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H.I. Oberdörffer –
Die Anthroposophie als unarische Weltanschauung


Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus« erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart

Dreigliederung, Nr. 22, 2. Jg. 1920, 48. Woche

Ein Vermaterialisierungsphänomen.

Friedrich Doldinger

Am 12. und 14. November hielt in Freiburg i. Br. zur Verbreitung seiner Arierblut-Theorie Herr Dr. med. H. I. Oberdörffer [-->] Vorträge über »Der Kampf um die Weltanschauungen«. Er griff im ersten Vortrage die Anthroposophie in der Weise an, daß er sie in mehrfach wiederholter Zusammenstellung mit Spiritismus und Theosophie als eine derjenigen Bewegungen bezeichnete, die sich den Menschen aufdrängen durch autoritativ vorgetragene dogmatische Lehren, ohne einen klaren Weg zu weisen. Anthroposophie sei das unarische Bestreben, Kenntnis anders zu erhalten als durch innere Vervollkommnung. Dr. Steiner nenne sie hochtrabend Geisteswissenschaft, sie sei aber nichts als eine vermaterialisierte Form eines Weges zu höherem Wissen. Geistige Wesenheiten gäbe es nicht, sondern nur eine einzige Welt, und um diese zu erkennen, nur einen Weg: Vervollkommnung und chemische Verfeinerung des Körpers.

Diesen Weg zu gehen sei die arische Rasse berufen, die das reinste Blut habe. Anthroposophie sei eine Albernheit. Die »Halluzinationen und Visionen der Anthroposophen« von geistigen Welten seien die nach außen projizierten eigenen Gedanken, welche durch Reizwirkungen eines durch falsche Lebensführung verunreinigten Blutes ausgelöst würden. Die Anthroposophen würden bewußt solche Halluzinationen betreiben. Ihr Hellsehen sei ein Träumen, das aus dem Darm und den Sexualorganen stamme.

Was ein schöner und vollkommener Körper sei, demonstrierte der Redner, indem er an seinem eigenen Gesicht und Gliedmaßenbau die Maße des goldenen Schnittes aufzeigte. Einen schönen Menschen dächten wir blondhaarig. Redner selbst ist blond. Am Schlusse des II. Vortrages wurde er deutlicher, indem er sich selbst als das lebendige Beispiel der von ihm gemeinten Wiedergeburt und Verjüngung hinstellte. (Vergl. hiezu die Zeitgeist-Schilderung des Jesuitenpaters Lippert. Jesuitica II. in Nr. 42, April 1920.)

Als nach Schluß des ersten Vortrags ein Vertreter der anthroposophischen Weltanschauung von dem angekündigten Rechte, Fragen zu stellen, Gebrauch machte und Herrn Dr. med. Oberdörffer nach kurzer Klarstellung des wahren Tatbestandes fragte, auf Grund welcher Studien er zu seinen Aussagen komme, behauptete er, Anthroposophie durch langjährige Beschäftigung mit ihr und durch frühere persönliche Bekanntschaft mit Steiner genau zu kennen. Dr. Rudolf Steiner aus Galizien oder einem anderen finstern Platz sei unarischen Blutes und könne deshalb nur Getrübtes vorbringen. Weiteren Erörterungen entzog sich Dr. Oberdörffer, indem er sich hinter der Feststellung, daß er Psychiater sei, verschanzte und die Versammlung schloß. Es soll nicht verkannt sein, daß Dr. Oberdörffer mit dieser Verhaltungsweise im »Kampf um die Weltanschauungen«, mit der Berufung auf seine eigene Gründlichkeit und Autorität zur Bekräftigung der Objektivität des vorgebrachten Unsinns allerdings ein psychiatrisches Phänomen mit drastischer Lebendigkeit illustriert.

Versuche, Herrn Dr. Oberdörffer zu bewegen, einem Vertreter der in so unglaublich gewissenloser Weise angegriffenen Anthroposophie Gelegenheit zur Verteidigung zu geben, schlugen fehl. Im persönlichen Gespräch vor Beginn des II. Vortrages bekannte er, Rudolf Steiner seine Abwendung von atheistischer Weltanschauung zu verdanken. Er habe lange Zeit hindurch Meditationen gemacht, aber an sich erfahren, daß er ins Ungesunde komme. Hingewiesen darauf, daß er während des Vortrages diese seine Erfahrung in die Anthroposophie hineinprojiziert, die Tatsachen entstellt und Rudolf Steiner persönlich verunglimpft habe ... antwortete Dr. Oberdörffer, er habe Grund, persönlich zu sein. Dr. med. Oberdörffer leitet aus persönlicher Verärgerung also die Berechtigung her, gewissenlos sein zu dürfen und das, was er an sich selbst an Ungünstigem erfahren, der Anthroposophie anzuhängen.

Im II. Vortrag stellte Dr.Oberdörffer zunächst fest, daß er zu den Ariern auch die Semiten rechne. Dann trug er autoritativ über okkulte Symbolik usw. mehreres vor und behauptete schließlich, man hätte ihm das letztemal seine Darstellung, daß die Visionen aus den Sexualorganen stammten, übel genommen. Da keine andere Möglichkeit der Berichtigung blieb, wurde er hier durch Zwischenruf unterbrochen; denn Dr. Oberdörffer hatte behauptet, Anthroposophie stamme daher, gegen diese Behauptung war von anthroposophischer Seite opponiert worden. Dr. Oberdörffer wollte also die Tatsachen so verdrehen, daß es aussehen sollte, als ob die Opposition selbst aus jenen bezeichneten Kräften stamme, während gerade darauf hingewiesen worden war, daß Anthroposophie nichts damit zu tun hat.

Eine Reihe von Fragen, die zum Schluß von den Zuhörern schriftlich gestellt werden konnten, z. B.: "Wie kommen Sie dazu, da Sie gegen jeden Dogmatismus mit Recht kämpfen, selbst autoritativ über Völkerentwicklung usw., okkulte Symbole usw. Behauptungen aufzustellen? Ist Ihnen bekannt, daß Rudolf Steiner, den Sie bekämpfen, stets nur so mitteilt, daß die freie selbsteigene Urteilskraft wachgerufen wird? Warum verschweigen Sie, daß Anthroposophie nichts darstellt oder anrät, was mit dem freien Willen des Menschen nicht im vollsten Einklang steht, daß sämtliche Werke Steiners so gestaltet sind, daß an ihrer Durcharbeitung die eigenen Fähigkeiten entwickelt werden?« Diese Fragen tat der Redner mit der Banalität ab, er könne doch in einem Vortrag nicht alles sagen. Er gab damit indirekt die Richtigkeit des in den Fragen Dargestellten zu, während er im 1. Vortrag von diesem das Gegenteil behauptet hatte. Weitere Anfragen aus der Versammlung, warum er sich einer Besprechung entziehe, erledigte er mit der Phrase: weil ich ein freier Mensch bin. Nach Dr. Oberdörffer gehört es also zum Wesen des freien Menschen, unter dem Mäntelchen seiner medizinischen Autorität die gewissenlosesten Äußerungen zu tun und ihrer Klarstellung sich durch eine pathetische Phrase zu entziehen. Die anwesenden nichtanthroposophisch orientierten Studierenden ließen über ihre Anschauung von der wissenschaftlichen Nullität Dr. Oberdörffers keinen Zweifel.

Nach Dr. Oberdörffer besteht die Welt des Stoffes von Ewigkeit zu Ewigkeit. Beeinflussen können wir nur den Wechsel der Stoffe durch Veredelung unseres Körpers. Diese ist die höchste Lebensaufgabe, und deren Verkündung nach Dr. Oberdörffers Auffassung seine neue einzigartige, von ihm selbst verkörperte Leistung. Die Tragödie Oberdörffer ist ein klassisches Phänomen dafür, zu welchen Graden der Vermaterialisierung eine Seelenverfassung getrieben wird, die unter Ablehnung des Geistes nach einem Lebensethos sucht, mit dem sich eine Erlöserrolle spielen läßt.


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