Blick in den Spiegel
Von Harald J. Kiczka
Lorenzo Ravagli: Gespaltenes Antlitz
Am Gegensatz zwischen angloprotestantischem Sendungsbewusstsein und dem Schöpfungsmythos der Hopi-Indianer mit einer Friedensbotschaft und prophetischen Zukunftsvisionen führt Lorenzo Ravagli in seinem im Herbst erschienenen Buch zu den Wurzeln amerikanischer Befindlichkeit und macht die Zerrissenheit eines Landes begreiflich, das zwischen imperialem Größenwahn und Isolationismus nach einer Orientierung sucht. ‹Amerika auf der Suche nach sich selbst› ist der Untertitel dieses Buches, in dem Ravagli in vier strukturierten Kapiteln versucht, dieses rätselhafte Imperium verstehbar zu machen. So ist das Buch mit seinen 114 Seiten eine kompakte Analyse der immerhin mehr als 230 Jahre alten Geschichte des Zusammenfließens und Verschmelzens mannigfaltiger Strömungen, vorwiegend aus dem Europa der Aufklärung. Wir finden hier nicht nur die historischen Grundlagen für das heutige Amerika in seiner Politik, seinem sozialen Leben, in seiner Kultur und den Religionen, sondern auch die Einbeziehung der Spiritualität der Ureinwohner, am Beispiel der Hopi-Indianer. Diese längst fällige Würdigung des ‹indianischen Antlitzes Amerikas› nimmt einen erfreulich breiten Raum ein, macht uns mit den Mythen der Ureinwohner Amerikas bekannt und weist auf deren spirituelle Impulse hin. So liegt in deren Weltbild der Ursprung des Menschen im Kosmos, und dort liegt auch seine Zukunft.
Kind der Aufklärung
Ravagli weist auf den Grundzug amerikanischer Identität hin, dass sich Amerika seit seiner Gründung auf angelsächsische Traditionen, auf den calvinistischen Puritanismus und die damit verbunde Ethik beruft. Amerika ist ein Kind der Aufklärung, postuliert der Autor, da sich «das erste Mal in der Geschichte des Abendlandes ein Teil der Menschheit in der Neuen Welt aufgemacht hat, aus rationalen Überlegungen heraus eine Gesellschaft zu schaffen, die nicht nur durch eine Jahrhunderte lange Tradition, sondern durch Ideen begründet werden sollte». Amerika ist, so der Autor, eine künstliche Schöpfung, die aus spezifisch europäischen Ideen hervorgegangen ist.
In klar gegliederten Schritten wird die Entwicklung der amerikanischen Form des Protestantismus dargelegt. Ravagli zitiert Gunnar Myrdal, aus dessen Sicht die religiös, ethnisch, regional und ökonomisch zersplitterten Amerikaner durch ein gemeinschaftliches soziales Ethos und einen politischen Glauben zusammengehalten werden. Es sind die Elemente des Glaubens an Freiheit, Gleichheit der Möglichkeiten, Individualismus und Gerechtigkeit. Dieser ‹amerikanische Glaube› sei somit die Schöpfung einer abweichlerischen protestantischen Kultur, nach Gilbert Keith Chesterton das säkularisierte Credo einer «Nation mit der Seele einer Kirche». Mit anderen Worten, es ist die Zivilreligion Amerikas.
‹Gelobtes Land›
Deutlich wird auch in Ravaglis Ausführungen, dass die protestantischen Ursprünge der amerikanischen Kultur im Puritanismus der ersten Einwanderer begründet liegen. Religiöse Gründe für die Besiedlung Amerikas waren zentrale Triebkräfte, die erhalten geblieben sind. Zahlreiche Einwanderergruppen waren geprägt vom religiösen Selbstverständnis der Kolonisten als einer Gemeinschaft von Auserwählten, die einen Bund mit Gott geschlossen hatten. Gerne verglichen sie sich mit den Israeliten, die Moses aus der Gefangenschaft in Ägypten geführt hatte. Die ersten Besiedler Amerikas waren aus dem «alten, verderbten Europa» ausgezogen, um als Muster für den Rest der Welt eine ‹Stadt auf einem Berg›, das ‹Neue Jerusalem›, zu errichten. Sie lebten fortan im ‹Gelobten Land›, in ‹Gottes eigenem Land›, empfanden und – wie die vergangenen Jahre der Herrschaft rechten Kreise unter der Regie evangelikaler Fundamentalisten gezeigt haben – empfinden vielfach heute noch ihr Land sei das ‹Neue Israel› mit einer von Gott sanktionierten Mission, wobei religiöse Bezüge vorrangig alttestamentlich sind.
Rätselhaft
Ravagli fasst die amerikanische Kulturgeschichte zusammen und eröffnet dem Leser die Möglichkeit, das Amerika von heute auf seinen historischen Grundlagen besser verstehen zu können. Das ‹Gespaltene Antlitz› ist nicht nur das Ergebnis von Projektionen, je nachdem, mit welcher Einstellung der Betrachter auf das ‹Amerikanische› blickt. Ravagli nennt die beiden Betrachtungsarten Amerikaphilie und Amerikaphobie. Damit weist er gelegentlich hochmütig intellektuellen Kritiker Amerikas und der Amerikaner in die Schranken, indem er ihnen den Spiegel vorhält. «Wenn die heutigen Europäer in den Westen blicken, dann sehen sie in einen Spiegel, […] nur erscheint in diesem Spiegel alles vergrößert und deshalb umso besser erkennbar.»
Amerika ist zum ersten Mal ein Staatsgebilde, das sich zusammensetzt aus nahezu allen Ethnien, Religionen, Hautfarben und Sprachen der Welt. Das zweite Kommen Christi, das auch zahlreiche religiöse Gruppierungen in den USA erwarten, «ereignet sich auf geistige Art in der Begegnung zwischen den Menschen, zwischen den Kulturen und Völkern». In diesen Worten klingt tröstlich an, dass die Menschen in Amerika Vorreiter sein können auf diesem Weg der Individuen und der Menschheit zum Christus. Dieses Buch sei jedem empfohlen, der das «rätselhafte Imperium im Westen» (Klaus Harpprecht) verstehen will und der eine anthroposophische Betrachtung schätzt, die sich nicht an bekannte Termini halten muss.
Gespaltenes Antlitz: Amerika auf der Suche nach seiner Identität, Pforte-Verlag, Dornach 2008.
Zuerst veröffentlicht in der Zeitschrift »Das Goetheanum«.


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