1924 - Der Landwirtschaftliche Kurs
in Koberwitz bei Breslau

Die Reise, die Rudolf Steiner Anfang Juni 1924 unternahm, war für eine Tat ausersehen, der es in den folgenden Jahrzehnten bestimmt war, die Ergebnisse der Geisteswissenschaft durch ihre Verwirklichung auf einem praktischen Lebensgebiet weltweit auszubreiten. Denn die Forschungsresultate zur landwirtschaftlichen Arbeit sind seither schon von vielen Tausenden von praktischen Landwirten und Gärtnern in den meisten Ländern Europas und auf allen Kontinenten der Erde erprobt und mit Erfolg angewandt worden. Diese Resultate sind heute durch ihre langjährige systematische Anwendung und Bewährung als gesicherter Bestandteil der landwirtschaftlichen Praxis anerkannt und haben, trotz der in solchen Dingen üblichen ersten Ablehnung und Skepsis, durch ihre fruchtbaren Ergebnisse positive Bewertung durch wissenschaftliche und landwirtschaftliche Fachkreise zahlreicher Länder erhalten.

Die wesentlichen Grundgedanken, die sich Rudolf Steiner aus der Anwendung der Geisteswissenschaft auf die Biologie und Landwirtschaft ergeben hatten, faßte er im »Landwirtschaftlichen Kursus«, den er vom 7.-16. Juni 1924 gab, zusammen.

Wir müssen hier kurz auf die Vorgeschichte dieser wichtigen Tat eingehen. Die ersten Richtlinien zur praktischen Erprobung der Angaben Rudolf Steiners ergaben sich dadurch, daß er dem von Ehrenfried Pfeiffer und mir am Goetheanum begründeten Biologischen Forschungslaboratorium konkrete Hinweise und Aufträge erteilte, durch Versuche auf dem Gebiet der Pflanzenzucht, der Einflüsse kosmischer Rhythmen auf die Lebensvorgänge, durch Herstellung der ersten Präparate der biologisch-dynamischen Landwirtschaft in den Jahren 1921/22 die experimentellen Grundlagen zu schaffen.

Die ersten Versuche, die wir auf Grund dieser Vorarbeiten im Herbst 1922 in Dornach unter seiner persönlichen Anleitung durchführten und die Durchführung der Richtlinien Rudolf Steiners auf dem Gebiet des Anbaus, der Düngerpflege seit dem Jahre 1922 durch den Pionier der Landwirtschaft Ernst Stegemann auf dessen Gut Marienstein gehören zu dieser Vorgeschichte. Diese wissenschaftlichen und praktischen Arbeiten erweckten naturgemäß mannigfaches Interesse. In diesen Jahren wandten sich auch, wie mir berichtet wurde, zwei Landwirte, I. Vögele und Dr. E. Bartsch, an Rudolf Steiner mit der Bitte um Abhaltung eines landwirtschaftlichen Kursus. Doch war es noch nicht an der Zeit. Als dann Weihnachten 1923 Graf Carl von Keyserlingk seinen Neffen mit dem Angebot an Rudolf Steiner sandte, sein Schloß und den zugehörigen großen Gutsbetrieb für die Abhaltung eines solchen Kursus zur Verfügung zu stellen, willigte Rudolf Steiner gern ein, für einen weiteren Kreis von Landwirten eine solche Vortragsreihe vom 7.-16. Juni in Koberwitz bei Breslau abzuhalten.

Es war ein ganz einzigartiges Erlebnis im Werdegang dieser geistigen Bewegung, als wir zu dieser Tagung auf dem Gut des Grafen Keyserlingk eintrafen und dort, im Unterschied zu den sonstigen, von Menschen aller Berufskreise besuchten Veranstaltungen, diesmal eine ausgewählte Schar praktischer Landwirte antrafen, die alle mit größter Spannung den bevorstehenden Tagen gemeinsamer Arbeit entgegensahen. Graf und Gräfin Keyserlingk hatten in großzügiger Weise alle Räume des Schlosses für die Bewirtung der Gäste vorbereitet, eine ausgezeichnete Organisation, die den »eisernen Willen«, den Rudolf Steiner mehrmals bei den beiden Gastgebern rühmte, bewies.

Die intensive, herzliche und ergebnisreiche Gemeinschaftsarbeit, die in diesen Tagen vollbracht wurde, war wesentlich gefördert durch die Gestaltung der Tageseinteilung, die alle Teilnehmer am Vormittag bei den Vorträgen Rudolf Steiners, dann bei den gemeinsamen Mahlzeiten im großen Speisesaal und vielen umliegenden Räumen des Schlosses vereinte, durch die Aussprachen, Gutsbesichtigungen und die persönliche Kontaktnahme an den Nachmittagen und Abenden, sei es in Arbeitsräumen, Wohnzimmern oder im schönen Park des Schlosses.

Weil das Bewußtsein aller Teilnehmer auf die Bedeutung der Stunde, auf die empfangene geistige Substanz und die uns damit überantwortete große Zukunftsaufgabe konzentriert war, trugen diese Tage das Signum einer feierlichen, ernsten und freudigen Atmosphäre gemeinsamen Denkens und Wollens, die im Herzen der Miterlebenden für immer eingeschrieben bleiben wird. In den Zeiten zwischen den Vorträgen und landwirtschaftlichen Besichtigungen, im persönlichen Zusammenleben, bei den abendlichen Fahrten mit Rudolf und Marie Steiner, Graf und Gräfin Keyserlingk nach Breslau zu den künstlerischen Veranstaltungen, bei den feierlichen, dem esoterischen Kern der Arbeit gewidmeten Zusammenkünften, bei den mannigfaltigen ernsten und heiteren Gesprächen in der geistig kultivierten Atmosphäre des Schlosses war die gemeinschaftsbildende Lebenskunst Rudolf Steiners erlebbar.

Rudolf Steiner hat bei einem geselligen Beisammensein am Ende dieser Tagung einmal über seine persönlichen Schicksale und Erfahrungen gesprochen; er erzählte, wie er in den vergangenen Nächten, welche die einzige dafür verbleibende freie Zeit in der Arbeitsfülle der landwirtschaftlichen Tagung waren, damit beschäftigt war, zwei Aufsätze für das »Goetheanum« und das Mitteilungsblatt zu schreiben, die gerade eine Zeitspanne von 35 Jahren seines Lebens umfaßten.

In dem einen dieser beiden Berichte hatte er im Rahmen der im »Goetheanum« damals erscheinenden Aufsatzreihe »Mein Lebensgang« die Zeit zu schildern, als er in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts an der Herausgabe von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften arbeitete und wie er in der Weihnachtszeit des Jahres 1889 vor einem kleinen Kreis über seine geistigen Ziele sprach.

In dem anderen Bericht, den er in der letzten Nacht der Koberwitzer Tagung schrieb, hatte er zu berichten über die Arbeitsfülle und den weittragenden Tätigkeitskreis dieser landwirtschaftlichen Tagung im Jahr 1924. Es führt ein geradliniger Weg im Leben Rudolf Steiners von der einsamen geistigen Forschung in den 80er Jahren zur Herausgabe von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, zur Entwicklung der Geistesforschung als Anthroposophie, zur Entfaltung und Erprobung der daraus befruchteten Naturwissenschaft an der Hochschule des Goetheanum, zum Landwirtschaftlichen Kurs des Jahres 1924 und der aus all dem erwachsenen »biologisch-dynamischen Landwirtschaftsmethode« mit ihrem weltweiten Wirkungskreis.

Wer heute diese Landwirtschaft in der Praxis anwendet, baut auf dieser Evolution auf, die wie alles Lebendige nur als eine Ganzheit zu verstehen ist.

Es ist ganz unmöglich die Fülle von wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Richtlinien in kurzen Worten wiederzugeben, die Rudolf Steiner in den acht Vorträgen und zahlreichen Aussprachen den Landwirten für ihre Einsicht und Berufspraxis gab.

Vom Wesen des Erdorganismus, den Rhythmen der kosmischen und irdischen Kräfte und Elemente, den Wesensbildern der wichtigen Substanzen im Landbau und in der Ernährung des Menschen ging er systematisch über zur Darstellung der sinnlichen und übersinnlichen Struktur von Pflanze, Tier und Mensch, ohne deren genaue Kenntnis der Landwirt keine planvolle Arbeit tun kann. Er entwickelte die konkreten Maßnahmen, die zum Aufbau eines Landwirtschaftsbetriebes als eines in sich selbst begründeten und geschlossenen Organismus, als einer lebendigen Einheit und Ganzheit führen können. Er stellte die Grundlagen einer gesunden Bodenpflege, Pflanzen- und Tierzucht dar; die Bedeutung der Fruchtfolge, der Kompost- und Düngerpflege, die Gefahren falscher Denkmethoden und Praktiken auf diesem Gebiet; eine gesunde Methodik der Schädlingsbekämpfung und der Vermeidung oder Überwindung von Tier- und Pflanzenkrankheiten; die Förderung der Lebens- und Wachstumsprozesse in allen Zweigen des Ackerbaues, der Wiesenpflege, des Obstbaues, der Waldkultur usw. Und er schilderte die Möglichkeiten der Anreicherung von Kräften und lebenfördernden Substanzen durch die Anwendung der bereits in Dornach erprobten Präparate, die er nun durch weitere Angaben ergänzte.

Aus all diesen Richtlinien ist heute nicht nur eine weltweite Praxis, sondern auch bereits eine so reichhaltige Literatur entstanden, daß hier auch auf deren Studium verwiesen werden kann. In jenen ersten Anfängen damals galt es zunächst, einen Kreis von Menschen zu schaffen, der gewillt war, sich mit ganzer Kraft, unbeirrbarem Mut und sachlicher Konsequenz der Ausarbeitung und praktischen Anwendung dieser Erkenntnisse und Methoden zu widmen.

Damit war die landwirtschaftliche Bewegung für die Zukunft begründet, und sie hat in den folgenden Jahren durch wissenschaftliche Forschung, Experiment und praktische Erprobung eine neue Landwirtschaft aufgebaut, die heute schon als weithin anerkannter, wertvoller Beitrag zur Förderung der Kultur- und Lebenssituation der Menschheit dasteht.
Nach Guenther Wachsmuth: Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken, Dornach 1964.

Zurück