1920 - Die Begründung der anthroposophischen Medizin
In Dornach begann 1920 eine neue Phase weittragender Entwicklung, indem Rudolf Steiner am 12. März dort in einer Reihe von 20 Vorträgen den ersten »Kursus für Ärzte und Medizinstudierende« eröffnete. Hier gab er ein Fundament für die medizinische Bewegung, die auf den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaute und sich in den kommenden Zeiten durch die Ausbildung von Ärzten, die Begründung von Kliniken und durch eine ausgedehnte medizinische Praxis vieler Ärzte weltweit ausbreitete. Dieser Kursus ist seither unter dem Titel »Geisteswissenschaft und Medizin« im Druck erschienen

Schon unmittelbar nach der Jahrhundertwende hatte sich Rudolf Steiner erstmals zu medizinischen Fragen geäußert, und zwar in einem Aufsatz in der »Wiener Klinischen Rundschau« (Jahrgang 1901) über »Goethe und die Medizin«. Als dann um das Jahr 1906 durch die Bekanntschaft mit dem Kasseler Arzt Dr. Ludwig Noll außer den goetheanistischen Gesichtspunkten, die den Ausgangspunkt gebildet hatten, auch Probleme der medizinischen Praxis in Fragen Dr. Nolls an ihn herantraten, war die konkrete Schicksalssituation gegeben, nun aus der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis heraus auf besondere Fragen der Medizin einzugehen, und Rudolf Steiner tat dies erstmals mit einem Vortrag am 22. Oktober 1906 über »Ernährungsfragen und Heilmethoden«.

Seit diesen ersten Anregungen vom Jahr 1906 hatte eine wachsende Anzahl von Ärzten sich mit diesen Grundgedanken beschäftigt und die ihnen von Rudolf Steiner gegebenen Richtlinien in der Praxis mit Erfolg angewandt, so daß nunmehr, genau zwei Jahrsiebente nach jenem ersten Versuch, im Jahr 1920 der erste Medizinerkursus in Dornach stattfinden konnte.

Wieder hatte die konkrete Frage von Mitarbeitern auch auf diesem Felde zu einer Antwort Rudolf Steiners in Form eines umfassenden Kursus und damit zu weiteren Entwicklungen, diesmal auf medizinischem Gebiet, geführt. Es ist auch in diesem Falle bemerkenswert, daß ein solcher Keim gerade in zwei Jahrsiebten zu seiner ersten Entfaltung reifte, obwohl der äußere Anstoß sich jeweils scheinbar zufällig ergab; aber das Geistig-Lebendige hat seine eigenen Gesetze, und der Biograph kann nur die sachlichen Tatsachen als solche feststellen.

Mit diesen 20 medizinischen Vorträgen war ein völlig neuer Einblick in Wesen und Organismus des zu heilenden Menschen gegeben, eine Fülle von Gesichtspunkten auf dem Gebiet der Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie, der Heilmittelkunde usw., ein umfangreiches Arbeitsmaterial für Diagnose und Praxis, vor allem auch für die persönliche Erkenntnisschulung des Arztes selbst. Rudolf Steiner hat stets streng daran festgehalten, daß es nur seine Aufgabe sein kann, die Erkenntnissubstanz und -fähigkeit des Arztes zu fördern, wenn er dazu aufgefordert wurde, daß aber das Praktizieren dem Arzt selbst überlassen bleiben muß.

Er sagte deshalb auch nochmals am Ende dieses Kurses:

»Es ist gewissermaßen dieser der von mir gewählte einzige Weg, auf dem ich möchte, daß die Geisteswissenschaft auch der Heilkunst zunutze kommt, denn Sie werden auch in aller Zukunft aus Gründen, die Sie gut einsehen werden, dasjenige befolgt finden, was ich bisher immer getan habe: ich möchte, was als Wechselwirkung bestehen muß zwischen der Geisteswissenschaft und dem Heilen, nur zwischen mir und den Heilenden ausgemacht wissen. Ich möchte selbstverständlich niemals selbst eingreifen in irgendeine praktische Heilung, wie ich das nie getan habe. Das bleibt den praktizierenden Ärzten überlassen. Aber dasjenige, was durch geisteswissenschaftliche Anregung kommen soll, soll eben auf Wechselwirkung zwischen der Geisteswissenschaft und den Ärzten selbst geschehen.«

Im Namen der zahlreichen Teilnehmer sprach Professor Dr. Otto Römer den Dank der Ärzte an Rudolf Steiner für die in diesem ersten geisteswissenschaftlichen medizinischen Fachkurse empfangenen Gaben aus.

Während des Ärztekursus in Dornach fand zugleich vom 24. März bis 7. April eine Reihe öffentlicher Vorträge über »Anthroposophie und gegenwärtige Wissenschaften« statt, in denen auch Vortragende aus den verschiedensten Fachgebieten sprachen und Rudolf Steiner jeweils anschließend in der Besprechung weitere Gesichtspunkte gab. Zum Osterfest, am 2. und 3. April, sprach er über »Ostern, das Fest der Mahnung«, das Leben und die Gestalt des Paulus, das Ereignis von Damaskus und die neue Geist-Erkenntnis, über die Umwandlung des Blutes und die Wiedergeburt in Christus. Am 4. und 5. April hielt er zwei Vorträge mit Lichtbildern zur Einführung in die plastische Formenwelt des Goetheanum-Baues, die farbigen Glasfenster, die Malerei der Kuppel. Auch für die Mediziner und Wissenschaftler bedeutete ja diese Formen- und Farbenwelt des Baus ein wichtiges Schulungsmaterial im Erleben des Organischen.
Nach Guenther Wachsmuth: Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken, Dornach 1964.

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