Theosophie, „Meister K.H.”
und die Dalip-Singh-Verschwörung

2. Teil



Kommentar auf der Grundlage der Originaldokumente

"Die bulgarische Armee würde gen Konstantinopel marschieren, unterstützt von den russischen Okkupationstruppen, die zuerst an der Grenze Serbiens massiert würden, um Österreich zu begegnen, falls dieses sich regen sollte.
Griechenland würde zur selben Zeit angreifen. Die türkischen Truppen sind im alten Serbien und in Mazedonien konzentriert. Ein Aufstand würde zur gleichen Zeit in Bosnien und Herzegowina ausbrechen. Sie sind alle Slawen.

Zentral-Asien: General Dondukov-Korsakov [Korpskommandant in Pendjeh; später ein enthusiastischer Unterstützer des Maharajah Dalip Singh in Rußland] wurde vor drei Monaten von Tiflis nach St. Petersburg beordert und hat geheime Instruktionen mit dem Ziel erhalten, einen Bruch zwischen Persien und Afghanistan herbeizuführen, mit der Aussicht für Rußland, sich mit Persien gegen Afghanistan zusammen zu schließen. Eine große Zahl von Kurden hat in der persischen Kavallerie Dienst genommen und wird mit fünf russischen Rubeln im Monat bezahlt. Persische Soldaten erhalten nichts.

Suez-Kanal: Hirovo, der letzte russische Agent in Kairo, hat einige Lotsen am Suez-Kanal bestochen und wertvolle Informationen darüber erhalten, wie der Kanal zerstört oder die Navigation behindert werden kann.” 1)

Das Bündnis der drei Kaiser war irreparabel erschüttert, Rußland würde sich auf einen Krieg mit Österreich einlassen müssen, um sein Ziel zu erreichen und bereitete sich darauf vor, dasselbe mit England zu tun. Zur selben Zeit, im November 1886, wartete Dalip Singh in Paris, der Plan war "bereit zur Ausführung”.

Revanchistische Intriganten in Paris hatten sich sehr darum bemüht, in einem anglo-russischen Kampf Vorteile zu erzielen. Alles, was Bismarcks Friedensbündnis erschüttern konnte, war willkommen; das Britische Empire war sein inoffizieller Unterzeichner.

Alles, was geeignet schien, die progermanische Friedenspartei aus dem St. Petersburger Außenministerium zu vertreiben, besaß stillschweigende Zustimmung; ein Krieg in Zentralasien würde genau das erreichen.

Die Rebellion von Maharajah Dalip Singh war real. Thakar Singh wandte sich an Dalip mit der Behauptung, er sei in einer Prophetie des fünften Guru beschrieben worden: " Als Guru Gobind Singh bei einer Gelegenheit von seinen Schülern gefragt wurde, ob er jemals wieder die Welt besuchen werde, antwortete er zustimmend und sagte, er werde erneut im Hause eines Sikh geboren werden, der eine mohammedanische Frau heiraten werde, und daß sein Name Deep Singh sein werde, von dem Dalip Singh eine Entstellung ist [Sein Vater Ranjith hatte eine Moslemfrau.]

Der Guru fuhr fort, daß dieser Deep Singh, nachdem er all dessen verlustig gegangen sei, was er geerbt habe, für lange Zeit in einem fremden Land leben werde und dann zurückkehren werde, um die Irrtümer zu korrigieren, in die die Sikhs verfallen seien .. bevor dies aber geschehen könne, würden die Sikhs große Verfolgung leiden und in absolute Armut versinken.

Der Guru sagt weiter voraus, daß Deep Singh eine christliche Frau heiraten werde und ihre gemeinsamen Kinder nennt er in der Prophezeiung "Engländer”.

Der Guru prophezeit, daß es einen Krieg zwischen den beiden Hunden Boochoo und Dultoo geben werde (sehr wahrscheinlich der Bär und die Bulldogge), an dem sich Deep Singh beteiligen werde, daß er aber besiegt werde und in ein bestimmtes Dorf flüchten werde (dessen Name zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht identifiziert werden könne) und wann er dort zur Selbsterkenntnis gelangen werde.”

[Der Maharajah fügte in Gurmukhschrift hinzu:] Des bech utth jaen Farangi, Tau gajenge mor Bhujangi – Die Engländer werden das Land verlassen, nachdem sie es verkauft haben. Dann werden meine Schlangen donnern. 2)

Der Symbolismus war offensichtlich: England war die Bulldogge, Russland der Bär. Dalip war besorgt hinsichtlich eines Treffens von Thakar Singh Sandhanwalia bei der Königin. Am 12. Mai 1885 schrieb er an Sir Henry Ponsoby: "Meine Cousins, die Morgen am Hof vorgestellt werden sind sehr besorgt, daß sie nicht die Herrscherin selbst sehen werden, von deren Großherzigkeit ich ihnen so viel erzählt habe.” 3)

Es scheint eine unangenehme Erfahrung gewesen zu sein. Am 15. August 1885 erhielt Lord Randolph Churchill von Sir Henry ein Memo: " Die Königin beauftragt mich, ihnen mitzuteilen, sie befürchte, der Maharaja Dalip Singh sei empfänglich für die Einflüsterungen schlechter Berater, die ihn dazu aufrufen, in den Punjab zu kommen.” 4)

Es besteht kein Zweifel, wen sie damit gemeint hat. Die russische Armee klopfte an die Tür von Afghanistan. Die Zeit für das Donnern der Schlangen war nahegekommen. 1896 reiste Olcott durch den Punjab. An ihrem ersten Abend in Lahore speisten er und seine Begleitung Lilian Edger im Hause von Sirdar Amrao Singh, der als ein "Pfeiler der Strenge in unserem Zweig in Lahore” beschrieben wurde. Amrao Singh war einer der Verschwörer, die versuchten, Dalip Singh wieder auf den Thron zu bringen. Er lieh ihm einen Diener für Thakar Singh aus, der geheime Briefe an verschiedene Maharajahs übermittelte, um sie um Unterstützung zu bitten. K.H. schrieb in einem Brief an Olcott während des Zusammenbruchs des Phoenix-Abenteuers in einem Ton patriotischer Verzweiflung, er sei "verpflichtet, all seine Kräfte – soweit der Chohan es erlaube –, seinem Land in dieser elften Stunde des Elends zur Verfügung zu stellen.” (K. Paul Johnson TMR)

In Paris erschien ein merkwürdiges Buch mit dem Titel "L'Alliance Franco-Russé”, verfaßt von einem anonymen "Generaloffizier”, in Wirklichkeit Nicholas A. Notovich.

Er schrieb später "The unknown Life of Jesus Christ”, in dem er behauptete, Jesus habe einige Jahre in Tibet gelebt und sich dort die Lehren des esoterischen Buddhismus angeeignet, ein Buch, das für die Tendenz symptomatisch war, das Zentrum religiöser Bedeutsamkeit nach Osten zu verschieben.

Rudyard Kipling schrieb über ihn in seiner Kurzgeschichte "The Man who was” unter Verwendung des Decknamens "Dirkovich”: "er verdiente sein Brot, indem er dem Zaren als Offizier in einem Kosakenregiment diente ... und indem er für eine russische Zeitung schrieb, deren Name nicht zweimal derselbe war ... er wurde in russischer Manier mit kleinen emaillierten Kreuzen dekoriert und er wollte zur Stunde sein Herz ausschütten über die glorreiche Zukunft, die die vereinigten Truppen von England und Rußland erwartete, wenn die große Mission der Zivilisierung Asiens beginnen würde.”

Das Büchlein und sein mysteriöser Urheber waren Gegenstand hitziger Debatten im Haus von Juliette Adam, über die HPB an ihre Schwester Vera schrieb: "Du wirst dort die Elite der Pariser Gesellschaft und Intelligenz sehen. Renan, Flammarion, Madame Adam und eine Menge Aristokraten aus dem Faubourg St. Germain.” 5)

Madame Adam war eine strenge Befürworterin einer russischen Allianz. Sie sah in Rußland den einzig möglich Verbündeten Frankreichs, um diesem beim Versuch beizustehen, Elsass und Lothringen zurückzugewinnen, die im französisch-preussischen Krieg verloren gegangen waren. Johnson schreibt: "1880 hatte sie einen langen sympathieerfüllten Artikel über Theosophie in ihrer Zeitung veröffentlicht und in den nächsten beiden Jahren veröffentlichte sie Artikel von HPBs russischen Freunden Lydia Pashkov und Vsevelod Solovyov.” (K. Paul Johnson TMR)

Eng mit Juliette Adam arbeitete Elie de Cyon zusammen (geborener Ilya Faddeyevich), und beide interessierten sich für den Maharajah Dalip Singh, der sich gelegentlich in Paris aufhielt, der, gestützt auf eine Prophezeiung Guru Gobind Singhs aus dem Jahr 1725, glaubte, seine Pflicht sei es, den Punjab von den Briten zu befreien. Am 17. März schickte der britische Spion in Paris folgende Botschaft nach London: "Die Fürsten, die er auserwählt hat, sind der Raja von Kaschmir, der Nizam (von Hyderabad) und der Premierminister von Gwalior.” 6)

Das Journal des Debats berichtete am 7. September dramatisch: "Aufstand der Bevölkerung Nordost-Indiens gegen die britische Herrschaft zugunsten der russischen Invasion. Schwerwiegende Ereignisse stehen in Zentralasien bevor.” Reuters griff die Geschichte auf und zwei Tage später tauchte sie in den amerikanischen Zeitungen auf.

Das Komplott, in dem der Maharajah eine Hauptrolle spielte, hatte allerdings wenig mit dem "Großen Spiel” um den Oxus und den Sutlej zu tun, dafür aber umso mehr mit dem Rhein und der Vistula.

Bismarck, der deutsche Kanzler, hatte mit Hilfe des Dreikaiserbundes den europäischen Kontinent scheinbar in einen unerschütterlichen bewaffneten Frieden zusammengeschweißt, durch den Rußland, Österreich und Deutschland in einem königlichen Band verknüpft waren. Der Pakt war 1881 im Geheimen unterzeichnet, 1884 erneuert worden und sollte am 18. Juni 1887 auslaufen. Aber zwei mächtige Kräfte bewegten sich, um die alte Ordnung zu Fall zu bringen: die Panslawisten in Rußland und die "Revanchisten” aus Madame Adams Salon in Paris. Elie de Cyon war das Bindeglied. 1883 besuchte er Mikhail Katkov, den Herausgeber der Schriften HPBs und der "Moskauer Gazette”. Cyon versuchte ihn zu überreden, für eine französisch-russische Militärallianz zu agitieren.

Im imperialen Rußland kam es darauf an, zum Herzen und Verstand des Zaren vorzudringen und Alexander III. hörte auf den Herausgeber der Moskauer Gazette.

Eine Allianz zwischen der obskurantistischen Autokratie und den Republikanern, den atheistischen Erben von 1789, schien unmöglich. Für ehrgeizige Generäle in Paris und St. Petersburg machte es militärisch Sinn, England mit seiner verhassten Marine davon abzuhalten, an Deutschlands Seite zu treten.

Am 30. Juli 1886 erschien in der Moskauer Gazette ein erstaunliches Editorial mit der Signatur "K” (Cyon schrieb tatsächlich einen großen Teil davon), das eindringlich die Beendigung des Dreikaiserbundes verlangte. Es war ein geheimer Vertrag, aber Katkov wußte offensichtlich eine Menge darüber.

Kurz nach dem Erscheinen des Editorials schlug ein Beamter des deutschen Außenministeriums vor, Katkov mit einer geheimen Zuwendung von 50.000 Rubeln im Jahr zu bestechen.

Bismarck verwarf den Plan, aber das Vorkommnis zeigt das Erwachen des Interesses des deutschen Nachrichtendienstes für Katkov und seine Intrigen. Berlin begann sich auch stark für Elie de Cyon zu interessieren. 7)

Zu diesem Zeitpunkt ernannte Madame Adam Cyon zum Herausgeber der Nouvelle Revue, um, mit seinen Worten, "in Paris ein Publikationsorgan zu besitzen, das in Frankreich die Kampagne unterstützt, die in Rußland von der Moskovskie Vyedomosti vorangetrieben wird.”

Die Polizei des Punjab war alarmiert. Ein Bericht, der im September 1886 in den Polizeibarracken von Multan gefunden wurde, besagt: "Ich, ein Spion des russischen Monarchen, habe das russische Territorium vor drei Monaten verlassen. Ich erhielt einen Lohn von 140 Rupien im Monat. Ich bin in den Punjab gekommen, um die Militärverwaltung zu beobachten und Nachrichten darüber zu geben.

Ein anderer Spion kam heute an und hat die Information gebracht, daß Italien und die Türkei sich mit dem russischen Monarchen verbündet haben.

Der Khediv von Ägypten hat verlauten lassen, er wolle sein Land selbst regieren. Das Unglück der Regierung ist jedermann bekannt.

Maharajah Dalip Singh war für einige Zeit mit dem russischen Monarchen zusammen und hat jetzt das Kommando über 75.000 Soldaten in Paina erhalten.

In Burma sind Tausende Regierungsangestellte in der Schlacht getötet worden.

Der Mahdi hat sich im Sudan etabliert.

Keine Sendungen der Regierung können dieses Land passieren. In Buchara sind Mengen von Nahrung und Tieren für die Soldaten gesammelt worden. Engländer in hohen Positionen schicken ihre Familien nach Hause.

Der russische Monarch, dem das Wohlergehen der Bevölkerung des Punjab und von Hindustan am Herzen liegt, warnt diese davor, alles Geld, das sich in den Händen der Regierungen befindet, zurückzufordern, weil sie das bereuen könnten. Der Amir von Kabul hat sich auch mit dem russischen Monarchen verbündet.

Eine Botschaft wurde an den Mahdi geschickt, sofort in den Punjab zu kommen, weil die Mohammedaner nach ihm verlangten. Wer immer den Wunsch hegt, in russische Diente zu treten, kann dies in Buchara, je nach seinen Fähigkeiten. Die russische Sprache wird mehr gepriesen als die englische. Sie wird jetzt in Buchara gesprochen.” 8)

Wie auch immer: die Briten waren von Anfang an im Bilde und folgten jedem Schritt Dalip Singhs und seiner Mitverschwörer.

Thakar Singh war schon vor langem als der Schlüsselintrigant Dalips in Indien enttarnt worden.

Ihm folgten Spione und sein Nachrichtenaustausch wurde abgefangen. Er musste sich an die Regierung wenden, wenn er sich irgendwo hin begeben wollte, was er zweimal Ende April tat, um eine Erlaubnis für eine Reise nach Bombay zu erhalten, um den Maharajah bei seiner Ankunft zu treffen. Durand beschied "keine Antwort.”

Vom Hotel Imperial zog Thakar in den Sikhtempel von Kotwali um, wurde aber immer noch daran gehindert, Delhi zu verlassen. Er befahl seinem Namensvetter Thakar Singh von Vagha und einem Diener namens Jowand Singh dringend nach Bombay zu reisen, um sich von dort nach Aden einzuschiffen. Es wurde kein Versuch unternommen, die beiden aufzuhalten.

Sie kamen in der Kolonie am 8. Mai an.

Die Vermehrung der Thakars stürzte die Briten in Verwirrung. General Hoggs war vollständig durcheinander. Er glaubte, "die Thakars” seien eine Art von extremer Sikh-Sekte. "Das ist sein Name”, kabelte Durand von Simla aus, aber er vermehrte die Konfusion, indem er hinzufügte, dies sei der besagte Thakar Singh Sandhanwalia, der im Punjab die Sache des Maharajah vorangetrieben habe.

Einige führende Spione waren:

Inspektor J.C. Mitter: ein Detektiv in Kalkutta, der anonym an den Maharajah in Moskau schrieb und sich als heimlicher Unterstützer ausgab, auf den Dalip Singh in Briefen als "meinen unbekannten Freund” Bezug genommen habe.

Abdul Aziz-ud-Din: ein Detektiv im Dienst der indischen Abteilung des Außenministeriums, bekannt als "Lamberts Man”, späterer Codename "L.M.”. Er drang in die Exilregierung von Lahore in Pondicherry ein, indem er sich selbst als "Ali Muhammed” ausgab. Es steht im Verdacht, Thakar Singh Sandhanwalia ermordet zu haben.

Amrik Singh: ein gegenüber der Regierung in Indien loyaler Sikh-Detektiv. Decknamen waren "Bhaghat Singh” und "Jaswant Singh”. Seinem Führungsoffizier im Departement für die Unterdrückung der Thugee und Docoity (Spezialabteilung der indischen Polizei) als Agent "A.S.” bekannt. Er figurierte auch als "Vater des Turbans”, der den vollständigen Plan der Revolte von Thakar Singh erfuhr.

Ein anderer Doppelagent, General Francis F. Miller, ein Abgesandter der Dynamit-Gruppe in Amerika, Agent der Irischen Bruderschaft der Fenier, plante Königin Victoria in die Luft zu jagen, auf der Gehaltsliste der Regierung Ihrer Majestät.

Der wichtigste von allen war ohne Zweifel der von den Engländern bezahlte Spion in Paris, der Dalip Singh bei Elie de Cyon einführte. Sein Name war General Carrol-Tevis, Duc de Guise bei den Maskenbällen der Madame Adam, "der Hauptagent der Irischen Republikanischen Bruderschaft in Europa”, laut James Monro, dem Hauptkommissar von Scotland Yard.

General Charles Carrol-Tevis, gemäß dem Irischen "Schwarzen Pamphlet” "ein amerikanischer Glückssoldat” und notorischer Bombenattentäter.

Graf Carrol-Tevis, "Offizier der Ehrenlegion”, gemäß der Heiratsurkunde des Maharajahs. General Tevis, der "die ganzen Geschäfte meines Vaters geführt hat” gemäß dem Prinzen Victor Dalip Singh.

Das Geheimnis wurde sehr gut bewahrt. Edmund Neel vom Politischen und Geheimdepartement wußte nichts von der Existenz des Spions Tevis des Außenministeriums.

Aber Lord Cross, Staatssekretär für Indien wußte davon. Er las jede Nachricht. Vom ersten Monat des Jahres 1886 an wurden Tevis hundertelf Pfund Sterling pro Monat vom Botschafter in Paris ausbezahlt. 9)

Der "Korrespondent” der britischen Krone sollte an der verdeckten Operation in Sachen Salip Singh bis zum bitteren Ende teilnehmen.

Kein Mensch sollte je an seiner Loyalität in dieser Sache zweifeln.

Aber Whitehalls Direktive war nicht, Dalip aufzuhalten, vielmehr sollte Katkov ruiniert werden. Und in der Tat, am 30. Mai 1887 flehte Katkov vor dem Zaren in Gatchina auf Knien um Vergebung. Was war passiert?

Von Beginn an hatten die Briten wirkungsvoll auf die Schlüsselfigur in der kaiserlichen Regierung Einfluss genommen, den lutheranischen, aus Schweden gebürtigen Außenminister Nikolai Girs, einen treuen Verteidiger des Bismarckschen Friedens und einen bitteren Gegner Mikhail Katkovs. Sein Name war nach Art des Hofes in St. Petersburg in Nicholas de Giers gallisiert worden. Als baltischer Adliger hatte er die "de” Form angenommen. Dalip wußte nicht, daß die Briten in die Ohren von Giers diskret Gift träufelten.

Lord Kimberley erzählte Sir Owen Burne, dem Sekretär des Politischen und Geheimdepartements des Indischen Büros in London am 4. Juli: "Der russische Botschafter fragte mich letzte Nacht, wer Dalip Singh sei, da er seinen Brief gesehen hatte, in dem er sagt, er werde nach Rußland gehen. Ich erzählte es ihm in Kürze.” 10)

Am 12. April fing der russische Geheimdienst ein Telegramm aus Berlin an den deutschen Botschafter in Petersburg ab und schickte es direkt an den Zaren.

Es nahm Bezug auf einen aus Paris stammenden Bericht über Cyon, der eben empfangen worden war. Der Zar schickte es an de Giers. Es behauptete, Cyon sei "ein gefährlicher Revolutionär”, der in Kreisen französischer Parlamentarier gesagt haben sollte, er "arbeite auf einen deutschen Krieg gegen Rußland hin, denn Rußland werde besiegt werden und dadurch werde der Zar gezwungen, eine Verfassung zu erlassen.”

Die Antwort, die am nächsten Tag von Von Bülow, dem deutschen Geschäftsträger in der russischen Hauptstadt kam, war noch außerordentlicher. Cyon sei "ein verlogener und bestechlicher Jude mit revolutionären Tendenzen”, erzählte er Berlin und "stehe Katkov nahe”. Das aber bedeutete, daß der Herausgeber entweder verrückt war oder ein heimlicher Revoluzzer. Zar Alexander deutete auf die abgefangene Nachricht in seiner Hand: "Die Deutschen hassen Katkov wirklich oder ...?”

Es war Samstag, der 16. April, Osterabend, der spirituelle Höhepunkt des russischen Jahres. Um Mitternacht wurden die Ostermessen in der Kapelle des Winterpalastes zelebriert. Das kaiserliche Paar war von Gatchina angekommen. De Giers, ein Lutheraner, war nicht eingeladen. Er und sein treuer Gehilfe, Graf Lamsdorf, blieben die ganze Nacht im vereinsamten Ministerium wach. Kein ehrenvoller Botschafter kam. Ein diplomatischer Empfang bei der Britischen Botschaft drei Tage später brachte eine noch größere Demütigung.

"Sir Robert Morier schlug nach dem Essen, bei welchem großzügige Mengen von Wein vereinnahmt worden waren, einen kräftigen Ton an”, wie Cyon berichtet.

"Umgeben von Diplomaten und hohen Beamten kündigte er plötzliche seine bevorstehende Abreise nach Moskau an.” Der Botschafter erzählte der glänzenden Gesellschaft, daß er eben Königin Victoria geschrieben habe, um sie zu fragen: "Ob er sich in die Nähe Katkovs begeben solle. Man weiß hier nicht mehr, mit wem man sich in politischen Fragen unterhalten soll. N. de Giers spricht weder für das russische Volk, noch, wofür wir eben den Beweis erhalten haben, für den Zaren.”

De Giers benötigte eine Waffe, um den Kampf mit Katkov aufzunehmen. Sie war schon angekommen, begleitet von einem englischen Mädchen und mehreren Hunden, in einem Zug aus Paris.

Am selben Abend, als de Giers vergeblich auf die kaiserliche Ehrbezeugung wartete, trafen sich der Maharajah Dalip Singh und Mikhail Katkov das erste Mal im Appartement des Herausgebers in der Nähe der Büros der Moskauer Gazette am Strastnyi Boulevard.

Der russische Außenminister schien ebenso verwirrt wie der Botschafter, als sie sich am 30. April in St. Ptersburg trafen. De Giers war "betroffen und gelähmt durch die abnorme Situation, in welche ihn dieser außergewöhnliche, ich sollte wohl sagen, groteske Vorfall gebracht hatte”, berichtete Sir Robert.

"Er hatte beim Versuch, festzustellen, in wessen Begleitung Dalip Singh die Grenze überschritten hatte, völlig versagt.”

In Paris triumphierte der Zirkel von Madame Adam. Dalips Gegenwart im Zarenreich war ein Symbol für die Demütigung der verhassten deutschen Partei.

In St. Petersburg arbeiteten Sir Robert Morier und der Außenminister jetzt zusammen: der britische Botschafter, um Dalip daran zu hindern, Indien zu erreichen, der russische Außenminister, um Katkovs Coup zu verhindern.

Eine Meldung des Botschafters vom 4. Mai berichtete Lord Salisbury: "Ich sah N. de Giers heute wieder und fragte ihn, welche Antwort ich auf das Telegramm ihrer Lordschaft geben sollte [vom 27. April über das Vorhaben, Dalip an der Rückkehr nach Indien zu hindern]. Er hatte den Herrscher gesehen und würde daher, so sagte er, in der Lage sein, mir eine Antwort zu geben.

Ihre Majestät scheint sehr wütend über ihre Polizei gewesen zu sein, daß diese keine Kenntnis davon hatte, was vorging und daß sie feststellen musste, daß der britische Botschafter offenbar eine bessere Polizei besitzt als sie selbst in ihrer eigenen Hauptstadt, eine Angelegenheit, die N. de Giers noch dadurch verbesserte, daß er bemerkte, ein Nihilist könne leicht auf dem selben Weg ins Land gelangen.

Durch das Innenministerium bin ich sehr geneigt zu glauben, daß N. de Giers sich mit der Opposition getroffen hat, nicht daß ich glaube, Graf Tolstoi könne auch nur einen Moment M. Katkov in seiner Intrige mit Dalip Singh helfen oder ihn unterstützen, denn er ist eine verstockte Art von Mann, der nie aus den Augen verliert, welch große Beschwerung seiner Ansicht nach Rußland durch England erleidet, den Hafen solcher nihilistischer Flüchtlinge wie Hartman einer ist.

Ihre Exzellenz erklärte, daß die Ausweisung des Maharajahs aus Rußland einen großen Skandal hervorrufen werde, er könne mir aber versichern, daß dieser beobachtet werde und daß die nötigen Maßnahmen getroffen würden, daß er harmlos bleibe.

Er war jedoch höchst besorgt, daß ich nicht bezeugen könnte, er habe alles getan, um die Regierung ihrer Majestät dazu zu bewegen die Harmlosigkeit Dalip Singhs zu garantieren, denn er sagte, »wer kann uns erzählen, was alles passieren könnte, wenn wir die Erfahrung bedenken, die wir eben gemacht haben«.” 11)

Dies war der Beginn des Gegenschlags von de Giers gegen Katkov. Der Maharajah glaubte, er sei nicht aufzuhalten. Es war Zeit, einen Abgesandten nach Indien zu schicken, um den großen Aufstand vorzubereiten.

Die indische Polizei wurde veranlasst, tätig zu werden. Dort war die Maharajah-Akte Angelegenheit der Spezialabteilung für den Punjab und von Donald McCracken.

Von Ende 1886 an begann sie über den Schreibtisch von Colonel Philip Durham Henderson zu wandern, des Generalsuperintendenten des Thugee und Dacoity Departements.

Henderson war der Spion der Britisch-Indischen Regierung, der schon früher ausgeschickt worden war, um HPB und Olcott auf ihren Reisen zu beschatten. Von Simla, der Sommerresidenz aus, sollte er nun eine indienweite Operation starten, und engstens mit seinem ministeriellen Vorgesetzten, Sir Henry Mortimer Durand, dem Außenstaatssekretär für die Regierung von Indien zusammenarbeiten, der ebenso begierig darauf war, die Verschwörer zu zerschmettern.

Die Fäden von Dalips und Katkovs Intrigen begannen sich in der russischen Botschaft in Paris auf unglückliche Weise aufzulösen. Die Rue de Grenelle beherbergte nicht nur Diplomaten. Seit 1884 war sie das Operationszentrum der Zagranichnaia Agentura, der Außenabteilung der Okhrana, der Geheimpolizei. In zwei kleinen Zimmern im Erdgeschoss untergebracht, wurde sie mit wirkungsvollem Eifer von Peter I. Rachkovski betrieben, der ein Netzwerk von Provokateuren und Strohmännern unterhielt, die revolutionäre Gruppen in Frankreich und in ganz Westeuropa infiltrierten. Rachkovski war kein im Dunkeln munkelnder Meister der Spione; er unterhielt eine luxuriöse Villa in St. Cloud und gab verschwenderische Bankette für Politiker und Journalisten. Er war auch ein Partisan der franko-russischen Allianz – aus guten, pragmatischen Gründen. Die Revolutionäre arbeiteten gegen engere Bindungen mit dem kaiserlichen Rußland. Die Außenstelle arbeitete von Natur aus dahin, die öffentliche Meinung Frankreichs in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen.

Die Außenstelle beschäftigte einen Informanten namens Katakazi, der einmal russischer Minister in Washington war, aber 1872 auf Verlangen der US Regierung zurückgerufen wurde. Er schlug sich nun mühsam als Strohmann der Okhrana in Paris durch.

Der Zar hatte am 29. Mai 1887 ein Telegramm von Baron Mohrenheim erhalten, dem russischen Gesandten in Paris. Das Kabel des Botschafters hatte besagt: "Freycinet eliminiert. Floquet versucht Premier zu werden. Floquet hat Präsident Grevgency Brief gezeigt. Der Floquetbrief war eine Fälschung.

Wer hatte ihn Mohrenheim ausgehändigt? Findet die Verschwörer. Es muss aus der Rue de Grenelle kommen. Katkov nannte Katakazi, »einen Mann, der alles oder jeden verkaufen würde.«”

Cyon stocherte in der kaiserlichen Botschaft in Paris herum, der Zitadelle der Orthodoxie des Außenministeriums und ein Ort, an dem er nicht willkommen war. Er nutzte jeden düsteren Kontakt in der Stadt, um die Wahrheit herauszufinden. Es gab drei Verschwörer, wie er später berichtete. Es war in der Tat Katakazi, unterstützt von einem Pariser Journalisten namens A.M. de Civiny und dem zweiten Sekretär der Botschaft – Nicholas de Giers, dem Sohn des Außenministers.

Der Staatssekretär für Indien schickte einen Brief aus Balmoral: "Mir wurde berichtet, daß in Rußland in seiner Angelegenheit Untersuchungen angestellt wurden – mit wenig zufriedenstellenden Resultaten – große Verstimmung wurde hervorgerufen. De Giers, da bin ich sicher, wird sich nicht für jede wertlose Sache zur Verfügung stellen, aber Katkoff würde alles mitmachen, wenn er die Macht dazu hätte.

Der Brief an den Vizekönig endete mit einer höchst bedeutungsvollen Zeile: "Sie fragen nach einer frankorussischen Allianz. Bismarck hat alles getan, was in seiner Macht steht, um uns zu helfen ... Rußland ist wutentbrannt.” 12)

Der deutsche Kanzler wurde auch direkt von der kaiserlichen deutschen Botschaft in London angeschrieben. Berlin, so schien es, war nicht auf dem Laufenden. Am 30. April schrieb der erste Sekretär im Carlton House Terrace, Graf von Plessen, an Bismarck: "Dalip Singh erschien in St. Petersburg, begleitet von einem Iren und hatte Kontakt mit Katkov und anderen Führern der Oppositionspartei. Diese Neuigkeit ist einem Telegramm zu entnehmen, das nicht vollständig lesbar war, aber ich konnte daraus entnehmen, daß Singh nicht im Besitz eines Passes war, sondern die Erlaubnis, Rußland zu betreten, durch das Büro von General Bogdanovich erhielt, dem Autor des Pamphlets »L'Alliance Franco-Russé.« 13)

Der Verdacht, er sei der Verfasser von »L'Alliance Franco-Russé«, half bei der Verurteilung von General Bogdanovich und Dalip Singh. Nicht einmal Elie de Cyon wußte, daß der wahre Verfasser des Buches Nicholas Notovich war.

Von Plessen las vermutlich ein abgefangenes britisches Diplomatentelegramm.

Der Zar war wütend, sagte Tolstoi, der Innenminister. Katkov strebte nicht nur danach, die russische Außenpolitik zu bestimmen, er versuchte auch, eine Regierung seiner Wahl in Frankreich zu errichten.

Graf Ignatiev war mit dieser Sache befaßt – das Ganze kam einem Staatsstreich gleich. Der Minister des Innern musste es abstempeln. Tolstoi hatte seine eigenen Gründe, besorgt zu sein. Er war selbst kompromittiert; er hatte die Maharajah-Akte gesehen.

Das war nicht alles und was hinzu kam, war ebenso schlimm. Zar Alexander III. hatte "gleichzeitig sehr kompromittierende Informationen” vom Außenministerium erhalten: über einen gewissen General Bogdanovich, den Juden Cyon, mysteriöse Angebote an General Georges Boulanger in Paris und die merkwürdigen Aktivitäten einer Truppe irischer Akrobaten in der Bahnstation von Verjbolovo.

Wenn sie so leicht über die Grenzen des Reichs gelangen konnten, dann konnten dies auch nihilistische Attentäter, wie de Giers seinem Herrscher hilfreich in Erinnerung gerufen hatte.

Lord Lyons sandte Lord Salisbury am 25. Januar eine Nachricht, abgefaßt vom Militärattache in Paris. Sie besagte: "Es wurde schon mehr als einmal befürchtet, General Boulanger könnte eine Art Staatsstreich versuchen und sich selbst zum Militärdiktator ausrufen ... aber General Saussier, ein Säbelrassler der alten Schule ist immer noch Gouverneur von Paris und hat gute Vorkehrungen dagegen getroffen, daß er nicht in der Nacht schlafend von ein paar Männern gefangen gesetzt wird.” 14)
In Frankreich war der Boulangismus aufgeflammt und implodiert. Der Bund der Patrioten hatte am 27. Januar 1889 eine Nachwahl mit dem Slogan "Mit dem Zaren für Gott und Frankreich” gewonnen. Wenn der Augenblick für einen Coup gekommen war, dann jetzt.

Diese Nacht wurde der General von einer großen Menge von Durands Restaurant zur Madeleine mitgerissen, die schrie: "Á l’Élysée”. Cyon war dort. Er schrieb: "Ich näherte mich dem General, um meine Unterstützung anzubieten. Er zog mich zu sich und sagte: »Lassen sie ihre Leute in Rußland wissen, daß ich nicht der Gewalt weichen werde. Die öffentliche Ordnung wird nicht verletzt werden.«”

Der General hielt in der Tat stand. Er glaubte, daß die kommenden allgemeinen Wahlen ihm diktatorische Macht verleihen würden.

Kotzebue begann sehr vorteilhafte Berichte über Boulanger nach St. Petersburg zu schicken. Er würde "eine Regierung nach dem Vorbild des ersten Konsulats von Napoleon errichten.”

Er würde "Antiklerikale vertreiben und die exilierten Royalisten umarmen”. Alexander III. erwärmte sich für das autoritäre Thema: "Boulangers Programm ist nicht schlecht, aber kann er es durchsetzen?” fragte er. Die Archinov-Affäre nahm dem General diese Arbeit ab. Die Boulangisten machten Floquet dafür verantwortlich, daß russisches Blut geflossen war. Die republikanische Regierung antwortete wider Erwarten mit großer Energie, stellte die Liga der Patrioten kalt und setzte ihre Führer fest.

Der General, des Hochverrats beschuldigt, floh am 1. April nach Brüssel um seiner Gefangensetzung zu entgehen, fuhr aber mit seiner Propaganda fort. "Wie kann sich Katkov mit solchen Schurken umgeben?” donnerte der Zar. Bogdanovich mußte bestraft werden.

Katkov konnte nur gegenüber Tolstoi Dementis loswerden. Es war "eine Verschwörung .. der Brief war eine Fälschung ... warum hatte der Zar diesen Schatten über ihn geworfen?”

Als er am 30. Mai auf den Knien vor dem Zaren seine Unschuld beteuerte, konnte Katkov behaupten, der Brief sei eine Fälschung, so oft er wollte. Er konnte die Tatsache von Dalip Singhs bemerkenswerter Zugreise nicht ableugnen, über die – dank dem Auslandsgeheimdienst Ihrer Majestät – Einzelheiten an das Ohr des Zaren gedrungen waren.

Während der Maharajah in Moskau vor sich hin schmollte, hatte sich wenigstens eine Person mit Leichtigkeit durch seine verlorenen Reiche bewegt: Nicholas A. Notovich.

Notovich war bereits in geheimen Whitehall-Berichten aufgetaucht. Sir Donald Mackenzie Wallace, der Sekretär des Vizekönigs, gab dem Korrespondenten der Novoye Vremya im August 1887 in Simla ein Interview. Sein Besucher wollte ihn alleine und auf Russisch sprechen. Wallace stimmte widerwillig zu, als Notovich "plötzlich eine Andeutung darüber machte, daß er dem Indischen Büro vertrauliches Material aus Zentralasien und aus dem Außenministerium in St. Petersburg zur Verfügung stellen könne.” Dieses Material sollte durch Prinz Dolgorouki übermittelt werden. 15)

Der selbe Prinz Vladimir Dolgorouki hatte an die Grenzstation telegraphiert, um Dalip Singh die Einreise nach Rußland zu erlauben. Für wen Notovich wirklich gearbeitet hat, ist höchst schwierig festzustellen. Aber Geheimberichte deuten darauf hin, daß er Unterstützung von der französischen Botschaft erhielt. Arur Singh hatte in der Polizeizelle in Kalkutta gestanden: "Er sollte einen russischen Offizier umdrehen, um die erhaltene Information zu verifizieren, die den russischen Behörden von Dalip Singh bezüglich der vorteilhaften Verwendung der Fürsten in Indien gegeben worden war.”

Die Mission war ein schlecht gehütetes Geheimnis. Auf seinem Weg nach Osten tauchte Notovich erneut in Konstantinopel auf, wo der britische Botschafter, Sir William White, "geneigt war, ihn zu sehen”. White berichtete Lord Salisbury am 27. Juni 1887: "Ein Russe, dessen Name Nicholas Notovich lautet, rief in der Botschaft an ... Ich hatte gehört, daß eine Person dieses Namens nach Bombay aufgebrochen war und es besteht eine starke Vermutung, daß Notovich ein russischer Agent ist, der nach Indien gesandt wurde.” 16)

Notovich besuchte das Grab von König Ranjit Singh und äußerte sich in einem Interview für die Akhbar-i-am Zeitung; N. Notovich sagte, daß alle Eingeborenen, die er seit seiner Ankunft in Indien getroffen habe, Nachforschungen über Dalip Singh anstellten, und daß er in seiner Ansicht bestätigt worden sei, daß die Eingeborenen den Maharajah mit großer Achtung und Sympathie betrachteten. 17)

Dalip schrieb aus Moskau an Tevis: "Ich habe Rußland dreieinhalb Millionen als Tribut angeboten: Sie sollten jetzt versuchen bei Nizam, Baroda, Holkar und K(aschmir) in Erfahrung zu bringen, ob sie sich an der Zahlung dieser Summe beteiligen wollen, um auf diese Weise die Engländer aus Indien wegzubringen. Aber soviel ich weiß, sind sie Marionetten in den Händen der Engländer und ich habe von ihnen nicht viel zu erwarten.” Als Katkovs Stern aufleuchtete, wurde in Berlin am 13. Juni 1887 der Rückversicherungsvertrag unterzeichnet. Er war ein kolossales Geheimnis.

In der Nacht des 18. August starb Thakar Singh Sandhanwalia.

Es geht aus einem Bericht Durands hervor, daß sich "einer meiner Agenten” zu dieser Zeit in Pondicherry befand. "Die Nachricht von seinem Tod kam letzte Nacht von einem Mann, den ich geschickt habe,” fuhrt Durands Bericht am nächsten Tag fort. Der Todeszeitpunkt war auf die Minute genau bekannt: 20 Uhr 25.

Drei Wochen nach Thakar Singhs Tod jagte Inspektor McCracken in Lahore den Gesandten im Punjab, nach dem der Agent in Pondicherry laut Kabelbericht "Ausschau gehalten” hatte. Der Inspektor meldete am 9. September nach Simla: "Ich habe Schritte unternommen, um Sohan Lal aufzuspüren. Wenn die Regierung will, daß seine Sache oder irgendeine andere genau geprüft wird, bitte ich um Befehle. Die Angelegenheit kann leicht erledigt werden, aber ich scheue etwas davor zurück, ohne Befehle in dieser Art vorzugehen.”

Thakar Singh wurde nicht autopsiert. Sein Körper wurde am Morgen nach seinem Tod kremiert. 18)

Im März 1888, nicht lange bevor Dalip Singh Rußland erneut Richtung Paris verließ, schrieb Agent L.M in einem Memorandum für den Generalkonsul in Ägypten: Abdul Rasu die rechte Hand Dalip Singhs, der im letzten November gegen die britische Herrschaft mit den Feniern in Paris konspirierte, war vom russischen Militär durch Dalip nach Moskau beordert worden. "Die Köpfe dieser Partei in Rußland sind gegenwärtig General Ignatiev, Graf Tolstoi und Leberzev (?)” [Das (?) steht im Original, Leberzev scheint eine falsche Transskription von Podedonostsev, der der spirituelle Berater des Zaren war.] Er sollte die Sudanesen bei der Blockade des Suezkanals instruieren.” 19)

M. Ivanov, der russische Konsul in Kairo, war, mit Gold des Kriegsministeriums gut ausgestattet, in die Verschwörung verwickelt.

Der Punjab war verloren. Colonel Henderson hatte aus Lahore an die Regierung von Indien berichtet: "Die Intrige stirbt aus. Die Verhaftungen, die wir durchgeführt haben, haben einen allgemeinen Schrecken hervorgerufen.” 20)

Zurück in Paris machte Dalip Singh einen neuen Versuch. Nun war er nicht hinter dem Punjab her, sondern hinter ganz Indien. Eine mächtig klingende Organisation wurde begründet: Die Liga der indischen Patrioten (ein Nachklang der Boulangistischen "Liga der Patrioten” und der theosophischen "Arischen Liga der Ehre”), die am ersten März ein gedrucktes Manifest veröffentlichte.

Es verkündete:

Artikel 1: Unser Ziel ist die Einheit der Aktion gegen den gemeinsamen Feind, die ihre Anhänger in jeder Stadt und jedem Dorf in Indien haben wird.

Artikel 2: Aus Gründen der Vorsicht befindet sich das Hauptquartier der Liga gegenwärtig in Paris. Es kann von Zeit zu Zeit an andere Orte verlegt werden, soweit die Umstände dies verlangen, was bekannt gemacht wird.

Gurdit Singh gestand, daß die Korrespondenz, die mit Dalip gewechselt worden war, vollkommen nutzlos gewesen sei. "Die Brüder” (Die Söhne von Thakar Singh) sagte er, "schrieben Unsinn, in der Hoffnung Geld zu bekommen, der Maharajah, dem diese Botschaften Auftrieb gaben, machte sich Hoffnungen, Indien zu erobern.” Gurbachan Singh erwähnt den "Irischen Major”, der vorschlug, Indien zu besuchen, um die irischen Truppen zu übernehmen, aber es gab keine unmittelbare Absicht, diesen Agenten loszuschicken. Der "Irische Major” existierte natürlich nicht: es war der britische Spion Carrol-Tevis.

Am 7. Oktober übergab Lord Cross dem Vizekönig geheimdienstliche Informationen, die aus dem Lager Dalips in Paris aufgefischt waren: "Geheim und vertraulich. Abdul Rasul, Dalip Singhs Agent, von ihm mit 100 Pfund ausgestattet, hat die Absicht, am 26. September Paris Richtung Ägypten zu verlassen, um nach Indien zu gehen. Er hat Brief von Dalip Singh für Zobair Pasha in Kairo sowie für den Maharajah von Kaschmir.” 21)

Gurbachan Singh schrieb aus Indien im Januar 1890: "Vom National-Kongress werden Resultate von großer Bedeutung erwartet, vor denen die Briten große Angst haben. Sondergesandte reisen von einem Ende Indiens zum andren, klären die Menschen über ihre Rechte auf und säen den Samen der Unzufriedenheit.” 22)

Die SS Massailla, die in den öligen Gewässern vor der Spitze von Coloba herumkreuzte, barg die letzte Hoffnung Dalips. Abdul Rasul landete binnen kurzem in Kairo und schiffte sich für seine wilde Mission ein, Kaschmir in einen Aufruhr zu stürzen. Die Telegrafendrähte glühten, seit er Suez passiert hatte. Das Departement für die Thugee and Dacoity hatte gekabelt. "Der Vizekönig will ihn gefangennehmen, bevor er in Bombay an Land geht.” Als das Lotsenschiff die Massailla kurz nach Mitternacht traf, lief ein Polizeidampfer mit Major J. Humfrey aus. "Plötzlich warf der Dampfer seinen Anker aus, etwa um ein Uhr. Humfrey ging an Bord und verhaftete Abdul Rasul”, berichtete Colonel Henderson trumphierend.

Am 20. Mai 1890 meldete Tevis: "Ein Russe, dessen Karte ich beilege, verlangte neulich nach Dalip Singh.”

Die Karte stammte von einem alten Freund des Geheimdienstes ihrer Majestät.

Auf ihr stand: "Nicholas Notovich, 42 avenue d'Antin, Paris.”

"Notovich gibt vor, 1887 von General Vannovksi [dem Kriegsminister] nach Indien gesandt worden zu sein. Er sagt, er sei im Besitz von Noten, die die Situation in Indien betreffen, die nach seiner Aussage von einem Mr. O’Connor stammen, der eine offizielle Position in Simla innehat.

Notovich betont seine eigene Verbindung zu der panslawistischen Kriegspartei. Er war ein ordentlicher Offizier Skobolevs zwischen 1877 und 1878 und ist Träger des St. Georgskreuzes.” 23)

Der Spion erfuhr schnell mehr über den kosakischen Abenteurer. "Er besitzt ein Reisenotizbuch, in dem die Namen der Maharajahs stehen, die er in Indien gekannt hat,” berichtete Unser Korrespondent nach London, "und von denen er in den meisten Fällen Fotografien besitzt und Widmungen mit ihren Unterschriften. Er besitzt auch einige umfangreiche Manuskripte, die, wie er sagt, die »geheimen« Berichte englischer Beamter in Indien über die Züge, die Aufmarschlinien zu den Grenzen, die militärische Schlagkraft enthalten und eingeschlossen ist ein Memo über Indien und den Maharajah, von ihm verfasst.”

Der Notovich-Bericht war adressiert an "Meinen General.” "Er sei, wie er sagt, in Angelegenheiten des russischen Kriegsministeriums nach Indien gegangen.

Ihm sei von Freunden geraten worden, den Maharajah in Moskau vor seiner Abreise zu treffen, aber: "M. Shatoukin [Katkovs Sekretär] weigerte sich, seine geheime Adresse herauszurücken.”

Er bedauerte dies, denn seine Indienreise hatte ihn davon überzeugt, daß "Rußland im Maharajah eine wunderschöne Karte für das Spiel besitzen würde, das es mit England in Asien spielte.”

Notovich leierte eine Liste von geheimen Sympathisanten herunter: der Maharajah von Jaipur, der Maharajah von Kaschmir, der Nizam von Dekkan, Jeven Singh, der Maharajah von Dholpur – der mit einer Cousine Dalips verheiratet ist, der bereit war "zwei lakhs Silber zu stiften” – und eine Menge "kleiner Khanate” an der Nordwestgrenze, "auf die Dalip Singh oder sogar Rußland zählen kann, was Unterstützung anbetrifft.”

Notovich erwärmte sich bei diesem Thema: er schlug vor, Dalip solle als der "Chefmogul ganz Indiens” vorgesehen werden, unter dem Schutz des Weißen Zaren.

Eine Meutereikampagne sollte im Punjab gestartet, die Kukas heimlich gegründet werden und Dalips Vorhaben wuchs sich zu einer diplomatische Krise aus.

"Alles was wir brauchten,” schrieb er, "war ein casus belli.”

Es spielte keine Rolle wo: Persien, Bulgarien, Zentralasien. Wenn erst einmal ein anglo-russischer Krieg entfacht war, würde der Chefmogul durch Indien fegen.

Whitehall zwinkerte kaum, als Unser Korrespondent den hochgradig aufständischen Plan schickte. Mr. Maitland sandte die Visitenkarte des Kosaken seinem politischen Meister Lord Cross mit der Notiz: "Wir wissen alles über den Schurken Notovich!” 24)

Der letzte Akt lief ab, als Dalip Singh am 27. Juli 1890 an die Queen aus seinem neuen Quartier im Hotel d'Albe auf den Champs-Elysées schrieb: "Ich schreibe, um mein großes Bedauern über mein vergangenes Verhalten gegenüber Ihrer Majestät der Kaiserin von Indien auszudrücken. Ich bitte Ihre Majestät untertänigst um Vergebung und ich vertraue vollkommen auf die Barmherzigkeit der Königin.

Sollte mir Ihre Majestät Verzeihung gewähren, verspreche ich für die Zukunft Gehorsam gegenüber ihren Wünschen.” 25)

Thakar Singhs und Dalip Singhs Organisation war die erste nationalistische Gruppierung in Indien, die versuchte, eine panindische Bewegung zu begründen, und die verschiedenen Interessen des fürstlichen und nichtfürstlichen Indien, der Sikhs, Moslems und Hindus miteinander in Einklang zu bringen. Ihr Versuch der Begründung einer Allianz zeugte vom Bewußtsein der Notwendigkeit, sich international zu organisieren.

Bezüglich der Verschwörung als Ganzer muss das letzte Kapitel noch geschrieben werden.

Das Katkov-Attentat wurde durch das britische Außenministerium mit mehr als ein bisschen Hilfe aus Berlin gegen sich selbst gewendet. Whitehalls Imperativ war nicht, Dalip aufzuhalten – es war das große Spiel um die höchsten Einsätze –, einen Krieg in Europa zu verhindern, wog mehr, als der mögliche Verlust Britisch-Indiens.

Nachschrift

1914/15 wiederholte die Tochter Dalip Singhs, Prinzessin Catherine Dalip Singh, den Versuch ihres Vaters, diesmal jedoch mit dem deutschen Kaiser anstelle des russischen Herrschers.
Max von Oppenheim war vom deutschen Außenministerium im September 1914 beauftragt, auf dem Umweg über die Schweiz eine Revolution in Indien zu entfachen. Im Jahr 1915 reiste ein Komitee von Exilanten von Zürich nach Berlin, eine "Indische Nationale Legion” aus Kriegsgefangenen sollte begründet werden, deren erstes Ziel der Punjab war. Es war der Plan des Maharajah von 1889, angezogen in Feldgrau.

Paralell zum Irischen Clan-na-Gael hatte sich eine heftige antibritische Militanz in der Sikhdiaspora in British Columbien und Kalifornien gebildet. Die Ghadr- (Aufstand)-Bewegung in San Francisco war der Motor, ihre Zeitungsschlagzeile "Feind der Britischen Regierung” ein Echo auf Dalip. Beim Ausbruch des Krieges kehrten Tausende von Sikhs in Erwartung einer bevorstehenden Revolution in den Punjab zurück.

Am 21. Februar gab es einen Aufstand, der niedergeschlagen wurde. Dreissig Rebellen wurden aufgehängt.

1997 teilten Schweizer Behörden mit, daß das nicht beanspruchte Bankkonto der Fürstin Catherine Dalip Singh 1.031.883,30 Schweizer Franken enthalte.
Im Sommer 2000 gaben sie bekannt, daß sie unter den Beanspruchern des Kontos die Thakar Singh Sandhanwalias anerkennen würden. Die Anerkennung wird einen Weg für die Sandhanwalias eröffnen, den Koh i-Noor zurückzufordern, der dem 13jährigen Dalip Singh weggenommen worden ist, das Kronjuwel des Punjab.

Nachdem Notovich sein Buch "L'Alliance Franco-Russé” geschrieben hatte, verfasste er 1889 enthüllende Artikel für die russische Zeitung Graschdanin mit dem Titel "Politische Geheimgesellschaften im Punjab” und "Der Punjab und seiner Herrscher ...” 26)
Später schrieb er "La Russie et L'Alliance Anglaise”, worin er nunmehr eine Allianz zwischen Rußland und England befürwortete.


1) Public Record Office, Kew, HD3/70
2) India Office Records L/P & S/18/D83
3) Royal Archives, Windsor Castle Vic/Add N2/215
4) Royal Archives Vic/Add N2/243
5) Letters of H.P.B. to Hartman, The Path, May 1895, p. 36
6) Dalip Singh Secret Correspondence 1887-92, IOR L/P&S/20/H3-9 17 Mar. 1887
7) German Foreign Ministry: Russland 82, Nr. 4, secr. Katkov
8) India Office Records: L/P&S/18/D152, p. 24
9) Public Record Office, FO 27/2797
10) India Office Records: L/P&S/8/1
11) Public Record Office, Kew, London: FO 181/683/2
12) India Office Records: Mss Eur E243/14
13) India Office Records: Mss Eur E243/22
14) Public Record Office, Kew, Paris, 25 Jan. 87
15) India Office Records: Mss Eur E243/23 (Cross)
16) Public Record Office: FO 78/3998
17) Int. Nat; Lahore 29 Oct. '87
18) IOR L/P&S/R/1/1/67
19) IOR L/P&S/3/288
20) India Office Records: R/1/1/90
21) DS-Secret Correspondence 7 oct. 1889
22) "Confession of Jiwan Singh" DS Secret Correspondence/587
23) IOR/DS-Secret 20 Mai 1890
24) Dalip Singh Family Papers, India Office Records, Mss Eur E 337 20. May 1890
25) India Record Office: L/P&S/3/303
26) M.E. Saltykow-Shchedrin library, Leningrad-Gradschanin Nr. 190 fol.x 7203/L16119; Gradschanin Nr.201 fol.x 7203/L16118.

Zusätzliche benutzte Quellen:

Anderson, Sir Robert, The Lighter Side of My Official Life (London, 1910)
Bell, Thomas Evans, The Annexation of the Panjaub and the Maharajah Duleep
Singh (London, 1883)
Bertie-Marriot, Clement, Le Maharajah Duleep Singh et l'Angleterre (Paris, 1889)
Buckle, George Earle, The Letters of Queen Victoria (Third series) Vol. I 1886-1890 (London, 1930)
Burne, Sir Owen Tudor, Memories (London, 1907)
Cyon, Elie de (Ilya Faddeich Tsion), Histoire de l'Entente Franco-Russé. Mémoires et Souvenirs, 1886-1894 (Paris, 1895)
Dalbousie, Private Letters of the Marquis of Dalhousie, ed. J. G. A. Baird (Edinburgh, 1910)
Davitt, Michael, The Fall of Feudalism in Ireland (New York, 1904)
Devoy, John, Devoy's Post-Bag 1871 1920, Vol. 2, eds William O'Brien and Desmond Ryan (Dublin, 1948)
Duleep Singh, The Duleep Singh Correspondence, ed. Ganda Singh, Punjabi University (Patiala, 1977)
Ganda Singh, Private Correspondence relating to the Anglo-Sikh Wars, Sikh History Society (Amritsar, 1955)
Le Caron, Henri (pseud.), 25 Years in the Secret Service, the Recollections of a Spy (London, 1892)
Login, Lady Lena, Sir John Login and Duleep Singh (London, 1890)
Lady Login's Recollections 1820-1904, ed. E. Dalhousie Login
Pobedonostsev, Constantin, Mémoires politiques, correspondence etc. (Paris, 1927)

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