28.1.09

Mystische Physik

Neuerdings werden Atome gebeamt.

Von Lorenzo Ravagli

Einer Physikergruppe um Anton Zeilinger in Wien gelang es vor fünf Jahren, den Schwingungszustand eines Photons über eine Entferung von 600 Metern auf ein anderes Photon zu übertragen, ohne dass die beiden Lichtteilchen sich dabei berührten. Die Quantenzustände von Atomen vermochte man bisher nur über Distanzen im mikroskopischen Bereich zu teleportieren. Einem Physikerteam an der Universität von Maryland in College Park ist es jetzt gelungen, den Quantenzustand eines Atoms über einen Meter auf ein anderes Atom zu übertragen. Nachzulesen in der Zeitschrift »Science«, Bd. 323, S. 486.

Die amerikanischen Physiker hielten zwei geladene Ytterbiumatome in zwei elektromagnetischen Ionenfallen fest, die sich in zwei Vakuumkammern befanden. In jedem Atom regten sie mit Hilfe von Laserstrahlen zwei »Hyperfeinzustände« an. Diese entstehen gemäß der Theorie aus der Wechselwirkung der Atomkerne und ihrer Elektronenhülle. Wie die Forscher feststellten, befanden sich die beiden angeregten Atome jedoch nicht in einem der beiden Hyperfeinzustände, sondern jeweils in beiden gleichzeitig. Was die klassische Physik für unmöglich hält, ist für die Quantenphysik kein Problem. Die Physiker übertrugen daraufhin eine Information in das erste Atom, indem sie dessen Überlagerungszustand mit Mikrowellen leicht veränderten.

Für die Teleportation verwendeten die Physiker ein Verfahren, das in der Quantenphysik als Verschränkung bezeichnet wird. Zwei Teilchen zeigen in diesem Zustand ein vollkommen synchrones Verhalten, gleichgültig wie weit sie voneinander entfernt sind. Ändert sich die Eigenschaft eines Teilchens, ändert sich auch die des anderen und umgekehrt. Die Atome konnten allerdings nicht direkt verschränkt werden, sondern nur mit Hilfe von Photonen, die von den Atomen selbst stammten. Die Ionen mussten zu diesem Zweck mit kurzen Laserpulsen bestrahlt werden, die daraufhin jeweils ein Photon emittierten. Jedes Photon war nun mit »seinem« Atom verschränkt. Die Energie der Lichtquanten besaß – dem Hyperfeinniveau entsprechend, dem sie entstammte – zwei Werte. Die beiden Photonen wurden nun durch Glasfasern aus den Vakuumkammern geleitet, zusammengeführt und an einem Strahlteiler zur Überlagerung gebracht. Die Photonenzustände wurden auf diese Weise miteinander vermischt. Dadurch ging die Verschränkung von den Atom-Photon-Paaren auf die Atome selbst über, die nun ein synchrones Verhalten an den Tag legten.

Danach machten sich die Physiker an die Aufgabe der Teleportation. Sie maßen den Zustand des ersten Atoms, indem sie es mit Laserlicht bestrahlten. Leuchtete es auf, befand es sich in einem der beiden Hyperfeinzustände, blieb es dunkel, befand es sich in dem anderen. Die Messung zerstörte zwar den Quantenzustand des ersten Atoms, dieser übertrug sich jedoch auf wundersame Weise auf das zweite Atom. Das Ergebnis war allerdings nicht auf Anhieb zu erkennen, wie die Physiker gestehen. Sie mussten erst das zweite Atom einem Mikrowellenpuls aussetzen, der sich nach dem Resultat richtete, das die Zustandsmessung am ersten Atom ergeben hatte (»hell« oder »dunkel«). Auf diese Weise ließ sich am zweiten Atom der teleportierte Zustand erkennen.

Die Teleportation ist in etwa 90 Prozent der Fälle gelungen. Das Verfahren benötigt allerdings vergleichweise viel Zeit. Die Atome strahlten zwar pro Sekunde 75.000 Photonen ab, aber nur alle 12 Minuten kam es zu einer Verschränkung der beiden Übeltäter.

Eine mögliche Anwendung der Teleportation könnten Quantencomputer sein, die nicht mehr mit klassischen Bits (Nullen und Einsen) arbeiten, sondern mit Quantenbits, deren Werte den teleportierten Hyperfeinzuständen der Ytterbiumatome entsprächen.

Haben Sie auch nur ein Wort dieses luziden Berichts verstanden? Macht nichts. Die Mystik ist ebensowenig verständlich und nicht weniger wissenschaftlich.

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23.1.09

Barack Obama verkündet New Age

In seiner an historischen und religiösen Anspielungen reichen Antrittsrede kündigt Barack Obama ein New Age an.

Von Lorenzo Ravagli

Obama präsentiert sich in seiner Ansprache als Retter in einer tiefgehenden Krise mit apokalpytischen Dimensionen. Die religiösen Konnotationen sind beabsichtigt und zweifellos ernst gemeint. »Unsere Nation«, so der Präsident, »befindet sich im Krieg gegen ein weitreichendes Netzwerk von Gewalt und Hass. Unsere Wirtschaft ist infolge der Gier und Verantwortungslosigkeit einiger Weniger, aber auch aufgrund einer kollektiven Unfähigkeit, harte Entscheidungen zu treffen und die Nation auf ein New Age vorzubereiten, zutiefst geschwächt. Eigenheime und Arbeitsplätze sind verloren gegangen, Unternehmen gescheitert. Die Schulen versagen zu oft, und jeder Tag fördert neue Beweise zu Tage, dass unser Umgang mit der Energie die Feinde Amerikas stärkt und unseren Planeten bedroht.« Hinzu kommt ein nicht weniger gravierender Verlust des Vertrauens im ganzen Land, eine »nagende Furcht, Amerikas Niedergang könnte unausweichlich sein.«

Die Herausforderungen, von denen Amerika bedroht wird, sind real. Aber mit Obama haben sich die Amerikaner am Tag seiner Inauguration versammelt, weil sie »die Hoffnung statt der Furcht« gewählt haben.

Amerika ist in Obamas Augen eine junge Nation, aber die Zeit ist gekommen, um die kindischen Allüren abzulegen. Damit spielt der Päsident auf den 1. Brief des Paulus an die Korinther an, auf das Hohe Lied der Liebe, in dem es heißt: »Als ich noch ein Kind war, da sprach ich wie ein Kind, und ich fühlte und dachte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, streifte ich das kindische Wesen ab.« (1 Kor 13, 11) Obama bringt seinen Amtsantritt in einen Zusammenhang mit der Erfüllung der christlichen Verheissung, denn die Paulusworte sind eingebettet in die Ankündigung, dass mit dem Kommen Christi eine neue Zeit, die Zeit der Vollendung angebrochen ist. »Einmal aber muss das Vollkommene kommen«, heisst es bei Paulus, das volle Weiheziel, dann ist es mit dem Stückwerk vorbei.« Daran schließen sich die Sätze über das Erwachsenwerden und Paulus fährt fort: »Jetzt sehen wir noch wie in einem Spiegel alles in dunklen Konturen. Einmal werden wir alles schauen von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk. Dann aber werde ich im Strome der wahren Erkenntnis stehen, in welchem Erkennen und Erkanntwerden eins sind. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese Dreiheit. Die größte unter ihnen aber ist die Liebe.«

Auch der Berufung auf die Hoffnung, die die Amerikaner mit Obama gewählt haben, kommt eine religiöse Bedeutung zukommt. Es ist die Hoffnung auf Erlösung, die mit der Ankunft des Messias verbunden ist.

Obama ruft den Geist an, aus dem die Nation in ihrer Geschichte gelebt hat, das kostbare Geschenk, die von Gott gegebene Verheissung, dass alle gleich und frei seien und die Chance verdienten, das ihnen gebührende Maß an Glück anzustreben. Nicht nur die Verfassung ist von Gott inspiriert, er selbst ist angetreten, diese Verheissung wahr werden zu lassen.

Aber die Größe der amerikanischen Nation, die er in seiner Rede bekräftigt, verdankte sich nie dem Schwachmut oder der Bequemlichkeit, sondern dem Wagemut, der Tatkraft, dem Unternehmungsgeist. An diesen Geist, der einst die Siedler beseelte, die Auswanderer, die über die Ozeane mit ihren wenigen weltlichen Besitztümern in das Land der Verheissung kamen, an ihn gilt es anzuknüpfen, denn sie kamen, um das heutige Amerika aufzubauen. Für die heutigen Amerikaner besiedelten sie den Westen, erduldeten als Sklaven die Peitschenhiebe und pflügten die harte Erde. Für die heutigen Amerikaner kämpften und starben sie in Concord und Gettysburg, in der Normandie und in Khe San. Die großen Schlachten und großen Toten, um die Befreiung der Sklaven, die Befreiung vom Bösen werden vergegenwärtigt, um den Geist zu verdeutlichen, aus dem das Neue Zeitalter entstehen soll. Amerika bleibt die machtvollste und produktivste Nation der Erde. Aber der Tag ist gekommen, um dieses Amerika neu zu erschaffen.

Nicht nur Amerika wird die Erfüllung der Verheissung erleben, auch der Rest der Welt. »Amerika ist der Freund jeder Nation, jedes Mannes, jeder Frau, jedes Kindes, die eine Zukunft in Frieden und Würde suchen, und es ist bereit, die Menschheit zu diesem Ziel zu führen.« Aus dem selben Geist, aus dem es in der Vergangenheit den Faschismus und den Kommunismus überwunden hat, dem Geist kraftvoller Bündnisse und tragfähiger Überzeugungen, aus dem maßvollen Einsatz der Macht, der nötigen Bescheidenheit und Zurückhaltung, müssen die neuen Herausforderungen ergriffen werden, die noch größer sind, als die vergangenen. Die Völker armer Staaten werden erleben, wie ihre Farmen erblühen und saubere Quellen sprudeln, wie ausgemergelte Körper ernährt und hungrige Seelen gesättigt werden. Die Völker reicher Länder aber können das Leiden ausserhalb ihrer Grenzen nicht länger ignorieren. Die Welt hat sich verändert, und die Menschheit muss sich mit ihr verändern.

Die gefallenen Helden, die in den Gräbern von Arlington liegen, flüstern der amerikanischen Nation durch die Jahrhunderte dieselbe Lehre zu, wie jene Soldaten, die heute auf fernen Gebirgen und in Wüsten patrouillieren: dass sie für die Freiheit gestorben sind und einstehen, dass sie im Dienst eines größeren Ganzen stehen. In dem Augenblick, in dem diese Rede gesprochen wird, so Obama, in dem Augenblick, der das Schicksal einer ganzen Generation bestimmen wird, muss dieser Geist des Dienstes an einer größeren Sache alle Zuhörer beseelen.

Die Rede klingt aus in der Erinnerung an einen kalten Winter des Freiheitskrieges, als eine kleine verschworene Gemeinschaft von Patrioten sich an verglimmenden Lagerfeuern am Ufer eines eisigen Flusses versammelte. Die Hauptstadt war verloren, der Feind auf dem Vormarsch, der Schnee mit Blut getränkt. Und in diesem Moment verkündete der Vater der amerikanischen Nation, George Washington: »Künftigen Generationen soll erzählt werden, dass in der Tiefe des Winters, in dem nichts als Hoffnung und Tugend überleben konnte, Stadt und Land zusammenkamen, aufgerufen von einer Gefahr, die alle bedrohte, um sich ihr entgegenzustellen.«

Ebendies muss Amerika jetzt tun: »Angesichts einer Bedrohung aller, in diesem Winter unserer Heimsuchung soll es sich dieser Worte erinnern. Mit Hoffnung und Tugend wollen wir einmal mehr den eisigen Strömen trotzen und alle Stürme ertragen, die noch kommen mögen. Unsere Kindeskinder mögen erzählen, dass wir, als wir geprüft wurden, nicht der Versuchung erlagen, die Reise zu beenden, dass wir nicht umkehrten oder schwach wurden, dass wir, die Augen auf den Horizont und Gottes Gnade über uns gerichtet, das Geschenk der Freiheit weitertrugen und es an die künftigen Generationen weiterreichten«.

Die Rede Obamas im Original.
Wer ist der neue amerikanische Präsident? Informationen aus erster Hand:
Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie
Hoffnung wagen: Gedanken zur Rückbesinnung auf den American dream

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