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Rudolf Hess, Jakob Wilhelm Hauer und die Anthroposophen


Meine Recherchen, die sich vorwiegend auf Primärquellen stützen (vgl. Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus, München 1999), kommen zu folgendem Ergebnis:

Rudolf Hess war kein Anthroposoph und hatte auch keine Sympathie für die Anthroposophie. Er zeigte ein Interesse an der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und – in geringerem Grade – an Aspekten der Waldorfpädagogik, so weit sie vom Einfluss der Anthroposophie getrennt werden. Schon als Heydrich am 1. November 1935 das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland unterzeichnete, unterstützte Hess diese Maßnahme in einem Schreiben an Himmler vom 19. November 1935 mit den Worten "da dieser Tage mit Recht gegen Reste der Anthroposophie vorgegangen wird ...”.

Daß man später vermutete, daß Hess etwas mit Anthroposophie zu tun hatte, hat zwei Gründe: erstens der Ruf des Amtes Hess als "weiche” Stelle im Regime, an der man sich für Beschwerden gegen das Vorgehen von Parteistellen oder sonstige Anliegen Gehör erhoffen konnte, und zweitens die Verleumdungen eines erbitterten Gegners von Rudolf Steiner und der Anthroposophie, des Tübinger Professors Jakob Wilhelm Hauer, ein persönlicher Bekannter Himmlers.

Kontakte der Anthroposophen zum Amt Hess

In den ersten Jahren des Nazi-Regimes hatte Hess noch eine erhebliche Macht. Als »Stellvertreter des Führers« war er gegenüber allen Parteistellen weisungsberechtigt, ja, er erhielt sogar Ministerrang mit Vetorecht gegen alle Gesetzesvorlagen. Jeder konnte sich mit seinen Anliegen an das Amt Hess wenden, und tat es auch oft. Das Amt Hess hat nicht wenig zu der Illusion der ersten Jahre beigetragen, dass die Brutalitäten und Zerstörungskräfte der Nazis Auswüchse seien und von den Nazis auch "Gutes” erwartet werden könne.

Hess war ein Anhänger von Naturheilverfahren und von naturnaher, vegetarischer Ernährung. Als die biologisch-dynamischen Landwirte von der chemischen Düngemittelindustrie angegriffen wurden, und der nationalsozialistische Wirtschaftsminister in Thüringen ein Verbot der Verbreitung biologisch-dynamischer Produkte erließ (15. November 1933), entschlossen sich die biologisch-dynamischen Landwirte auf Anraten und durch Vermittlung des Gartenarchitekten Alwin Seifert, sich an Hess zu wenden. Seifert interessierte sich nicht für Anthroposophie, aber sympathisierte mit der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Er hatte den Garten der Villa von Hess in München gebaut und ging bei ihm ein und aus.

Seifert sprach Hess an. Dieser erklärte sich bereit, die biologisch-dynamischen Landwirte anzuhören. In Berlin fand eine 1/2 stündige Sitzung statt. Hess bestimmte darauf hin, dass man die Polemik lassen solle und erst einmal wissenschaftliche Versuche anstelle, an denen die Leistungsfähigkeit dieser »Landwirtschaftsmethode« überprüft werden könne. Das geschah auch. Die Versuche wurden über 4 Jahre hin durchgeführt, und die Resultate waren so überzeugend, daß schließlich (1939/40) auch Richard Walther Darré Interesse daran fand, der aber von Himmler verdrängt wurde: Himmler meinte, hier die gesunde Ernährung für seine SS zu finden.

Himmler und Hess, ansonsten intern die größten Gegner, hatten – wie andere Naziführer auch – dieses gegenüber der Anthroposophie gemeinsam: sie betrachteten sie als okkultistisch-mystische Bewegung mit Misstrauen oder Haß, interessierten sich aber für manche aus der Anthroposophie hervorgegangene "Methoden” wie die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise und – teilweise – die Waldorfpädagogik. Deshalb wollten sie diese als "Methoden” ausdrücklich unter Weglassung der Anthroposophie vereinnahmen.

Die zweite und letzte direkte Begegnung zwischen einem Anthroposophen/in und Rudolf Hess fand im Jahre 1934 statt und dauerte 3 Minuten. Elisabeth Klein, Vertreterin der Dresdner Rudolf Steiner Schule, fing Hess im Wartezimmer des Braunen Hauses, der Parteizentrale in München, ab. Als dieser sie fragte, was denn an den Waldorfschulen Besonderes sei, antwortete sie, dass sich die Waldorfschulen zum allgemeinen Schulwesen so verhielten wie die biologisch-dynamische Landbauweise zur üblichen Landwirtschaft. Dies war der einzige Kontakt mit Hess. Ansonsten hatte Klein einen der Privatsekretäre von Hess, Alfred Leitgen, von den Vorzügen der Waldorfpädagogik eingenommen. Von diesem ging dann die Unterstützung für die Waldorfschulen aus, die deren Schließung zwar letztlich nicht verhinderte, aber teilweise hinauszögerte.

In diesem Zusammenhang wurden die beiden Gutachten Baeumlers erstellt. Eines über die Waldorfschulen, bei denen Hess die Einrichtung von 2 oder 3 staatlichen Versuchsschulen befürwortete, in denen aber die anthroposophischen Lehrer durch nazitreue Lehrkräfte ersetzt werden sollten. Das andere über die Philosophie Rudolf Steiners, in dem Baeumler die Gegensätzlichkeit von Nationalsozialismus und Anthroposophie genau herausarbeitete. Baeumler ließ aber das rein Philosophische gelten. Durch die Komplizität der beiden Widerständler in der Verbotsstelle des Propagandaministeriums, Hugo Koch und Heinrich Gruber, konnten Steinerwerke noch 1939 wieder gedruckt werden.

Bei all diesen Unternehmungen handelte es sich seitens der Anthroposophen unzweideutig um Versuche, dem Nazistaat soweit es ging, Überlebensmöglichkeiten für ihre Institutionen abzuringen. Hess war gutmütig, hatte ein offenes Ohr für Anliegen aus allen möglichen Richtungen, aber von Anthroposophie keine Ahnung. Bestrebungen, Hess die Anthroposophie nahe zu bringen, hat es seitens der Anthroposophen nicht gegeben. Außerdem gab es dazu auch keinerlei Gelegenheit.

Die Behauptungen Jakob Wilhelm Hauers

Daß er in späterer Zeit trotzdem mit Anthroposophie in Zusammenhang gebracht wurde, ist einerseits auf ungenügende Recherchen der eben geschilderten Zusammenhänge zurückzuführen. Selbst Anna Bramwell, die sich auf solche und ähnliche Zusammenhänge (Darré) stützt, hat in dieser Frage kein Quellenmaterial vorgelegt (Siehe U.Werner, Anthroposophen...,S. 296 und 336). Wieviele Anthroposophen gäbe es heute, wenn man durch genießen von Demetergemüse, und mehr war es bei Hess nicht, Anthroposoph werden würde!

Vielmehr ist die Arbeit von Jakob Wilhelm Hauer für diese Gerüchtebildung, aus der dann angebliche Tatsachen entstanden, verantwortlich.

Hauer bekämpfte schon 1921 Rudolf Steiner und die Anthroposophie. In den zwanziger Jahren begründete er eine "deutsche Glaubensbewegung” von der er erhoffte, daß sie zur nationalsozialistischen Staatsreligion erhoben werde. Als Mitarbeiter des SD, des SS-Geheimdienstes, hatte er schon im Februar 1934 ein entscheidendes Gutachten geliefert, dessen Wortlaut teilweise in die Verbotsformulierung gegen die Anthroposophische Gesellschaft übernommen wurde.

Als Hess am 10. Mai 1941 nach England abflog, schrieb er – zwischen dem 13. und 16. Mai – gleich drei Briefe an Heinrich Himmler, in denen er Hess, der eine Neigung zur Anthroposophie hätte, als ein Opfer der Anthroposophen darstellte. Diese hätten ihn in England in Empfang genommen und suggestiv bearbeitet. "Ich darf noch einmal darauf hinweisen, dass ich seit Jahren vor der Anthroposophie gewarnt habe. Seit zwei Jahrzehnten bekämpfe ich sie. Und es ist furchtbar, dass diese seelische Pest so lange im deutschen Volk grassieren durfte, bis sie eine Grundfeste des Reiches erschüttern konnte”. (Hauer an Himmler am 13. Mai 1941).

Hauers Darstellung war gelungen, da Hessens Gesicht für die Naziwelt gewahrt blieb: Hess wäre nicht selbst verantwortlich für sein Handeln, sondern nur der Suggestion der Anthroposophen erlegen. In den folgenden Wochen wurde Hauer denn auch mehrfach nach Berlin gerufen. Er bereitete im Reichssicherheitshauptamt die Aktion gegen die inneren Gegner vor, die okkultistischen Bewegungen, die vor dem Rußlandfeldzug (22. Juni 1941) ausgemerzt werden mußten. Die Gestapoaktion, die am 9. Juni 1941 anlief, richtete sich nicht zuletzt gegen die Anthroposophen und die Pfarrer der Christengemeinschaft. Ihre Entlassung aus den Gefängnissen verdankten einige von ihnen der auf Umwegen erlangten Hilfe aus den Kreisen des Widerstands von Admiral Canaris, von Oberst Oster und von Carl Langbehn.

Behauptungen über ein angebliches Interesse von Hess für die Anthroposophie verkennen die damaligen Verhältnisse und haben meines Erachtens sämtlich ihren Ursprung in den Thesen von Hauer, die natürlich innerhalb des Sicherheitsdienstes der SS bekannt waren. Auch Schellenberg kann sie in Vorbereitung der Aktion vom 9. Juni 1941 nur dort, vermutlich in direktem Kontakt mit Hauer, übernommen haben. Dass diese heute von Gegnern der Anthroposophie benutzt werden, um diese auf dem Umweg über Hess mit dem Nazitum zu verbinden, ist wissenschaftlich fahrlässig und eine grobe Geschichtsfälschung.

Januar 2001
Uwe Werner

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