Rudolf Steiner und seine Gegner:
Hauer, Diederichs, Leese, Keyserlingk 1921


Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus«
erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart


Dreigliederung, Nr. 35, 2. Jg., 1921, 9. Woche

Rudolf Steiner und seine Gegner

Walter Johannes Stein

Das Studium der Gegnerschaft Rudolf Steiners liefert einen Einblick in die Kulturverhältnisse der Gegenwart. Die Gegner Steiners müssen in ihren Aussagen und Werken symptomatisch gewertet werden. Man kann die sonst in verborgenen Tiefen wirkenden Zeitströmungen durch sie an einem Punkte erfassen, wo sonst Verschleiertes sein wahres Wesen enthüllt. Dabei muß scharf ins Auge gefaßt werden, wer der ist, der etwas ausspricht. Dies tun diejenigen, die als Kämpfer für Rudolf Steiner eintreten. Die Gegner der Anthroposophie erklären das für eine unsachliche Kampfesweise. Sie ist es nicht. Wer in einer Diskussion nur recht behalten will, kann sich damit begnügen, über den Inhalt dessen zu sprechen, was vorgebracht wird und es widerlegen. Wer aber darauf ausgeht, die Wirklichkeit an ihren Symptomen offenbar zu machen, der muß darauf achten, wer etwas sagt. Von diesem Gesichtspunkt aus sind die Gegner Rudolf Steiners interessant. Es ist auch nicht gleichgültig, wie jemandes Lebenswandel beschaffen ist, der über dies oder jenes schöne Worte macht. Dies muß eingesehen werden. Unsere Zeitgenossen empfinden das aber als unsachlich. Sie sagen, man habe eine „persönliche” Kampfesweise. Schon dieses Argument ist ein bemerkenswertes Symptom der Zeit. Unsere Zeit neigt dazu, überall vom Menschen abzusehen. Man glaubt heute nicht an den Menschen. Man erwartet die Lösung sozialer Probleme von irgendwelchen Einrichtungen, man ist sich nicht genügend bewußt, daß der Mensch es ist, der die Einrichtungen schafft. Die materialistische Geschichtsauffassung sieht im Menschen ein Produkt äußerer Kräfte, sie zeigt symptomatisch, wie der Glaube an den Menschen verloren worden ist, wie man sich nicht bewußt ist, daß der Mensch es ist, der auch die Geschichte macht. Dieser Unglaube an den Menschen hat den Willen gelähmt.

Wissenschaftliche”

Man betrachtet z. B. als Volkswirtschafter statistisch oder mit sonstigen Methoden das Leben, aber man kommt nicht zum Eingreifen in die Wirklichkeit. Und man haßt diejenigen, welche eine Anthroposophie vertreten, das heißt eine Welt- und Lebensanschauung, die gestalten kann, weil sie den Menschen zum Ausgangspunkt nimmt. Auch die Naturwissenschaft will vom Menschen nichts wissen, betrachtet ihn nur als Anhängsel, als oberstes der Tiere. Im Weltbild der heutigen Naturanschauung hat der Mensch keinen Platz, und im sozialen Leben haben wir Einrichtungen, die den Menschen als Menschen herausgeworfen haben aus der sozialen Ordnung. Er kann sich in die bestehende Ordnung nirgends als Vollmensch einfügen, kapselt sich in ein Klassenbewußtsein ein oder fühlt sich als Unterdrückter in die Ecke geworfen.

Dies alles steckt hinter dem Glauben an abstrakte Wahrheiten, über die man reden könne unabhängig von dem sie aussprechenden Menschen. Es ist aber nicht gleichgültig, wer etwas sagt, und ein solcher Satz z. B. wie der von der Befreiung der kleinen Nationen hat seine besondere Bedeutung, wenn ihn der ausspricht, der, indem er ihn ausspricht, das Gegenteil will.

Unser Zeitalter muß nicht nur auf den Inhalt achten, sondern auf das Wollen, das einen Inhalt formt. Dieser Wille ist das Erste. Die Gegner Rudolf Steiners wollen nicht, was er will. Das ist der Ausgangspunkt. Was dann vorgebracht wird, ist Verbrämung. Es ist mühsam zusammengesucht aus allen möglichen Quellen. Man will widerlegen. Achtet man darauf, so kann man am Zusammenprall des Willens, der in der Anthroposophie waltet, mit den verschiedenen Nuancen des Gegenwollens erkennen, was heute in der Welt da ist an solchem Gegenwollen. Der wirkliche Wille ist in der Gegenwart gelähmt. Was als Parteien, als Sekten, Konfessionen auftritt, lebt davon, daß es sich gegenseitig bekämpft. Sein eigenes Wollen ist längst versiegt und zum Dogma geworden. Es ist ausgelaufen in Tradition. So lebt es vom Kampf. Anthroposophie hat nicht nötig, vom Kampf zu leben. Indem sie den Menschen in den Mittelpunkt stellt, zieht sie aus jetzt fließenden Quellen ihr Leben, fern von aller Tradition. Der Inhalt der anthroposophischen Lehre ist untrennbar vom Menschen. Er ist ein erlebter Inhalt.

Bekenntnisreligionen

Diejenigen, welche die Vertreter von Bekenntnissen sind, deren Quellen schon vor Jahrhunderten versiegt sind, hassen die Anthroposophie, weil sie kein bloß Traditionelles ist wie die Bekenntnisse es sind. Die Vertreter dieser Bekenntnisse behaupten zwar auch, ein Erleben zu haben, aber dieses Erleben liefert ihnen nicht den Inhalt ihrer Lehre. Diesen holen sie aus den überlieferten Schriften, und nur das Gefühl, in das sie das Überlieferte betten, ist erlebt. Daraus entspringt ihre Kampfweise. Sie suchen die Welt irrezuführen in bezug auf den wahren Charakter der Anthroposophie. Sie stellen diese so dar (wider oder ohne besseres Wissen, als wäre Anthroposophie aufgewärmte alte indische Theosophie, das heißt auch nur ein Traditionelles. Das ist ihnen zur Technik geworden. Man schreibt Bücher über Theosophie, Okkultismus, Spiritismus, über alles Mögliche, womit Anthroposophie nichts zu tun hat, und erwähnt sie dann zwischen durch, um so den falschen Glauben zu erwecken, sie sei auch nichts Anderes.

Die Bekenntnisreligionen haben abgewirtschaftet. Eine neue Grundlage der Religion zu suchen, sind ihre Vertreter zu schwach. Sie sind zu gelähmt dazu in ihrem Wollen. So sehen sie in der Anthroposophie eine feindliche Macht, die bekämpft werden muß, weil sie offenbar macht den Unterschied eines lebenden und eines toten Christentums. Diese Einstellung hat sowohl der Katholizismus als auch der Protestantismus zur Anthroposophie. Der Unterschied zwischen beiden liegt nur darin, daß die z. B. jesuitischen Gegner vor allem betonen, daß Anthroposophie dem Kirchenglauben widerspricht, während die Protestanten, die ihrer Gläubigen nicht so sicher sind, mehr geltend machen, was auf das Gemüt wirken soll, und vom „schlichten Kinderglauben” sprechen. Die katholische Kirche bekämpft am meisten, was mit ihr übereinstimmt, wenn es nicht gerade aus ihrem eigenen Schoß kommt, und daher sind ihr solche Dinge am peinlichsten wie das, was Rudolf Steiner S. 23 f. seines Vortrags „Die Wahrheit über die Anthroposophie und deren Verteidigung gegen die Unwahrheit”, Dornach, 5. Juni 1920, ausführte. [Abgedruckt als Teil 1 der Schrift: „Die Hetze gegen das Goetheanum”. Der Kommende Tag A.-G. Verlag, Stuttgart.] Da zeigte Steiner, daß er die Inhalte seiner Lehre durch eine Forschungsmethode ergreife, die eine der Gegenwart ebenso gemäße Methode ist, das Übersinnliche zu erforschen, wie die des Jo hannes vom Kreuz oder des Thomas von Aquin – das heißt der allerrechtgläubigsten katholischen Theologen, für ihre Zeit war. Steiner zeigte in diesem Vortrag, daß die Einwände die von katholischer Seite gegen seine Methode gemacht werden, auch für Thomas von Aquin oder Johannes vom Kreuz gelten würden.

Die protestantischen Theologen ärgert am meisten der Anspruch der Anthroposophie, Wissenschaft zu sein. Der Protestantismus ist ja historisch dadurch geworden, daß man nicht mehr bloß auf Autorität hin die Glaubensdinge annehmen, sondern selbst denken wollte. Dieses selbst Denken hat aber dazu geführt, alles was den Christus betrifft, überhaupt in Frage zu stellen. Dafür ist z. B. symptomatisch, was
Kurt Leese, Lic. theol. Pfarrer, auf S. 189 seines Buches „Moderne Theosophie — ein Beitrag zum Verständnis der geistigen Strömungen der Gegenwart” über das Wesen des Christentums sagt: ,,Das Wesen des Christentums ist die in ihrer Formulierung schwankende, letztlich in der Uneinheitlichkeit des neuen Testamentes selbst begründete Auslese, die unter dem mitwirkenden Einfluß des jeweiligen Kultursystems von denjenigen getroffen wird, die in ihrer Weltanschauung und Lebensführung den bewußten Willen haben, den Zusammenhang mit der Christusverkündigung des Neuen Testamentes aufrecht, bzw. nicht aufrecht zu erhalten” Und nun, nachdem man so eigentlich das Christentum innerhalb des Protestantismus eingebüßt hat, kommt die Anthroposophie und will eine Wissenschaft sein, die nicht das Neue Testament entwurzelt, wie die protestantische Theologie-Wissenschaft, sondern neu begründet. Man müßte umlernen oder den Brotberuf niederlegen. Beides ist zu unbequem, also bekämpft man die Anthroposophie. Man will die „Gläubigen” nur ja nicht merken lassen, daß inzwischen, daß man selber abgewirtschaftet hat, ein lebendiges Christentum da ist.

Völkische Gegner

Nicht nur Kurt Leeses Buch, sondern alle Bücher gegen die Anthroposophie könnten den Untertitel tragen: „Ein Beitrag zum Verständnis der geistigen Strömungen der Gegenwart”. Jede charakterisiert sich selbst, wenn sie sich mit der Anthroposophie auseinandersetzt. So z. B. Dr. J. W. Hauer in einem Artikel „Die Anthroposophie als Weg zum Geist” (in Heft 11 der Monatsschrift »Die Tat«, Februar 1921), S. 810 f. Er zitiert dort einen Satz, der sich auf S. 186 der 1. Aufl. von Steiners „Philosophie der Freiheit” findet. Steiner sagt dort, die Ethik des Monismus charakterisierend, der Monismus könne keinen fortdauernden übernatürlichen Einfluß auf das sittliche Leben zulassen. Hauer gibt dies wieder, indem er sagt: „Einen übernatürlichen Einfluß auf die Entwicklung des sittlichen Lebens gibt es nach der Anschauung des Monismus — und zu ihm bekennt sich Dr. Steiner in dem Buche – nicht.” Die Logik, die Hauer hier anwendet, ist die folgende: Wenn ich sage: ich lasse nicht zu, daß mir jemand auf den Fuß tritt, so bedeutet das, ich habe behauptet, es sei mir niemand auf den Fuß getreten. „Übernatürlichen Einfluß nicht zulassen”, setzt Hauer gleich: „Übernatürlichen Einfluß gibt es nicht”. Darauf beruht aber dann die ganze weitere Schlußfolgerung dieses „gewichtigsten Beweises”, wie Hauer ihn S. 880 a. a. O. nennt. Herrn Dr. Hauer charakterisiert noch eine Tatsache, die er selbst geschaffen hat. S.807 a.a.O. hatte er einen Satz Haeckels als Satz Steiners zitiert. In einem Gegenartikel im selben Heft habe ich dies konstatiert a.a.O. S.831. Hauer schrieb darauf im selben Heft S. 879 eine Entgegnung „Zur Richtigstellung”, in dieser passiert ihm sofort dasselbe noch einmal (!), und er zitiert einen Satz Steiners als meinen. Es ist der Satz: „Der Dualist trennt die Summe alles Seins in zwei Gebiete.” Vergl. a. a. O. 825, wo ich den Satz mitten in einem 15 Zeilen langen Zitat bringe.

Das ist ein svmptomatisches Beispiel für die Logik und Genauigkeit eines modernen Wissenschafters. Von dieser Seite her (ich meine nicht Dr. Hauer, sondern die ganze Gruppe, für die er symptomatisch ist) haßt man die Anthroposophie, weil sie offenbar macht, wie unser Wissenschaftsgeist beschaffen ist. Von seiten der „Literatur” aber hat man eine besondere Taktik.
Graf Keyserlingk z. B. tadelt zwischen Lob eingestreut, um damit den Schein der Objektivität zu erzielen, übrigens ein ähnliches Verfahren, wie das des Verlags Diederichs, der mir für meinen Artikel im „Tat”-Heft soviel Seiten weniger anbot, als Herr Dr. Hauer die ihm vom Verlag ursprünglich zugebilligte Seitenzahl mit seinem Artikel überschritten hatte, außerdem aber dann noch jene Berichtigung einfügen konnte, die ich nicht zu sehen bekam, ehe das Heft gedruckt war. So war also die Aufmachung so gemacht, daß der Schein der Objektivität angestrebt wurde, indem es z. B. auf der Bauchbinde des Heftes heißt: „Für oder wider Rudolf Steiner”. Tatsächlich aber ist keine Rede von Unparteilichkeit. Zwar klagt Herr Diederichs S. 878 a.a.O.: „Ich muß gestehen, es ist mir trotz allen Bemühens nicht so recht gelungen, die Jünger Steiners zu einer stärkeren Mitarbeiterschaft heranzuziehen”, hat aber ganz kaltblütig einen Artikel von Herbert Hahn, der ihm gleichzeitig mit dem in das Heft aufgenommenen Artikel von Walter Kühne zuging, mit der Begründung, er sei zu lang und er habe keinen Platz mehr, zurückgeschickt. [Er hatte nur mehr Platz für ein so kurzes Elaborat, wie es Herrn Dr. Hauers Berichtigung war.]

Daher schreibt Herr Diederichs S. 878: „Als Herausgeber fühle ich die Pflicht, ganz unparteiisch zu sein.” Schade nur, daß er dies Gefühl nicht in die Lebenspraxis umsetzt. — Dies kann als symptomatisch für die „Literaturgegner” gelten. Sie sind der Anthroposophie feind, weil sie das Geredete oder Geschriebene oder Gedruckte in die Lebenswirklichkeit umsetzen will. Das paßt vielen nicht. So schreibt z. B.
Lic. Wilhelm Bruhn, Privatdozent und Studienrat in Kiel im 775. Band der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt” unter dem Titel „Theosophie und Anthroposophie” auf S. 99, nachdem er geschildert hat, was der „Theosoph” alles tut, „schon das alles zieht die heilige Unberührtheit des Ewigen verhängnisvoll in die Niederungen des Irdisch-Sinnlichen herab und bringt dadurch den sittlichen Aufschwung des Menschen um seine beste Triebkraft ...”

Die Anthroposophie, und damit auch die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus hat aber auch noch andere Gegner. Für diese Gruppe ist es symptomatisch, was z. B.
Professor W. Rein in Jena schreibt. Er hält die Idee der Dreigliederung für eine solche, die die Welt nicht umgestalten kann, weil sie zu jenen Ideen gehört, bei denen „der Begriff der Menschheit eine ausschlaggebende Rolle spielt. Davon wollen wir Deutschen heute nichts hören.” (Der »Tag«, Ausg. A. v. 12. Jan. 1921, Berlin, Nr. 9.)

Deutscher sein und Mensch sein schließen sich in der Anthroposophie nicht aus

Alle jene, welche durch irgendein Vorurteil meinen, wer Menschheitsziele verfolgt, müsse darum sein Volkstum vergessen haben, werfen Rudolf Steiner vor er sei nicht „deutsch”, und doch braucht man nur sein Buch „Vom Menschenrätsel” zu lesen, oder das Buch „Gedanken während der Zeit des Krieges für Deutsche und diejenigen, die nicht glauben, sie hassen zu müssen”, um ihn in diesem Punkt richtig zu beurteilen. Gegner dieser Art sehen nicht oder wollen nicht sehen, wie ihnen ihr eigenes Wesen Steiners umfassenderes Wesen verdeckt. Man kann Deutscher sein und Mensch sein, das eine schließt das andere ein, oder kann es wenigstens einschließen. Anthroposophie ist eine Menschheitsbewegung, geboren aus deutschem Geiste. —

Wer sind ihre Gegner? Diejenigen sind Rudolf Steiners Gegner, die befangen sind in ihrem eigenen Wesen, in alten Traditionen, oder aber auch angefressen von der Dekadenz einer überreif gewordenen Zivilisation, ihr reines Menschentum nicht mehr voll bewahren konnten. Unsere Zeit wird am Spiegel der Anthroposophie ihr eigenes Wesen kennen lernen müssen und wissen müssen, daß wer Anthroposophie angreift, sich selbst offenbart.


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