> themen > rassismusdebatte > nationalsozialistische gegner der anthroposophie

Antisemitische Gegner der Anthroposophie Anthroposophie als »jüdische Lehre«


Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus« erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart

Dreigliederung, Nr. 34, 2. Jg. 1921, 8. Woche

Gegen die Anthroposophie ist jedes Mittel recht.

Eugen Kolisko

[Eugen Kolisko gehörte zu den Schülern Rudolf Steiners und setzte sich gegen antisemitische Angriffe zur Wehr]

Den Lesern dieses Blattes wird noch erinnerlich sein, in welcher Weise ein Teil der Studentenschaft der Universität Göttingen im Juli 1920 die beiden Redner Dr. W. J. Stein und Dr. E Kolisko, die in zwei Vorträgen die Anthroposophie gegen die Angriffe des dortigen Universitätsprofessors Fuchs zu verteidigen sich gedrängt sahen, durch Lärmen und Tumult in der Diskussion nicht zu Worte kommen ließ.


Am 31. Januar d. J. sprach ich in Göttingen über das Thema: »Die Neugestaltung der Naturwissenschaft durch Anthroposophie«. Die freie Aussprache wurde nach dem Vortrage, der vor einem Publikum. gehalten war, das zum großen Teile aus Studenten bestand, in sachlicher Weise von verschiedenen Diskussionsrednern, zunächst von Professor Ehrenberg eingeleitet. Diese Redner brachten zahlreiche Einwände gegen die Einzelheiten des Vortrages vor. Ich wollte zu den Einwänden jedes Einzelnen mich äußern, um eine gründliche Auseinandersetzung zu ermöglichen, wurde jedoch von der Versammlung daran verhindert und auf das Schlußwort verwiesen.

Unter den Rednern trat dann Herr Fr. K. Roedemeyer auf. Er erklärte, daß man allen Grund hätte, gegen Steiner mißtrauisch zu sein, da in den beiden Büchern der Frau Elisabeth Mathilde Metzdorf-Teschner und in der Zeitschrift »Der Leuchtturm«, herausgegeben von K. Rohm in Lorch, gegen ihn die Beschuldigung erhoben sei, daß er die Idee der Dreigliederung der Frau Metzdorf-Teschner gestohlen habe. Die drei Schriften zeigte er dem Publikum vor. Besonders wies er auf eine angebliche Äußerung des Münchener Kriegsministeriums hin, die in dem Buche angeführt sei und beweisen sollte, daß schon am 16. Januar 1918 ein Vortrag der Frau Metzdorf-Teschner über ihre "morphologische Dreigliederung" genehmigt worden sei.

Ich erklärte im Schlußworte, währenddessen ein Teil des studentischen Publikums lärmend den Saal verließ, nachdem es vorher mein Zu-Worte-kommen nach jedem einzelnen Redner verhindert hatte, daß die Schrift der Frau Metzdorf-Teschner für jeden Unbefangenen als das Machwerk einer Wahnsinnigen zu erkennen und daß die Zeitschrift »Der Leuchtturm« ein Schmutzblatt sei, auf das niemand sich berufen kann, der weiß, was ein anständiges Buch ist.

Nichtsdestoweniger erschien am 3. Februar im »Göttinger Tageblatt« ein Referat über diesen Vortrag, das neuerdings das Buch der Frau Teschner den Lesern empfiehlt; es wird dort auch behauptet, Dr. Kolisko sei den Beweis dafür schuldig geblieben, daß diese Frau wahnsinnig sei, und habe sich begnügt, sie zu diskreditieren, ferner daß der »Leuchtturm« Worte Lagardes und Körners als Leitmotive enthalte und »im Sinne dieser Männer« geschrieben sei. Außerdem erschienen in den nächsten Tagen Äußerungen von antisemitischer Seite in demselben Blatte, wo unter anderem gesagt wurde, es wäre interessant, woher das Geld zu den anthroposophischen Hochschulkursen käme. Wenn man Namen wie Kolisko und Steiner lese, könne man sich schon denken, was für Leute dahinter stünden. Es charakterisiert dies die Art, wie in Göttingen gegen die Anthroposophie gearbeitet wird.

Geradezu eine Schamlosigkeit bedeutet das Vorgehen in bezug auf das Buch der Frau Metzdorf-Teschner [--> Steiner über Metzdorf-Teschner]. Dasselbe führt den Titel: »3:5, 5:8 = 21:34. Das Geheimnis, die Schuldenlasten in absehbarer Zeit tilgen zu können.« Wir führen nur einige Stellen daraus an (genau wörtlich zitiert). Z. B. S. 11: »Der II. Teil des Werkes schafft den Beweis, daß das Brodeln und Kochen der Geister einen Entwicklungsprozeß unserer menschlichen Gehirnzellen darstellt, der aus dem 6. Abschnitt der Stufenleiter der Seele ohne soziale Denkatome, der sich einen Zweimachtstaat schuf, sich zu einem neuen 8. unermeßbar schönen, harmonischen Abschnitt, infolge ausgereifter sozialer Denkherde entwickeIn will« usw.

Oder: »Die Konflikte der Streitenden löst nur die Einheitskonfession. Zu ihr reichen sich Monarchie und Republik, Pazifist und Antisemit, Kommunist und Semit und deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund die Hände unter Tränen lächelnd, gebeugt über die Stufenleiter der Seelenlehre. Gemeinsam haben sie die Hindernisse von 6:8 zu überwinden.«

Die Stelle über das Kriegsministerium, die von Roedemeyer angeführt wurde, lautet: »Das Presseamt des Kriegsministeriums in München kennt Tag und Jahreszahl, nach welcher die Geburtsstunde der morphologischen Dreigliederung 1917 (also vor Steiners Kernpunkt der sozialen Frage) ist, durch ein tief ins Frauenleben einschneidendes Ereignis. Die Wissenschaft kann sich also auf Geschichtsdaten verlassen. Schon am 16. Januar 1918 genehmigte das Pressereferat den Vortrag darüber, der den Anthroposophen am 20. April anvertraut wurde und erst am 11. Mai zurückerstattet wurde.«

Es ist natürlich unerfindlich wie das Presseamt »durch ein tief ins Frauenleben einschneidendes Ereignis« die Geburtsstunde der morphologischen Dreigliederung der Frau Teschner wissen soll. Und was hätte die Anthroposophie für die Dreigliederung aus dem hellen Wahnsinn gewinnen sollen, der in dem unsinnigen Buche steht, wenn schon wirklich ein Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft das Manuskript von Frau Metzdorf-Teschner vier Wochen in der Hand gehabt hat? Es handelt sich natürlich nur darum, den Hörern und Lesern durch das Wort »Kriegsministerium« zu imponieren.

Es liegt also die Tatsache vor, daß Herr Roedemeyer sowie der Schreiber der Berichte im »Göttinger Tageblatt« (mit K. gezeichnet) entweder die Schrift nicht gelesen hatten, dann sind sie gewissenlos und leichtsinnig; denn solche Vorwürfe bringt man nur öffentlich vor wenn man sich von dem Wert der Quellen überzeugt hat, oder sie erkannten trotz Lesens den Wahnsinn nicht, dann sind sie unfähig, oder was das Wahrscheinlichste ist, sie wissen das alles und bringen doch diese Vorwürfe vor, weil ihnen gegen die Anthroposophie jedes Mittel recht ist, dann sind sie bewußte, freche Verleumder.

Es ist eine Kulturschande, daß solche Menschen ins heutige öffentliche Leben hereinwirken können. Auch muß es einmal ausgesprochen werden: Derjenige, der sich auf irgend etwas beruft, das in der Zeitschrift »Leuchtturm« gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophie vorgebracht wird, der ist ein in moralisch minderwertiger Mensch; denn die Qualität dieses Blattes kann jeder erkennen, der es einmal in die Hand genommen hat.

Der Kampf gegen die Anthroposophie nimmt in der letzten Zeit Formen an, die wegen ihrer Niedrigkeit und Verworfenheit ein furchtbares Licht auf unser dekadentes öffentliches Leben werfen. Bücher von Wahnsinnigen unter entsprechender Aufmachung gegen eine Sache, die man tot machen will, auszubeuten, frei erfundene Lügen zu Dutzenden zu verbreiten (vgl. die Schrift: »Die Hetze gegen das Goetheanum«, Verlag des Goetheanum, Dornach), die Anthroposophie bewußt mit allem Möglichen zusammenzuwerfen, um sie dann desto besser angreifen zu können, das sind die Methoden vieler Gegner.

Die Anthroposophie muß es zu ihrer Aufgabe machen, auf diese Vorgänge nicht bloß vom Standpunkte der Gegnerschaft hinzuweisen, sondern vor allem der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen über die moralische und intellektuelle Qualität vieler, die im heutigen öffentlichen Leben stehen.


Zurück