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Pressetext
Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus
Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus
Unter Mitwirkung von Christoph Lindenberg
R. Oldenbourg Verlag München 1999, 473 Seiten, DM 98,-
Die Monographie von Uwe Werner ist die erste umfassende Studie über die Behandlung der Anthroposophischen Gesellschaft und anthroposophischer Einrichtungen durch die Nationalsozialisten. Erst in den letzten Jahren ist der Kampf der Nationalsozialisten gegen wirkliche oder vermeintliche ideelle Gegner wie die Freimaurer oder religiöse Sondergruppen zum Gegenstand der Forschung geworden. Schon die Formulierung des Themas zeigt an, daß man es bei den Anthroposophen mit einem relativ komplexen Gegenstand zu tun hat: Es bestanden zum Zeitpunkt der Machtergreifung in Deutschland nicht nur zwei Anthroposophische Gesellschaften, sondern daneben Waldorfschulen, Eurythmieschulen, heilpädagogische Heime, biologisch-dynamisch orientierte Landwirtschaften mit ihrer Forschungseinrichtung, anthroposophische Arztpraxen, eine pharmazeutische Fabrik, die Christengemeinschaft als Bewegung für religiöse Erneuerung, verschiedene Verlage und Zeitschriften usw. Deshalb ist eine Reihe von speziellen Untersuchungen notwendig gewesen, um die ganze Breite des Themas abzudecken. Verhalten und Geschicke von Einzelpersönlichkeiten außerhalb anthroposophischer Arbeitszusammenhänge wurden punktuell berücksichtigt.
Die Anthroposophische Gesellschaft in desolatem Zustand
Die Anthroposophische Gesellschaft war zur Zeit der NS-Machtergreifung organisatorisch wie sozial in einer denkbar ungünstigen Verfassung (s. S. 5-7). Einige Jahre nach dem Tod ihres Begründers Rudolf Steiner wurde die gesamte internationale Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft (AAG) von Konflikten und Spaltungen erfaßt. Sie steigerten sich ständig bis 1935, insbesondere im Goetheanum, dem in der Schweiz gelegenen Zentrum der AAG, bis zum Ausschluß von Vorstandsmitgliedern und der Abspaltung der englischen und holländischen Gesellschaft.
Die beiden Anthroposophischen Gesellschaften, die in Deutschland zu Steiners Zeit entstanden waren, hatten sich 1931 deshalb aufgelöst. Der größte Teil der Gesellschaftsmitglieder wurde von einer Initiativgruppe als Vorstand einer satzungslosen Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland zusammengehalten. Daneben gab es die rudimentäre Organisation einer Anthroposophischen Arbeitsgemeinschaft in Deutschland, deren Protagonisten in den folgenden Jahren größtenteils emigrierten. Die Zahl der Mitglieder in Deutschland war von 11 000 auf 7000 gesunken
Der Vorstand der Gesellschaft stand dann am 30. Januar 1933 vor der Situation, die bis dahin kaum beachtete anthroposophische Arbeit gegenüber dem massiven Druck zur Gleichschaltung oder Ausschaltung des sich aufbauenden NS-Staates zu verteidigen. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, daß der Vorsitzende Dr. Hans Büchenbacher Jude war, ebenso Dipl.-Ing. Alexander Strakosch, und daß damit der Vorstand zu einem Drittel aus Mitgliedern jüdischer Herkunft bestand (S. 27).
Anthroposophie und Freimaurerei
Die Anthroposophische Gesellschaft hatte unter den Nazis ein ähnliches Schicksal wie die Freimaurer-Orden. Das liegt nahe, da die Anthroposophie, wie ihre Orientierungsgrößen Goethe, Fichte oder Lessing, an die wesentlichen i d e e l l e n Traditionen der Maurerei anknüpft. Steiner war es darüber hinaus wichtig gewesen, eine äußere Sukzession aus der Hochgrad-Maurerei für seine esoterischen Unterweisungen herzustellen, allerdings ohne im formellen Sinne Freimaurer zu werden oder einen Orden zu begründen.
Anthroposophie wie Freimaurerei pflegen geistiges und soziales Leben auf der Grundlage eines stufenweisen Einweihungsweges. Sie wollen dadurch Grundlagen schaffen für menschheitliche Zusammenarbeit über Klassen-, Staats- und Religionsgrenzen hinweg (wobei die Freimaurerei, anders als die Anthroposophie, mit der Geschlechtergrenze ihre Probleme hat). Ein solches Projekt, das immerhin namhafte Größen verschiedenster Zivilisations-Kreise anzieht, zu beurteilen, seine Einflüsse auf das gesellschaftliche Leben realistisch einzuschätzen und sie von den eingebildeten zu unterscheiden, das stellt Ansprüche an die philosophische, psychologische, soziologische und menschliche Bildung, die jeden Stammtischpolitiker verärgern müssen.
Als Projektionsfläche für soziale Vorurteile und Bedrohungserlebnisse diente die Maurerei schon immer. Ihre übernationale Ausrichtung machte sie zum geeigneten Hassobjekt, demgegenüber sich die völkischen Emotionen profilieren ließen. Sie war Teil der Nazi-Dreieinigkeit des Bösen: der jüdisch-bolschewistisch-freimaurerischen Weltverschwörung, gegen die zu schützen der NS-Terror vorgab.
Nationalsozialistische und sonstige völkische Hasspropaganda
Das Jahr 1933 brachte eine neue Blüte alter völkischer Hetzpropaganda gegen den Theosophen, Juden, Freimaurer und Kommunisten Rudolf Steiner (S. 23-26). Steiner habe durch seine Suggestionen unmittelbar bewirkt, daß der Generalfeldmarschall von Moltke die Marneschlacht und als Folge davon den Weltkrieg verlor; selbstverständlich alles im Dienste der Entente-Freimaurerei und des Weltjudentums. Das wurde in Pressekampagnen, Vortragsreihen und einem in Darmstadt und Berlin inszenierten Theaterstück unters Volk gebracht. Der Nationalsozialismus war in diesem Chor bereits durch einen ihrer Freimaurerspezialisten, Gregor Schwarz-Bostunitsch, und sein Pamphlet Rudolf Steiner ein Schwindler wie keiner vertreten. Mit einer weiteren Kampfschrift doppelte das Berliner NS-Propagandabüro P. Hochmuth nach: Das <Wunder> an der Marne (Siehe Anlage). Und das NS-Organ Pforzheimer Anzeiger schlug Töne wie die folgenden an: Es hat keinen Sinn mit den Anthroposophen zu verhandeln. Mit Bakterien verhandelt man nicht, man vernichtet sie.
In der Anthroposophischen Gesellschaft wurde bereits damit gerechnet, daß diese Kampagnen ein Verbot zur Folge haben könne. Zur Verteidigung erschienen, wie schon bisher, Broschüren und Artikel; eine Pressestelle wurde eingerichtet.
Unabhängig von den Propagandaaktionen forderte der SS-Hauptgruppenführer Hauschild in Mönchen die in der Schweiz gelegenen Zentrale der AAG persönlich auf, sich zu den Vorwürfen zu erklären (S. 34) und erhielt eine mehrseitige Stellungnahme (S.367). Eine der farbigsten Szenen des Buches schildert die Unterredung zwischen Büchenbacher, dem jüdischen Vorstandsvorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland und dem SS-Mann Hauschild, nachts um zwölf in dessen schwerbewachter Villa, ständig unterbrochen von Anordnungen in laufenden Verhaftungsaktionen (S.34-36).
Anbiederung
Die peinlichste Anbiederung an die Nationalsozialisten von offizieller anthroposophischer Seite erfolgte aus dem Ausland und zwar durch ein Mitglied gespaltenen Vorstands der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (S.37).
Die führende Persönlichkeit der Vorstandsminderheit, die holländische Ärztin Ita Wegman, sah im Nationalsozialismus auf geschickte Art das Böswollende gut eingekleidet und empfahl im April 1933 die Emigration. Man solle die Arbeit im Ausland neu zu organisieren, um später vielleicht wieder Einfluß zu haben in Deutschland. Die die dableiben sollten in Stille dafür sorgen, daß der Faden nicht abreißt. (S. 161-162).
Auch Albert Steffen, Vorstandsvorsitzender und führende Persönlichkeit der Mehrheitsfraktion, hatte sich durch sein Ostern 1933 aufgeführtes Drama Der Sturz des Antichrist, das Aufstieg und Fall eines Hitler und Stalin ähnlichen Tyrannen schildert, positioniert. Den folgenden zwölf Jahren behandelte er das Thema immer wieder durch Dramen. Seine eingehenden Analysen der Vorgänge vertraute er allerdings nur seinem Tagebuch an (siehe Anlage) und kommentierte öffentlich nicht.
Anders der Schatzmeister der AAG und des Goetheanums, das zu großen Teilen aus Deutschland finanziert wurde. In einem Interview vom 6. Juni 1933 mit dem Kopenhagener Extrabladet (S. 37f.) antwortete er auf die Frage:
Wie stellt sich die neue Regierung zur Anthroposophie? Wir können uns nicht beklagen. Wir sind mit größter Rücksichtnahme behandelt worden und haben volle Freiheit für unsere Lehre zu wirken...
Wie betrachten die Anthroposophen die nationale Bewegung in Deutschland? Ich äußere mich ungern über Politik. Aber es soll kein Geheimnis sein, daß wir mit Sympathie auf das schauen, was z.Zt. in Deutschland geschieht (...). Stagnation ist der Tod für alles geistige Leben. Es muß Bewegung da sein und die tapfere und mutige Weise wie die Führer des neuen Deutschland sich der Probleme bemächtigen, kann, meiner Meinung nach, nur Bewunderung erzwingen. Es wird sicher etwas Gutes dadurch entstehen(...).
Das Interview hatte zur Folge, daß der Generalsekretär der dänischen Anthroposophischen Gesellschaft aus Protest zurücktrat.
Ein Gleichschaltungsversuch
Bereits im Jahre 1933 wurde von nazistisch orientierten Mitgliedern versucht, die Gesellschaft für den Nationalsozialismus zu übernehmen( S.28-30). Neben der großen Hamburger Gruppierung des Pythagoras-Zweiges von ca. 800 Mitgliedern wurde in dieser Stadt 1933 ein Aristoteles-Zweig mit einer landesweiten Politik aktiv. Die ca. 20 Personen starke Gruppe wollte dafür sorgen, daß sich die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland mit allen ihren Mitgliedern, Gruppen und Einrichtungen positiv hinter die Aufbauarbeit der nationalen Regierung stellt. Dazu wollte der Aristoteles-Zweig die Landesgesellschaft straff organisieren, vor allem durch einen entsprechend den Richtlinien der heutigen Regierung umbesetzten schlagkräftigen Vorstand.
Nachdem der deutsche Vorstand dieses Ansinnen abgelehnt hatte, wandte die Gruppe sich direkt an die übrigen Zweige der Gesellschaft. Die Ablehnung des Anliegens des Aristoteles-Zweiges ist eine allgemeine gewesen; die meisten Zweige haben anscheinend gar nicht darauf geantwortet.
Nach einem weiteren Versuch loste sich der Zweig 1934 auf, der Schriftführer trat aus der Gesellschaft aus.
Jüdische Mitglieder
Der Ausgrenzungsdruck der Nationalsozialisten gegen die Juden zeigte im Jahre 1935 in der Anthroposophischen Gesellschaft seine Wirkung. Die Gesellschaft stand am Rande des Verbots und was an ihr jüdisch war, steigerte die Gefahr. Ein jüdisches Mitglied hat später die Situation in Breslau so beschrieben: Ich weiß nicht mehr wann genau wir in Panik im Zweige zusammentrafen um über unsere Zukunft zu sprechen (...) Es war klar, daß ein Jude nicht mehr Zweigleiter sein konnte, aber was sollte mit den jüdischen Mitgliedern gesehen? Es wurde vorgeschlagen, daß die jüdischen Mitglieder aus der Gesellschaft austreten (was aber nicht realisiert wurde). Aber Dr. Zellner, der Zweigleiter, wurde so schnell ersetzt, daß man sich nicht einmal die Zeit ließ, ihm zu danken. (...) Nach dem ersten Auftreten der Gestapo in unserem Zweigraum durfte ich auch nicht mehr an der Eurythmie teilnehmen." (S.73)
Jedenfalls schieden aus allen Ämtern in der deutschen Landesgesellschaft die Juden aus. Ebenso trat auch ein Großteil der jüdischen Mitglieder aus der Landesgesellschaft aus, ein Schritt, bei dem sie die Mitgliedschaft in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft behalten konnten. Champanier berichtet weiter: Zunächst hatten wir aber noch etwas Luft und konnten eine Pfingsttagung im Riesengebirge veranstalten. (...) Die Stimmung war todernst, gespannt, brüderlich, wohinein sich Ungewißheit und Furcht über die Zukunft, die jeden einzelnen und uns alle erwartete, mischte. Aber über allem erhob sich Hoffnung und michaelische Stärke. Es war ein einzigartiges Erlebnis, trotz der Gegenwart der Gestapo, die dabeisaß und versuchte zu notieren, was über ihren Verstand hinausging ...
Himmler und Heydrich
Der Kampf der Nazis gegen die Anthroposophische Gesellschaft wurde, kaum koordiniert, auf drei Ebenen geführt :
durch öffentliche Verunglimpfung,
durch das Amt Rosenberg (Gleichschaltung) und
durch die Politische Polizei.
Den eigentlichen Schlag, das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft, führten nicht die lautstarken Angreifer der ersten und zweiten Kategorie sondern die schweigenden, aufsteigenden Machtfiguren im Hintergrund, Himmler und Heydrich.
Deren Machtstellung wuchs erst allmählich heran. Wie vergleichsweise schwach sie 1934 noch war, zeigt sich daran, daß sie, nachdem sie das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft im April (Himmler) bzw. Anfang Juni 1934 (Heydrich) beschlossen hatten, noch 19 bzw. 17 Monate brauchten, ehe sie in der Lage waren, es durchzusetzen.
Im Januar 1934 wurde beim Gestapo-Amt in Berlin das Referat für Juden-, Freimaurer-, Emigranten- und Kirchenfragen eingerichtet; für die Anthroposophie wurden die Freimaurerspezialisten herangezogen (S.50). Drei Monate später veranlaßte SS-Führer Himmler, Chef der Bayrischen Politischen Polizei, ein Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Bayern (S.53 und 55). Ihm mußte klar sein, daß er dafür noch keine, zu diesem Zeitpunkt noch geforderte, juristische Begründung hatte. Deshalb wurde das Verbot nie zugestellt oder ausgehändigt, sondern diente nur als interne Grundlage polizeilicher Übergriffe wie Veranstaltungsverbote (S.53) oder Bücherbeschlagnahmungen (S.63).
Am 1. Juli forderte Heydrich als Chef des SD in Berlin von Himmlers Dienststelle den Entwurf eines Verbotes der Anthroposophischen Gesellschaft mit Begründung an (S.57). Die Begründung brachte man in Mönchen aber nicht zustande. Daraufhin ordnete Heydrich die Observation sämtlicher Mitglieder an (S.60). Am 8. Mai 1935 wurde dann ein Abschlussbericht verfaßt, der das Verbot forderte und am 22. Juni lag die Zustimmung von Hess zum Verbot vor. Aber ebensowenig wie gegen die Freimaurer kam man gegen die Anthroposophen zu einer juristisch tragfähigen Begründung. Die schlichte ideelle Unvereinbarkeit mit dem Nationalsozialismus reichte bislang noch nicht aus.
Das änderte Reichsinnenminister Frick. Er unterzeichnete im August 1935 den Auflösungserlass gegen die Freimaurerlogen (S.75). Dabei verzichtete er auf die bisher nötige Begründung und wandte die berüchtigte Notverordnung vom 28. Februar 1933 erstmals allein wegen weltanschaulicher Gegnerschaft an (S.77). Das Verbot gegen die freimaurerähnlichen Anthroposophen genehmigte er gleich anschließend, und am 1. November 1935 wurde die Anthroposophische Gesellschaft wegen internationaler Einstellung und enger Beziehungen zu ausländischen Freimaurern, Juden und Pazifisten verboten (S.76 und Anlage).
Wiederzulassungsverhandlungen
Uwe Werner rekonstruiert aus den Dokumenten die nun folgenden Versuche, eine anthroposophische Gesellschaft wieder zuzulassen (Zweiter Teil, ab S. 185). Diese Versuche beruhten im Kern auf der ganz persönlichen Initiative von Erhard Bartsch und Elisabeth Klein. Sie verstanden es, die Rivalitäten zwischen Göring als Preußischem Ministerpräsidenten, Gestapo und SD (Himmler und Heydrich) und dem NS-Parteiapparat (Hess) auszunutzen und einzelne Persönlichkeiten in den rivalisierenden Apparaten zu beeindrucken. Es fand sich eine Reihe von PERSÖNLICHKEITEN AN EINFLUSSREICHEN Stellen, die durch Anthroposophen unter ihren Verwandten, Freunden oder Bekannten von Anthroposophischem eine gute Meinung hatten und helfen wollten. Auch die juristische Fehlerhaftigkeit des Verbots konnte selbst im vierten Jahr der NS-Herrschaft als Hebel eingesetzt werden.
Die Bedeutung dieser Verhandlungen lag vor allem darin, die soziale Ausgrenzung der Anthroposophen als ehemalige Mitglieder einer verbotenen Organisation möglichst gering zu halten und den Spielraum für Institutionen, Bücher, legales Zusammentreffen und möglicherweise auch Veranstaltungen offen zu halten.
Die Versuche kamen 1939 an ein Ende, als Hess endgültig die Gleichbehandlung mit ehemaligen Freimaurern anordnete (S.262). Im gleichen Jahr entschied Hitler, nach Bericht von Bormann: Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sind wie Logen-Angehörige zu behandeln; sie sind nach Meinung des Führers oft noch gefährlicher als Logen-Angehörige, weil sie mit ihren Ideen viel mehr Leute anstecken. (S.262).
Die Stuttgarter Waldorfschule
Ein weiteres Beispiel dafür, wie man den Kampf mit der nationalsozialistischen Umwelt auch aus einer Position großer Schwäche bestehen kann, bietet das Schicksal der Stuttgarter, der Ur-Waldorfschule bis zu ihrer Schließung (S. 101-139,225f.).
Von den Spaltungen in der anthroposophischen Bewegung zentral betroffen, verloren die Stuttgarter ihre Stellung als Primus inter pares im Kreise der acht Schulen und sanken zum problematischen Außenseiter herab. Zerrissen von Spannungen innerhalb des Kollegiums, hatte die Schule es zudem im Württembergischen Ministerpräsidenten und Kulturminister Mergentaler mit dem zupackendsten Gegner der Waldorfpädagogik zu tun. Er war der Erste, der im Februar 1934 - einen Aufnahmestop für Waldorfschulen anordnete (S.107) und die systematische Aushungerung der Schulen begann.
Die Elternschaft der Schule bewirkte im Schulverein einen Tag nach Mergentalers Schlag, daß nationalsozialistische Eltern als Vermittler zwischen dem verstockten Kollegium und den Behörden eingesetzt wurden (S. 117f.). Daraus entwickelte sich innerhalb eines Jahres eine handfeste NS-Opposition gegen das Kollegium. Erst im März 1935 fand das Kollegium zu einer Festigkeit der Haltung, um dieser Gruppe die Stirn bieten zu können. Der Konflikt eskalierte im folgenden Jahr, bis die NS-Opposition Forderungen Zur Aufrechterhaltung der Pädagogik Rudolf Steiners aufstellte: je ein Nazi müsse die Schulleitung und den Vorsitz im Schulverein übernehmen und die Schule müsse sich aus dem Bund der Waldorfschulen lösen. Das Kollegium hielt stand und einige Monate später gaben die NS-Anhänger von selbst auf (S.127).
Im vielfachen Existenzkampf fand die Schule so die Kraft zur internen Wiederaustreibung des NS-Elementes und konnte noch zwei Jahre weiterarbeiten, bis sie 1938 verboten wurde.
Bei der viertägigen Abschlussfeier zur Schließung hieß es: Das Werk der Waldorfschule ist durch die zeitliche Zurückziehung in die Welt des Schweigens noch nicht beendet. (...) Die Schule geht auf die Wanderschaft (...) und sie möge einst zurückkehren. (s. 225f.) Man lebte ohne Groll aus der Zuversicht in ein Projekt, das den Nationalsozialismus überdauern werde.
Waldorfpädagogik und Heilpädagogik
Wie sehr sich unter allem Anthroposophischen die Aufmerksamkeit des Nationalsozialismus auf die Waldorfpädagogik richtete, zeigt bereits, daß sie in der Begründung für das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft aufgenommen wurde (S.76). Wegen der erdrückenden Auflagen gingen sechs der acht Waldorfschulen in den Jahren 1936 bis 1940 den Weg der Selbstschließung, die beiden anderen wurden verboten (Stuttgart 1938, Dresden 1941). (Statistik S. 374).
Das Schicksal der anthroposophischen Heilpädagogik verlief sehr viel günstiger (S. 163f., 291f., 343 ff.). Von den acht heilpädagogischen Heimen, auf dem Lande, abgelegen, zum teil sehr klein und alle mit dem lebensunwerten Leben beschäftigt, wurden nur drei massiv bedroht, davon zwei geschlossen. Die Heime konnten alle ihre Schutzbefohlenen retten, auch die jüdischen Kinder, und auch im Schließungsfall.
Weil die Auswanderländer behinderte Kinder nicht aufnahmen, entstand für viele jüdische Eltern ein moralisches Dilemma. Hier half der Sonnenhof, das anthroposophische Heim in der Schweiz, das die Kinder aufnahm. Einige von ihnen leben dort heute noch (S.354).
Biologisch-dynamischer Landbau
Die biologisch-dynamische Bewegung hatte in den Jahren 1928 bis 1933 einen unvergleichlichen Boom erfahren singulär unter den anthroposophischen Initiativen. Die Zahl der beteiligten Höfe hatte sich von 100 auf 1000 verzehnfacht (S.84). Hier trat erstmalig der Biolandbau auf und zwar mit einer Entwicklungsdynamik, die wirtschaftliches Gewicht ankündigte. Die Düngemittelindustrie sah ernsthaft Konkurrenz und organisierte eine publizistische und politische Schmutzkampagne gegen den biologisch-dynamischen Anbau, der ein Feind des deutschen Landbaus sei. Das war auch die Linie der NS-Bauernschaft und der NSDAP. Deshalb wurde der biologisch-dynamische Landbau das erste Opfer der NS-Macht. Bereits 1933 wurde biologisch-dynamischer Landbau in Thüringen verboten, in Württemberg war das Verbot abschließend organisiert und für das ganze Reich in Vorbereitung (S.88, Fn. 210).
Zwar war zur Abwehr der Angriffe der Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise entstanden und eine umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit begann, aber das hätte das Ende der Arbeit wohl nicht aufhalten können. Aus dieser Gefahr wurde der biologisch-dynamische Landbau von nicht-anthroposophischer Seite gerettet. Der Gartenarchitekt Alwin Seifert, von den biodynamischen Methoden beeindruckt, war für die Ehefrau von Rudolf Hess tätig. Über sie brachte er das Thema dem Leiter des Parteiapparates vor. (S. 88f). Hess nötigte den Landwirtschaftsminister Darré zu einer interessant beschriebenen Sitzung (S.89) und ordnete dann an, daß jede einseitige politische Debatte über dieses Thema zu unterbleiben habe. Damit war Verbot und Verbotsgefahr vorerst erledigt.
Aber die Linie der NS-Bauernschaft war unverändert und die Einflussnahme der Düngemittelindustrie ging ebenfalls weiter. Schon 1935 hatte (nach Seifert) die Düngemittelindustrie versucht, eine Preisherabsetzung für Stickstoff und Kali von einem Verbot des biodynamischen Landbaus abhängig zu machen (S.269). 1937 sollte dann im Reichsnährstand das Verbot von Demeter-Getreide beschlossen werden. Gebeten durch Seifert griff Hess wiederum ein und schlug großangelegte wissenschaftliche Versuche vor, um über einen Leistungsvergleich zu einer Bewertung zu kommen (S.269).
40 Betriebe sollten überprüft werden. Es stellte sich heraus, daß 1938 die Prüfer von der Landwirtschaftlichen Betriebsprüfungs GmbH ohne die Ernte abzuwarten den Leistungsvergleich zugunsten der konventionellen Betriebe entschieden, rein auf der Grundlage von willkürlichen Ernteschätzungen (S.270). Diese dilettantischen Manipulationen veranlaßten Hess, eine weitere Untersuchung im Jahre 1939 durchführen zu lassen. Der Verbund der biologisch-dynamischen Landwirte wies mit Einbeziehung externer Experten nach, daß die Ernteschätzungen bis zu 50% unter den tatsächlichen Erträgen lagen und daß der Leistungsvergleich zu ihren Gunsten ausfiel. Diese Auseinandersetzung und ihr Ergebnis brachten dem biologisch-dynamischen Landbau zeitweise viel Reputation. Alle zuständigen Spitzenvertreter, Minister u.ä.. kamen in den Jahren 1939 und 1940 zu Hofbesichtigungen, vor allem auf den Hof von Erhard Bartsch, Marienhöhe (Bad Saarow bei Berlin), der auf schlechtesten Böden ausgezeichnete Ergebnisse vorwies. Dort erschien auch Landwirtschaftsminister Darré und entschuldigte sich geradezu dafür, daß er dem biologisch-dynamischen Landbau nicht schon früher seine Aufmerksamkeit zugewendet habe (S.272). Die positive Haltung von Darré hielt aber max. ein halbes Jahr vor, dann lagen er und sein Nachfolger wieder auf der alten Linie (S.275) und die neuen Stellungnahmen der I. G. Farben wurde nicht nur im Landwirtschaftsministerium sondern auch bei Gestapo und im Reichssicherheitshauptamt zur Grundlage des offiziellen Schulungsmaterials.
Erhard Bartsch, der Vorsitzende des Reichsverbandes für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, brach 1939 aus der von der Anthroposophenschaft peinlich beachteten Distanz zu den Staatsriten des Nationalsozialismus aus und brachte ein Hitlerfoto mit Bergen und Kindern auf der Titelseite der Zeitschrift Demeter. Zu Kriegsbeginn legte er ein Flugblatt für Führer und Vaterland bei (S. 280f). Daß Bartsch sich Wunschbildern und Illusionen über den Führer hingab, kann man daran sehen, daß er so naiv war, Hitler als Friedensprogramm Rudolf Steiners Soziale Dreigliederung nahezubringen (S.280). Immerhin fordert Steiner schlicht das Gegenteil der NS-Ziele: die radikale Kompetenzbeschränkung und die Entnationalisierung des Staates (siehe Anlage ). Bartsch wußte sicher nicht, daß Hitler Steiners Vorhaben schon 1923 im Völkischen Beobachter eine der jüdischen Methoden zur Zerstörung der gesunden Geistesverfassungen der Völker genannt hatte.
Himmlers Zugriff
Die größte Gefahr drohte dem Biologisch-dynamischen Landbau jedoch von einer anderen Seite. Schon 1939 hatten erstmalig SS-Ernährungs- und Landbauexperten an den quantitativen Leistungsuntersuchungen teilgenommen (S.271). Sie kamen zu dem Ergebnis, daß bei dieser Wirtschaftsweise nach der erfolgten Reinigung von übernatürlichen und magischen Zutaten außerordentlich wertvolle Erkenntnisse und Vorzöge sich ergeben. (S.284) Sowohl der Leiter des fachlich zuständigen SS-Wirtschaftshauptamtes wie Günter Pancke, der Leiter des SS-Rasse- und Siedlungshauptamtes, das die Planungen für die agrarische Ostkolonisation entwarf, bekamen Interesse am Biolandbau. Himmler selber war von Haus aus Diplom-Landwirt und hatte als junger Assistent in einem Stickstoffkonzern den Auftrag erhalten, Forschungsberichte zugunsten der Industrie zu frisieren (S.275). Das waren die Voraussetzungen dafür, daß der zielstrebigste Verfolger der Anthroposophie der verbesserten Landbauweise sympathisch gegenüber stand, soweit sie von der sektenartigen Religion gereinigt war (S.284). Er wollte sie seinen Zwecken dienstbar machen.
Damals waren die eigentlichen Düngetechniken des biodynamischen Landbaus noch geheim. Die entsprechende Literatur war aber durch Beschlagnahme im Besitz der Gestapo. Trotzdem brauchte die SS die anthroposophischen Fachleute. Der Leiter der genannten SS-Verwaltung für Siedlungsfragen, Pancke, hielt diese Wirtschaftsweise für die zukünftigen Wehrbauern und Bauern im Osten für die einzig richtige. Er forderte Bartsch im Januar 1940 auf, mit ihm zusammen die Lehrgänge für die Ostbesiedlung aufzubauen (S.282). Die SS-eigene Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung wurde angewiesen, im organisatorischen Zusammenhang mit dem KZ Dachau gärtnerische Versuchsreihen durchzuführen, für Auschwitz wurde Ähnliches zumindest erwogen.
Dem Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise war daran gelegen, daß diese Untersuchungen unter Mitwirkung einer Fachkraft aus ihren Kreisen stattfinden sollte. Man befürchtete sonst schlechte Ergebnisse. Damit wäre der Schutz vor den Attacken durch Reichsnährstand, Landwirtschaftsministerium, NS-Bauernschaft und Düngemittelindustrie verloren gegangen. Gleichzeitig schmeichelte die Rolle, die Pancke Bartsch und Freunden zugedacht hatte dem ohnehin nicht geringen Sendungsbewußtsein auf Gut Marienhöhe (S.281). Deshalb meldete sich der Gärtner des Heilkräutergartens des anthroposophischen Heilmittelproduzenten Weleda später freiwillig zur Durchführung der Versuche in Dachau - zum Entsetzen seines Freundes und Vorgesetzten, des Weleda-Chefs Fritz Götte.
Aber alles das schützte die Anthroposophen nicht. Im Frühjahr 1941 bereitete Himmler einen abschließenden Schlag gegen alle verbliebenen anthroposophischen Aktivitäten vor (S.302), wohl im Zusammenhang mit der Aktion gegen Wunderglauben und Astrologie als staatsfeindliche Propaganda, die Bormann unter Hess vorbereitete. Durch Hess Englandflug zusätzlich forciert, wurde diese Aktion durchgeführt. Himmler nahm sie zum Anlaß den Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise zu zerschlagen und dafür zu sorgen, daß Bartsch ins KZ kam (S.327-29). Aber entgegen dem Landwirtschaftsministerium, der NS-Bauernschaft usw. sorgte er dafür, daß die biologisch-dynamische Technik erlaubt blieb. Er wollte sie selber weiterführen.
Lippert
Als schwärzester Fleck dieses Kapitels galt der vormalige Heilpflanzengärtner der Weleda, Franz Lippert. Bis zu Werners Forschungen wußte man von Lippert, daß er aus eigenem Antrieb die Leitung der biologisch-dynamischen Versuchsarbeit in der Deutschen Versuchsanstalt (DVA) in Dachau übernommen hatte und später in die SS eingetreten war. Verdächtig mußte auch erscheinen, daß die Tochter Lipperts ihr Privatarchiv der Forschung nicht öffnen wollte. Erst ein Zeitungsartikel, der Lippert als Komplizen übelster Naziverbrecher schilderte, führte bei der Tochter Lipperts zu einer anderen Einstellung.
Nun stellte sich aufgrund von elf eidesstattlichen Erklärungen ehemaliger Häftlinge Erstaunliches heraus (S.330-334). Lippert war Beschützer und Lebensretter der ihm anvertrauten Häftlinge gewesen, hatte Post für sie geschmuggelt und sich offen als Hitlergegner zu erkennen gegeben. Als Lippert 1943 vor der Wahl stand, entweder eingezogen zu werden oder in die SS einzutreten, drängten ihn die Häftlinge zur SS-Mitgliedschaft. Lippert trat dann ein, weil ihm drei Bedingungen gewährt wurden: Er brauchte keinen Eid leisten, keine Uniform tragen und nicht militärischen Dienst leisten.
Else Klink - Eurythmie
Die anthroposophischste unter den Künsten , die Bewegungskunst Eurythmie, wurde am 6. März 1936 im ganzen Reich verboten (S.156). Bereits am 29. Juli wurde eine Wiederzulassung erreicht. Das ist vor allem das Werk von Else Klink. Sie war die damals führende Eurythmistin in Deutschland, die 1935 nach Deutschland zurückgekehrt war und trotz des Verbotes das Stuttgarter Eurythmeum erfolgreich aufgebaut hatte. Die mutige Frau aus Neu-Guinea schreibt:
Die Ironie des Geschicks wollte es, daß ich mit meinem unarischen Aussehen eigentlich eine nicht ganz legale Tochter eines deutschen Kolonialbeamten und einer melanesischen Mutter die ganze Eurythmie verteidigen mußte. Der Beamte versicherte mir ausdrücklich, daß auf mich die Rassegesetze und Bestimmungen nicht zuträfen, obwohl man mich leicht als Farbige, als Bastard, als lebensunwertes Leben, wie es damals hieß, hatte einstufen können. (S.157)
Sie verhandelte mit der Tanzkammer in der Reichskulturkammer, lehnte deren Umbenennungsvorschlag ab, erreichte, daß die Eurythmie offiziell bei der Tanzkammer registriert wurde, daß die Künstler offiziell registriert wurden und vor allem Pässe erhalten konnten. Weitermachen war möglich!
Die Künstler standen hinter Else Klink. Als in einer kritischen Situation 1940 anläßlich einer Aufführung in Berlin eine informelle Strategiekonferenz tagte, wurde vorgeschlagen, eine arische Verhandlungsführerin gegenüber der Reichskulturkammer zu benennen. Dieser Vorschlag wurde einhellig verworfen (S.292). Ende 1941 wurde dann das Eurythmeum endgültig dicht gemacht.
Gestapo-Aktion vom 9. Juni 1941
Das Pendeln zwischen Erlaubnis und Verbot kam am 9. Juni 1941 durch die langfristig geplante Aktion gegen Geheimlehren und Geheimwissenschaften seitens der Gestapo im wesentlichen zum Abschluß. Werner schildert umfangreich die verschiedenen Verhaftungsaktionen, bei denen verschiedentlich Bekannte in der Haft zusammentrafen, da die Aktion im gesamten Reichsgebiet möglichst zwischen 7 und 9 Uhr durchzuführen war.
Diesmal sollte auch die Christengemeinschaft, als Kirche bisher weniger verfolgt, beseitigt werden. Ein eindrucksvolles Bild des Lebens unter der Bedrohung und der Konsequenz, mit der ihr begegnet wurde, geben die Aufzeichnungen der jungen Priesterin Marie Reuter (S. 421f). Sie teilt dort mit, daß der Leiter der Christengemeinschaft, Emil Bock, die Unterbrechung der Arbeit sehr genau einschätzte: Unterbrechungen hat es in der Geschichte des Christentums immer wieder gegeben. Diesmal wird es 4 höchstens 4 1/2 Jahre dauern, dann fangen wir wieder an.
Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland e.V.
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