Die Drei, 1. Jg., Nr. 9, Dezember 1921
S. 950-956

VON DEN GEGNERN DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG

Karl Heyer


Es ist eine für das Geistesleben der Gegenwart überaus charakteristische Tatsache, daß dieses Geistesleben ein Ereignis so gut wie vollkommen ignoriert hat, das als ein höchst bedeutungsvolles, ja einzigartiges mit Recht den Anspruch auf ernsteste Beachtung hätte erheben können: den öffentlichen Kongreß der anthroposophischen Bewegung in Stuttgart vom 28. August bis 7. September 1921*). Einzig und allein ein deutschnationaler Reichstagsabgeordneter hat sich das allerdings sehr


*) Man vergleiche hierzu das Oktoberheft dieser Zeitschrift.


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zweifelhafte „Verdienst" erworben, durch eine von Philistergeist diktierte hoch-„politische” parlamentarische Anfrage an die Reichsregierung die Aufmerk-samkeit weiterer Kreise auf den Kongreß der anthroposophischen Bewegung zu lenken. Und auch ihn beunruhigte nicht etwa dieser Kongreß selbst, sondern nur die zu seiner Bekanntmachung verwandte Poststempelreklame!

Das Geistesleben der Gegenwart lehnt die Anthroposophie ab. Es lehnt sie ab aus jener unbedingten Gesetzmäßigkeit heraus, die noch immer das Alte, Überlebte, dekadent Gewordene zum Feind des Jungen und Zukunftskräftigen werden ließ. Gegner der Anthroposophie sind daher im Grunde alle, die da glauben, noch irgend einen alten traditionellen Geistesbesitz ihr eigen zu nennen, in dem sie sich durch Anthroposophie gestört fühlen. Diesen stehen gegenüber alle jene, die ein Bewußtsein oder doch ein Gefühl dafür haben, daß nur aus einem Innerlich-Ursprünglichen im Menschen aufgenommen und ausgebildet werden kann, was über das Chaos und die Dekadenz der Zeit hinauszuführen vermag. Die Zahl dieser Menschen mehrt sich und daher mehrt sich auch die Zahl derer, die sich der anthroposophischen Bewegung anschließen. Deren Fortschritte aber sind der eigentliche Grund der immer mehr zunehmenden Gegnerschaft.

Gerade in den letzten Monaten, insbesondere seit der Ankündigung des anthroposophischen Kongresses, ist die Hetze, die nach Dr. Rudolf Steiners großer öffentlicher Abrechnung mit den Gegnern der Anthroposophie durch seinen Vortrag in Stuttgart vom 25. Mai einigermaßen zurückgetreten war, wieder riesenhaft angeschwollen. Und diese Gegnerschaft nötigt immer wieder diejenigen zur Abwehr, welche die unermeßliche Bedeutung der Anthroposophie für das Kulturleben der Gegenwart und für Millionen von Menschen erkennen, denen die Gegnerschaft den Zutritt zur Anthroposophie durch ein Netz von Unsinn, von Lügen und Verleumdungen versperren will. Dieses Netz zu zerreißen und so den Zugang zur Anthroposophie frei zu machen zu versuchen, ist daher eine Aufgabe, die aus den Lebensnotwendigkeiten der Sache heraus erfüllt werden muß, auch wenn man sich dabei immer wieder genötigt sieht, Lüge Lüge und Verleumdung Verleumdung zu nennen und überhaupt auf Dinge einzugehen, die gewiß nicht zu den lebenverschönernden gehören, die zu wissen aber ein unbedingtes Erfordernis für den bedeutet, dem es um den Fortgang der spirituellen Menschheitsbewegung ernst ist.

Immer deutlicher gliedern sich aus dem mißtönenden Chor der Gegner der anthroposophischen Bewegung gewisse Kategorien heraus, deren Summe eben zugleich die Summe der hauptsächlichsten gegenwärtigen Geistes- und Kulturströmungen darstellt. Und indem diese Strömungen

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zur Anthroposophie „Stellung" nehmen, charakterisieren sie sich selbst in ihrem innersten Wesen, da die Motive ihrer Gegnerschaft gerade mit alledem zusammenhängen, was der kulturgeschichtliche, wenn auch abgelähmte oder dekadent gewordene Impuls dieser Strömungen ist.

Deutsch-völkische. arisch-antisemitische Gegner

Nach außen hin tritt seit vielen Monaten besonders laut diejenige Gegnerschaft der anthroposophischen Bewegung gegenüber, die in der Pflege gewisser überlebter Lebenszusammenhänge, in einem künstlichen Kult von Blut und Rasse ihre Grundlage hat, eine Strömung, deren geschichtliche Wurzeln weit zurückreichen in viel ältere Zeiten, in denen aus ihnen in Vollsaftigkeit das gesunde Leben des sozialen Organismus entsprang. Es ist dies die deutsch-völkische, deutsch-nationale, nationalistisch-alldeutsche, „arisch”-antisemitische Strömung. Diese kennt nur auf Blutszusammenhängen beruhende Menschengruppen, sie haßt das Ich und alles, was dieses Ich frei und zum kraftvollen Träger der sozialen Kräfte machen will.

Katholisch-jesuitische Gegner

Ein Gegenstück zu ihr ist die katholisch-jesuitische Strömung. Auch sie kann und will das Ich nicht aufkommen lassen, sondern will es unterordnen dem großen geschlossenen hierarchisch-juristischen System der Kirche. Da die Erkraftung und das Auf-sich-stellen des Ich unbequem, das Sich-hingeben hingegen an ihren wohl ausgebauten, heute gleichsam von neuem aufnahmebereit dastehenden objektiven Lebenszusammenhang bequem ist und besondere Anstrengungen nicht erfordert, werden aus der Atomisierung unserer chaotischen Zeit viele Menschen in ihren Schoß gerne zurückgleiten. Auf daß dies aber möglichst umfassend geschehe, darf so etwas wie die Anthroposophie natürlich nicht aufkommen.

Wissenschaftliche Gegner

Seit Jahrhunderten ist die neuere Wissenschaft heraufgekommen. Ihre Größe beruht darauf, daß sie, insoweit sie konsequent blieb, sich beschränkte auf Ausbildung und methodische Anwendung all derjenigen geistigen Kräfte des Menschen,– die umschlossen sind in der Sphäre der Intellektualität, der Verstandesmäßigkeit. Hierdurch ist diese Wissenschaft zu ihren Triumphen gekommen. Hiervon will sie daher nicht ablassen. Die Zeit aber fordert ein Hinausgehen über die bloße Intellektualität zu einem bewußten Ergreifen übersinnlicher Realität. Dieses geschieht durch Anthroposophie, und gerade dieses lehnt aus dem Beharrungsvermögen heraus die herkömmliche wissenschaftliche Gesinnung ab. Darin liegt die Gegnerschaft begründet. (Ein Anhängsel dieser Gegnerschaft sind auch besonders „fortschrittlich", demokratisch und ähnlich gerichtete Zeitungen, insoweit sie „wissenschaftlich" gestimmt sind.)

Protestantisch-kirchliche Gegner

Unbestreitbar beruhen all diese Gegnerschaften der Anthroposophie auf sachlich tief begründeten Gegensätzen. Nicht in gleicher Weise gilt

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dies von einer weiteren: der
protestantisch-kirchlichen Gegnerschaft. Der Protestantismus beruht auf der Anerkennung des menschlichen Ich. Er will dieses Ich in seiner Freiheit zum Träger des geistigen Lebens machen. Bei der Verwirklichung dieses Impulses ist er auf halbem oder Viertelswege stehen geblieben. Die Anthroposophie will diesen Weg zu Ende gehen. Sie will von dem Ich aus, gleichsam „auf der anderen Seite", wieder den Anschluß an objektive, geistige Welten erringen. Dem dürfte der Protestantismus, wenn er sich selbst richtig verstände, sich nicht entgegenstellen. Tun es protestantische Geistliche doch, so muß ihre Gegnerschaft in dem angedeuteten Sinne als „unsachlich" bezeichnet wer-den. Etwas von Sorge um den nährenden Beruf lebt in dieser Gegnerschaft.

Gegner im Journalismus

Außer den bisher genannten gibt es noch eine Kategorie der Gegnerschaft: die der „oberflächlichen Menschen”. Ihre Zahl ist heute Legion. Journalisten, Literaten, Ästheten, kurz alle die, denen es überhaupt ein Greuel ist, daß irgendwo in der Welt etwas mit Ernst und aus tieferen Quellen heraus betrieben werden soll. Zugleich bilden sie den Chor der anderen, ernsteren Gegnerschaften.

In der Wirklichkeit des Lebens vermischen und kreuzen sich natürlich alle genannten Gruppen zumeist in der mannigfaltigsten Art.

Alle aber müssen, um Anthroposophie zu bekämpfen, zur Unwahrheit, zur Entstellung, zur Verleumdung, zur Lüge greifen.

***

So buntscheckig die Gegnerschaft, so mannigfaltig sind ihre Methoden. Man kann hier schon eine Reihe ganz bestimmter Verleumdungsmethoden unterscheiden. Alle Kategorien der Gegner wenden, im Großen betrachtet, mehr oder weniger alle diese Methoden an. Sie bewußt zu durchschauen ist von wesentlicher Bedeutung, und es soll daher im Folgenden eine Übersicht über einige der hauptsächlichsten dieser Methoden gegeben werden.

Einer der beliebtesten Tricks ist der, den man den „
Vermischungstrick" nennen könnte:

Anthroposophie wird vermischt mit mehr oder weniger inferioren Dingen, mit denen sie entweder nur scheinbar oder überhaupt nichts zu tun hat, z. B. den vielerlei inferioren Okkultismen unserer Zeit, allen möglichen dilettantischen Bestrebungen, aus Aberglauben, Unwissenheit, Sensationslüsternheit oder gar bloßer Geschäftsroutine geboren. Durch derartige Artikel hat sich z. B. das „Berliner Tageblatt” verschiedentlich hervorgetan. Oder, um nur ein charakteristisches Beispiel unter vielen zu nennen: der Direktor der psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg, Prof. Dr. phil. et med. W. Weygandt, schreibt in einem durch eine ganze Reihe von Zeitungen ge

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gangenen Aufsatz „Der Hang unserer Zeit zur Mystik”: „Nichts ist so absurd, daß es nicht sein Publikum fände. Ein Herr Häußer reist durchs Land mit der in mystische Superlative gekleideten Verheißung, die zusammenbrechende Welt zu retten; naiv bescheiden sagt er in der Einladung zu Vorträgen für ein bis zwölf Mark Eintritt von sich selbst:

»Ich, der Reine, der Hohe, der Starke, der Göttliche«. Riesigen Andrang finden die Lehren Rudolf Steiners über das hellseherische Forschen.” Professor Weygand entblödet sich also nicht, Rudolf Steiner in einem Atem mit einem Narren wie Häußer zu nennen! Andere gehen noch raffinierter vor, indem sie Anthroposophie in ähnlichen suggestiven Zusammenstellungen nicht einmal nennen, aber doch so charakterisieren, daß der Leser die Worte — sei es sogleich, sei es bei späterem Bekanntwerden mit Anthroposophie — auf sie bezieht. Noch kaschierter wird der „Vermischungstrick” dadurch angewendet, daß eine Zeitung z. B. auf einen Aufsatz über etwas mit der Anthroposophie Zusammenhängendes, wie etwa die Eurhythmie, einen scheinbar selbständigen Aufsatz mit den abenteuerlichsten Dingen über H. P. Blavatzky folgen läßt, damit dem Leser unbewußt, aber um so sicherer, sich die beiden Komplexe vermischen. Anthroposophie sucht man auf diese Weise mit besonderer Vorliebe immer wieder als eine bloße Abart indischer Weisheit bzw. englisch-indischer Theosophie hinzustellen*).

Ein Sonderfall dieses „Vermischungstricks" liegt vor, wenn man zur Bekämpfung der Anthroposophie diese mit dem zusammenbringt, was man selbst bzw. das Publikum, auf das man wirken will, besonders verabscheut und haßt. Hierin ist vor allem die alldeutsch-antisemitische Gegnerschaft groß: Dr. Steiner sucht sie mit zäher Hartnäckigkeit eine jüdische Abstammung anzudichten, der Dreigliederung einen irgendwie gearteten Zusammenhang mit dem Kommunismus. Einen gewissen Höhepunkt in der Anwendung dieser Verleumdungsmethode erreicht ein Aufsatz in der Zeitschrift „Neues Leben” (Herausgeber Dr. Ernst Hunkel). Dort heißt es im elften Heft (vom „Wonnemond 1921”) Seite 159: „Auch daß
Leute wie Matthias Erzberger**) aus Buttenhausen, Molt, Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, Meebold, Direktor der Württembergischen Kattunmanufaktur in Heidenheim mit ihren Millionen sich im Steinerschen Unternehmen beteiligen, möchte zum Aufsehen anregen.” Der einzige Grund, ausgerechnet Erzberger als Teilhaber oder dergl. am „Kommenden Tag" hinzustellen, ist natürlich die


*) Vgl. z. B. Jakob Gemmel S. J. in den „Stimmen der Zeit”, August 1921, 3. 391: „Beginnt die Theosophie bzw. Anthroposophie, diese hauptsächlich buddhistisch orientierte „Weisheit” nicht auch schon in mittleren und kleinen Städten die Geister zu verwirren”?
**) Von mir hervorgehoben. D. V.


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Verhaßtheit dieses Mannes in den Kreisen der hakenkreuzgeschmückten Anhänger, auf die man wirken will. Aus ähnlichen „Gründen" denunzieren andere Dr. Steiners Übungen als „jesuitisch" (was von katholischer Seite als absurd bezeichnet wurde), ihn selber aber (früher wenigstens) als von Jesuiten erzogen. Das katholische „Hochland” wiederum (Maiheft 1921, 5. 255 f.) verleumdet die anthroposophische Bewegung als „Sektenkirche" etc.; denn das ist dem Katholiken besonders verhaßt. Umgekehrt bringt man die Bewegung in Gegensatz zu dem was die eigenen Anhänger lieben oder vergöttern: Die Kirchenvertreter erklären die Anthroposophie als dem Christentum feindlich gegenüberstehend, in „Staatsgesinnung" machende Politiker die Dreigliederung als „staatsfeindlich” usw.

Eine andere Methode besteht darin, daß man sich selbst erst ein zur Bekämpfung geeigneteres Objekt, als es die Anthroposophie selbst ist, schafft, indem man sie absichtlich oder „unabsichtlich" verdreht, mißversteht, vertrivialisiert. Man bekämpft dann nur scheinbar die Anthroposophie, in Wahrheit den selbst erzeugten Unsinn. Diese Methode ist, in allerweitestem Umfange bei fast allen Gegnern verbreitet. Groß darin ist z. B. Professor Dr. Arthur Drews -Karlsruhe.

Und wiederum ist auch von der eben genannten Methode eine besondere Abart zu nennen, die sieh daher ganz besonderer Beliebtheit erfreut, weil sie die allergeringsten Anforderungen an Geist und Witz stellt. D. Gottfried Traub z. B.,
der bekannte deutschnationale Theologe und Politiker und zugleich einer der plattesten Bekämpler der Anthroposophie, „reist” geradezu, bildlich gesprochen, auf diese Methode. Sie besteht darin, daß man die verschiedenen Betriebe des „Kommenden Tages” in unsinniger Weise aufzählt und aneinanderreiht, dabei aber verschweigt, welches die sozialwirtschaftliche Idee ist, aus der heraus diese Zusammenfassung gerade ganz verschiedenartiger Betriebe erfolgt ist. Mit dem Wort „Warenhausrummel" glaubt z. B. in ähnlicher Weise Dr. Hans Heinrich Schaeder in seinem Aufsatz „Wider die Weltanschauung Rudolf Steiners" im Augustheft 1921 des „Hochlandes" (auf den noch zurückzukommen sein wird) die vielseitigen Bestrebungen der anthroposophischen Bewegung auf den verschiedenen Lebensgebieten abtun zu können, und sofort machen sich alle möglichen Gegner ein von so törichtem Unverstand zeugendes Wort zu eigen.

„Methode" ist es auch bereits geworden, die Anthroposophie dadurch zu verdächtigen, daß man behauptet, dieser oder jene Anthroposoph sei, natürlich durch seine Beschäftigung mit der Anthroposophie, geisteskrank geworden. Von Dr. Rittelmeyer z. B. hat man solches ausgesagt so daß dieser gezwungen war, öffentlich dagegen Stellung zu nehmen,

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Dr. Schaeder aber sucht gleich alle „Steineranhänger” als durch Suggestion mehr oder weniger geistig defekt geworden hinzustellen, ihre Aussagen aber dadurch zu entwerten, indem er — zugleich mit einem deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl — in dem genannten Aufsatz (S.617) schreibt: „Die Diskussion mit irgend einem Steineranhänger ist unmöglich. Ein jeder von ihnen steht unter der vollkommen suggestiven Wirkung der Persönlichkeit und der Lehre seines Meisters — wieweit faktische psychische Veränderungen, psychische Belastungen bei Steineranhängern eintreten, müßte der Psychiater untersuchen — er ist nicht imstande, kritische Einwürfe überhaupt aufzunehmen.”

Von großer Bedeutung für die Geistesentwicklung der neueren Zeit ist es, daß in Dr. Rudolf Steiner und seinem Lebensgang die Tatsache vorliegt, daß ein kontinuierliches Weiterschreiten von naturwissenschaftlichen Grundlagen in naturwissenschaftlicher Gesinnung und Methodik zur wissenschaftlichen Erkenntnis der übersinnlichen Welt möglich und erfolgt ist. Hierin ist der eigentliche tiefere Grund zu erblicken, warum die Gegnerschaft fast unisono und mit größter Zähigkeit immer wieder die uralte Behauptung verkündet, Dr. Steiner habe zwischen seiner naturwissenschaftlichen” und seiner „theosophischen” Periode eine grundlegende „Wandlung” durchgemacht, beide trenne eine Kluft. Aus engen Horizonten, mit dem Willen, auf größere organische Zusammenhänge nicht einzugehen, sucht man „Widersprüche" zwischen den verschiedenen Werken oder den verschiedenen Auflagen der Werke Rudolf Steiners nachzuweisen, um so die Diskontinuität seiner Geistesentwicklung darzutun. Männer wie der Tübinger Privatdozent Dr. Hauer verwenden einen großen Teil ihrer Zeit und Gedankenkräfte auf dieses in wahrstem Sinne unfruchtbare Beginnen. Zu einer größeren Überschau, aus der sich sofort die großartige Kontinuität des Steinerschen Werdeganges mit ihrer gerade durchgehenden großen Linie im Ganzen und eine Lösung der „Widersprüche” auch im einzelnen ergibt, wollen sich, bewußt oder unbewußt, solche Menschen nicht erheben, und darum gehen an ihnen auch spurlos Ausführungen von solcher Stringenz und solch monumentalem Stil vorüber, wie sie in positiver, jeden Unbefangenen überzeugender Weise Dr. Rudolf Steiner auf dem öffentlichen Kongreß der anthroposophischen Bewegung in Stuttgart in seinen Abendvorträgen über seinen geistigen Entwicklungsgang gab, durch die gerade diese Kontinuität den Hörern zur völligen Evidenz gebracht wurde. Daß aber zum Begreifen dieser Tatsache ein gewisses aktiveres, lebendigeres Denken als das müde und passive der Hauer, Möricke und der vielen anderen gehört, ist der Grund, weshalb die Behauptung von den „Wandlungen" Dr. Steiners sich ohne Zweifel noch lange durch die gegnerische Literatur fortwälzen wird.

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Die Drei, 2. Jg., Nr. 10, Januar 1922
S. 1031-1037

VON DEN GEGNERN DER ANTHROPOSOPHISCHEN BEWEGUNG.

(Fortsetzung und Schluß.)

Im Folgenden sei eine Reihe charakteristischer Aussprüche und Behauptungen über die Anthroposophie wiedergegeben, an denen man erkennen kann, wie und auf welchen Wahrheitsgrundlagen aus den verschiedenen Lagern der Gegner heraus über Anthroposophie geurteilt bzw. gegen sie angegangen wird. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.

Es braucht nicht verwunderlich zu erscheinen, daß die „
Oberflächlichen” Anthroposophie hauptsächlich durch Albernheit zu bekämpfen suchen. Den Rekord dürfte in dieser Beziehung in letzter Zeit wohl der (deutschnationale) „Tag” in Berlin geschlagen haben und in ihm ein gewisser Karl Eugen Schmidt. Was von dieser Kategorie von Menschen geschrieben wird, ist so unsäglich albern oder auch nicht selten so unsäglich ordinär, daß sich die Wiedergabe geradezu verbietet. Erwähnt seien als Beispiele daher nur, daß in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung” in einem Aufsatz gleichsam Dr. Steiner zum Empfang zu seinem Vortrag in Berlin (am 15. September) die Anthroposophie als „seelische Bedürfnisanstalt" bezeichnet wird, während z. B. in den „Münchener Neuesten Nachrichten” ein Schmutzfink das Streben nach übersinnlichen Erlebnissen durch Übungen als „frivole Unzucht” erklärte.

Die Untergründe des Widerstrebens derjenigen, die sich heute für die allein „
Wissenschaftlichen" halten, gegen die anthroposophische Bewegung kommen mit einer Offenherzigkeit, wie man sie selten findet, in Worten zum Ausdruck, die ein Hochschullehrer im (roten) „Tag” in einer Betrachtung über die Darmstädter anthroposophische Hochschulwoche schreibt. Er sagt: „Wer als Hochschullehrer Augen hat zu sehen, der sieht längst, wie sich die psychologische Einstellung unserer Studenten, auch unserer Techniker und Mediziner, dieser früheren Säulen des Materialismus*), wandelt. Sie sind des Wissen und Können häufenden Alexandrinismus müde, sie suchen und tasten wieder nach einem Menschenideal, nach Daseinswerten; sie möchten den Hochschulen die Aufgabe aufzwingen, nicht mehr bloß Berufsmenschen, sondern Menschen schlechthin zu bilden*).” Dies ist also das Verbrechen der Anthroposophie, daß sie Menschen bilden will und selbst Techniker und Mediziner, diese „Säulen des Materialismus", ergreift! Das muß natürlich verhindert werden, und zwar mit allen Mitteln! Zu welchen Mitteln man zu diesem Zweck seine Zuflucht nimmt, zeigt das Beispiel des Berliner Universitätsprofessors


*) Von mir hervorgehoben. D. V.


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Nicolai, der in einer öffentlichen Versammlung des Monistenbundes in Berlin über die Freie Waldorfschule in Stuttgart zugegebenermaßen den Satz sprach: „Wie kann man objektiv sein, wenn mit dem Golde einer Zigarettenfabrik Kinderseelen gemordet werden? — Können Sie gegen Mörder objektiv sein?”, ohne auch nur den leisesten Versuch zu machen, diese verleumderischen Behauptungen durch den Hinweis auf irgendeine Tatsache zu begründen oder zu beweisen (vgl. hierüber Dreigliederungszeitung II. 52).

Die protestantischen Gegner der Anthroposophie nehmen besonders Anstoß an deren Anspruch, eine Wissenschaft zu sein. Sie wollen sich selbst und die übrigen Menschen auf der Stufe eines „kindlichen Glaubens" (zu dem, möglichst abstrakt und blutleer gedachten, protestantischen Gott) zurückhalten. Nur in ihm, so meinen sie, „habe” man Gott, dem sich der Mensch durch Erkenntnisse entfremde. Auch der Anthroposophie gegenüber können sich deshalb solche Leute nur ein Glaubensverhältnis denken. Daher schreibt Friedrich Gogarten (in der Frankfurter Zeitung Nr. 637 vom 28. August 1921) von der Anthroposophie: „Man dürfte nichts dabei denken, und wenn man was sagte, müßte man es Steiner nur nachsagen. Je gedankenloser, um so besser*). Täte man es anders, so wäre notwendig alles, was man dächte und sagte, falsch, man könnte es anstellen, wie man wollte.” Dies ist zwar das diametrale Gegenteil der Wahrheit, wird aber von Gogarten ohne weiteres den Anhängern Steiners als Gesinnung unterschoben. Kein Wunder daher auch, daß dieser von vielen heute als ein „geistiger Führer” anerkannte Theologe weiterhin von Steiner sagt: „Und da es für den Geist auch keine Schranken des Raumes und der Zeit gibt, liegen alle Vergangenheiten und Zukünfte, alle Reiche der Welt offen vor seinem Blick und er liest in ihnen wie in einem sauber gedruckten und leicht verständlich geschriebenen Buch*). Das ist Steiner.” Wer auch nur ein Werk Dr. Steiners mit Verständnis gelesen hat, weiß, daß auch diese Worte eine frivole Verleumdung darstellen. Auf dem gleichen Niveau steht es, wenn Gogarten in der „Christlichen Welt" (1921, Nr. 33) den „Kommenden Tag” eine „Aktiengesellschaft ... zur Erforschung der übersinnlichen Welten” nennt. — Mit besonderer Vorliebe laden die protestantischen Gegner ihren Ärger auf den ihnen durch seine Stellungnahme für die Anthroposophie unbequemen Dr. Rittelmeyer ab. Die einen stellen ihn (wie bereits oben erwähnt) als durch die Anthroposophie geistig erkrankt hin, andere sagen ihm nach, Dr. Steiner habe ihn „zum Dank für seine Gefolgschaft zum wiedergekommenen Bernhard von Clairvaux erklärt” (vgl. Dreigliede-


*) Von mir hervorgehoben. D. V.


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rungszeitung III. 2), wieder andere bekämpfen ihn durch sinnentstellende Wiedergabe aus seinen Vorträgen (vgl. Dreigliederungszeitung III. 12). Kirchliche Polemik!

Das Niveau, auf dem wieder eine andere Reihe von Gegnern den anthroposophischen Bestrebungen entgegentritt, wird charakterisiert durch folgende Worte eines ungenannten Verfassers in einem gegen die Anthroposophie gerichteten Leitaufsatz im Juliheft des „Schwäbischen Bundes” (5. 241 ff.): „Es muß offen herausgesagt werden, daß das ganze Geschwätz von dem angeblich heillosen Materialismus der Vorkriegsjahrzehnte und der als ebenso äußerliche und phrasenhafte Reaktion dagegen einsetzende Verinnerlichungsrummel lächerlich sind ...” Der Aufsatz schließt nach einer Schimpferei auf die „anthroposophischen Scharlatanereien” mit den Worten: „Dieses trübe, fatalistische Reich gilt es vor allem auszulüften und auszuräuchern. Es ist hohe Zeit, daß der Deutsche seinen inneren und äußeren Schmutz endlich gehörig abwäscht und
ohne Weltanschauungssprüche an die nächste Arbeit geht” *).

Hier sind wir bereits in den geistigen Bann- und Dunstkreis der deutsch-völkisch-„nationalen” Strömung geraten.

Man erkennt sofort die Gesinnungsverwandtschaft, wenn man den eben angeführten Ausspruch z. B. mit dem vergleicht, was D. Traub in der Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung” (August 1921, 5. 458 ff.) in einem Aufsatz „Über Dr. Rudolf Steiner” von sich gibt. Da heißt es z. B. gegen Beginn von der gegenwärtigen Zeit: „Wahrlich, man kann geradezu in »Geist« ersaufen, soviel Angebot ist da.” Der rohen Gesinnung, die sich in diesen Worten ausprägt, entspricht der ganze Aufsatz, in dem sich eine Verlogenheit an die andere knüpft. Um nur ein einziges Beispiel zu nennen:

Traub schreibt mit bezug auf die Steinerschen sozialen und staatlichen Ideen (in Sperrdruck): „Wer heute noch nicht begreift, daß wir durch all die Assoziationen und Zwangswirtschaften entsittlicht und entnervt worden sind, dem ist nicht zu helfen.” Er will hiermit den Anschein erwecken, als seien die von der Dreigliederung vertretenen Wirtschaftsassoziationen irgendwie der Zwangswirtschaft zu vergleichen. Er unterdrückt, wie man annehmen muß, wider besseres Wissen*), die Tatsache, daß die Assoziationen im Sinne der Dreigliederung das gerade Gegenteil von Zwangswirtschaft sind. Es handle sich bei der Bekämpfung der Anthroposophie „um die Pflicht des Seelsorgers”, schreibt Traub weiterhin, und er meint, „wirklicher Geist” sei „nichts anderes als Charakter”. Hiernach kann man ermessen, welche Seelsorger, mit welchen Charakteren heute „Deutschlands Erneuerung” betreiben.


*) Traub bezeichnete sich in einer öffentlichen Versammlung in Stuttgart als eifrigen Leser der Dreigliederungszeitung.


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Ein Gesinnungsverwandter D. Traubs wiederum ist der Verfasser der Schrift „Der religiöse Weltaufruhr im völkischen Licht” (Leipzig 1921),
Thomas Westerich.

Dieser „völkische” Mann, der sich zum Vorkämpfer der „Arier-Licht-Rasse”, der „Blondlinge”, „Sonn-Haarigen”, „Himmels-Blauäugigen” gegen die „Schwärzlinge”, „Kahiniten”, die „Kinder der Tiefe” etc. machen möchte, übertrifft an „Charakter” in dem oben angedeuteten Sinne des D. Traub diesen noch beträchtlich.

Im Mittelpunkt seiner Behauptungen steht z. B. die, Dr. Steiner habe Christus „zu einem satanischen »Erdgeist« herabgedrückt”. Auch er vertritt zwar ein „Esoterisches” in dem, was er „Christentum” nennt.

Welchen Geistes dieses ist, zeigt, daß er „die wahre Vergeistigung der Lehre Christi” in dem Wort findet: „Du sollst Gott deinen Vater über alles lieben und deinen Nächsten, d.i. dein Volk, wie dich selbst!” Diese Karikatur könnte man dann wohl „völkisches Christentum” nennen?

Dieses scheint aber erst jetzt das Licht der Welt oder doch der Öffentlichkeit erblickt zu haben. Westerich schreibt nämlich: „Dem Bibelforscher-Unfug, dem Steinerschen Okkultismus kann erfolgreich nur mit den geistig aufgeschlossenen christlichen Wahrheiten begegnet werden. Leider hat sich auf unserer Seite die erste Tat, der befreiende Schachzug bis vor kurzem nicht einstellen wollen.” Diesen „Schachzug” hat nun, wie Westerich uns weiter belehrt, nach Vorbereitungen durch ihn selbst, Dr. Artur Dinter mit seiner „christlichen Geistlehre” getan*).

***

Worauf läuft nun all dies hinaus, was sich in dieser Weise als Gegnerschaft der anthroposophischen Bewegung von den verschiedensten Seiten darstellt? Zwei Ziele lassen sich deutlich unterscheiden.

Das eine ist, daß man — hierin sind die katholisch-jesuitischen Gegner unübertrefflich — planmäßig, mit den bekannten Mitteln, den Menschen ein tiefes
Mißtrauen einzuflößen sucht gegen das, wovon man mit Recht fürchtet, daß die Menschen ohne diese Machinationen


*) Diese „Geistlehre” hat Dinter in seinem bekannten (Kitsch- und Tendenz-)Roman „Die Sünde wider den Geist” entwickelt.

Sie stellt ein wüstes Gemisch dar von Spiritismus (Tischrücken, Schreibmedien usw.), einer Pseudotheosophie (mit Wiederverkörperung, höheren Wesenheiten usw.) und metaphysisch „begründetem” Antisemitismus und Rassenfanatismus („In den Juden ... verkörpern sich die boshaften und verstockten Geister”).

Der Roman sollte, wie Dinter im Nachwort (S. 240) versichert, „auf unablässiges Drängen meiner jenseitigen und diesseitigen Freunde unter allen Umständen noch bis Weihnachten (1920) erscheinen”. Auch Westerich hat „Jenseitsfanfaren zur deutschen Not” geschrieben (mit „Geisterworten”, „Kundgebungen des Geistes Emanuel Swedenborg” usw.). Eine viel versprechende Richtung.


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eines Tages danach
verlangen würden aus tiefen Sehnsuchten der Seele heraus — oder daß man an die lnstinkte und Leidenschaften der Menschen appelliert, sie aufwühlt, um so eine Atmosphäre des Hasses zu erzeugen, die man braucht, um zu gegebener Zeit Methoden der Gewaltanwendung organisieren zu können. Hierauf arbeitet offensichtlich besonders die alldeutsch-antisemitische Gegnerschaft hin. An vielversprechenden Anfangsresultaten hiervon fehlt es schon jetzt nicht (man vergleiche dazu z.B. den Bericht „Die Eurhythmie und der Pöbel” in der Dreigliederungszeitung II. 51). Auf beide Weise aber wirkt man gleichsam „von unten” her, indem man die anthroposophische Bewegung bei weitesten Volkskreisen in Mißkredit bringt.

Damit aber arbeitet man zugleich einem Zweiten vor. Man erzeugt eine „öffentliche Meinung”, die es gestattet, auch „v o n ob e n” her zu wirken, d. h. durch behördliche Maßnahmen (sei es auch erst unter veränderten politischen Konstellationen), um so der Bewegung mehr oder weniger nachhaltigen Abbruch zu tun. Dies ist das immer offenkundiger werdende Ziel, auf das namentlich die vereinigte Firma der alldeutschen und jesuitischen Gegnerschaft lossteuert. Nicht weniger als sechs- bis siebenmal erhebt Pfarrer Kully - Arlesheim (Schweiz) in seiner Schmähschrift den Ruf nach den Behörden, die der anthroposophischen „Gefahr” entgegentreten sollen, denen schon wiederholt, nur leider bisher erfolglos, „Mitteilung gemacht” sei, denen gegenüber man sich zu intimeren Mitteilungen erbietet usw. Dieser Ruf „videant consules” durchzieht immer stärker die gegnerischen Aufsätze, Broschüren, Bücher. Die deutsch-nationale Schwäbische Tageszeitung in Stuttgart z. B. schreibt in ihrer Nr. 203 vom 1. September mit aller Deutlichkeit: „Und die Regierung der deutschen Republik läßt im 20. Jahrhundert solchen Unfug freundlich lächelnd zu: Alles durch das Volk, alles für das Volk!” In einem durch eine Reihe katholischer Blätter gegangenen wüsten Aufsatz von „Justinus” über „Steiners Anthroposophie” wird mit dem gleichen Zaunpfahl gewinkt: „Eingehender und fachsicherer als hierorts ist dies den
zuständigen Behörden mehrfach mitgeteilt worden. Maßnahmen sind nicht erfolgt, ebensowenig wie betreffs der medizinischen, chemischen, physikalischen Lehren. Ebensowenig betreffs der Massenfahrten jüngerer Akademiker alle paar Monate nach Dornach” (!) Hans Heinrich Schaeder aber schlägt in seinem bereits mehrfach erwähnten Hochlandaufsatz (5. 617/618) höchst systematisch in aller Nüchternheit das Folgende vor: „Die Einzelaufgaben, die sich hier stellen, sind ideeller und praktischer Natur. Neben die Analyse der »Geisteswissenschaft«, der eigentlich eine ausführliche Widerlegung nicht mehr zu folgen braucht, neben die wissenschaftliche, politische, religiöse Belehrung derjenigen,

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die ihr zuneigen, insbesondere in Hochschulkreisen, müssen einige ganz praktische Maßnahmen treten: die Überwachung von Steiners propagandistischer und organisatorischer Tätigkeit und die Beachtung besonders der Punkte, an denen er mit dem Strafgesetz in Konflikt kommen könnte und vielleicht einmal kommen wird. Also: Überwachung seiner finanziellen Unternehmungen, seiner politischen Tätigkeit (Möglichkeit des Landesverrats), seiner medizinisch-therapeutischen Lehren (Möglichkeit der Kurpfuscherei), insbesondere der Wirkungen seines persönlichen Einflusses auf einzelne, sei es nun, daß er sie finanziell oder im Verlauf meditativer Übungen gesundheitlich oder moralisch schädigt. Der schwere Vorwurf, den seinerzeit die Frankfurter Zeitung auf landesverräterische Tätigkeit von Steineranhängern in Oberschlesien erhoben hatte, ist nicht hinreichend geklärt worden — daß anderseits in der Konsequenz des Dreigliederungsgedankens schwere Beunruhigungen des öffentlichen Lebens liegen, denen es vorzubeugen gilt, ist gewiß. Auf die merkwürdigen Finanzoperationen, die bei der Finanzierung der Stuttgarter Aktiengesellschaft vor sich gegangen sind, ist unlängst hier im »Hochland« der Blick gelenkt worden. Alle diese Momente gilt es weiterhin im Auge zu behalten.”

Schaeder, der aus einer gewissen böswilligen Borniertheit eine sachliche Auseinandersetzung mit der Anthroposophie als überflüssig ablehnt, meint, es werde „auf die Dauer nicht zu umgehen sein, diesen Kampf (gegen die Anthroposophie) zu
organisieren*)”. Ob er naiv genug ist, glauben machen zu wollen, der „Kampf” sei bisher noch nicht organisiert gewesen? Aber daß die Organisation zwecks systematischer Denunziation der anthroposophischen Bewegung bei den Behörden noch immer weitere Fortschritte in der nächsten Zeit machen wird, darauf kann man allerdings nach allem mit größter Sicherheit rechnen**). —

So sehen wir also, wie von allen Seiten her die Hetze gegen die anthroposophische Bewegung systematisch betrieben wird. Die Geschichte dieser Gegnerschaft schreiben heißt im Grunde nichts anderes als die Geschichte der Dekadenz und des Niederganges der gegenwärtigen Kultur und der sie bildenden, aus älteren Zeiten herübergekommenen geistigen Strömungen schreiben. Und es mag uns wohl oft die historische


*) Von mir hervorgehoben. D. V.
**) Inzwischen sind solche „Fortschritte” verwirklicht werden.
In Darmstadt hat sich ein „Bund der Steinergegner” gebildet, der allerdings einstweilen mehr den Eindruck einer Filiale der Deutschnationalen Partei macht. Am 10. November ist er in Darmstadt mit einer ersten öffentlichen Veranstaltung hervorgetreten. Sie bedeutete ein kaum zu überbietendes Fiasko (vgl. den Bericht in der Dreigliederungszeitung III. 20). Das wird den Bund aber wohl weiter nicht stören. Vielleicht „wächst” er sogar sehr mit seinen höheren Zwecken


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Tragik zum Bewußtsein kommen, die darin liegt, daß diese geistigen Strömungen, die in entsprechenden früheren Zeiten durchaus ihre volle Berechtigung und ihre Bedeutung für den geschichtlichen Fortschritt der Menschheit hatten, jetzt, da sie ihre Zeit längst überschritten haben, gemäß einem allgemeinen Weltgesetz zu Trägern der Niedergangskräfte und zu Hemmungsfaktoren einer gesunden Weiterentwicklung werden. Und es entspringt ja auch nur dem gleichen Weltgesetz, daß der einzelne Mensch immer wieder in jeder Zeit sich
neu hineinstellen muß in das Auf und Ab der dahinflutenden Strömungen, daß er nicht, ohne an seiner Seele Schaden zu nehmen, aus einer gewissen kulturgeschichtlichen Bequemlichkeit heraus diejenigen Impulse verleugnen kann, die in jeder Zeit immer wieder neu und ursprünglich aus den Untergründen der Gesamtmenschheitsentwicklung in den Seelen der Menschen aufsteigen wollen.

Gerade die so haßerfüllte Gegnerschaft des dekadent Gewordenen, geistig und moralisch im Niedergang Befindlichen beweist, daß in dem von ihm Bekämpften solche lebendigen Impulse walten, so unvollkommen auch immer das aus anthroposophischem Streben bisher Erreichte sein mag, Impulse, die diese anthroposophische Bewegung gleichsam zum „Stein des Anstoßes” werden lassen, an dem die Geister sich scheiden, Impulse, die
enthüllend wirken auf das, was in den Seelen der Menschen heute lebt, eben auch insoweit es die Niedergangskräfte sind, die in ihnen walten. Ein Spiegelbild der Kultur der Gegenwart bedeutet daher die Gegnerschaft der Anthroposophie. Daß der Blick in ein solches Spiegelbild nicht zu erfreulichen und erhebenden Bildern führen kann, dürfte niemand wundernehmen. Daß er gleichwohl immer wieder getan werden muß, sollte jedem klar sein, dem es um rückhaltlose Einsicht in die wirkenden Realitäten der Zeit ernstlich zu tun ist und der da weiß, daß auch gerade die positive Vertretung der Anthroposophie nur auf dem Untergrund solcher Einsichten diejenige Stoßkraft haben kann, die notwendig ist, wenn Anthroposophie ihre Weltmission erfüllen soll.

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