätsserien« ist, das Selbst nichts als ein »Gewitter aus Wiederholungen unter einem Schädeldach«, die personale Identität nicht Ausdruck einer psychischen Essenz, sondern lediglich die »tätige Überwindung einer Zerfallswahrscheinlichkeit«, ein »funktionierendes Expertensystem, das auf fortlaufende Selbstwiederherstellung« spezialisiert ist, dann frägt sich, wer eigentlich vom neuen Ethos der »Ko-Immunität«, das Sloterdijk allein für zukunftsfähig hält, noch angesprochen werden soll. Diese »Ko-Immunität« nämlich ist laut Sloterdijk in unserer Epoche, in der die Weltgesellschaft den Limes erreicht und sich erwiesen hat, daß die Erde mitsamt ihren fragilen atmosphärischen und biosphärischen Systemen ein für alle Mal den begrenzten gemeinsamen Schauplatz menschlicher Operationen darstellt, der neue moralische Imperativ. Die Zeit, in der sich der Protektionismus allein auf das lokale Eigene und die Externalisierung des Fremden auf eine anonyme Umwelt beziehen konnte, ist in der Epoche der Globalisierung endgültig vorüber. Nun geht es darum, eine »globale Ko-Immunitätsstruktur unter respektvollem Einbezug der Einzelkulturen, der Partikularinteressen und der lokalen Solidaritäten« zu entwickeln, die planetarisches Format annimmt. Diese allein wird das Überleben der Menschheit im Zeitalter ihrer epochalen Bedrohung sichern können. Doch welche Subjekte werden zu Trägern der neuen Übungsprogramme, die die bevorstehenden Katastrophen abwenden, wenn es solche Subjekte in Wahrheit gar nicht gibt? Was hindert uns daran, auf dem Meer der symbolischen Schäume dahinzutreiben, bis der Untergang uns ereilt?

Peter Sloterdijk, Du mußt dein Leben ändern: Über Religion, Artistik und Anthropotechnik. Suhrkamp Verlag 2009, Frankfurt a.M.2009 , 723 S.