21.3.09

Winnenden und das Böse

Von Lorenzo Ravagli

Der württembergische Kultusminister, Helmut Rau, hat den Amoklauf von Winnenden als eine Manifestation des Bösen bezeichnet. Der Bischof von Erfurt, Joachim Wanke, stellt in der FAZ die kirchliche Auffassung des Bösen klar.

Für Bischof Wanke ist die Herkunft des Bösen »ein dunkles Rätsel«, vor dem wir »ratlos« bleiben. (FAZ, Nr. 68 vom 21.3.2009) Das Reden vom Teufel ist ein »Festhalten am Geheimnis des Bösen, das letztlich unerklärlich ist«. Da das Christentum eine dualistische, gleichursprüngliche Existenz des Bösen mit dem Guten ebenso ablehnt, wie die Vorstellung, jenes könne seinen Ursprung in Gott haben, bleibt nur die Annahme, es beruhe auf einer freien Entscheidung, das Gute zu verneinen. »Das« Böse ist also eine Negation, die Negation des Guten. Wie verhält es sich aber mit jenem Bösen, das in der Bibel Eigennamen trägt?

Das Böse, so der Bischof, hat immer auch eine personale Dimension, aber die Person des Bösen kann man nicht mit dem menschlichen Person-Sein gleichsetzen, denn wo es nur reine Verneinung gibt, kann es keine Personalität, keine Kommunikation geben. Die Bibel »rechnet mit der Herrschaft Satans, aber dieser ist durch Jesus besiegt«. Sie spricht auch von der »Besessenheit« des Menschen durch »unreine Geister«. Ist das eine zeitbedingte, einem längst überholten Weltbild verpflichtete Rede? Dass ein Mensch »besetzt« sein kann, ist für Bischof Wanke »außerhalb jedes Zweifels«. Aber er warnt auch vor den »furchtbaren Folgen des Hexenwahns«. Das Böse sieht Wanke in der »Rebellion gegen Gottes Schöpfungsordnung« manifest werden, die das Zeitgeschehen durchzieht, in der Täuschung, der Mensch könne sein wie Gott, in Taten der Inhumanität, in Verhältnissen, die die Freiheit unterbinden, die Wahrheit unterdrücken. Das Böse, so der Bischof, ist ein »Epiphänomen«, das das Gute begleitet, ohne es je verschlingen zu können. Nein, müssen wir entgegnen: das Böse ist kein Epiphänomen, sondern ein Urphänomen.

Bischof Wanke blendet, wie so viele andere Christen unserer Tage, die Welt der Engel aus. Wenn es nur Gott und den Menschen gibt und Gott der Inbegriff des Guten ist, bleibt eigentlich für das Böse kein Platz, es sei denn, man verortet es im Menschen allein. Anerkennt man aber die Existenz von Engeln, wie die Bibel dies ja tut, eröffnet sich der Blick auf Heerscharen von personalen Wesen, die zwischen Gott und dem Menschen stehen, die zwischen beiden vermitteln, aber die Beziehung zwischen beiden auch trüben können. Autoren wie Thomas von Aquin oder Albertus Magnus schrieben ganze Enzyklopädien über die »substantiae separatae«, über die Engelwesen, reine, körperlose Geister, die vielfältige Aufgaben im Kosmos und im Leben des Menschen wahrnehmen. Heute sähen sich diese Scholastiker, die auf der Höhe der wissenschaftlichen Rationalität ihrer Zeit standen, dem Vorwurf des Spiritismus oder Okkultismus ausgesetzt, wenn die Glaubenswächter des Säkularismus sie überhaupt lesen würden. Es ist gut biblisch, von Wesen des Bösen zu sprechen. Sie sind im Neuen Testament Legion (man denke nur an die Schweineherde, in die die unreinen Geister fahren, die Jesus austreibt). Die Bibel kennt »Diabolos« und »Satanas«, sie kennt eine Fülle weiterer geistiger Wesen des Bösen. Man nehme sich nur einmal wieder das von aufgeklärten Christen am meisten gemiedene Buch, die Apokalypse des Johannes vor, die zur Diagnostik des 20. und 21. Jahrhunderts verfasst scheint.

Wenn man dem Menschen die Freiheit der Entscheidung zubilligt, muss man auch von jenen Kräften reden, die dieser Freiheit entgegenstehen. Und man muss anerkennen, dass diese Freiheit gerade die Möglichkeit des Irrtums und des Bösen einschließt. Was wäre eine Freiheit, wenn sie nur die Freiheit zum Guten wäre? Sie muss auch die Freiheit zum Bösen sein. Das Böse muss genauso real sein, wie das Gute, sonst stellte es keine wirkliche Alternative dar. Und zwar geistig real.

Besessenheit bedeutet nicht nur Tobsucht, wie der Begriff des »Amoklaufs« nahelegt. Der Mensch kann von Emotionen, Affekten überwältigt werden, die sein klares Urteilsvermögen, seine Selbstbeherrschung mit sich fort reißen, ihn zu Handlungen blindwütiger Gewalt treiben. Er kann aber auch von einer kalten, herzlosen Intelligenz ergriffen werden, die sein Mitgefühl, seine Empathie auslöscht und ihn mit kühler Überlegung Taten des Bösen vollbringen lässt. Die Attentäter des 11. September waren keine blindwütigen Affekttäter, der Amokläufer von Winnenden auch nicht, ebensowenig der Inzesttäter von Amstetten, der seine Tochter 24 Jahre lang im Keller gefangenhielt, und sie mehrere tausend Mal vergewaltigte. All diese Täter waren von einer kalten, seelenlosen Intelligenz besessen, die ihnen ihre Taten als rational, als logisch, als natürlich und gerechtfertigt erscheinen ließ. So auch der »Amokläufer« von Winnenden.

Diese kalte, seelenlose, empathiefreie Intelligenz ist die Macht des Bösen, mit der wir es in unserer Epoche zu tun haben. Nennen wir sie beim Namen: sie ist satanisch.

Lektüre: Rudolf Steiner, Die Apokalypse des Johannes.

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13.3.09

Saul Bellow und die Anthroposophie

Von Lorenzo Ravagli


Der Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse geht dieses Jahr an Eike Schönfeld für seine Übertragung des Romans Humboldts Gift von Saul Bellow.

Aus der Begründung der Jury: »Dieser Roman ist ein todtrauriges, grandios komisches Buch über Literatur, Liebe und Leben, Begierde und Tod. Er ist ein überwältigendes Sprach- und Erzählspiel, eine, wie es Saul Bellow selbst sagte, Komödie des ›schwachsinnigen Infernos‹. Schönfeld, einer der sprachwitzigsten, tonsichersten und fleißigsten Übersetzer aus dem Amerikanischen ins Deutsche, hat sich als idealer Botschafter für dieses Werk erwiesen. Seine kongeniale Übertragung ist genauso ›lebendig, ironisch, spöttisch und klug‹, wie der San Francisco Examiner den Ursprungstext einst charakterisierte.«

Der Roman von Saul Bellow ist aber auch ein Dokument für die Beschäftigung seines Autors mit Anthroposophie. Wie bei einem Teppichgewebe durchziehen die Fäden des anthroposophischen Gedankenguts die dahinstürmenden inneren Monologe des Ich-Erzählers.

Hier nur zwei Beispiele aus der älteren Übersetzung Walter Hasenclevers.

»Große Linderung brachte mir ein Gespräch mit Dr. Scheldt. Ich befragte ihn über die Geister der Form, die Exusiai, die im jüdischen Altertum unter einem anderen Namen bekannt waren. Diese Mächte des Schicksals hätten schon vor langer Zeit ihre Funktionen und Kräfte an die Archai abgeben sollen, die Geister der Persönlichkeit, die in der universalen Hierarchie den Menschen einen Rang näherstehen. Aber eine Anzahl andersdenkender Exusiai, die in der Weltgeschichte eine rückständige Rolle spielten, hatten sich jahrhundertelang geweigert, die Archai ans Ruder zu lassen. Sie hemmten die Entwicklung einer modernen Form des Bewusstseins. Unbotmäßige Exusiai, die zu einer früheren Phase der menschlichen Evolution zählten, waren verantwortlich für Stammesbindungen und das Fortbestehen eines Bauern- oder Volksbewusstseins, Hass auf den Westen und das Neue, sie nährten atavistische Verhaltensweisen. Ich fragte mich, ob das nicht erklären könnte, wie Rußland im Jahr 1917 eine revolutionäre Maske angelegt hatte, um die Reaktion zu bemänteln; und ob der Kampf dieser selben Kräfte nicht auch hinter Hitlers Aufstieg zur Macht stehen könnte. Auch die Nazis bedienten sich des Modernen als Tarnung. Aber man konnte diese Russen, Deutschen, Spanier und Asiaten nicht allein dafür verantwortlich machen. Der Terror der Freiheit und Modernität war fürchterlich. Und deshalb erschien Amerika so albern und ungeheuerlich in den Augen der Welt. Es ließ auch gewisse Länder in amerikanischen Augen monumental langweilig erscheinen. Die Russen, die darum kämpften, ihre Trägheit beizubehalten, hatten ihre unvergleichlich langweilige und erschreckende Gesellschaft geschaffen. Und Amerika brachte unter der Zuständigkeit der Archai, oder der Geister der Persönlichkeit, autonome moderne Individuen hervor, mit aller Narrheit und Verzweiflung der Freiheit und von hundert Seuchen infiziert, die während der langen Bauernepochen unbekannt gewesen waren.«

»Ich widmete den Steiner-Meditationen lange Stunden und tat mein Bestes, den Toten nahezukommen ... Ich war der Auffassung, dass die uneingeweihten Toten in ihrer Unwissenheit Schnitzer machten und litten. Besonders in den ersten Phasen fühlte die Seele, die leidenschaftlich mit ihrem Körper vereint und mit Erde befleckt und dann plötzlich getrennt war, eine Lücke, so wie die Amputierten ihre fehlenden Beine spüren. Die erst kürzlich Verstorbenen sahen von Anfang bis Ende alles, was ihnen zugestoßen war, das ganze beklageswerte Leben. Sie brannten vor Schmerz. Die Kinder, die toten Kinder insbesondere, konnten ihr Leben nicht verlassen und blieben unsichtbar nahe bei denen, die sie liebten, und weinten. Für diese Kinder brauchten wir Rituale – tut etwas für die Kinder, um Himmels willen! Die älteren Toten waren besser gerüstet und kamen und gingen bedächtiger. Die Dahingeschiedenen wirkten im unbewussten Teil einer jeden lebendigen Seele, und einige unserer höchsten Vorhaben waren möglicherweise von ihnen eingegegeben ... Die Seelen der Toten hungerten nach der Vollendung ihrer Läuterung und nach der Wahrheit ... Die Zeit, die Toten etwas zu fragen, sind die letzten Augenblicke vor dem Einschlafen. Die Toten hingegen erreichen uns am leichtesten, wenn wir gerade erwachen ... Eine okkulte Eigentümlichkeit, an die ich mich nicht gewöhnen konnte, war, dass die Frage, die wir stellten, nicht uns entsprang, sondern den Toten, an die sie gerichtet war. Wenn die Toten antworteten, war es eigentlich die eigene Seele, die sprach. Solch eine spiegelhafte Umkehrung war schwer zu begreifen. Ich habe lange darüber nachgegrübelt.«

Von Kathleen gefragt, was er tun wolle, wenn ein Bekannter von ihm außer Gefahr sei, antwortet der Ich-Erzähler: »dass ich dann wahrscheinlich einen Monat in Dornach bei Basel verbringen würde, in dem Schweizer Steiner-Zentrum, dem Goetheanum. Vielleicht würde ich mir dort ein Haus mieten, wo Mary und Lish den Sommer mit mir verbringen könnten.«

Als ich Ende der 1970er Jahre in Dornach studierte, fanden intime Seminare über die Mysteriendramen Rudolf Steiners in einem Haus statt, das zu dieser Zeit vom Literaturnobelpreisträger Saul Bellow angemietet worden war. Bellow selbst bin ich damals leider nicht begegnet.

Die neue Übersetzung von Humboldts Gift gibts bei Kiepenheuer & Witsch.

Die Übersetzung von Hasenclever ist auch noch zu haben: Humboldts Vermächtnis.

Und für Liebhaber das englische Original: Humboldt's Gift (Penguin Classics).

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11.3.09

Erhebliche Mängel in Helmut Zanders Anthroposophie-Werk

Neue Publikation von Lorenzo Ravagli deckt fragwürdige Quellen und verfälschte Zitate auf – Zanders Expertenstatus infrage gestellt.

Berlin. Seit Erscheinen seines 1900-seitigen Buches »Anthroposophie in Deutschland« gilt der Historiker Helmut Zander in den Medien als Experte für das Thema Anthroposophie.

So verwarf der Bundespresserat beispielsweise eine Beschwerde gegen die Berichterstattung des SPIEGEL zu diesem Thema mit dem Hinweis, der journalistischen Sorgfaltspflicht sei mit der Befragung von Zander Genüge getan. (Beschluss des Bundespresserats vom 28.11.07)

Ein im Berliner Wissenschafts-Verlag soeben erschienenes Buch des Münchner Wissenschaftspublizisten Lorenzo Ravagli – mit einem Vorwort von Prof. W. Kugler, Oxford – zeigt auf, dass Zander zu Unrecht ein Expertenstatus zugewiesen wird. Wie Ravagli aufgrund nüchterner Detailprüfung erstmals umfassend nachweist, kann Zander zentrale Thesen seines Werkes trotz seines Umfangs nicht oder nur unzureichend begründen.

Seine Untersuchung arbeitet mit nicht näher geprüften normativen Vorgaben und enthält eine Kette von Fehlern, Widersprüchen und Missverständnissen. Ravagli weist Zander außerdem Verfälschungen durch Zitatverkürzungen nach. Und er zeigt auf, dass sich ein beträchtlicher Teil von Zanders angeblich »quellenkritischen Befunden« auf so zweifelhafte Zeugen wie Nationalsozialisten, Antisemiten und konfessionelle Fanatiker stützt.

Das von Helmut Zander 2007 veröffentlichte Werk strebt eine Kontextualisierung der Anthroposophie mit dem Ziel an, ihre wirklichen Quellen aufzudecken und dadurch einen neuen Blick auf das Phänomen Anthroposophie zu ermöglichen. Davon ist Zander nach den Untersuchungen Ravaglis weit entfernt. Sein Verdienst besteht allerdings darin, das Bedürfnis nach tragfähigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Werk Rudolf Steiners deutlich gemacht zu haben, das angesichts der weltweiten gesellschaftlichen Wirkungen dieses Werkes zunehmend dringlich erscheint.

Mit seiner Analyse hat Ravagli einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung getan.


Zanders Erzählungen: Eine kritische Analyse des Werkes »Anthroposophie in Deutschland«

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