25.1.10

Einfühlsamer Empirismus

Der Beitrag von Arthur Versluis zur Methodologie der Esoterikforschung

Von Lorenzo Ravagli

In den Jahren 2002 und 2003 hat Arthur Versluis, einer der führenden amerikanischen Köpfe auf diesem Gebiet, in der Zeitschrift »Esoterica« einen zweiteiligen Beitrag zur Diskussion über die Methoden der Forschung veröffentlicht, der sich kritisch mit Antoine Faivre und Wouter J. Hanegraaff auseinandersetzt. Die Grundzüge seiner Argumentation werden in einem  Essay auf anthroweb.info referiert und kommentiert.

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17.1.10

Die Konstruktion esoterischer Traditionen

Von Lorenzo Ravagli

1998 erschien in der Reihe »Gnostica« ein Band mit dem Titel »Western Esotericism and the Science of Religion«, mit einem Beitrag Wouter J. Hanegraaffs über die »Konstruktion esoterischer Traditionen«, der für das Selbstverständnis dieses führenden Esoterikforschers und für die Methodendiskussion dieser jungen Disziplin von herausragender Bedeutung ist. Hier werden die wesentlichen Grundgedanken des Beitrags referiert und soweit Anlass besteht, kritisch kommentiert

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2.1.10

Esoterik als Denkform – Antoine Faivres Beitrag zur Methodik der Forschung

Von Lorenzo Ravagli
 
Der klassische Beitrag zur Methodologie der Esoterikforschung stammt von Antoine Faivre, dem Inhaber des Lehrstuhls für die »Erforschung esoterischer und mystischer Strömungen im modernen und zeitgenössischen Europa« von 1979 bis 2002 an der Sorbonne in Paris. Er veröffentlichte seine methodologischen Überlegungen zuerst 1986 unter dem Titel »Accèss de l' ésoterisme occidental« auf französisch, 1994 in einer englischen Übersetzung »Access to Western Esotericism«. Der folgende Essay orientiert sich an der englischen Übersetzung.

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26.12.09

Wiederkehr des Perennialismus?

Von Lorenzo Ravagli

Roland Benedikter hat in der Online-Zeitschrift Integral Review eine Rezension des Buches von John Holman »The Return of the Perennial Philosophy. The Supreme Vision of Western Esotericism« veröffentlicht. Die Zeitschrift wird von der »holistischen« Internet-Organisation Arina in Bethel Ohio, herausgegeben, deren Akronym für »Acting / Researching / Integrating Network Associates« steht. Holman interpretiert in seinem Buch die westliche Esoterik als historische Grundlage der heutigen spirituellen Bewegungen.

Angesichts der Renaissance traditioneller Religionen fordert Holman den Westen dazu auf, sich seiner originären (autochthonen) spirituellen Erfahrungen zu erinnern. Diese spirituellen Erfahrungen und ihre Traditionen, die in der Vergangenheit eine bloße Randexistenz geführt hätten, stellen aus seiner Sicht ein notwendiges Gegengewicht gegen kollektivistische und am Mythos orientierte Religionsformen dar. Empirische Spiritualität, die für Holman im Gegensatz zum bloßen Glauben steht, soll die säkulare Gesellschaft auf die bevorstehende Wiederkehr der philosophia perennis, der »ewigen Wahrheit« vorbereiten. Holman bemüht sich in seinem Buch um einen partizipatorischen, ja identifikatorischen Zugang zur Geschichte der Erfahrungsspiritualität, weil allein ein solcher zu einem angemessenen Verständnis führe. Entsprechend nähert er sich dem Neuplatonismus, der Hermetik, der Alchemie und der Kabbala. Der Theosophie schreibt der Autor eine Schlüsselstellung in der Entwicklung der Erfahrungsspiritualität zu.

Holman ist von der Existenz eines Kerns der westlichen Esoterik überzeugt, der für ihn in einem spezifischen Initiationsprozess besteht. Eine wichtige Rolle spielt im 20. Jahrhundert die spirituelle Psychologie von C.G. Jung, Roberto Assagioli und Ken Wilber, die für ihn eine besondere Erscheinungsform der westlichen Esoterik und zugleich ein notwendiger Schritt in ihrer Entwicklung ist. Er hält diese Psychologie für die Hauptform der modernen westlichen Esoterik und sieht in ihr auch einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der heutigen Bewusstseinskrisen.

Abgesehen davon, dass das Buch von Holman keine Kenntnisse voraussetzt und gut in seinen Gegenstand einführt, gibt es aus Benedikters Sicht aber vor allem Kritikwürdiges.

1. Holman sei auf jüngste Entwicklungen im angelsächsischen Diskurs konzentriert und gehe kaum auf die esoterischen Traditionen Kontinentaleuropas ein. Von der Freimaurerei, die in der Geschichte der Esoterik eine zentrale Rolle spiele, sei kaum die Rede. Die Anthroposophie werde bloß unter die Theosophie subsumiert. Westliche und östliche Formen der Esoterik würden ständig vermischt, ihre Unterschiede verundeutlicht. Ken Wilbers Theorie der subtilen Bewusstseinsformen werde zum Hauptinhalt der westlichen Esoterik erklärt, während sie in Wahrheit eine eklektische Form östlicher Esoterik darstelle. Wilber selbst habe von bedeutenden Strömungen der westlichen Esoterik wie der Freimaurerei, dem Rosenkeuzertum, der Theosophie oder Anthroposophie kaum eine Ahnung.

2. Holmans Zugang zur Esoterik sei nicht »wissenschaftlich«, sondern »identifikatorisch«, was Benedikter als Mangel betrachtet. Holman spreche als privater Experte und Mitglied einer Gemeinschaft, nicht als in den akademischen Diskurs eingebundener Gelehrter, der sich um eine gründliche subjektiv-objektive Forschung bemühe. Allerdings entgeht Benedikter hier die Pointe, dass er selbst aus der Sicht einer Gemeinschaft von privaten Experten spricht, jener der akademischen Gelehrten, die für sich jenen objektiv-subjektiven Zugang zum Gegenstand (welchem auch immer) beanspruchen, den sie Nichtmitgliedern ihrer Tradition absprechen. Dass man nur durch identifikatorische Prozesse und durch rigorose Initiationsverfahren Mitglied dieser Gemeinschaft werden kann, entgeht seinem soziologischen Blick. Holman lasse es an der nötigen Epoché, der Zurückhaltung des Urteils mangeln und verfalle sogar manchmal in einen Stil, der von Propaganda kaum mehr zu unterscheiden sei. Ausserdem polemisiere er gegen die akademische Gelehrsamkeit, was der Akzeptanz der Spiritualität an den Universitäten kaum zuträglich sei. Der Autor, über dessen Studie der in der Tradition Alices Baileys stehende »Esoteric Quarterly« schreibt: »The book is written in a somewhat dense scholarly style, though its relatively short length avoids tedium«, könnte durchaus der Tradition angehören, die er kritisiert. Doch selbst, wenn dies nicht der Fall ist, stellt eine solche Polemik kein generelles Disqualifizierungsmerkmal dar.

3. Hinzu kommt, dass Holman seine Leitideen selbst nicht in Frage stelle. Warum sollte er das tun? Weil er sonst nämlich den Eindruck erweckt, er wolle von seinen Ideen überzeugen, oder er gebe seine Interpretationen von Ideen als die Bedeutung dieser Ideen aus. Diese mangelnde Selbstkritik schlage vor allem dort zu Buche, wo der Verfasser darzulegen versuche, dass die »vier Erleuchtungen« des Perennialismus die Kernideen der westlichen Esoterik seien. Doch diese These ist aus Benedikters Sicht äußerst fragwürdig.

4. Was am am schwersten wiegt: dem Autor sei völlig entgangen, dass weder esoterische noch sonst irgendwelche Strömungen eine wirkliche Identität besäßen. Aus der Sicht der heutigen Ideengeschichte – hier formuliert Benedikter den für ihn bindenden akademischen Gesichtspunkt – müsse betont werden, dass jede Gedankenströmung aus mindestens zwei auf einander bezogenen Strömungen bestehe, die miteinander um die Vorherrschaft föchten. Allerdings würde dieser Gedanke, weiter verfolgt, in die Aporie führen, zwischen Unterströmungen unterscheiden zu müssen, die nach der These des Rezensenten ebenso wenig wie die Hauptströmung über eine Identität verfügen könnten. Diese Konsequenz gilt übrigens auch für den Vorwurf der mangelnden Unterscheidung zwischen westlicher und östlicher Esoterik. Wenn es keine Identität einer wie auch immer gearteten geistigen Strömung gibt, wie soll man hinreichend zwischen westlicher und östlicher Esoterik unterscheiden können?

Aus der Sicht des Rezensenten jedenfalls kann Holman aufgrund dieses Gesetzes nicht beanspruchen, das integrale Denken zu verkörpern, da viele einen solchen Anspruch erheben, die aber völlig Unterschiedliches unter diesem Begriff verstehen. Aber eben diese Identifikation des Autors mit seinen Ideen erschwert wieder, dass seine Interpretation akademisch Ernst genommen wird. Auch hier wieder so ein Widerspruch: man kann akademisch nur Ernst genommen werden, wenn man sich selbst nicht allzu Ernst nimmt. Anders ausgedrückt: es gehört zu den Ritualen der akademischen Gemeinschaft, sich selbst nicht Ernst zu nehmen, diese Gemeinschaft wird aus Teilnehmern gebildet, die sich selbst nicht Ernst nehmen. Wer das nicht Ernst nimmt, wird von ihr nicht Ernst genommen. Schließlich hindert diese Überzeugung von den eigenen Ideen auch noch die unterschiedlichen Vertreter des Perennialismus daran, einen wirkliche philosophia perennis auszubilden, weil sie sich weigern, miteinander über ihre verschiedenen Interpretationen zu diskutieren. Wäre aber eine solche wirkliche philosophia perennis nicht eine Philosophie mit einer eindeutigen Identität?

So bleibt am Ende nicht mehr viel übrig, was das Buch zur Diskussion über jene »ewige Philosophie« beitragen könnte. Seine Angst vor der Unterscheidung mache es unmöglich, dass sich das Unterschiedene – das es laut Benedikters Dialektik-These aber gar nicht wirklich gibt –, zu einer Einheit zusammenführen ließe.

Leider gelinge es Holman nicht, deutlich zu machen, wie es möglich sei, Rationalität und Spiritualität miteinander zu versöhnen. Benedikter erwartet die tragfähigen Umrisse einer solchen Versöhnung von künftigen, wissenschaftlich fundierteren Untersuchungen. Am Ende ist das Buch Holmans nicht mehr als eine – wenigstens gute – Selbstinterpretation eines Angehörigen einer bestimmten esoterischen Strömung der Gegenwart.

Was will man mehr, möchte man ausrufen, als dass die Angehörigen jener Traditionen, für die man sich interessiert, sich selbst gut auslegen und verständlich machen, was sie wollen! Und wenn sie das auch noch so tun, dass man ihnen glaubt, dass sie von ihrer Sache überzeugt sind! Jedenfalls weitaus interessanter als »subjektiv-objektive« Publikationen von Mitgliedern einer esoterischen Gemeinschaft, in der sich alle selbst nicht Ernst nehmen, über Gegenstände, die sie ebenfalls nicht Ernst nehmen, während sie von ihren Publikationen erwarten, dass man sie Ernst nimmt!

Mehr zur Esoterikforschung

John Holman, »The Return of the Perennial Philosophy. The Supreme Vision of Western Esotericism«

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13.12.09

Skeptische Allianzen

Von Lorenzo Ravagli

Der FAZ-Redakteur Lorenz Jäger vermittelt in einem am 11. Dezember 2009 erschienenen Beitrag über »die letzten Fortschrittsgläubigen« aufschlussreiche Einblicke in die ideologisch-finanziellen Allianzen zwischen säkularen Humanisten und ihren multinationalen Geldgebern.

In Deutschland haben sich die Blogger der »Achse des Guten« dem Programm der amerikanischen Neokonservativen verschrieben: einer Mischung aus Antiislamismus und Skepsis gegen die angebliche Hysterie des Klimawandels. Warum »Skeptiker«, die sich in der Tradition der Aufklärung sehen, gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klimaforschung polemisieren, versteht man erst, wenn man einen Blick auf die Firmen wirft, von denen sie finanziert werden. Federführend unter diesen Skeptikern sind der Chefredakteur der Zeitschrift »Cicero« Wolfram Weimer und Michael Miersch, der im selben Magazin veröffentlicht. Mit kaustischer Schärfe machen die Autoren Bemühungen um Umweltschutz als »Ökologismus« verächtlich, in dem sie nichts als die Hysterie verbissener Feinde des Fortschritts sehen. An ihrer Seite steht das Magazin »Novo«, in dem einer der führenden Berufsanschwärzer der Anthroposophie seine Karriere begann. Thomas Deichmann denunziert darin die Klimabewegten als »Apokalypseprofis« und »Wanderprediger des Weltuntergangs«. Alle, die nicht ihre Ansichten teilen, werden von den Skeptikern als dümmliche Gutmenschen lächerlich gemacht.

Ein genauerer Blick auf die Netzwerke der Skeptiker enthüllt Erstaunliches. Gehen wir vom britischen Magazin »Spiked« aus, dem einflussreichsten Organ dieser Richtung, dem Vorbild und Kooperationspartner des deutschen »Novo«. »Spiked« ist aus der trotzkistischen Publikation »Living Marxism« hervorgegangen. Chefideologe der »Revolutionary Communist Party«, die bei der Geburt dieser Publikation Pate stand und bis heute ihr Guru, ist der gebürtige Ungar Frank Furedi. Der ehemalige Marxist glaubt daran, dass alles Heil aus der Industrie kommt und verteidigt mit Zähnen und Klauen einen blinden Fortschrittsglauben. Vom Klassenkampf hingegen hat er sich verabschiedet, denn inzwischen wird er von einer anderen Klasse unterstützt: von Unternehmen wie IBM, O2, der Society of Chemical Industry, dem Finanzdienstleister Bloomberg, Schweppes und Cadbury. Mit von der Partie bei »Spiked« ist Furedis Frau Ann, die im »Institute of Ideas« mitwirkt, einer von Ex-Trotzkisten aufgebauten Denkfabrik. Ihre Hauptbeschäftigung ist jedoch die Verhinderung von Reproduktion, steht sie doch dem British Pregnancy Advisory Service vor, dem bedeutendsten Anbieter von Abtreibungen in Großbritannien. Es ist nicht verwunderlich, dass auch das Magazin »Spiked« Abtreibung bedingungslos befürwortet. Der »Advisory Service« betreut 50.000 Kundinnen im Jahr. Zu seinem Angebot gehört auch die Sterilisierung.

Das »Institute of Ideas« setzt sich auch für die Gentechnik ein, was angesichts seiner großindustriellen Förderer nicht erstaunt, gehört doch zu ihnen die Dachorganisation »CropLife«, die Firmen wie BASF, Bayer CropScience, Dow Agrosciences, Dupont und Monsanto vertritt, lauter Global Player, die für die ehemaligen Marxisten und Trotzkisten eigentlich Anathema sein müssten.

Das »Institute of Ideas« ist mit dem »Science Media Center« verbunden. Dessen Leiterin, Fiona Fox, gehörte ebenfalls der Revolutionären Kommunistischen Partei an. Dieses Zentrum wiederum wird von Bayer, BP, Exxon, Shell, Coca Cola, Chemical Industries Association, Colgate-Palmolive, L’Oréal, Philips, Unilever, Siemens, Du Pont, Eli Lilly und Vodafone unterstützt.

Sehen wir uns die deutschen Pendants dieser zu Propagandabütteln von Lebenstechnologiefirmen mutierten Extrotzkisten an. Das Magazin »Novo« setzt sich seit seiner Gründung 1992 angeblich für »Fortschritt, Humanismus und eine bessere Zukunft durch mehr Wachstum und Freiheit für alle« ein. Zwar lässt es über seine Geldgeber nichts verlauten, die Vermutung liegt jedoch nahe, dass die Sache hier ähnlich liegt wie bei »Spiked«. Jedenfalls bekennt sich »Novo« zu »Spiked« und der »Achse des Guten«. Viele Blogger dieser Achse schreiben auch in »Novo«, unter anderem Dirk Maxeiner, Michael Miersch, David Harnasch, Vera Lengsfeld, Cora Stephan und Vince Ebert. Maxeiner und Miersch sind jüngst durch eine Polemik gegen die ökologische Landwirtschaft hervorgetreten (»Biokost und Ökokult«), die das »linke« Standardargument von deren völkisch-nazistischer Herkunft breitwalzte.

»Novo«-Chef Thomas Deichmann schreibt aber auch gerne für die linksradikale, »antideutsche« Internetplattform »Jungle World«, und denunziert hier die Öko-Bewegung und die Kritiker am Monsanto-Mais als »rechte Nationalisten, buntgemischte USA-Kritiker, dazu Verteidiger der deutschen Scholle, allerlei esoterisch-okkulte Fortschrittsmuffel und Stammtischspezialisten fast aller Parteien«. Angesichts der Herkunft von »Novo« aus der Frankfurter Unigruppe »Linkswende« ist Deichmanns Engagement bei »Jungle World« nicht überraschend.

Der zum Kapitalismusgläubigen konvertierte Frank Furedi veröffentlicht in »Novo« und »Cicero«. Auch Thomas Deichmann lässt sich in »Cicero« abfällig über Greenpeace aus und ist, wie Wolfram Weimer, ein weiterer Autor von »Cicero«, mit der »Achse des Guten« verlinkt. Der Chefredakteur der Schweizer »Weltwoche« wiederum, Roger Köppel, verlinkt seine Zeitung mit der »Achse des Guten«. Die »Weltwoche« veröffentlicht regelmäßig Beiträge von Henryk M. Broder, einem der Hauptbeiträger der »Achse des Guten«.

Was Köppel und Weimer verbindet, ist ihr bedingungsloses Bekenntnis zum Kapitalismus, den sie von allen Umweltschutzauflagen befreien möchten und eine militante Idee des »Westens«, den sie gegen den »reaktionären« Islam in Stellung bringen. Die Klimaskeptiker sind Technokraten, die ihre einstigen Geldquellen im Osten mit solchen im Westen vertauscht haben. Haben sie früher gegen den Kapitalismus gekämpft, so befürworten sie ihn heute blindlings. Geblieben ist der missionarische Eifer, mit dem alle Andersdenkenden ins Abseits gestellt werden.

Aber die Wirklichkeit ist vielschichtig. Bei aller Freude über diese Enthüllungen sollte der Aufmerksamkeit nicht entgehen, dass Lorenz Jäger im Dunstkreis einer ganz anderen Allianz publiziert. Er veröffentlicht seine Bücher über Freimaurerei und das Symbol des Hakenkreuzes im österreichischen Karolinger Verlag, der eine »Bibliothek der Reaktion« herausgibt und mit der Edition Antaios zusammenarbeitet, in der nicht nur die Schriften des deutschen »Vordenkers der Neuen Rechten« Karlheinz Weißmann erscheinen, sondern auch eine ganze Palette von Neuauflagen erzkonservativer Autoren der Weimarer Zeit.

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21.11.09

Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners

Erstmals online zugänglich: der Aufsatz »Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners« aus dem Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1997. Der Aufsatz von Lorenzo Ravagli untersucht die philosophischen Wurzeln des esoterischen Schulungswegs in den Goetheschriften, den gnoseologischen und moralphilosophischen Werken Steiners vor der Jahrhundertwende.

Der anthroposophische Schulungsweg im Frühwerk Rudolf Steiners

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6.11.09

Esoterik als Erscheinungsform der Moderne

Von Lorenzo Ravagli

Dass Esoterik und Okkultismus vor allem antimodern sind und zur Vorgeschichte des Faschismus und Nationalsozialismus gehören, ist ein Mythos, den Corinna Treitel in einer 2004 erschienenen Studie zertrümmert. Treitel, derzeit Professorin an der Universität von St. Louis, Missouri, untersucht in ihrem Buch* die Frage, warum der »Okkultismus« (für Treitel ein Sammelbegriff für eine Vielzahl esoterischer Interessen) zwischen 1870 und 1914 im deutschen Sprachraum zu einer Massenbewegung wurde und welche Bedeutung ihm bei der Herausbildung einer spezifischen deutschen Modernität zukam.

Revisionen

Bis vor kurzem hielten Historiker den deutschen »Okkultismus« vor allem deswegen für bedeutsam, weil sie glaubten, aus ihm den Nationalsozialismus erklären zu können. George Mosse brachte diese Hypothese, die von Georg Lukács eingeführt worden war, 1961 auf den Punkt und legte die Marschroute für seine Nachfolger fest, als er schrieb: »In Deutschland legte die Wiederentdeckung des Unbewussten – eine Reaktion auf den herrschenden Tatsachenpositivismus – den Grund für den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. Diese Reaktion verband die tief verwurzelte romantische Strömung mit den Geheimnissen des Okkulten und dem Idealismus der Tat. Um was für Taten es sich handelte, steht mit Blut in den Annalen der Geschichte geschrieben.« Bis heute ist unter Historikern, die dem Mythos der Aufklärung verpflichtet sind, die Ansicht verbreitet, Romantik, Antipositivismus, die Wiederkehr des Unbewussten – kurz: das Irrationale –, hätten den Weg nach Auschwitz gebahnt.

Aber diese Ansicht erscheint aufgrund neuerer Forschung zunehmend zweifelhaft. Insbesondere die Untersuchungen von Nicholas Goodrick-Clarke über die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben gezeigt, dass die Ariosophen, die für Hitlers Rassenwahn verantwortlich gemacht wurden, das Okkulte nur insoweit in ihre Weltsicht einbauten, als es ihre bereits bestehenden Ansichten über Rasse und Nation zu legitimieren schien. Während der ariosophische Rassismus Hitlers Zustimmung fand, stieß ihn der Okkultismus der Ariosophen ab.

Je genauer die Historiker das völkische Milieu der Jahrhundertwende erforschten, um so deutlicher wurde die Notwendigkeit einer Entkoppelung von Okkultismus und Nazismus. Ekkehard Hieronimus hat im »Handbuch der Völkischen Bewegung« Lanz von Liebenfels einer eingehenden Analyse unterzogen und festgestellt, dass sein Einfluss auf den Nationalsozialismus verschwindend war.

Die Forschung der letzten fünfzig Jahre zum Thema »Okkultismus und Nazismus« oder »Okkultismus und völkisches Milieu« hat deutlich gemacht, dass es zwar ideologische und soziale Beziehungen zwischen Hitler und ariosophischen Kreisen gab, sie hat aber ebenso klar gemacht, dass diese Beziehungen von geringer Bedeutung waren. Die Erforschung des deutschen Okkultismus hat vor allem gezeigt, dass in ihm wesentlich mehr enthalten war, als Proto-Nazismus.

Okkultismus und Theosophie

Treitel bricht mit der ideologisch bedingten Unterordnung des Okkulten unter das Völkische. Sie sieht in beiden Bewegungen unterschiedliche Gebiete kultureller Praxis, die sich nur teilweise berührten. Der Okkultismus und die völkische Bewegung erscheinen dem durch die geschichtlichen Tatsachen belehrten Blick als zwei Reformströmungen, die sich zwischen der Gründung des Deutschen Reichs und dem I. Weltkrieg darum bemühten, die neuen Herausforderungen der Moderne, die alles bisherige durcheinander warf, zu bewältigen. Der Okkultismus insbesondere ist eine Schlüsselfigur der deutschen Moderne. (Natürlich gelten diese Einsichten nicht nur für den Okkultismus in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, in denen er eine ähnliche Rolle spielte).

Was für den Okkultismus gilt, trifft auch auf die Theosophie zu (Treitel verwendet den Begriff »Okkultismus« so wie andere Forscher den Begriff »westliche Esoterik«). Die »Theosophie« (ihrerseits ein »weiter Titel«) ist ein fester Bestandteil der Moderne und steht nicht zu ihr im Gegensatz, nicht mehr jedenfalls als die Moderne zu sich selbst im Gegensatz steht. Von ihren Anfängen in den 1880er Jahren bis zu ihrer endgültigen Unterdrückung durch die Nazis 1936-37 verfolgte die theosophische Bewegung ein Projekt der kulturellen Erneuerung durch okkulte Methoden und erwies sich dabei als höchst offen für ein weites Spektrum reformistischer Trends und politischer Zielsetzungen. Ebenso wie der Okkultismus muss auch die Theosophie aus dem quasi teleologischen Rahmen herausgelöst werden, in den sie vielfach zu Unrecht gesetzt wird. Die Forschungen zur Verbindung zwischen Theosophie und Ariosophie, die als eine Art Angsttrieb der ersteren betrachtet werden kann, haben zwar eine Fülle von Informationen über die Ariosophie zu Tage gefördert, die Hauptströmung der deutschen Theosophie jedoch vernachlässigt. Diese war weitaus verbreiteter, wirkungsreicher und soziopolitisch vielfältiger als die Ariosophie. Betrachtet man die Theosophie im Rahmen der allgemeinen Kulturgeschichte und nicht eingeengt durch die Suche nach den Ursprüngen des Nazismus, bietet sie erhellende Einblicke in die Reformbewegungen der Jahrhundertwende. Zu oft haben die Historiker dieses Reformmilieu nur unter dem Gesichtspunkt späterer Entgleisungen betrachtet, und in ihm nur nach Spuren von mangelnder Liberalität und Proto-Faschismus gesucht. Dies gilt insbesondere für die Theosophie, in der traditionell liberale Ideen im Kontext okkulter Modernität neu formuliert wurden.

Theosophie und Liberalismus

Die deutsche Theosophie ist vom Liberalismus nicht zu trennen. Der klassische Liberalismus glaubte an die Unausweichlichkeit des Fortschritts und die zentrale Bedeutung, die Heiligkeit des Individuums. Er war jeder Kirche abhold, die Anspruch auf absolute Wahrheit erhob, und strebte nach einer integrierten ständelosen Gesellschaft, in der alle Bürger vor dem Gesetz gleich sein würden. Im späten 19. Jahrhundert wurden diese liberalen Ziele durch die beschleunigte Industrialisierung und die politische Einigung Deutschlands in Frage gestellt. Liberalismus und Fortschritt waren für viele Gruppen von Deutschen, die früher zur Klientel des Liberalismus gehört hatten, nicht mehr gleichbedeutend. Viele übertrugen daher ihre Sympathien auf andere soziale oder politische Bewegungen, unter anderem auch auf die Theosophie, die die alten liberalen Ideen der Entwicklung, des Fortschritts, der sozialen Harmonie und der Heiligkeit des Individuums in spiritueller Begrifflichkeit neu formulierte. Die Zuwendung Deutschlands zur Theosophie am Ende des 19. Jahrhunderts kann als implizite Kritik an einem politischen Liberalismus gelesen werden, der sich selbst verraten hatte, als Versuch, wesentliche Elemente der liberalen Programmatik in das weite Feld modernistischer kultureller Experimente zu übertragen.

Die Theosophische Gesellschaft (oder die Theosophischen Gesellschaften) bot ein Milieu, in dem viele der reformistischen und experimentellen Anliegen des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts gedeihen konnten. Zu diesen gehörten die Frauenemanzipation, der Pazifismus, die Bekleidungsreform, die Gefängnisreform, der Antivivisektionismus, der Vegetarismus und die Bewegung zur Befreiung Indiens.

Die universelle Brüderschaft und die »Rassen«

Die frühen Theosophen verstanden sich als spirituelle Vorhut der kulturellen Erneuerung des modernen Lebens auf okkulter Grundlage. Kritisch gegenüber dem grassierenden Materialismus und der spirituellen Verarmung ihrer Zeit, strebten sie danach, die »sechste Wurzelrasse«, die »universelle Brüderschaft« zu verwirklichen. Diese würde Menschen aus der ganzen Welt vereinigen, ohne Rücksicht auf ihre Religion, Rasse, Nationalität, Klasse oder Geschlechtszugehörigkeit. Sie würde die spirituelle Natur der Menschheit anerkennen und erneut zur Geltung bringen. Diese universelle Brüderschaft versuchten sie auf zwei Wegen zu verwirklichen. Überzeugt, dass wertvolle Teile eines alten Wissens um die spirituellen Grundlagen der Menschheit unter den Völkern der Welt verstreut waren, ermutigten sie zu einer vergleichenden Untersuchung der Religionen, Philosophien und Wissenschaften, um die verborgenen Wahrheiten aufzudecken, die in ihnen enthalten waren. Sie förderten die Erforschung der okkulten Kräfte, die in den Seelen der einzelnen Mitglieder schlummerten. Sie waren überzeugt, diese beiden Methoden könnten die Menschheit über die wahre Beschaffenheit der Wirklichkeit aufklären und alle Völker in einer harmonischen Gemeinschaft vereinigen, die sich auf den Weg zur Wiedervereinigung mit dem reinen Geist machen würde.

Es wäre ebenso falsch die Überschneidungen zwischen der theosophischen und der völkischen Bewegung zu ignorieren, wie es falsch ist, die Beziehungen zwischen beiden überzubewerten. Lediglich acht Gruppen in Deutschland praktizierten die Ariosophie, die völkische Variante des theosophischen Okkultismus, während mehr als fünfzig weitaus größere Gruppierungen zur Hauptströmung der Theosophie gehörten. Trotz einzelner Überschneidungen waren diese Bewegungen keineswegs identisch. Ihre grundlegendste Differenz war ideologischer Natur. Während die Theosophie nach einer neuen Religion suchte, die die gesamte Menschheit vereinigen sollte, verfolgte die völkische Bewegung kein universalistisches Ziel. Sie suchte vielmehr nach einer rassenspezifischen Religion, die ausschließlich die spirituellen Bedürfnisse der Ariogermanen befriedigen sollte. Rassismus und Antisemitismus grundierten die völkische Weltsicht, was bei der Theosophie nie der Fall war.

Das heißt nicht, dass Betrachtungen über Rassen in der deutschen Theosophie keine Rolle spielten. Die Theosophie vermischte in einer oft inkonsistenten Art biologische und spirituelle Rassenbegriffe. Theosophen konnten die Auffassung vertreten, die Rasse, zu der man gehöre, habe in erster Linie mit der persönlichen spirituellen Reife zu tun, und gleichzeitig behaupten, biologisch verstandene Rassen wie die indischen Arier hätten einen besonders hohen Grad spiritueller Reife erlangt. Rudolf Steiner, so Treitel, habe oft die Auffassung zum Ausdruck gebracht, die weißen Europäer hätten einen höheren Grad der spirituellen Entwicklung erreicht, als die afrikanischen oder asiatischen Rassen. Auf der anderen Seite habe er aber nicht weniger häufig die spirituelle Einheit aller Völker betont. Außerdem, muss man hinzufügen, hat er die indische Kultur als die höchste, nie mehr erreichte Synthese spiritueller Weisheit betrachtet.

Auch wenn man Rassenbegriffe und bestimmte Vorurteile in der Hauptströmung der deutschen Theosophie finde, so Treitels Fazit, habe diese doch nie Rassismus oder Antisemitismus in den Kern ihrer Weltsicht eingebaut.

Der Gegensatz von Ariosophie und Theosophie

Ganz im Gegensatz dazu der Begründer der Ariosophie, Guido von List. Seine Mischung aus Rassismus, Nationalismus und Okkultismus beeinflusste die Ideologie des Germanenordens und seiner Nachfolgerin, der Thulegesellschaft, aus der 1919 die Deutsche Arbeitpartei, die Vorläuferin der Nationalsozialistischen Partei hervorging.

Die Frage ist, was Ariosophie und Theosophie gemeinsam haben und was nicht. Schon die Namen deuten einen Unterschied an. 1905 von Lanz von Liebenfels geprägt, spielte »Ariosophie« auf die Theosophie an. Die veränderte Wurzel deutete jedoch auf eine wichtige Grunddifferenz: nicht um das theosophische Ziel eines Wissens von Gott ging es in der Ariosophie, sondern um das Wissen der Arier. Die Ariosophen beriefen sich zwar auch auf okkultes Wissen, aber mit gänzlich anderen Zielen. Während die Theosophen glaubten, das Hauptziel der »Großen Weißen Bruderschaft« sei es, ihr okkultes Wissen mit der gesamten Menschheit zu teilen und spirituelle Erleuchtung zu fördern – ohne Rücksicht auf Rasse, Religion oder Geschlecht –, stand die Berufung der Ariosophen auf den Okkultismus im Gegensatz zum theosophischen Universalismus. Für sie war okkultes Wissen ein Mittel zur Errichtung einer reinrassigen und nach Geschlechterrollen gegliederten Gesellschaft.

Trotz mancher Bezüge zwischen Ariosophie und Theosophie waren überzeugte Ariosophen alles andere als neutral gegenüber der Theosophie und den Hauptströmungen des Okkultismus. Der völkische Ideologie Richard Ungewitter zum Beispiel klagte die Theosophie und die Anthroposophie an, die spirituelle Unterjochung Deutschlands anzustreben. Vor allem der theosophische Begriff der Weltreligion irritierte ihn, da er seiner Ansicht nach die Aufmerksamkeit von der Tatsache ablenkte, dass jede Rasse eine einzigartige Religion besaß, die Ausdruck ihres Blutes sei. Was Ariosophen von den Theosophen unterschied, war ihre Betonung der herausragenden Bedeutung von Rasse und Blut, wodurch die ersteren als Angehörige der völkischen Bewegung gekennzeichnet sind.

Die Bezüge zwischen Theosophie, Ariosophie und der frühen völkischen Bewegung können nach Treitels Auffassung schwerlich als Grundlage für Verallgemeinerungen dienen, sie deuten weniger auf kausale Verbindungen, denn auf die enorme kulturelle und politische Beweglichkeit des theosophischen Denkens im frühen 20. Jahrhundert. Am bedeutsamsten scheint ihr, dass jene völkischen Gruppen, die sich theosophischer Begriffe bedienten, weder den theosophischen Kult des Selbstes noch das Ideal der universellen Brüderschaft übernahmen.

Die genuine Feindschaft des Nationalsozialismus gegen den Okkultismus

Was das Spektrum der nationalsozialistischen Reaktionen auf den Okkultismus anbetrifft, so wendet sich Treitel gegen die Vorstellung, der Okkultismus sei ein »Paradies der Narren« gewesen und gegen die von Walter Laqueur vorgetragene Auffassung, in den höheren Rängen des Nationalsozialismus habe es von dem Okkultismus verfallenen Somnambulen nur so gewimmelt. Hitler, Himmler oder Hess waren weder Somnambule noch Mystiker. Himmler konsultierte zwar »Seher«, aber als Polizeichef und Leiter der SS befehligte er auch eine zwölf Jahre währende Aktion, die darauf abzielte, die okkulte Bewegung in Deutschland auszulöschen. Eine gründliche Prüfung der Quellen zeigt, dass die Geschichte der Beziehung des Naziregimes zum Okkultismus die Geschichte einer eskalierenden Feindschaft war. Nach 1933 pflegten Vertreter des Regimes den Okkultismus als eine gefährliche Strömung veralteten Aberglaubens zu betrachten, dessen charismatische Anführer die Öffentlichkeit auf Abwege führten. Im Gegensatz zu den Behörden der Weimarer Zeit sahen sie im Okkultismus jedoch zusätzlich eine ideologische Herausforderung, da er einen zersetzenden Individualismus und einen gefährlichen Internationalismus förderte, der sich im Gegensatz zur Naziideologie befand.

Dass dennoch einzelne Nationalsozialisten Beziehungen zu Okkultisten unterhielten, ist nicht auf ihre Sympathien für den Okkultismus zurückzuführen, sondern auf trivialere Gründe. Hitler beispielsweise fürchtete sein Leben lang, er könne an Krebs erkranken. Deshalb ließ er im September 1934 einen Wünschelrutengänger die Staatskanzlei nach gefährlichen Erdstrahlen absuchen. Trotzdem verabscheute Hitler den Okkultismus.

Hess war ein Anhänger der Naturkeilkunde, der Homöopathie und einer gesunden Ernährung. Über seinem Bett hing ein Magnet, von dem er hoffte, er werde gesundheitsschädliche Strahlen ablenken. Er konsultierte regelmäßig Astrologen, unterzog sich magnetischen Therapien und konsultierte Hellseher. Aber gerade diese Vorlieben waren der Ansatzpunkt für das Regime, ihn im Mai 1941 als Geisteskranken zu denunzieren, als er aus eigenem Antrieb nach England geflogen war, um im Westen einen Separatfrieden zu schließen. Joseph Goebbels nutzte die privaten Neigungen von Hess, um ihn in der Öffentlichkeit als einen dem Okkultismus verfallenen Geisteskranken darzustellen. Er habe an Halluzinationen gelitten, die auf seine Beratungen durch Astrologen, den Einfluss von Mesmeristen und andere Okkultisten zurückgingen.

Auch Himmler interessierte sich sein Leben lang für Naturheilkunde. Dieses Interesse führte dazu, dass er in Dachau einen Heilpflanzengarten einrichten ließ. Sein Interesse war biographisch begründet. Er litt jahrelang unter schweren Leibkrämpfen, die von Schulmedizinern nicht geheilt werden konnten. Schließlich konsultierte er in den 1920er Jahren einen Spezialisten für chinesische Medizin, Felix Kersten, der ihm Linderung verschaffte. Seither war er Anhänger der alternativen Medizin. 1940, nach dem Ausbruch des Krieges, zwang Himmler Kersten ihm als Leibarzt zu dienen. Aus Kerstens später veröffentlichten Erinnerungen geht hervor, dass Himmler während des Krieges einen Astrologen konsultierte, auch wenn er seinen prognostischen Fähigkeiten nicht besonders traute. Außerdem hielt er sich für die Reinkarnation eines mittelalterlichen Minnesängers. In den 1930er Jahren hatte Himmler außerdem eine Beziehung zu dem ariosophischen Seher Karl Maria Willigut unterhalten. Diese Beziehung stellt die intensivste Berührung zwischen einem Angehörigen der Nazielite und dem Okkulten dar. Wiligut hatte in den 1920er Jahren seine »seherischen« Talente entdeckt, die er auf die »Ahnenerinnerung« zurückführte, aus der Guido von List das Sehertum erklärte: das Blut sollte demnach Träger einer Art von Erberinnerung sein, die es Wiligut erlaubte, in die ariogermanische Vergangenheit zurückzusehen. An diesem Beispiel lässt sich ersehen, dass selbst spirituelle Fähigkeiten von den Ariogermanen rassistisch reinterpretiert wurden. Zwischen 1924 und 1927 war Wiligut wegen paranoider und megalomaner Schizophrenie in einem Irrenhaus in Salzburg interniert. 1933 führte ihn einer seiner ariogermanischen Kollegen bei Himmler ein, der ihn im September unter dem Pseudonym Karl Maria Weisthor zum Leiter der Abteilung Vor- und Frühgeschichte des SS Rasse- und Siedlungshauptamtes ernannte. Wiligut entwarf den Totenkopfring der SS und überzeugte Himmler 1935 davon, die Wewelsburg zu einem Schulungszentrum der SS umzubauen. 1939 wurde Wiligut zum Rücktritt gezwungen, nachdem Informationen über seine psychiatrische Vergangenheit bekannt geworden waren.

Was die Fälle von Himmler und Hess beweisen, ist, dass gewisse okkulte Ansichten und Praktiken tatsächlich bis in die Spitze des Regimes Eingang gefunden haben, was nicht weiter verwunderlich ist, da der Okkultismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine Massenbewegung geworden war. Aber am Ende deuten sie auf nicht mehr als verschwommene persönliche Neigungen. Hess war zweifellos an Naturheilkunde und bestimmten praktischen Anwendungen des Okkultismus interessiert, aber es deutet nichts darauf hin, dass er seine Expedition nach England unter dem Einfluss ungenannter Seher unternommen hätte. Himmler konsultierte zweifellos Astrologen und angebliche Seher, aber nichts deutet darauf hin, dass die Ratschläge, die sie ihm erteilten, jemals Einfluss auf wichtige politische Entscheidungen genommen hätten. Wiligut hat zwar auf das Erscheinungsbild der SS Einfluss genommen, aber nicht auf die mörderische rassistische Politik des Polizeichefs. Es wäre ein Fehler, diese Einzelfälle zu verallgemeinern, und zu unterstellen, die gesamte Nazielite hätte die okkulten Interessen von Hess oder Himmler geteilt, oder dass Nazismus und Okkultismus letztlich in eins zusammenfallen. Vielmehr waren viele Angehörige der NS-Elite dem Okkultismus gegenüber extrem feindlich eingestellt, eine Feindseligkeit, die sich nach dem Englandflug von Hess noch steigerte.

Einer der fanatischsten Gegner war Goebbels. Für ihn war klar, dass Hess ein Opfer seiner »Grasfresserei« und von Geistheilern geworden war. Die Maßnahmen, die das Regime nach dem Englandflug gegen den Okkultismus ergriff, kommentierte Goebbels im Mai 1941 in seinem Tagebuch mit der Bemerkung: »Der ganze obskure Schwindel ist jetzt endgültig ausgerottet. Die Wundermänner, die Lieblinge von Hess, kommen hinter Schloss und Riegel.« Für Hess war jegliche Form von Okkultismus nichts als ein abergläubischer Rückfall ins Mittelalter und eine Pestbeule am Körper des Volkes. Goebbels vertrat in dieser Hinsicht eine rationalistische Position, die uns aus heutigen »aufklärerischen« Polemiken gegen die Esoterik nicht unvertraut ist.

Andere Nazis stimmten mit Goebbels völlig überein. Martin Bormann machte seine Ablehnung des Okkultismus in einem Geheimbericht im Zusammenhang mit dem Skandal um Hess ebenfalls deutlich. Die Okkultisten, so Bormann, benützten mittelalterliche Methoden, um Unzufriedenheit unter den Massen zu verbreiten, indem sie Deutschlands bevorstehende Niederlage prophezeiten.

Was war die ideologische Quelle dieser nationalsozialistischen Feindschaft gegen den Okkultismus?

Okkultismus als Verschwörung gegen das deutsche Volk

Die Antwort ergibt sich aus der Geschichte der völkischen Bewegung, aus der nicht wenige Angehörige der Nazielite stammten. Die völkische Bewegung war weitgehend einig, dass Deutschland einer Erneuerung bedürfe, aber uneinig über den Weg zu dieser Erneuerung. Der Okkultismus war einer der Zankäpfel. Während Ariosophen wie Guido von List im Okkultismus ein Mittel der deutschen Erlösung sahen, widersprachen andere. Die Kritik, die diese zweite Gruppe am Okkultismus übte, fand später Eingang in die Begründungen, mit denen das Naziregime die Verfolgung des gesamten deutschen Okkultismus rechtfertigte.

Bereits in den 1920er und 1930er Jahren gab es führende völkische Theoretiker, die den Okkultismus und die Freimaurerei miteinander verknüpften und zu den Kräften zählten, die an einer internationalen Verschwörung gegen die deutsche Kultur beteiligt waren. Für sie war eines der schwersten Verbrechen der Freimaurerei die Verbreitung eines gefährlichen Kosmopolitismus, der im 19. Jahrhundert die Emanzipation der Juden ermöglicht hatte. Solche Ansichten wurden 1933 Bestandteil der offiziellen Ideologie. Das Regime betrachtete die Freimaurer als gefährliche Feinde des Dritten Reiches. Die Feindseligkeit des Naziregimes gegen den Okkultismus hängt mit der Feindseligkeit der völkischen Bewegung gegen die Freimaurerei zusammen.

Der Haupttheoretiker des freimaurerischen Verbrechertums war Alfred Rosenberg. In Pamphleten wie »Die Spur des Juden im Wandel der Zeiten« (1920) und »Das Verbrechen der Freimaurerei« (1921) vertrat er die These, die Deutschen seien das Opfer einer internationalen Verschwörung von Juden und Freimaurern, die einen universalistischen Humanismus propagierten, der der deutschen Seele fremd sei.

Rosenberg war für die Verknüpfung von Judentum und Freimaurerei verantwortlich. Mathilde Ludendorff fügte zu diesem Duo den Okkultismus hinzu. Sie sah in den Juden, Freimaurern, Okkultisten und der Katholischen Kirche die Hauptfeinde des deutschen Volkes. Unterstützt von ihrem Ehemann Erich Ludendorff, dem ehemaligen Obersten Heeresleiter, gelang es ihr schließlich, die Okkultisten zu ideologischen Gegnern des Dritten Reichs zu erheben. Ihre Feindschaft gegen den Okkultismus ging auf ihre Studienzeit in München zurück, in der sie angeblich Patienten erlebt hatte, die durch okkulte Aktivitäten krank geworden waren. Ihre erste Publikation war ein Generalangriff gegen den führenden Vertreter der wissenschaftlichen Erforschung okkulter Phänomene, Albert von Schrenck-Notzing.

Ludendorff blieb nicht bei einer Kritik an Schrenck-Notzing stehen, sondern weitete diese zu einer Generalabrechnung mit dem gesamten Okkultismus aus, nachdem sie sich in den frühen 1920er Jahren zum völkischen Denken bekehrt hatte. Seit der Gründung des Tannebergbundes 1926 nahm diese Kritik an Schärfe zu. Die Verseuchung des deutschen Volkes durch den Okkultismus war aus ihrer Sicht gefährlich weit fortgeschritten. Die Astrologie erschien ihr als trojanisches Pferd, durch das Juden und Freimaurer versuchten, das deutsche Volk zu unterjochen. Solange die Rassenmischung erlaubt sei, werde die Astrologie Triumphe feiern. 1933 weitete sie ihre Verdächtigung auf Spiritisten und Anthroposophen aus. Sie machte die völkischen Verleumdungen der 1920er Jahre, nach denen Helmuth von Moltke die Marneschlacht verloren habe, weil er dem Einfluss des Okkultisten Rudolf Steiner erlegen sei, populär. Okkultisten wurden nun den Feinden Deutschlands zugeordnet, die für den Dolchstoß verantwortlich waren. Nach 1933 wurde die Identifikation von Freimaurerei, Okkultismus und Judentum zur offiziellen Lehrmeinung des Polizeistaates.

Die Geschichte muss hier nicht weiter verfolgt werden. Man kann sie im Buch von Treitel nachlesen. Dort findet man auch aufschlussreiche Kapitel über die Bedeutung des »Okkultismus« (der Esoterik) für die Entwicklung der deutschen Moderne in der Psychologie oder der Kunst.

* Corinna Treitel: A Science for the Soul: Occultism and the Genesis of the German Modern

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