20.12.07

Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit

»Ein Mensch, der heute von dem Ideal von Rassen und Nationen und Stammeszusammengehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit. ... Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang bringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen. Durch nichts wird der wirkliche Fortschritt der Menschheit mehr aufgehalten als dadurch, dass aus früheren Jahrhunderten stammende ... fortkonservierte Deklamationen herrschen werden über die Ideale der Völker, während das wirkliche Ideal dasjenige werden müsste, was in der rein geistigen Welt, nicht aus dem Blute heraus, gefunden werden kann. ...

Denn nur durch geistige Bande unter den Menschen wird in das Niedergehende, das ganz naturgemäß ist, Fortschreitendes hineinkommen. Ich sage: das Niedergehende ist naturgemäß. Denn geradeso wie der Mensch, wenn er ins Alter kommt, nicht ein Kind bleiben kann, sondern mit seinem Leib in eine absteigende Entwickelung eintritt, so trat auch die ganze Menschheit in eine absteigende Entwickelung ein. ... Zu glauben, dass die alten Ideale fortleben können, ist geradeso gescheit, wie zu glauben, dass der Mensch sein ganzes Leben hindurch buchstabieren lernen soll, weil es dem Kinde gut ist, buchstabieren zu lernen. Ebenso gescheit wäre es, wenn man in der Zukunft davon reden wollte, dass über die Erde hin eine soziale Struktur sich ausbreiten soll auf Grundlage der Blutszusammengehörigkeit der Völker.«

Rudolf Steiner, GA 177, Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis, 26.10.1917, S. 203-206.

Referenz: Die Überwindung des Rassismus durch die Anthroposophie

1.12.07

Was wollen Anthroposophen wirklich?

Die Anthroposophen wollen eine andere Welt, eine bessere Welt. Eine Welt, in der nicht verschwenderisch Raubbau an den Ressourcen der Erde getrieben wird. Eine Welt, in der die Menschheit die Erde von der Lithosphäre bis zur Stratosphäre schützt und hegt, weil sie die Grundlage der Existenz aller ist. In der Tiere nicht grausam gequält werden, um einen Teil der Menschheit ungesund zu ernähren und gleichzeitig andere dem Hungertod preiszugeben. Eine Welt, die nicht vergiftet wird, um billige Lebensmittel zu erzeugen, in der Landwirtschaft ein wirklicher Dienst an der Erde und ihren Lebewesen ist, der entsprechend von den Konsumenten der Nahrung gewürdigt wird.

Eine Welt, in der Menschen nicht gezwungen werden, nur um subsistieren zu können, sinnlose Produkte zu erzeugen, die ihrer Gesundheit und der Gesundheit anderer schaden oder menschenunwürdige Arbeiten und Dienstleistungen zu verrichten. Sie wollen eine Ökonomie, die nicht Überfluss, sondern Sättigung schafft, die mit ihrer Wertschöpfung nicht dem Egoismus Weniger, sondern dem Wohl aller dient. In der Menschen nicht als Sklaven von Gruppeninteressen missbraucht werden, sondern die Kapitalressourcen der individuellen und spirituellen Entfaltung der Menschen dienen. Sie wollen eine gerechtere Welt, in der die Schätze der Natur und der Kultur unter allen Völkern und Kulturen brüderlich geteilt werden. Eine Welt, in der die kulturellen und zivilisatorischen Güter gerecht verteilt werden, in der die Zugänge zur Bildung und zu Lebenschancen jedem offen stehen.

Sie wollen eine Gesellschaft, in der wirkliche Freiheit herrscht, Freiheit des Denkens und Handelns, in der sich die kreativen Kräfte der Einzelnen optimal entfalten können und diese Entfaltung durch die Anstrengungen aller gesichert wird. Sie wollen eine Welt, in der Behinderte ihren Lebensbedingungen entsprechend vollwertig in die Gesellschaft integriert sind. In der Kranke wirklich geheilt, statt durch medizinische Behandlung krank werden. In der iatrogene Moribundität nicht in Gesundheit umdefiniert wird, weil ein medizinisch-industriell-politischer Komplex aus dieser Umdefinition schamlos Profit zieht. In der Alte nicht abgeschoben werden, sondern mit ihren Lebenserfahrungen vollwertig an der Gemeinschaft partizipieren dürfen. In der Sterbende würdevoll in ihre geistige Heimat zurückkehren dürfen.

Sie wollen eine Welt, in der es keine Kriege gibt, da die einzelnen Völker oder Bürgerschaften nur danach wetteifern, sich in Friedfertigkeit und Edelmut gegen einander zu übertreffen. Sie glauben, dass eine solche Welt möglich ist, wenn die einzelnen Völker und Kulturen sich in ihren unterschiedlichen Werten und Mythen achten und diesen dieselbe Liebe entgegenbringen, wie den jeweils eigenen. Sie wollen eine pluralistische Gesellschaft, in der die unterschiedlichen Religionen, Weltanschauungen und Wissenschaftsrichtungen gleichberechtigt und friedlich miteinander koexistieren können. Sie wollen eine Gesellschaft, in der das spirituelle Leben nicht ausgeschlossen wird, sondern den Alltag bis in die Wirtschaft durchdringt, und eine Technik erzeugt, die nicht lebensfeindlich, sondern lebensdienlich ist.

Sie glauben, dass die Menschheit eine Aufgabe hat: sich als Gemeinschaft zu begreifen, in der jeder Einzelne, jedes Volk, jede Kultur den anderen die gleiche Liebe und Anerkennung entgegenbringt. Dass sie sich als eine vielfältige, in sich differenzierte und doch in allen ihren Teilen auf einander angewiesene Einheit erkennen kann. Als eine organismische Noosphäre, die den Planeten Erde als Arche inmitten eines unendlichen Kosmos sehen lernt, von dem ihre Existenz abhängt, dem gegenüber sie Ehrfurcht und Selbstlosigkeit bezeugen will. Dass diese bruderschaftlich verstandene Menschheit nicht nach der Maxime verfahren wird, das Glück Weniger auf Kosten Vieler anzustreben, oder das Glück vieler auf Kosten Weniger, sondern das Glück aller. Sie streben eine Welt an, in der biologische oder Herkunftsunterschiede oder sonst irgendwelche äußeren Kennzeichen des Menschen kein Hindernis für den Zugang des Einzelnen zu was auch immer darstellen. In der sich die Menschen, gleich welche Hautfarbe, welche Weltsicht, welche Bildung, welche Religion sie haben, vorbehaltlos als Menschen anerkennen und auch als solche behandeln.

Sie wollen die Menschen insgesamt von ihrer Abhängigkeit von Macht und Besitz befreien. Sie würden sich wünschen, die Begegnung unter Menschen könnte wie ein religiöses Sakrament aufgefasst werden, als das Heiligste, das uns geschenkt ist. Sie glauben an die Heiligkeit des menschlichen Lebens, an seine Gottursprünglichkeit, aber auch die Gottebenbildlichkeit des Menschen, eines jeden Menschen, möge er welche Hautfarbe auch immer und was für Vorzüge oder Behinderungen auch immer besitzen. Sie sehen den Menschen aufgrund seiner Gottebenbildlichkeit im Besitz einer unantastbaren und unveräußerlichen Würde. Sie halten diese Würde des Menschen für ein heiliges Gut, das sie mit religiöser Ehrfurcht achten.

Sie sind der Überzeugung, dass der Mensch mit Verstand und Vernunft begabt ist, um bis in die letzten Gründe und Ursachen des Weltgeschehens vorzudringen. Dass er seine Erkenntnisfähigkeiten anwenden kann, um eine pluralistische, freiheitliche Gesellschaft autonomer Individuen zu schaffen, in der zugleich der Individualismus durch gegenseitige Liebe und Solidarität nicht nur unter den Nächsten, sondern auch den Fernsten ausgeglichen wird. Sie sind der Überzeugung, dass eine rein diesseitsorientierte Zivilisation wesentliche Teile der menschlichen Existenz unberücksichtigt lässt, und soziales Unglück heraufbeschwört, weil sie die spirituellen Bedürfnisse des Menschen verneint. Dass eine Wissenschaft, die sich lediglich dem Sichtbaren und Messbaren zuwendet, der komplexen menschlichen Existenz nicht gerecht wird, und Gefahr läuft, wenn sie Dominanz über die politischen Entscheidungen erlangt, eine soziale Wirklichkeit zu schaffen, in der der unsichtbaren und ungreifbaren Seite des Menschenwesens die Existenzberechtigung aberkannt wird. Ganz zu schweigen von der Intoleranz und dem sozialen Unfrieden, die eine solche Dominanz erzeugen würde.

Sie betrachten spirituelle Erfahrung und spirituelle Weltbilder als notwendige Konsequenz der conditio humana, aus deren spirituellen Dimensionen sie sich naturgemäß ergeben und erkennen diesen dieselbe Existenzberechtigung zu, wie unspirituellen Weltbildern. Sie plädieren für Toleranz zwischen den Weltanschauungen und Religionen, die die fremde Andersartigkeit ebenso achtet wie die eigene. Sie sind der Ansicht, dass ein Friede zwischen den Religionen nur erreicht werden kann, wenn diese sich nicht mit ausschließlichen Wahrheitsansprüchen bekämpfen, sondern ihre jeweiligen Welterklärungsweisen und aus ihnen entspringenden Lebensformen als legitime Selbstauslegung des spirituellen Menschenwesens gelten lassen.

Sie verabscheuen jede Ideologie, die danach trachtet, das Fremde oder Andersartige auszulöschen, weil sie alleinige Geltung beansprucht. Jede Form von Totalitarismus ist ihnen zuwider, will sie ihrem höchsten Ideal, der individuellen Freiheit widerspricht. Sie befürworten eine absolute Religionsfreiheit. Sie betrachten ebenso die Kunst als eine wesentliche Selbstauslegung des Menschen, der eine bedeutende Aufgabe in der Bildung, Erziehung und im gesellschaftlichen Leben zukommt, weil sie auch Ausdrucksformen für jene Aspekte des menschlichen Lebens bietet, die von der wissenschaftlichen Rationalität missachtet werden, wie die Emotionalität oder die Empathie, wie das Ahnen und die Sehnsucht.

Sie sind der Überzeugung, dass die Menschheit, wenn sie diese Ziele anstrebt, nicht nur ein friedliches Leben auf dieser Erde führen kann, sondern dass sie durch die Verwirklichung dieser Ideale sich kollektiv auf eine höhere Evolutionsstufe erheben wird, eine spirituelle Stufe der Evolution, in der nicht mehr die ererbten tierischen Urinstinkte die Geschichte bestimmen werden, sondern die moralischen Instinkte, die sich der Mensch selbst anerzogen hat. Dieser neue Entwicklungsschub kommt jenem der neolithischen Revolution gleich, ja wird ihn bei weitem übertreffen. Die Menschheit wird dann nicht mehr die Erde für sich beanspruchen, sondern sich ihr hingeben. Die moralischen Kräfte werden die Menschheit und mit ihr die Erde in eine Form erheben, die dem göttlichen Ursprung näher steht, als die gegenwärtige. Denn letztlich schließt die Gottebenbildlichkeit des Menschen eine Perspektive der Entwicklung ein, in der der Mensch durch Freiheit zur theosis gelangen kann. Für all diese Ziele setzen sich die Anthroposophen überall auf der Welt ein, weil es ihnen Ernst mit der besseren Welt ist. Sie arbeiten im Bildungswesen, im medizinisch-therapeutischen Bereich, im Kulturwesen, in der Wirtschaft, in den Wissenschaften, um die sanfte Revolution voranzutreiben, die ihnen vor Augen schwebt.

Denunziantentum

Der Rassismus stellt ohne Zweifel eine der großen Katastrophen der neueren Geschichte dar. Als Rassenantisemitismus mündete er im ultimativen Verbrechen des nationalsozialistischen Genozids. Die moralische Verwerflichkeit dieses Verbrechens und seine geschichtliche Einzigartigkeit kann von keinem vernünftigen Menschen bestritten werden.

So wie die andere reduktionistische Ideologie des 19. Jahrhunderts, die Ideologie des Klassenkampfs, führte die Ideologie des Rassenkampfs zu einer Entfesselung von Gewalt und einer Dehumanisierung in nie dagewesenem Ausmaß. Der Rassismus identifizierte Individuen mit einem biologischen Typus und reduzierte sie auf diesen. Nicht durch ihr Tun, sondern durch ihr Sein sollten sie bestimmt sein. Der angeblichen Determination durch den Rassentypus konnte niemand entrinnen. Der Kommunismus in seinen verschiedenen Formen identifizierte die Individuen mit ihrer Klasse und hielt die angebliche Determination durch diese Gruppenzugehörigkeit für ebenso unentrinnbar. Die totalitären Großideologien führten bei den Versuchen ihrer gesellschaftlichen, politischen Umsetzung nicht nur zu zwei Weltkriegen, sondern auch zu binnenstaatlichen Katastrophen nie dagewesenen Ausmaßes.

Im Horizont der biologististischen und soziologistischen Programme blieb kein Raum für das Individuum, kein Raum für die Andersartigkeit, kein Raum für Freiheit. Das war der Grund, warum sowohl in kommunistischen Staaten als auch im nationalsozialistischen Regime die Anthroposophie verboten war. Die Anthroposophie widerstreitet der Reduktion des Menschen auf biologische Merkmalsgefüge ebenso, wie seiner Reduktion auf gesellschaftlich definierte Kategorien. Sie sieht das Wesen des Menschen in seiner einzigartigen, unaustauschbaren geistigen Individualität, die sie jedem Angehörigen der Gattung zuspricht, ohne Ausnahme und Abstriche. Sie leugnet weder das Vorhandensein eine biologischen Natur noch die Existenz gesellschaftlicher Verhältnisse, in die das einzelne Individuum eingebettet ist. Sie bestreitet jedoch die Reduzierbarkeit des Menschen auf sie oder dessen Ableitbarkeit aus ihnen. Der einzelne Mensch ist aufgerufen, seinen biologischen und seinen gesellschaftlichen Leib (die Gesamtheit der naturhaften und sozialen Gegebenheiten) zu Ausdrucksmitteln seiner Freiheit zu erheben.

Die Anthroposophie will den Menschen zu sich selbst befreien, indem sie auf den unreduzierbaren Quell einer schöpferischen Kreativität verweist, den jeder in sich trägt. Der Mensch ist nicht mit einem Bild identifizierbar, das andere sich von ihm machen, er ist immer mehr als das. Was er ist, kann er letztlich immer nur durch sich selbst explizieren. Diese Selbstexplikation setzt einen Raum der gesellschaftlichen Freiheit voraus, in dem diese zugelassen wird. Für die Anthroposophie ist unvorstellbar, einem Menschen das Menschsein abzusprechen, nur weil er nicht einer Vorstellung oder einem Bild des Menschen entspricht, das sich jemand anderes von ihm macht. Das bedingungslose Plädoyer für Freiheit und Selbstbestimmung, das sich aus der Einsicht ergibt, dass jeder Mensch einen göttlichen Wesens- und Würdekern in sich trägt, lässt prinzipiell keine Verdächtigungen zu. Was der andere ist oder was er will, kann nur er selbst sagen.

Anders die Inquisitoren, die Verdächtiger und Jäger nach ideologischen Abweichlern. Sie unterstellen dem anderen Ansichten, die er nicht hat, sie wollen nicht auf die sich selbst explizierende Individualität hören, sie sind nur daran interessiert, andere als Projektionsfläche für die Rituale ihrer Selbstvergewisserung zu missbrauchen. Vorstellung ersetzt Wahrnehmung, Behauptung das Verstehen, Verurteilung die Würdigung des Fremden, des Einzigartigen. Die rassistoiden Antirassisten, die faschistoiden Antifaschisten, die sektiererischen Sektenjäger, sie alle missbrauchen andere Menschen lediglich als Objekte ihrer ideologischen Selbstrechtfertigung. Sie wollen das »gute« Menschsein monopolisieren, indem sie sich zu dessen allein legitimen Verteidigern erklären, sie beanspruchen eine Definitionsmacht über die andere Individualität, die totalitär ist. Sie sind in ihrer Neigung zur Diffamierung, zur Ausgrenzung, zur Stigmatisierung und Verfemung Andersdenkender nicht weniger militant als das von ihnen imaginierte Double. Sie reden in einem fort, aber wer hört ihnen zu, ausser sie selbst?

Kann man mit ihnen reden? Kann man sie eines Besseren belehren? Kann man hoffen, sie auf das hinzuweisen, was zu sehen ist, was zu hören ist, wenn man nur sehen oder hören will? Ich fürchte nicht. Sie haben keinerlei Interesse am wirklichen Sehen und Hören. Für jeden aber, der sehen und hören, der verstehen will, denunziert sich der Denunziant selbst. Seine eifernde Anpreisung vorgeblicher Wahrheiten, seine repetitive Artikulation, seine monothematische Deklamation klären uns über ihn auf. Die Wahrheit ist jedem zugänglich, der sie wirklich finden will. Voraussetzung ist, dass wir unser Auge den Menschen zuwenden, dass wir einen emotionslosen Blick, ein unverstelltes Hören üben. Das Wunder der Begegnung ereignet sich nicht im Getöse ideologischer Beschuldigungen, Verdächtigungen und Unterstellungen, sondern in der Stille.

Lorenzo Ravagli