Der Fall Seiling und der Fall Ruth 1919


Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus«. Die Zeitschrift erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart.

Dreigliederung, Nr. 14, 1. Jg., Oktober 1919


Der Fall Seiling

Ernst Uehli

[...]

Max Seiling wollte um jeden Preis seine Apostatengeschichte an den Mann bringen und so gab er ihr den Titel: »Die Anthroposophische Bewegung und ihr Prophet«.

Seiling war viele Jahre lang Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Als Schriftsteller nahm er sich vor, für die Lehre Steiners öffentlich einzutreten. In
sein Wagnerbuch nahm er einige theosophische Lehren Steiners auf. Er verfaßte eine Schrift »Theosophie und Christentum«. Der Titel dieser Schrift gibt Auskunft, welche Wege Seiling ging. Die Theosophie in dieser Schrift stammte von Steiner, das Christentum von ihm selber. Später (1911) gab Steiner eine Schrift heraus »Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit«. Sie zeigte, als Resultat geisteswissenschaftlicher Forschung, die Christus-Wesenheit in einer Weltentwicklungs-Perspektive. Ohne Dogma, der Selbsterziehung des Denkens freigestellt wurde die geistige Führung des Menschen und der Menschheit in Zusammenhang mit dieser Welt-Wesenheit dargestellt. Seiling delektierte sich an dieser Schrift und verfaßte nun, was er seine Christusschrift nannte: »Wer war Christus?« Was wunders, mag er sich gesagt haben, wird die Welt staunen, wenn ein Hofrat (damals war er es noch) der Welt verkündigt »Wer war Christus?« Was er darin vorbrachte, stammte samt und sonders aus der Schrift Steiners. Seiling machte sich keines eigenen Gedankens schuldig. Von ihm sollte die Welt erfahren »Wer war Christus?« Damals stand er auf dem Höhepunkt seiner eitlen Verliebtheit in das, was ihm als Ideal vorschwebte. Er legte diese Schrift dem eigentlichen originalen Verfasser Rudolf Steiner vor. Seiling bekam die Antwort: »Sie stellen mich in Ihrer Schrift als einen Stümper hin.« Jeder, wer den Zusammenhang ein wenig kennt, wird diese Antwort als die einzig mögliche verstehen, Seiling verstand sie auch und der Apostat war fertig.

Auf Seite 6 seiner Apostatengeschichte sagt Seiling, Steiner habe sich in der Schrift »Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit« so kurz und ungeschickt gefaßt, daß man es dem Leser nicht verübeln könne, wenn er über die in dieser neuen Lehre gegebene Zumutung empört sei. Er habe also versucht, im Sinne Steiners die Fragen, die sich an diesen ungeheuerlich erscheinende Lehre anknüpfen lassen, in seiner Schrift zu beantworten. Worum handelt es sich also? Seiling begriff nichts von der Schrift Steiners und weil er nichts begriff, schrieb er eine Schrift zur öffentlichen Aufklärung über das, was er nicht begriffen hat. Diesem Dokument gibt er dann die Überschrift »Wer war Christus?« Zuvor will er sich aber noch der Bewunderung Steiners versichern. Er erreicht begreiflicherweise das Gewünschte nicht und wird haßerfüllter Apostat.

In einem Aufsatz in den
»Psychischen Studien« hatte Seiling erklärt, die Lehre Steiners sei gut. (Hat er doch mit Hilfe dieser Lehre drei Schriften verfaßt). Den Menschen Steiner verabscheut er von einem gewissen Zeitpunkt an als Missetäter. Ein Missetäter kann also nach Seilings Meinung eine gute Lehre schaffen, die sich zum Bücherschreiben eignet. Seiling nahm die gute Lehre, die er selbst vertrat, von einem Missetäter an. Diese Logik, auf Seiling selber angewandt, bedeutet dann etwa: die Apostatengeschichte, genannt »Die anthroposophische Bewegung und ihr Prophet« ist von Anfang bis zum Ende voll Schuftigkeit, Unwahrheit und Perfidie, geschrieben aber hat sie ein guter Christ. In der Hinsicht, wie Seiling sein Christentum an den Mann bringen will, ist diese Apostatenschrift ein Unikum, ein Dokument einer in Hass verkehrten, enttäuschten eitlen Verliebtheit.

Hätte dieser lorbeerhungrige Hofrat eines Tages in der Anthroposophischen Gesellschaft erklärt, ich mag euch alle miteinander nicht, ihr anerkennt meine Christusschrift nicht, ihr anerkennt mich überhaupt nicht, wie es mein Bedürfnis ist, ich pfeife auf euch alle und auf eure Weltanschauung [...] : Alle Achtung! hätte man sagen müssen, alle Achtung vor diesem Hofrat, wenigstens ist er ehrlich. Statt dessen erhebt dieser Pygmäe an Geist, an Charakter, an Mannhaftigkeit [...] gegenüber Steiner die Anklage schwarzer Magie. Dazu dient ihm der Fall Ruth.

Um diesen Fall ins rechte Licht zu rücken, müßte man ihn aktenmäßig darstellen. Hier muß ein Querschnitt genügen. Diese Dame Ruth beschuldigte in einem Aufsatz in den
»Psychischen Studien« »Die Anthroposophie – sexuelle Magie« Steiner der sexuellen Magie. Seiling gesteht selbst, daß für Fernstehende diese Anklage nicht sehr beweiskräftig sei. Die Schreiberin sei vor und nach der Niederschrift des Artikels in einer Nervenheilanstalt gewesen, während sie zur Zeit der Niederschrift an der Berliner Universität Chemie studiert habe und schon deshalb in einem verhältnismäßig normalen Zustand gewesen sein müsse. Nach dieser rindsledernen Logik wäre also derjenige, der in Berlin Chemie studiert sicher in einem verhältnismäßig normalen Zustand. Man lasse also alle Verrückten in Berlin Chemie studieren, damit sie verhältnismäßig normal werden.

Ruth war zuerst in einer Nervenheilanstalt. Der behandelnde Arzt diagnostizierte bei ihr Symptome von »dementia praecox«. Dann kam Ruth in eine Irrenanstalt, aus der sie nach längerem Aufenthalt vorläufig probeweise entlassen wurde. Nicht Nahestehende wie Seiling, sondern gerade Fernstehende, werden beurteilen können, was das heißt, wenn die genannte Ruth aus einem Händedruck oder der bloßen Anwesenheit Steiners im gleichen Raum Versuchungen und unsichtbare Eingriffe verspürt oder wenn Frau Steiner mit Ruth ein Stück Schokolade teilt, diese darin ein Mittel erblickt, ihr Blut zu gewissen Experimenten zu verdicken. Diese sehr wenig normalen Albernheiten wird jeder Fernstehende als ein für dieses Mal richtigen Fall für Sigmund Freud ansehen müssen ...

Die Schilderungen elementarer Leidenschaftsausbrüche, und was sonst zu einem solchen Krankheitsbild gehört, zu geben, muß einer aktenmäßigen Darstellung des Falles Ruth überlassen bleiben. Gegenüber der Betroffenen selber kann man nur aufrichtiges Mitleid empfinden, hieraus war auch, wie Seiling wohl wußte, das Verhalten Herrn und Frau Steiners Ruth gegenüber bestimmt. Wie Seiling den Fall verwendet, das kennzeichnet ihn und bestimmt »seinen Charakter in der Geschichte«, das gibt den Maßstab und das Niveau ab zu seinem Apostatenbericht.

Von Seilings Schrift ging auch wesentlich die Fama aus, Steiner sei Jude, obwohl er wissen mußte, daß es eine Unwahrheit ist. Was mag Seiling verbrochen haben, daß er, wenn er einen Menschen haßt, ihn zum Juden stempelt? Hätte Seiling seine Christusschrift mit eigenen Gedanken und aus seinem Geist heraus, statt mit fremden Gedanken verfaßt, dann wäre sie gewiss kürzer und klarer geworden, Sie hätte dann rundweg gelautet: »Wer war Christus? Christus war ein Jude«.

Nicht um die Leser mit einem Apostaten der Anthroposophischen Gesellschaft bekannt zu machen, fand der Fall Seiling eine Darstellung, sondern um den Leser die Quelle zu zeigen, aus der die Wahlverwandtschaft Seilings schöpft. Er und seine Helfershelfer praktizieren seiner Schrift mit Vorliebe durch Hintertüren dahin, wohin sie sie haben möchten. Seit Steiner mit den »Kernpunkten der sozialen Frage« und mit Vorträgen über die Losung dieser Frage die Öffentlichkeit beschäftigt, wird diese Schrift Seilings öfter aufgegriffen und zur Gegnerschaft benutzt. Den Gehalt dieser Schrift und den Mann, der sie geschrieben hat, den Lesern der Dreigliederung selber vorzuführen, scheint daher gerechtfertigt, und notwendig zu sein. Am meisten wurde bisher die Seilingsche Schrift durch den Leuchtturm von Lorch ausgeschlachtet. Hier ist die Wahlverwandtschaft besonders stark. Trägt doch der Leuchtturm die Devise einer lebensbejahenden, gottgläubigen und gottfrohen Weltanschauung an der schamlosen Stirn.

Seiling legt am Schlusse seiner Schrift mit großer Befriedigung das Bekenntnis ab, daß er in den Schoß der katholischen Kirche zurückgekehrt sei. Kein vernünftiger Mensch wird etwas dagegen einzuwenden haben. Interessiert es aber die Öffentlichkeit, Privatangelegenheiten eines ehemaligen Hofrates zu erfahren? Seiling aber hat es eilig, nachdem er sich am Falle Ruth delektiert hat, öffentlich seine Verliebtheit in ein neues Ideal bekanntzugeben, bei dem er auf seine Rechnung gekommen zu sein scheint. Denn die katholische Kirche macht es ihm leichter als die anthroposophische Weltanschauung, sie öffnet ihm bereitwillig das Tor und sagt: Tritt ein mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.


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