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Die Krise der
Anthroposophischen Gesellschaft 1923.
Die völkischen Gegner der Anthroposophie



Hella Wiesberger


Quelle: Rudolf Steiner Gesamtausgabe, GA 259, Dornach 1991


S. 843-844

»Wenn heute ... nachgedacht werden muß, wie die Anthroposophische Gesellschaft regeniert werden soll, so darf auf der andern Seite nicht vergessen werden, daß die Anthroposophische Gesellschaft ein zwei Jahrzehnte langes Leben hatte ... Denn Geschichte, wirkliche Geschichte, erlebte, gewirkte Geschichte läßt sich nicht auslöschen.«

Rudolf Steiner, Stuttgart, 27. 2. 1923, GA 257


Mit dem Entschluß Rudolf Steiners, zu Beginn des 20. Jahrhunderts für seine anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft öffentlich einzutreten, beginnt auch die soziale Wirksamkeit des lebendigen Wesens Anthroposophie, das zu seiner Entfaltung im Kulturleben eines Gesellschaftsorganismus bedarf. Hier wurzelt die mit allem Leid sozialen Wirkens verbundene Tätigkeit Rudolf Steiners als Bau
meister einer Mysterienstätte, deren Modernität er schon früh dahingehend charakterisierte:

«Wir haben kein Recht, Autorität zu erzwingen: Erste Gemeinschaft, die Organisation mit Freiheit anstrebt.» War doch früher die Zugehörigkeit zu Gemeinschaften, in denen spirituelle Erkenntnisse gepflegt wurden, stets mit strengen Verpflichtungen verbunden.

Die Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft ist somit begründet in dem Bemühen, für die anthroposophische Bewegung als der von Rudolf Steiner geschaffenen Geistesströmung eine wesensgemäße Pflegestätte zu bilden; sie ist das Ergebnis des Zusammenwirkens von Rudolf Steiner als Geisteslehrer mit seinem Schülerkreis. Die Schwierigkeiten, die in einem solchen Gemeinschaftsgebilde, in dem die Freiheit des einzelnen voll respektiert wird, notwendig auftreten müssen, sollten im

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Lichte des Wortes gesehen werden: «Der Kampf ist auf geistigem Felde kein Böses; er ist da das Lebenselement» — vorausgesetzt, daß er mit entsprechender Achtung vor dem andern geführt wird.

[...]

S. 847-848

Die Gegner-Frage

Zu diesen großen internen Schwierigkeiten stieß noch die immer massiver auftretende äußere Gegnerschaft. Die Angriffe kamen damals von allen Seiten. Rudolf Steiner wurde nicht nur von Vertretern der Wissenschaft und der Kirchen angegriffen, sondern es wurde auch von politischen Gruppen demagogisch gegen ihn als Jude, Kommunist, Freimaurer etc. gehetzt.


Zum Beispiel erschien als Leitartikel auf der Titelseite der Münchner nationalsozialistischen Zeitung «Völkischer Beobachter» vom 15. März 1921 ein Aufsatz von Adolf Hitler «Staatsmänner oder Nationalverbrecher», in dem es im Zusammenhang mit dem damaligen deutschen Außenminister Simons heißt, daß es endlich notwendig sei, sich diesen Herrn Minister — er war jüdischer Abstammung —, «intimen Freund des Gnostikers und Anthroposophen Rudolf Steiner, Anhänger der Dreigliederung des sozialen Organismus und wie diese ganzen jüdischen Methoden zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Völker heißen», etwas näher anzusehen. «Und wer ist die treibende Kraft hinter all diesen Teufeleien? Der Jude! Freund des Doktor Rudolf Steiner, des Freundes Simons "des Geistlosen”.»

Und im August desselben Jahres 1921 wurde «der Kampf gegen Steiner» in der katholisch und deutschnational ausgerichteten Zeitschrift «Hochland» als eine «unerläßliche Pflicht» für alle diejenigen deklariert, «denen an der Reinhaltung unserer öffentlichen Situation liegt», und hinzugefügt: «Vielleicht wird es auf die Dauer nicht zu umgehen sein, diesen Kampf zu organisieren.» Zu dieser Zeit wurde auch bekannt, daß auf einer Liste gewisser politischer Kreise unter den zu ermordenden prominenten deutschen Persönlichkeiten als Nummer 8 oder 9 Rudolf Steiner aufgeführt gewesen sein soll. (Hans Büchenbacher »München 1923« in »Erinnerungen an Rudolf Steiner. Gesammelte Beiträge aus den Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland 1947-1978«, Stuttgart 1979.)

Da Rudolf Steiner aufgrund seines Einsatzes für eine soziale Neugestaltung eine berühmte und umstrittene Persönlichkeit geworden war, hatte die damals größte deutsche Konzertagentur ihm angeboten, seine öffentlichen Vorträge in Deutschland zu organisieren. Der Andrang zu diesen Vorträgen wurde so groß, daß er zeitweise durch die Verkehrspolizei geregelt werden mußte.

Als Folge davon kam es zu der in der Zeitschrift «Hochland» angekündigten Organisierung des Kampfes. Von alldeutscher und völkischer Seite — diesen Vorläufern des Nationalsozialismus — wurden Tumulte inszeniert. Besonders schlimm war es in München. Bei dem öffentlichen Vortrag am 15. Mai 1922 im Hotel «Vier Jahreszeiten» konnte Rudolf Steiner einem auf ihn geplanten Attentat [aus dem Umkreis der Thule-Gesellschaft] nur durch den Einsatz einer von Freunden gebildeten Leibgarde unversehrt entkommen. Die Völkischen hatten schon vorher proklamiert: «Hoffentlich finden sich deutsche

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Männer, die verhindern, daß dieser Herr den Boden Münchens überhaupt betritt.» (Hans Büchenbacher »München 1923«, a.a.O.)

Diese Vorkommnisse machen erst verständlich, warum in den Gesellschaftsverhandlungen des Jahres 1923 die Frage der Gegnerabwehr so stark im Vordergrund stand. Sie war einfach zur Existenzfrage für Rudolf Steiner und die Gesellschaft geworden. Von deren Seite versuchte man die Abwehr zwar mit ehrlicher Absicht, aber es mangelte an Routine und Schlagfertigkeit. Insbesondere war die Art des Vorgehens für Rudolf Steiner so ungenügend, daß er sich veranlaßt sah, festzustellen: «Wenn es wirklich notwendig werden sollte, daß ich mich lediglich damit beschäftige, die Gegner abzuwehren, so ist das ja für mich eine Aufgabe, die natürlich unendlich viel schwieriger ist als die Abwehr der Gegner durch das positive Sich-Stellen einer Aufgabe von seiten der Anthroposophischen Gesellschaft. Aber der Entschluß, selber daranzugehen, die Gegner abzuwehren ... würde ja als erstes notwendig machen, daß ich meine Tätigkeit für die Anthroposophische Gesellschaft einstellen müßte, mich zurückziehen müßte auf bloß persönliches Wirken.»

[...]

S. 863-864

Bald darauf muß er in seinem Entschluß weiter bestärkt worden sein durch die politischen Ereignisse in Deutschland. Als die Meldung von dem am 9. November in München erfolgten Hitler-Ludendorff-Putsch in Dornach bekannt wurde, soll er geäußert haben: «Wenn diese Herren an die Regierung kommen, kann mein Fuß deutschen Boden nicht mehr betreten.» (Persönliche Mitteilung von Anna Samweber an Hella Wiesberger). Noch am gleichen Tag habe er die Berliner Mitarbeiterin Anna Samweber, die sich gerade in Dornach aufhielt, gebeten, sofort nach Berlin zurückzukehren, um seinen Auftrag, die dortigen Mietverhältnisse zu kündigen, zu übermitteln. (Persönliche Mitteilung von Anna Samweber an Hella Wiesberger) Demnach hatte er sich auf dieses politische Ereignis hin sofort entschlossen, seinen und Marie Steiners Berliner

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Wohnsitz aufzugeben und den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag von Berlin nach Dornach zu verlegen. Mit Marie Steiner muß er damals verabredet haben, daß sie von Holland aus — wohin sie zu einer anthroposophischen Tagung und Gründung der holländischen Landesgesellschaft am 12./13. November abzureisen hatten — direkt nach Berlin weiterreisen und den Umzug veranlassen solle, während er selbst nach Dornach zurückkehren werde, um die Weihnachtstagung vorzubereiten. Auch müssen sie — wahrscheinlich noch in Dornach, eventuell erst in Holland — über die Besetzung des künftigen Vorstandes der Gesellschaft miteinander beraten haben.

Sitzung mit dem Dreissigerkreis in Stuttgart, 8. Februar 1923

Quelle: GA 259, S. 284-286.

Dr. Steiner: Das eine ist die Gegnerschaft, die sich der Verleumdung bedient; das andere ist das, was die Gegnerschaft durch Aufstellung eines Zerrbildes macht. Dann fragt es sich, ob nicht doch diese Gegnerschaft unter Umständen — Sie können sich darüber ja äußern — ein bißchen kühner angegriffen werden müßte, was nur durch die Verwendung einzelner Worte möglich und notwendig ist.

Nicht wahr, die Gegner sind vielfach geschützt durch ein gewisses Ansehen, das sie in offizieller Weise haben. Denn für die Welt ist der gestern von Dr. Rittelmeyer erwähnte Dr. Jeremias eben der bekannte Orientalist der Leipziger Universität, während er — wenn das so ist, wie Dr. Rittelmeyer dargestellt hat — eine ganz gemeine Natur ist. Der hat mich wiederholt besucht, hat sich über einzelne Fragen in ernsthafter Weise auseinandergesetzt, hat gebeten, beim Vortrag in Leipzig anwesend sein zu können. Es war kein Grund vorhanden, ihn nicht anwesend sein zu lassen. Nachher entpuppt er sich als ein gemeiner Heuchler. Solche Beispiele sind eigentlich etwas, was man heute nicht mehr entbehren kann in der Charakteristik der Gegner. Man muß den Leuten diese Maske herunterreißen. Ich führe das nur als ein Beispiel an. Man müßte sich klar darüber sein, was das heißt, wenn sich jemand eingeschlichen hat in der Maske desjenigen, der «erkennen will» und nachher auftritt als gemeiner Verleumder. Wenn wir nicht dazu gelangen, diese Gemeinheit unter Leuten, die einfach durch ihre amtlichen Würden geschützt sind, etwas zu enthüllen, wenn uns das nicht gelingt, dann geht die Sache schwierig.

Dr. Rittelmeyer: Ich bin bei der Versammlung dabeigewesen. Da hat er Sie, Herr Doktor, persönlich preisgegeben. Er hat gesagt, er unterscheide zwischen der Anthroposophie selbst und der Person des Gründers der Anthroposophie. Der Güterzug könne Waren enthalten, die gut seien, wenn auch die Lokomotive schadhaft sei.

Dr. Steiner: Solch eine Sache muß man vor der Welt an den Pranger stellen. Das ist heute nach der einen Seite so. Aber nach der anderen Seite muß die besondere Art der Kampfesweise charakterisiert werden, die darin besteht, daß die Gegner sich nicht einlassen auf eine Diskussion, sondern sie nehmen zum Teil die Sache an wie der Goesch, aber zugleich treten sie mit den gemeinsten, unsachlichen, rein persönlichen Verleumdungen auf. Dies ist die ganz präzise Tatsache; davor kann in der Gegenwart nicht zurückgeschreckt werden, diese zu kennzeichnen. Eventuell müßten einzelne Beispiele charakterisiert werden. Aber das braucht nicht mit Namen angeführt zu werden, vielleicht ist es sogar nicht gut, Namen anzuführen, vielleicht können die Namen vermieden und die Leute einfach charakterisiert werden.

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