Libération, 11. September 2000
Steiner-Schulen: Opfer des Sektarismus?
Der Bericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses in Frage gestellt
Ein "Ausrutscher", "Übereifer". Diese Worte tauchen immer wieder in den Aussagen von Schülereltern, ehemaligen Schülern, aber auch der ADFI (Association française de défense des familles et des individus contre les sectes), der französischen Organisation zum Schutz des Einzelnen und der Familie gegen die Sekten, auf. Indem sie die Steiner Schulen in den Bericht "Die Sekten und das Geld" vom Juni 1999 aufgenommen haben, seien die französischen Parlamentarier "zu weit gegangen". "Dieser Bericht ist fehlerhaft", erklärt Jeanine Tavernier, Vorsitzende der ADFI. "Die Steiner-Schulen bilden Kinder aus, die für alles offen sind: Fremdsprachen, Musik, Reisen. Das ist das Gegenteil einer Sekte." Remy Hess, Verantwortlicher des Ausschussses für Erziehung der Bewegung der Grünen und Professor an der Universität Paris VII, ist derselben Ansicht. "Die Steiner-Schulen sind offen für Diskussionen und Konfrontationen. Ihre Vertreter haben uns an der Universität aufgesucht um uns eine gemeinsame Arbeit vorzuschlagen."
Jacques Guyard, Vorsitzender des umstrittenen Berichtes und Abgeordneter des Départements Essonne, gesteht nicht ein, einen Fehler begangen zu haben. "Die Steiner-Schulen haben echte Anstrengungen unternommen, um jeglichen Anschein von Sektentum zu entfernen. Es ist die Anthroposophie-Strömung, die aus Steiners Gedankengut hervorgeht, die uns beunruhigt." Ein gemässigter Ton, der seiner Verurteilung vom März, wegen seiner "verleumderischen" Äusserungen, die er auf France 2 im Hinblick auf die Steiner-Schulen tat, folgt. "Diese Pädagogik hat interessante Aspekte. Als ich Professor am IUFM (dem französischen Institut der Lehramtsausbildung) war, habe ich ihr eine Unterrichtseinheit gewidmet", beruhigt er, obwohl er gegen seine Verurteilung Berufung eingelegt hat.
Das Problem ist, trotz dieser beschwichtigenden Äusserungen, hatte der Ausrutscher der Sektenjäger einen bislang einmaligen, vom Ministerium für nationale Erziehung (Education nationale) in die Wege geleiteten, Kraftakt zur Folge: die gleichzeitige Inspektion der vierzehn Steiner Schulen am 14. Dezember 1999. Lange Zeit vertraulich behandelt, sickerte der Bericht der Inspektion im Sommer zur Presse durch, die auf die Gefahren einer "mystischen" Pädagogik hinwies.
Das Zentrum gegen mentale Manipulation (CCMM) verhehlt nicht, diese Kampagne angeregt zu haben. "Diese Schulen sind eine Welt für sich, mit Impfverweigerungen, esoterischen Praktiken, dem Willen einen "neuen Menschen" zu bilden", versichert Hayat El Mountacir, Wissenschaftlerin am CCMM. Um ihre Aussagen zu unterstreichen, zitiert sie einige "gesalzene" Ausschnitte aus dem Bericht. Die Inspektoren bemerken "die Abwesenheit einer kritischen Haltung" der "netten aber einfältigen, zu Ausführenden verwandelten" Schüler. Der Eurythmie-Unterricht erschien ihnen "befremdend": "Die Frage stellt sich, ob nicht versucht wird, die Persönlichkeit des Einzelnen durch die Gleichförmigkeit der Geste und der Kleidung auszuradieren", notiert ein Inspektor. Schliesslich, unbestreitbare Tatsache, einige Sicherheitsbestimmungen wurden ausser acht gelassen, und mehrere Kinder sind nicht geimpft worden. Beim Bund der Steiner-Schulen, der die siebzehn französischen Einrichtungen vertritt, ist man zutiefst schockiert über diese Aussagen. Sein Vorsitzender, Jacques Dallé, entrüstet sich: "Am 14. Dezember 1999, sind die Inspektoren nur eine Viertelstunde in den Klassen geblieben. Sie haben nicht versucht unsere Pädagogik zu verstehen. Der Sprecher der 180 Steiner-Schulen Deutschlands (weltweit 600), Waldorfschulen genannt und staatlich anerkannt, unterstützt ihn: "Bei der Sektenjagd haben sich die Franzosen hinreissen lassen, die Grenzen des Zulässigen zu überschreiten.
Die Wogen glätten.
Angesichts dieser Proteste versucht Daniel Groscolas, verantwortlich für eine Kommission im Erziehungsminiseriums zur Prävention sektarischer Phänomene, die Wogen zu glätten: "Wir haben während unserer Inspektion keinen einzigen Hinweis auf sektenartige Verbindungen gefunden. Wir halten den Kontakt zum Bund der Steiner-Schulen aufrecht, der sich verpflichtet hat, im Hinblick auf die Probleme Sicherheit und Impfungen das Notwendige zu tun." Die Existenz nebliger Theorien über "die Evolution der Rassen" innerhalb des schriftlichen Werkes Rudolf Steiners, Gründer der ersten Schule im Jahre 1919, beunruhigt ihn nicht sonderlich: "Die Steiner-Schulen unterrichten ihren Schülern nicht die Anthroposophie. Wir haben niemals rassistische Äusserungen in den Heften vorgefunden.
Unterqualifikation.
Die einzige "Gefahr" besteht nach Daniel Groscolas, in der Unterqualifikation einzelner Lehrkräfte. Obwohl es in Chatou (Yvelines) ein Ausbildungszentrum für Steiner Pädagogik gibt, verlangen die Schulen, die nicht staatlich anerkannt sind, keine bestimmten Diplome. Einige Personen, nach einem Vorstellungsgespräch eingestellt, beginnen so direkt unter der "Patenschaft" eines erfahrenen Lehrers zu unterrichten. Das Ärgerliche ist, dass die zahlreichen Appelle, in den 6000 Vorträgen und 40 Werken Steiners, an das "Erwachen der Seelen" oder an das "Beleben des Geistes durch die Materie" sämtliche Erleuchteten dieser Erde anziehen können. "Wir sehen manchmal geistig verwirrte Personen ankommen", gibt Jacques Dallé zu, "aber sie bleiben nie lange bei uns."
Jack Lang, Minister für Erziehung, zu dem Jacques Dallé Kontakt aufgenomen hat, hat versprochen einer Steiner-Schule einen Besuch abzustatten. "Der Staat (Education National) muss aufhören, alle Schulen in die republikanischen Schablone pressen zu wollen", fordert der Grüne Rémy Hess. Man muss den andersartigen und innovativen Schulen ihre Chance lassen." Der Minister, der gerade einen Aussschuss "Innovationen" geschaffen hat, dürfte solchen Argumenten gegenüber nicht unempfindlich sein.
O.M. trad.: Ursula Vetter
Die Steiner-Schule in Chatou, 1957 gegründet, hat 380 Schüler
"Ein familiärer Rahmen, in dem sich die Kinder frei fühlen"
Im Kindergarten Perceval, in Chatou (Yveline) sind die Wände rosa und hellblau, Körbe mit Äpfeln stehen auf den Stühlen und grosse Sonnenblumen in einer Vase. John und Colin, zwei Knirpse von fünfeinhalb Jahren, sind um einen Mini-Tisch herum beschäftigt und sehen dabei höchst besorgt aus. Sie haben diese Woche die Aufgabe, den Mittagstisch zu decken. Anscheinend haben sie sehr unterschiedliche Methoden. "Aber neieiein! Die kleinen Löffel gehören nicht sooo hin!" Die Lehrerin schaut milde zu. "Es gehört zur Waldorfpädagogik, die Kinder machen zu lassen. Wir schaffen einen familiären Rahmen, in dem sie sich frei fühlen, wie zu Hause." 1957 gegründet, nimmt die Ecole Perceval von Chatou 380 Kinder vom Kindergarten bis zum Abitur in Empfang. Privat, aber staatlich anerkannt, das heisst staatlich subventioniert und kontrolliert, "inspiriert" sie sich in ihrer Pädagogik von den Ideen Rudolf Steiners, Gründer der Anthroposophie.
"Guten Tag".
"Die Theorien Steiners sind Arbeitshypothesen, bestimmt nicht das Evangelium", sagt Isabelle Ablard, Klassenlehrerin der 6. Klasse gleich zu Beginn. Im Hof spielen Kinder mit verschmierten Malkitteln Fangen. Um in die Klasse zu gelangen stellen sie sich nicht in Reih und Glied auf, sondern drängen sich nach und nach in die Klasse, ohne dabei zu vergessen, dem Lehrer, der auf sie wartet, die Hand zu geben. "Guten Tag, Frau Vetter!" - "Guten Tag, Marine!" Im Kreis sitzend unterhalten sich die Schüler entspannt auf deutsch. "Sie sind erst im CM2 [im letzten Grundschuljahr], erklärt ihr Lehrer, aber hier beginnen wir bereits im CP [im ersten Grundschuljahr] mit Englisch und Deutsch. Im Nebenraum, arbeiten die 9. Klässler lange Weidenzweige zu mehr oder weniger geraden Körben. "Das ist unser Korbflecht-Atelier, kommentiert Danielle Burlotte, Schulleiterin. Aber sie haben auch Plastizieren, Malen, Schreinern, Kupfertreiben,
" Mittag. Alles stürzt in die Kantine. Lehrer und Schüler sitzen nebeneinander. Tagesgespräch am Tisch der Abi-Klassse: die Klassenfahrt. Die Schüler suchen ihr Reiseziel aus. "Ich bin eher für Sarajevo als für Prag, kommentiert Anaïs, ein grosses Mädchen mit kupferfarbenen Locken. In Sarajevo können wir an einem humanitären Projekt mitarbeiten, uns wirklich nützlich machen." Ihre Nachbarin, Gabrielle, nickt mit. Mit ihren 18 Jahren ist das ihr erste neues Schuljahr in der Ecole Perceval, aber sie ist bereits "begeistert". "Die Lehrer haben sich sofort um mich gekümmert, haben mir Projekte vorgeschlagen. Mein altes Lycée war eine Fabrik, die Lehrer kannten uns kaum."
Arabesken.
Die Glocke leutet aufs Neue. Es ist Zeit für den Eurythmie-Unterricht, ein Fach, das Tanz, Notenlehre und szenischen Ausdruck miteinander verbindet. In einem grossen Saal aus Holz bewegen sich Jugendliche zu einem Stück von Schubert. Es gibt die "Gruppe der Bässe", deren Weg aus grossen Arabesken besteht, und die "Melodischen" mit den kleineren Schritten. Zwei Monate Schulferien haben die Köpfe verwirrt: die Kinder verheddern ihre Beine, stossen aneinander, lachen. "Wichtig ist, dass sie lernen, in der Gruppe zu arbeiten, gleichzeitig auf die anderen und auf sich bauen zu können, kommentiert der Lehrer. Das ist unsere Gemeinschaftskunde."
Mit einer Schulzeit, die offen für künstlerische Disziplinen und weniger einschränkend ist, hofft die Ecole Perceval Schülern, die momentanen Schwierigkeiten begegnen, ihr verlorenes "Vertrauen wiederzugeben". "Bei einigen genügt es, den Druck der Noten wegzunehmen, damit sie sich entfalten. Bei anderen ist es nicht so einfach, gibt Isabelle Ablard zu. Wir behaupten nicht, dass wir es in jedem Fall schaffen, aber lasst es uns wenigstens probieren."
O.M. trad.: Ursula Vetter
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