24.12.08

Lektüren: Wissenschaftstheorie II

Kein normativer Wissenschaftsbegriff

Von Lorenzo Ravagli

Seit langem schon hat die Wissenschaftstheorie es aufgegeben, einen allgemein verbindlichen und normativen Begriff der Wissenschaft zu formulieren. Peter Galison, Pellegrino University Professor in History of Science and Physics in Harvard, bringt diese Tatsache im Gespräch mit Christina Wessely wie folgt zum Ausdruck: »Seit langem schon hat man es in der Wissenschaftsphilosophie aufgegeben, unumgängliche und ausreichende Kriterien zu finden, die Wissenschaft eindeutig definieren. Man muss akzeptieren, dass keine Theorie – sei es die konfirmationistische Theorie eines Rudolf Carnap, der Poppersche Falsifikationismus oder die Reichenbachsche Wahrscheinlichkeitstheorie – es schaffen wird, alles Wissenschaftliche auszulesen und Nichtwissenschaft oder Metaphysik übrig zu lassen. Es gibt keine Möglichkeit, Pseudowissenschaft eindeutig abzugrenzen.«

Wer also eine bestimmte Form der Erkenntnispraxis als »Pseudowissenschaft« tituliert, steht nicht auf der Höhe der wissenschaftsphilosophischen Reflexion. Er bedient sich eines »Kampfbegriffs«, der eine nichtexistente Norm der Wissenschaftlichkeit voraussetzt. Er tut dies, um polemische oder politische Absichten zu verschleiern. Mitchell G. Ash, seit 1997 ordentlicher Professor für Geschichte der Neuzeit und Leiter der Arbeitsgruppe Wissenschaftsgeschichte an der Universität Wien, lässt daran keinen Zweifel: » ›Pseudowissenschaft‹ ist ein Kampfbegriff, dessen Verwendung eine lange Geschichte hat, dessen Gehalt sich jedoch kaum eindeutig fixieren lässt. Er dient der Ein- und Ausgrenzung und kann daher ... als mehr oder weniger zuverlässiger Indikator dessen dienen, was in gegebenen zeitlichen und fachlichen Kontexten als Wissenschaft gelten sollte und was nicht. Damit dient er auch als Ressource im Kampf um die Festlegung der jeweils geltenden Grenzen der Migliedschaft in der Wissenschaftlergemeinschaft sowie um die öffentliche Positionierung der Wissenschaftlergemeinschaft als Denkkollektiv.«

Die Verwendung des Prädikats »pseudowissenschaftlich« oder »unwissenschaftlich« gibt also lediglich Aufschluss darüber, wie der jeweilige Akteur, der diese Begriffe verwendet, sich selbst und andere im Wissenschaftsdiskurs seiner Zeit und seines jeweiligen Denkkollektivs verortet. Es sagt aber nichts über die Validität des Gegenstandes aus, dem diese Prädikate zugeschrieben werden. Gemessen an dieser Einsicht, erscheint die Verwendung der Prädikate »wissenschaftlich« und »unwissenschaftlich« im politischen oder medialen Diskurs als inhaltsleeres, tautologisches Ritual. Jeder Fernsehzuschauer kennt die aufklärerischen Formate, in denen »wissenschaftliche Experten« zu Wort kommen, die sich zu diesem oder jenem Gegenstand und seiner Wissenschaftlichkeit äußern. Sowohl der Journalismus, der sich dieser »Experten« bedient, als auch diese selbst, stehen nicht auf dem Reflexionsniveau der heutigen Wissenschaftsphilosophie. Ihre Funktion ist eine gänzlich andere, als sie vorgeben. Sie zielen darauf ab, unorthodoxe Denkweisen zu häretisieren. Sie sind Instrumente im kulturpolitischen Machtkampf, im Streit der Ideologien.

Hören wir noch einmal Ashton: »Konkret bedeutet dies ..., dass es keine allgemeingültige, überzeitlich geltende Antwort auf die Frage gibt und auch keine geben kann, wie Wissenschaft von Nicht- oder eben Pseudowissenschaft unterscheidbar sein soll. Denn es gibt ... keine überzeitlichen Kriterien zur Festlegung dessen, was Pseudowissenschaft heißt und auch keine Möglichkeit, dies ohne Berücksichtigung der intellektuellen und sozialen Ein- und Ausschlusskriterien der wissenschaftlichen Denk- und Handlungskollektive der jeweiligen Zeit zu tun. Diese Ein- und Ausschlusskriterien sind bestenfalls – wenn überhaupt – mittels emmpirischer Untersuchungen festlegbar.«

Für »Experten« der Wissenschaftlichkeit und Unwissenschaftlichkeit bedeutet dies Hartz IV. »Nur dann«, so Ashton, wenn man weiterhin dem »utopischen Ideal einer allgemeingültigen und überzeitlichen Festlegung erkenntnis- und wissenschaftstheoretischer Normen anhängt«, kann man eine konsequente Historisierung der Zuschreibung »Pseudowissenschaft« als Bedrohung empfinden.

Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang

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23.12.08

Die Unsicherheit über den epistemischen Status der Rassen

Von Lorenzo Ravagli

Veronika Lipphardt, Mitarbeiterin im BMBF-geförderten Forschungsverbund »Imagined Europeans« an der Humboldt-Universität zu Berlin, schreibt in ihrem Beitrag zum Sammelband »Pseudowissenschaft«, der sich mit der Rassenbiologie im 20. Jahrhundert befasst: »Die Grobeinteilung der Menschheit in einige wenige Gruppen – eben ›Rassen‹ – hat sich bis heute in verschiedenen akademischen wie nichtakademischen Kontexten erhalten. Ungeachtet des politischen Konsenses des späten 20. Jahrhunderts hat sie offenbar weiterhin so viel Plausibilität, dass sie heute, z.B. in der Diskussion um ethnienspezifische Medikamente, wieder als legitimes Einteilungskriterium gehandelt werden kann.«

»Bis zu den Herausforderungen der Populationsgenetik in den späten 1970er Jahren«, so Lipphardt, »erkannten die führenden Biowissenschaftler die Existenz und die wissenschaftliche Erforschbarkeit von rassischen Unterschieden an.«

Seit Beginn der 1970er Jahre setzte sich in der Humanbiologie das Paradigma der Populationsgenetik durch. Die Menschheit besteht nach dieser aus zahlreichen Populationen, die nicht durch klare Grenzen voneinander geschieden, sondern durch kontinuierliche Übergänge miteinander verbunden sind. Die Antirassismuspädagogik hat dieses Paradigma dankbar aufgegriffen, und mit dem Argument, Rassen existierten nicht, den Rassismusvorwurf schon auf den bloßen Gebrauch des Wortes Rasse ausgedehnt. »Dennoch«, so Lipphardt, »werden rassenbiologische Klassifikationen in praktischen Zusammenhängen genutzt, weil dort das Postulat der kontinuierlichen Übergänge nicht praktikabel erscheint. So haben die letzten zehn Jahre eine neue intensive Debatte über die molekulargenetische Grundlage ›rassischer Differenzen‹ gebracht.« (Siehe: Steven Epstein, Inclusion: The Politics of Difference in Medical Research, Chicago 2007). »Diese neue Rassendiskussion, die sich um ›Pharmacogenetics‹ und speziell für bestimmte Ethnien entwickelte Medikamente herum entsponnen hat, hält derzeit noch an, und es ist unklar, wo in diesem neuen Forschungsfeld der molekulargenetischen Bestimmung von Rassenmerkmalen später einmal die« – ihrerseits problematischen – »Grenzen zwischen Wissenschaftlichkeit und Pseudowissenschaftlichkeit gezogen werden«, so Lipphardt.

Die von Lipphardt referierte Diskussion hat eine Reihe von Mitgliedern des Lehrkörpers der Stanford-Universität, darunter renommierte Genomforscher wie Luca Cavalli-Sforza, unter Federführung von George M. Fredrickson dazu veranlasst, im Sommer 2008 ein Manifest zur »Ethik der Charakterisierung von Differenz« zu veröffentlichen, in dem zehn Grundsätze zum »Gebrauch von Rassenkategorien in der Humangenetik« formuliert werden, das den Gebrauch solcher Kategorien nicht gänzlich verwirft, sondern u.a. eine ausreichende wissenschaftliche Begründung für deren Verwendung einfordert. (Genome Biology 2008, 9, 404).

»Der epistemische Status von Rasse«, so Lipphardt, bleibt bis heute »ungewiss«. »Wollte man die jüngsten Behauptungen akzeptieren, dass Rassen sich genetisch unterscheiden lassen, würde das die Unterscheidung zwischen vergangener, pseudowissenschaftlicher Rassenforschung und heutiger guter Diversitätsforschung noch verkomplizieren. Hinzu kommt, dass heute zahlreiche Laien und Wissenschaftler schon auf der Grundlage von Alltagserfahrungen nicht bereit sind, dem sozialkonstruktivistischen Blick auf Klassifikationen der Menschheit zu folgen, wie die Geistes- und Kulturwissenschaften ihn anmahnen.« Mit anderen Worten: sowohl Wissenschaftler als auch Laien sind nicht bereit, jenen zu glauben, die ihnen ein X für ein U vormachen. Sie sind nicht bereit, zu glauben, dass etwas, was sie sehen, inexistent sei.

Ein gutes Beispiel für diese Resistenz gegen den »sozialkonstruktivistischen Blick« findet sich im selben Band, im Gespräch zwischen Peter Galison und Christina Wessely. Galison, seit 2006 Pellegrino University Professor in History of Science and Physics in Harvard, lässt sich über den Gebrauch umstrittener begrifflicher Kategorien in der wissenschaftlichen Diskussion und im Alltag aus: »Es ist oft der Fall, dass eine Kategorie nicht besonders gut fundiert und geschärft ist, dass sie aber in unserer sozialen, lebensweltlichen Realität eine bedeutende Rolle einnimmt und diese so zentral mitbestimmt, dass wir absolut weltfremd wären, würden wir eine solche Kategorie ignorieren oder grundsätzlich nicht anerkennen. Nehmen Sie nur die Kategorie ›Rasse‹. Ich denke, dass nur eine kleine Minderheit von Forschern der Meinung ist, dass ›Rasse‹ eine zentrale Kategorie der wissenschaftlichen Analyse ist. Aber, wenn man hinausgeht in die Welt, nach Wien, Berlin, Paris, London, New York oder Boston und auf der Straße behaupten würde, dass es so etwas wie Rasse nicht gäbe, würden die Menschen wahrscheinlich denken, man wäre verrückt, weil Rasse eben so sehr Teil unserer gelebten Alltagswirklichkeit ist. Bedeutet das nun, dass jedes Mal, wenn jemand von Rasse spricht, das gesamte Rassenkozept bestätigt und bekräftigt wird? Natürlich nicht – aber das bringt uns nichtsdestoweniger in eine heikle und merkwürdige Position. Denn bedeutet das jetzt, dass wir jedes Mal, wenn wir ›Rasse‹ schreiben, Anführungszeichen verwenden müssen? Das würde einigermaßen gekünstelt erscheinen ...«

Nun, nichts zwingt uns dazu, die Kategorie »Rasse« überhaupt zu verwenden, auch wenn sie in der heutigen Pharmakogenetik wieder eine Rolle zu spielen beginnt. Wir sollten aber den Rassismusbegriff nur dort verwenden, wo er tatsächlich angebracht ist: gegenüber Ideologien und politischen Gruppierungen, die eine dauerhafte Hierarchie als Rassen definierter Gruppen herbeiführen wollen oder eine solche verteidigen (George M. Fredrickson). Das war in der Quintessenz auch der Kern der realhistorischen Rassenregime im 19. und 20. Jahrhundert.

Literatur: Dirk Rupnow et al.: Pseudowissenschaft: Konzeptionen von Nichtwissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte, Frankfurt a. M. 2008.
Steven Epstein, Inclusion: The Politics of Difference in Medical Research
The ethics of characterizing difference: guiding principles on using racial categories in human genetics, Genome Biology 2008, 9, 404.
George M. Fredrickson, Rassismus: Ein historischer Abriß

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20.12.08

Lektüren: Wissenschaftstheorie I

Wissenschaft und »Pseudowissenschaft«

Von Lorenzo Ravagli

In der Wissenschaftstheorie hat ein Umdenken eingesetzt. Während noch Ende der 1980er Jahre Wissenschaftstheoretiker wie Gerhard Vollmer glaubten, eine wesentliche Aufgabe seiner Zunft sei es, »Hypothesen und Theorien zu beurteilen und dabei echte von unechter Wissenschaft zu unterscheiden«, wurde dieser Glaube inzwischen aufgegeben. 

Das 2003 erschienene Oxford Companion to the history of Science bekennt in seinem Artikel »Pseudoscience and quackery«, es trage nichts zur historischen Erkenntnis bei, wenn man Phrenologie, Mesmerismus oder Parapsychologie retrospektiv nach den Kriterien von »wahrer« und »Pseudo-Wissenschaft« beurteile.

Das offizielle Organ der amerikanischen »History of Science Society«, die Zeitschrift ISIS, hat den Begriff der Pseudowissenschaft völlig aufgegeben. Ihr jährlich erscheinender bibliographischer Anhang wurde 2002 einer grundlegenden Reform unterzogen. Während die Bibliographie früher in historische Epochen unterteilt war, und jeder Epoche auch bestimmte »Pseudowissenschaften« zugeordnet wurden, ist sie jetzt nach Wissensgebieten gegliedert. In der neuen Systematik finden sich Okkulte Wissenschaften, Magie, Alchemie und Astrologie einträchtig neben Chemie und Astronomie. Die verschiedensten Formen der Alternativmedizin sind der Kategorie »Medical Sciences in General«, Phrenologie und Psychoanalyse der »Psychology«, der Kreationismus der Rubrik »Science and Religion« zugeordnet. Ein einziges Mal taucht der Begriff der »pseudosciences« noch auf, und zwar in Anführungszeichen in der Rubrik »Interdisciplinary works and borderline sciences«, wodurch die Distanzierung von der Annahme, es gebe Pseudowissenschaften noch unterstrichen wird.

Damit, so deutet der Wissenschaftstheoretiker Michael Hagner von der ETH Zürich diese Entwicklung, »hat sich die Wissenschaftsgeschichte eines Begriffs entledigt, den sie jahrzehntelang benutzt, aber nicht weiter hinterfragt hat.« Die wissenschaftstheoretische Verabschiedung des Ordnungsbegriffs »Pseudowissenschaft« »ist Ausdruck einer Skepsis gegenüber der klaren Eingrenzung von Wissenschaft hinsichtlich ihrer Gegenstände und Bedingungen, Methoden und Konsequenzen«,  stellt Hagner fest. Die Untersuchung von Wissenskulturen hat zur Einsicht geführt, dass Erkenntnisprozesse und Erkenntnisbegriffe nicht von ihren soziokulturellen und anthropologischen Bedingtheiten getrennt werden können. Sie hat außerdem die »historische Variabilität von wissenschaftlichen Normen und Werten« erwiesen. 

Dass die Wissenschaften zwar ein bevorzugtes, »aber kein ausschließliches Abonnement auf Erkenntnis und Wissenszuwachs« haben, wird inzwischen nicht mehr ernsthaft infrage gestellt. Kein Wissenschaftstheoretiker, so Hagner, würde heute wohl mehr die oben zitierte Aufgabenstellung Gerhard Vollmers unterschreiben.

Ihren Aufstieg verdankte die Wissenschaftstheorie Hagner zufolge nach dem Zweiten Weltkrieg politischen Gründen. Sie etablierte sich als »erkenntnistheoretischer Gesetzgeber« und »Diskurspolizei«, um künftig politische Instrumentalisierungen der Wissenschaften zu verhindern. Karl Popper versuchte mit seinem Falsifikationismus eine klare Demarkationslinie zwischen wahrer und falscher Wissenschaft zu ziehen. Aber Poppers Falsifikationskriterium hielt der Kritik der nachfolgenden Generation nicht stand. Die Vorschläge der Kritiker waren auch nicht besser. Imre Lakatos schlug als Kriterium der Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft die jeweilige Produktivität vor. Diese lässt sich aber immer erst retrospektiv feststellen. Thomas Kuhn glaubte, Wissenschaft zeichne das Vorhandensein zu lösender Rätselfragen aus. Die gibt es aber auch in der Astrologie. Außerdem wären nach Kuhns Auffassung große Teile der Human- und Geisteswissenschaften den Pseudowissenschaften zuzuzählen.

Die Konsequenzen aus der Unmöglichkeit, einen allgemein verbindlichen Begriff der Wissenschaft zu formulieren, zog Paul Feyerabend: »Die Wissenschaft steht dem Mythos viel näher, als eine wissenschaftliche Philosophie zugeben möchte. Sie ist eine der vielen Formen des Denkens, die der Mensch entwickelt hat, und nicht unbedingt die beste. Sie ist laut, frech und fällt auf: grundsätzlich überlegen ist sie aber nur in den Augen derer, die sich schon für eine bestimmte Ideologie entschieden haben, oder die Wissenschaft akzeptiert haben, ohne jemals ihre Vorzüge und ihre Schwächen geprüft zu haben.« (Wider den Methodenzwang, 1976) Feyerabend setzte sich daher für die Maxime ein: »anything goes«, alles ist erlaubt.

»Pseudowissenschaft«, so das Fazit Hagners, ist ein »Kampfbegriff, der auf die politische Bühne gehievt wird, wenn es opportun erscheint, und wieder verschwindet, wenn sich die Bedingungen ändern und kein Bedarf mehr vorhanden ist ... Er sagt mehr über diejenigen aus, die ihn benutzen, als über diejenigen, auf die er angewendet wird.« Er dient dazu, »Diskurshoheit in einem bestimmten Feld zu erlangen oder einen unliebsamen Gegner auszugrenzen«.

Paul Feyerabend: Wider den Methodenzwang

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19.12.08

Stimme der Humanität

Glaubenskongregation nimmt Stellung zur Bioethik

Von Lorenzo Ravagli

Die römische Glaubenskongregation hat am 12. Dezember eine Instruktion zur Bioethik veröffentlicht, in der die künstliche Befruchtung und die massenhafte Vernichtung von menschlichen Embryonen verurteilt wird. Höchster Leitsatz des Dokumentes »Dignitas personae« (Würde der Person) ist die Achtung der Menschenwürde. Der Mensch ist von der Empfängnis an als Person zu achten und zu behandeln. Der Ursprung des menschlichen Lebens ist die Familie, Zeugung ist die Frucht der Ehe und der gegenseitigen Liebe von Mann und Frau. Mit der Instruktion nimmt die katholische Kirche auf unmißverständliche Weise Stellung gegen eine Reihe von Fortpflanzungstechnologien, die im Namen der Humanität die elementarsten Grundsätze der Menschenwürde verletzen. Manche dieser Techniken wurden vor kurzem in Großbritannien legalisiert.

Mit Nachdruck weist die Kongregation auf die unethischen Begleitumstände der künstlichen Befruchtung. Die Zahl der geopferten Embryonen beträgt mehr als 80 Prozent. Die mit Defekten behafteten Embryonen werden in der Regel selektiert. Immer häufiger greifen auch nicht sterile Paare zur genetischen Selektion ihrer Kinder, um gewünschte Eigenschaften zu erzeugen. Die Mehrlingsübertragung, die in Kauf nimmt, daß einige der erzeugten Kinder zugrunde gehen, instrumentalisiert Embryonen. Die Injektion von selektierten Samenzellen ist verwerflich, weil sie das Leben des Embryos der Macht der Mediziner anvertraut und eine Herrschaft der Technik über den Ursprung der menschlichen Person errichtet. Die Einfrierung von Embryonen ist unethisch, da sie deren Schädigung und Tod in Kauf nimmt. Die Tausenden von eingefrorenen Embryonen stellen vor moralische Abgründe: sowohl ihre Vernichtung als auch ihre Verwendung für die medizinische Forschung sind mit dem Grundsatz der Menschenwürde unvereinbar. Dasselbe gilt für das Einfrieren von Eizellen im Hinblick auf eine künstliche Befruchtung. Werden überzählige Embryonen vor der Implantation vernichtet, um Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden, führt dies zu denselben moralischen Aporien. Die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht die Selektion bestimmter Embryonen aufgrund körperlicher Merkmale oder des Verdachts, sie könnten Chromosomendefekte aufweisen. Sie ist eine Technik der qualitativen Selektion, die Urteile über lebenswertes und lebensunwertes Leben impliziert.

Mittel der Schwangerschaftsverhinderung, die die Einnistung eines befruchteten Embryos verhindern, wie die Spirale oder die Pille danach, sind einer Abtreibung gleichzusetzen.

Während die somatische Gentherapie, die darauf abzielt, genetische Defekte auf der Ebene der Körperzellen zu beheben, unter bestimmten Bedingungen sittlich erlaubt ist, erscheinen die Risiken der Keimbahntherapie gegenwärtig kaum kontrollierbar und stehen in keinem Verhältnis zum erwarteten Nutzen. Insbesondere wird jedoch der Einsatz der Gentechnik zur vermeintlichen Verbesserung oder Potenzierung der genetischen Ausstattung des Menschen abgelehnt. In einer solchen Zielsetzung kommt nach Auffassung der Kongregation eine eugenische Mentalität zum Ausdruck, die Menschen ohne »besondere Gaben« sozial stigmatisiert, während andere mit erwünschten Begabungen, die aber nicht das spezifisch Menschliche ausmachen, bevorzugt werden. Könnte sich diese Ideologie durchsetzen, würde sie das friedliche Zusammenleben der Menschen gefährden. Der Versuch, einen neuen Menschentypus zu schaffen, schließt überdies die Anmaßung ein, der Mensch könne sich an den Platz des Schöpfers stellen.
Besonders gravierend erscheint der Kongregation auch das Klonen. Dem geklonten Menschen würde ein vorausbestimmtes genetisches Erbgut auferlegt, er würde einer »biologischen Sklaverei« unterworfen. Die genetischen Merkmale anderer Personen willkürlich zu bestimmen, ist ein schwerer Verstoß gegen die Menschenwürde, nicht weniger als die Herstellung von Embryonen mit dem Ziel, sie zu zerstören, um Kranken zu helfen. Letzteres erniedrigt den Menschen zu einem bloßen Mittel, das gebraucht und anschließend vernichtet werden kann.

Die Beurteilung der Stammzellforschung hängt davon ab, wie die Stammzellen gewonnen werden: unbedenklich sind die Gewinnung aus Geweben des erwachsenen Organismus, aus der Nabelschnur und aus Föten, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Verwerflich hingegen deren Gewinnung aus lebendigen Embryonen, weil diese unweigerlich zum Tode führt. Auch der Import solcher Stammzellen ist eine »Mitwirkung am Bösen«. Schließlich ist auch die Erzeugung von Mensch-Tier-Hybriden eine Beleidigung der Menschenwürde, weil sie die spezifische Identität des Menschen beeinträchtigt.

Wie immer man zur päpstlichen Lehrautorität stehen mag, man kann der katholischen Kirche für diese klaren Worte nur dankbar sein.

Die Langfassung der Instruktion findet sich hier.

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14.12.08

Michael Ende und die Anthroposophie

Von Lorenzo Ravagli

In ihrem lesenswerten Artikel über »Darwins Jim Knopf«, der am 13. Dezember in der FAZ erschienen ist, weist Julia Voss darauf hin, dass Michael Ende in seinem Denken am meisten von Rudolf Steiners Essay »Darwinismus und Sittlichkeit« beeinflusst worden sei. Jim Knopf stellt nach Julia Voss eine Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Interpretation des Darwinismus dar. Darwins Lehre von Wandel, Zufall und Variation mutierte im Nationalsozialismus zu einer Erzählung von Zucht, Herrschaft und Hierarchie. »Jim Knopf und die wilde Dreizehn«, vielen aus den Aufführungen der Augsburger Puppenkiste bekannt, ist ein Schlüsselroman, in dem einige der schönsten Mythen der Menschheit aus den Fängen des Bösen befreit werden.

»Lummerland«, schreibt Julia Voss, »die Drachen, die Völker, ihre Heimat Atlantis, werden den Nationalsozialisten entwendet. Die Mischwesen siegen, und alles darf sich mit allem verbinden. Rasse, Schande und Tod werden von Lukas, Jim, dem Riesen Tur Tur, Prinzession Lisi oder Sursulapitschi überwunden, eine neue Evolution wird in Gang gesetzt.«

Bei dem Text, der Ende am meisten beeinflusste, »Darwinismus und Sittlichkeit«, handelt es sich nicht um einen Essay Steiners, sondern um ein Kapitel der »Philosophie der Freiheit«. Dieses Buch stellt die philosophische Grundlegung der Anthroposophie dar. Das Kapitel XII: »Die moralische Phantasie«, trägt den in Klammern gesetzten Untertitel »Darwinismus und Sittlichkeit«. In ihm führt Steiner den Gedanken aus, dass der ethische Individualismus die Krönung des Gebäudes ist, das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft errichtet haben. Er ist eine »vergeistigte Entwicklungslehre«, auf das sittliche Leben übertragen. Mit anderen Worten: der moralischen Verbesserung der Menschheit sind keine Grenzen gesetzt, weil sie sich auch in dieser Hinsicht zu entwickeln vermag. Steiner reicht Lessing hier die Hand.

Der Text findet sich in der Rudolf-Steiner-Bibliothek auf anthroposophy.com im Internet

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