> themen > rassismusdebatte > nationalsozialistische gegner der anthroposophie

Dietrich Eckart 1919
über die Waldorfpädagogik


Vorbemerkung:

Der folgende Aufsatz ist 1919 in Dietrich Eckarts Zeitschrift »Auf gut Deutsch« erschienen. Er zitiert darin eine lange Passage aus der Zeitschrift »Theosophie«, die von Hugo Vollrath in Leipzig herausgegeben wurde. Vollrath gehörte zu jenen Leipziger Pseudo-Theosophen, die eine germanentümelnde völkische Strömung repräsentierten, die sich als theosophisch bezeichnete, obwohl sie antisemitisch war. Ellic Howe bezeichnet Vollrath in seinem Buch »Uranias Kinder« als „Gauner mit einem Hang zum Okkultismus”, (»Uranias Children. The Strange World of the Astrologers«, Wellingborough 1984, dt. Ausgabe »Uranias Kinder. Die seltsame Welt der Astrologen und das Dritte Reich«, Weinheim 1995, S. 112.).

Der 1887 geborene Vollrath fälschte nicht nur eine Dissertation, um sich mit dem Doktortitel zu schmücken, er wurde 1914 nicht nur von einem Kriegsgericht wegen Fahnenflucht verurteilt, er war auch Plagiator eines Plagiators: er gab unter dem Pseudonym Walter Heilmann die von Max Heindel (alias Max Grashoff) in Amerika veröffentlichten »Lehrbriefe für Rosenkreuzer«, die Plagiate von Mitgliedervorträgen Steiners darstellten, nach dem I. Weltkrieg gegen Bezahlung an Mitglieder einer fiktiven Rosenkreuzergesellschaft ab, als deren angeblicher Sekretär sein pseudonymes alter ego Heilmann fungierte. Vollrath pflegte später innige Beziehungen zu keinem Geringeren als Rudolf von Sebottendorf, dem Gründer der Thulegesellschaft. Sebottendorf wurde im Spätherbst 1920, nach dem Verkauf des »Völkischen Beobachters« an die NSDAP, Redakteur der von Vollrath herausgegebenen »Astrologischen Rundschau«, schrieb und edierte für dessen Verlag ein halbes Dutzend Bücher und übersetzte das Buch »The Message of the Stars« von --- Max Heindel. Vollrath trat im Frühjahr 1933 eilends in die NSDAP ein und vollzog einen Schwenk seiner »Astrologischen Rundschau« auf die Linie des NS-Rassismus.

1911 schrieb Vollrath in einer Selbstrechtfertigung, die dazu dienen sollte, seine Bitte um Wiederaufnahme in die von Steiner geleitete Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft zu begründen, über sich: „Es liegt in meiner Natur als Repräsentant der arischen Rasse, nachdem ich drei Jahre versucht habe, in Schweigen zu verharren, als unbesiegter Kämpfer in der Reich der Sanftmut und des Friedens einzutreten, nicht aber als gelehrter, diplomatischer Stubenhocker beim warmen Ofen.” (Siehe: »Mitteilungen für die Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft 1905-1914«, unveränderter Nachdruck, Rudolf-Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach 1999, S. 196.) Sein Antrag wurde natürlich abgelehnt. Die Unterstützung Annie Besants für Vollrath war einer der Hauptgründe, die zur Distanzierung Steiners von Annie Besant und zum Ausschluß der Deutschen Sektion aus der Theosophischen Gesellschaft führten.



„Der Adler des Jupiters”

Quelle:
»Auf gut deutsch«
12. Dezember 1919
Seiten 659–672

In der Vorrede zu seiner Preisschrift »Über die Freiheit des menschlichen Willens« bringt Schopenhauer aus dem uralten (1640) Criticon de Baltazar Gracian eine anscheinend sehr weitschweifige Geschichte von zwei Reisenden, namens Kritilo und Andrenio, Vater und Sohn, die irgendwo auf einer Bretterbühne einen Mordsschwadroneur erblicken, „umringt von einem großen Mühlrade Volks, welches hier eben gemahlen und bearbeitet wurde.” Die unglaublichsten Dinge bot dieser Kerl zur Schau aus, zuletzt sogar den Adler des Jupiters.

„Nunmehro, meine Herren, will ich Ihnen ein geflügeltes Wunder, welches dabei ein Wunder an Verstand ist, vorzeigen. Es freut mich, daß ich mit Personen von Einsicht, mit ganzen Leuten zu thun habe; jedoch muß ich bemerken, daß wenn etwan Jemand unter Ihnen eben nicht mit einem ganz außerordentlichen Verstande begabt seyn sollte, er sich jetzt nur gleich entfernen kann, da die hohen und subtilen Dinge, welche nunmehr vorkommen werden, ihm nicht verständlich seyn können. Also aufgepaßt, meine Herren!”

Im Vertrauen darauf, „daß keiner sich zu der Einsicht, daß er ohne Einsicht sei, bekenne würde, vielmehr alle sich für sehr einsichtig hielten, ihren Verstand ungemein ästimierten und eine hohe Meinung von sich hegten”, zog der Betrüger an einem Zaun, und ein – Esel kam zum Vorschein.

„Hier sehen Sie einen Adler, einen Adler an allen glänzenden Eigenschaften, am Denken und am Reden. Daß sich nur keiner beigehen lasse, das Gegentheil zu sagen: denn da würde er seinem Verstande schlechte Ehre machen.”
„Beim Himmel”, rief Einer, „ich sehe seine Flügel: o, wie großartig sie sind!”
„Und ich” sagte ein Anderer, „kann die Federn darauf zählen – ach, wie sie so fein sind!”
„Ihr seht es wohl nicht?” sprach Einer zu seinem Nachbarn.
„Ich nicht?” schrie dieser, „ei, und wie deutlich!”

In diesem Sinn geht die Geschichte weiter, und sie geht sehr lange so weiter. Ein paar redliche und verständige Männer raunten sich zwar einander zu, daß das alles Schwindel sei; aber weil sie nicht von dem großen Haufen ausgelacht werden wollten, gaben sie sich schließlich ebenfalls den Anschein, als ob sie den Esel für Jupiters Adler hielten.

„Kritilo war aufs Äußerste gebracht, solche Gemeinheit von der einen und solche Verschmitztheit von der anderen Seite sehen zu müssen. „Kann die Narrheit sich so der Köpfe bemeistern?” dachte er. Aber der Spitzbube von Aufschneider lachte unter dem Schatten seiner großen Nase über Alle, und sprach, wie in der Komödie bei Seite, triumphierend zu sich selbst: „Habe ich sie dir alle zum Besten? Könnte eine Kupplerin mehr leisten?” und von Neuem gab er ihnen hundert Abgeschmacktheiten zu verdauen, wobei er abermals rief: „Daß nur Keiner sage, es sei nicht so: sonst stämpelt er sich zum Dummkopf.” Dadurch stieg nun jener niederträchtige Beifall immer höher: auch Anderwo machte es schon wie Alle.”

Besonders scheint das schöne Geschlecht dem „Adler Jupiters” zugejubelt zu haben. „Ach, dieser Schnabel”, rief eine lächerliche Schwätzerin, „reißt mich ganz hin: den ganzen Tag könnte ich ihm zuhören.”

Als ich diese Geschichte, deren Fortsetzung ich hier übergehe, vor einigen Jahrzehnten zum erstenmal las, erschien sie mir, noch dazu in ihrer endlosen Breite, so kindisch übertrieben, daß ich an mich halten mußte, um nicht den guten Schopenhauer mit dem Verdacht greisenhafter Schwatzsucht zu belasten. Ich sah eben damals das Leben noch mit der rosigen Brille der Jugend an und konnte unmöglich wissen, daß ein solches schmutziges Grau in der Welt gang und gäbe sei. Inzwischen hat mir die Zeit immer rauher die Augen geöffnet, und seit einer Weile bin ich sogar geneigt, die Erzählung des alten Baltazar Grazian nicht nur nicht für übertrieben, sondern im Gegenteil für viel zu gelinde aufgetragen zu halten.

Seit einer Weile. Seitdem ich nämlich selbst einen Blick auf den „Adler des Jupiters” werfen durfte, d.h. seitdem ich Gelegenheit hatte, den unvergleichlichen Herrn Dr. Rudolf Steiner und seine ebenso unvergleichliche Gemeinde zu beobachten. „Das muß man gesehen haben, da muß man hineingetreten sein, meine Damen und Herren! Kinder und Soldaten vom Feldwebel abwärts zahlen die Hälfte!”

Daß ich hier die ganze bisherige Tätigkeit Dr. Steiners untersuche und aus zahllosen Einzelheiten das Gesamtbild dieses modernen Cagliostro aufbaue, wäre zu verlangen unbillig. Wie ich ihn durchschaut zu haben glaube, ist er überhaupt nicht so zu fassen; denn wenn einer es versteht, sich in allen heiklen Fällen durch Vorschieben guter Freunde den Rücken zu decken, so ist es er. Meiner Erfahrung nach spricht er das für sein Wesen Entscheidende nie unmittelbar aus, sondern suggeriert es sozusagen seinen Anhängern, mit dem Erfolg, daß er seine unheilvolle Saat in die Welt streut, ohne dafür persönlich haftbar gemacht werden zu können. Unzweifelhaft hat er Dinge auf dem Gewissen, die ins aschgraue gehen, und ist auch ihretwegen schon so und so oft zur Rede gestellt worden; aber aus dem genannten Grund war es ihm stets möglich, nach dem Rezept „Mein Name ist Hase; ich weiß von nichts” die Verantwortung dafür auf andere abzuwälzen. Es gibt aber ein Netz, durch dessen Maschen er nicht zu schlüpfen vermag, und das will ich jetzt anwenden.

Dr. Steiner hat in letzter Zeit viel Staub aufgewirbelt, und zwar nicht auf theosophischem Gebiet, also nicht auf dem geheimen seiner eigentlichen Zauberkunst, sondern vor der großen Öffentlichkeit auf volksrechtlichem. Auch hier werde ich ihm nicht in alle Sackgassen folgen, und am wenigsten habe ich Lust, mich mit seiner Dreigliederpuppe zu beschäftigen, die viel zu aufgepolstert ist, als daß ich kurzerhand das leere Stroh in ihr vor Augen breiten könnte; ich halte mich an ihn da, wo schon ein Griff genügt, um auch dem einfachsten Kopf die ganze Taschenspielerei zu offenbaren, und zwar packe ich ihn bei seiner neuesten Rolle, bei der des Erziehers.

Vor mir liegen die »Waldorf-Nachrichten«, Jahrg. I, Nr. 19, „herausgegeben von der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik-Aktiengesellschaft” worin ich plötzlich zu meinem größten Erstaunen Dr. Rudolf Steiner als den Pestalozzi unserer Zeit gefeiert fand.

„Dem Markstein in der Entwicklungsgeschichte der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, der Einweihung und Gründung der freien Waldorfschule, ist unsere heutige Sondernummer gewidmet”, beginnt das Heft, worauf wir lesen, daß Herr Kommerzienrat Molt eine Rede gehalten und auch Herr Dr. Rudolf Steiner „zu der mehr als tausendköpfigen Waldorfgemeinde, die dort versammelt war, zu Eltern und Kindern” gesprochen habe.

„An diesem Nachmittag war Herr Molt ein wahrer »Schulvatter« und Frau Molt eine wahre »Mutter« unter einer glücklichen Kinderschar, die instiktiv fühlte, daß ihnen hier etwas Unschätzbares gegeben war. Unvergeßlich werden aber auch jedem die leuchtenden Augen Herrn Dr. Steiners sein, der an diesem Tage, ein wahrer Menschenfreund wie Pestalozzi, unter der Schar der Waldorfzöglinge sich einen Schritt näher sah dem Ziele, zu dem er die Menschheit führen will.”

Gleich die ganze Menschheit – ein echter Steiner. Noch in einem Säuglingsheim, wenn er seine Nase in die Windeln steckt, wird er das Wohl der gesamten Menschheit dabei im Auge haben. Unter dem tut er‘s nun einmal nicht, der große Mann.

Meinethalben. Hier kümmert uns nur seine Rede vor der mehr als tausendköpfigen Waldorfgemeinde, vor den Eltern und Kindern, überhaupt sein pädagogisches Programm. Zum Glück finden wir das alles schwarz auf weiß in der Festnummer und können es ebenso nach Hause tragen. Auch ein paar Gedichte Dr. Steiners finden wir da, vorausgesetzt, daß die Bezeichnung „Gedichte” sich noch für einen Tiefsinn eignet, den wohl nur der Verfasser selbst und allenfalls noch der „Schulvatter”, Herr Molt, zu ergründen vermögen. »Sprüche aus dem Seelenkalender« lauten sie; das eine ist „vom 29. September bis 5. Oktober” überschrieben, das andere „vom 6. – 12. Oktober”. Soll das nun ausdrücken, daß er zu jedem, wie der liebe Gott zur Erschaffung der Welt, sechs Tage gebraucht habe, oder daß man sich in die beiden während der genannten Tage wie in Gebete versenken soll? Auf jeden Fall regt es zum Grübeln an: wenn sich nur die Leute die Köpfe zerbrechen, dann ist schon viel gewonnen.

„Natur, dein mütterliches Sein,
ich trage es in meinem Willenswesen;
und meines Willens Feuermacht,
sie stählet meines Geistes Triebe,
daß sie gebären Selbstgefühl
zu tragen mich in mir.”

„In meines Wesens Tiefen dringen:
erregt ein ahnungsvolles Sehnen,
daß ich mich selbstbetrachtend finde,
als Sommersonnengabe, die als Keim
in Herbstesstimmung wärmend lebt
als meiner Seele Kräftetrieb.”

Man wird zugeben: daß es gerade eine Zigarettenfabrik ist, die diese unvergleichlichen Verse vermittelt, übertrifft an Eigenart sogar noch die Kriegstabake.

Doch nun zu Steiners Pädagogik. Ehe wir uns mit der Rede beschäftigen, die er vor der tausendköpfigen Waldorfgemeinde, vor Eltern und Kindern gehalten hat, wollen wir uns erst die von ihm aufgestellte „Pädagogische Grundlage der Waldorfschule” betrachten, wie sie sich ebenfalls in jenem Sonderheft findet. Schritt für Schritt wollen wir vorgehen, in aller Ruhe, und Satz für Satz prüfen, mit der größten Gewissenhaftigkeit; und dann werden wir schon sehen, wie weit wir kommen, ich meine, ob wir bis zum Ende durchhalten oder vorher verglasten Auges vom Stuhl sinken. Wir lesen:

„Die Absichten, die Emil Molt durch die Waldorfschule verwirklichen will, hängen zusammen mit ganz bestimmten Anschauungen über die sozialen Aufgaben der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Aus diesen Anschauungen heraus muß der Geist erstehen, in dem diese Schule geführt werden soll.”

Was sind das für „ganz bestimmte Anschauungen?” Schon hier beginnt das nichtssagende Gemuschel Steiners, wie wir es in allen seinen Schriften an der Tagesordnung finden. Er setzt etwas Unbekanntes hin und folgert ruhig darauf weiter. „Aus diesen Anschauungen” (die niemand kennt) muß der Geist der neuen Schule erstehen. Punktum, Streusand drauf!

„Sie (die Schule) ist angegliedert an eine industrielle Unternehmung. Die Art wie sich die moderne Industrie in die Entwicklung des menschlichen Gesellschaftslebens hineingestellt hat, gibt der Praxis der neueren sozialen Bewegung ihr Gepräge.”

Was ist das für eine Art? Der Teufel soll mich holen, wenn irgendein Sterblicher auch nur zu ahnen vermag, wie sich die moderne Industrie in die Entwicklung des menschlichen Gesellschaftslebens hineingestellt hat. Um darüber etwas aussagen zu können, müßte man doch überhaupt erst wissen, nach welcher Richtung Steiner das menschliche Gesellschaftsleben in der Entwicklung begriffen ist. Von welcher Seite wir dieses betrachten, überall tobt uns das helle Chaos entgegen; und nur der liebe Gott vermöchte mit Bestimmtheit anzugeben, was aus der Schweinerei einmal werden wird. Nichtsdestoweniger kennt Steiner bereits genau die Art, wie sich die moderne Industrie in dieses Kuddelmuddel hineingestellt hat. Für ihn, scheint es, ist ganz allein die Zigarettenfabrik des Herrn Molt in ihrer Verquickung mit seiner neuen Schulmeisterei maßgebend; aber weder wird durch diese das gesamte menschliche Gesellschaftsleben erschöpft noch beschränkt sich die ganze moderne Industrie auf den Waldorf-Astoria-Knaster. Damit können wir also nichts anfangen und hängen daher glatt in der Luft vor der Behauptung, daß die genannte Art (von der kein Mensch etwas weiß!) der neueren sozialen Bewegung ihr Gepräge gäbe; und zwar doppelt in der Luft, weil Steiner auch über diese Bewegung stumm wie ein Fisch bleibt. Seinen Trick begreift man ja bald: so oft er sich vor das „Hic Rhodus, hic salta!” gestellt sieht, springt er wohl, aber regelmäßig daneben, um sofort, mit der großartigsten Gebärde von der Welt, an ein anderes Problem heranzutänzeln. So hüpft er uns auch hier mit der „Praxis der neueren sozialen Bewegung” vor der Nase herum, ohne auch nur eine Silbe darüber verlauten zu lassen, was er sich eigentlich unter dieser Bewegung und gar unter ihrer Praxis vorstellt; der Begriff wird einfach hingeschmissen – da, macht euch einen Vers darauf! – und fort geht es, voraussetzungslos wie immer:

„Die Eltern, die ihre Kinder dieser Schule anvertrauen werden, können nicht anders, als erwarten, daß diese Kinder in dem Sinne zur Lebenstüchtigkeit erzogen und unterrichtet werden, der dieser Bewegung volle Rechnung trägt.”

Die Eltern, die ihre Kinder den Steinerschen Erziehungskünsten anvertrauen werden, hätten meines Erachtens alle Ursache, bevor sie es tun, sich erst die Art und das Ziel der „neueren sozialen Bewegung” erklären zu lassen; auf das leere Geschwätz hin, daß „in dem Sinn” unterrichtet werde, „der dieser (völlig ungeklärten) Bewegung Rechnung trägt” – „Rechnung trägt!” wieder so eine verschwommene Redensart! – würde ich Herrn Dr. Steiner noch nicht einmal einen Kanarienvogel in Obhut geben.

„Das macht notwendig, daß bei der Begründung der Schule von pädagogischen Prinzipien ausgegangen wird, die in den Lebensforderungen der Gegenwart wurzeln.”

Heiliges Donnerwetter, in was wurzeln?! In den Lebensforderungen der Gegenwart? Aber wie lauten diese? Steiner muß uns sagen, wie sie lauten, muß, muß, muß! Wenn in ihnen die pädagogischen Prinzipien seiner Schule wurzeln, so ist es seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, sie rund heraus zu nennen. Er tut es aber nicht ums Verrecken, und wäre es auch nur, weil er aus seiner langjährigen Praxis weiß, daß nichts so geeignet ist, seine Anhänger vor den Kopf zu stoßen, als die klare Begründung eines seiner Lehrsätze, denn da würde selbst diese hysterische oder sonstwie vertrottelte Gesellschaft merken, daß die Federn des Jupitervogels aus den wohlbekannten, noch dazu vor Alter schimmlig gewordenen grauen Haaren bestehen. Ich glaube, man muß weit auf Gottes Erdboden herumsuchen, bis man wieder einen Mann findet, der wie Steiner hunderte von Seiten schreiben kann, ohne dem suchenden Geist auch nur einen einzigen Anhaltspunkt zu bieten, und der dabei doch auf seine Kosten kommt. Es ist fabelhaft, wie er das macht; für sich betrachtet, sogar eine Meisterleistung. Freilich auch eine der Steinergemeinde, sich immer wieder auf diese geschmacklose Bettelbrühe zu stürzen und sie wie die reine Ambrosia trogweise hinunterzuschlingen.

Ich kann dem Leser nicht helfen: die ganze Einleitung Steiners muß noch einmal her, in ihrer vollständigen Rundheit und ein paar neue Sätze dazu; auseinandergerissen, wie ich sie der Kritik wegen brachte, wirkt sie nicht halb so schön.

„Die Absichten, die Emil Molt durch die Waldorfschule verwirklichen will, hängen zusammen mit ganz bestimmten Anschauungen über die sozialen Aufgaben der Gegenwart und der nächsten Zukunft. Aus diesen Anschauungen heraus muß der Geist erstehen, in dem diese Schule geführt werden soll. Sie ist angegliedert an eine industrielle Unternehmung. Die Art, wie sich die moderne Industrie in die Entwicklung des menschlichen Gesellschaftslebens hineingestellt hat, gibt der Praxis der neueren sozialen Bewegung ihr Gepräge. Die Eltern, die ihre Kinder dieser Schule anvertrauen werden, können nicht anders, als erwarten, daß diese Kinder in dem Sinne zur Lebenstüchtigkeit erzogen und unterrichtet werden, der dieser Bewegung volle Rechnung trägt. Das macht notwendig, daß bei der Begründung der Schule von pädagogischen Prinzipien ausgegangen wird, die in den Lebensforderungen der Gegenwart wurzeln. Die Kinder sollen zu Menschen erzogen und für ein Leben unterrichtet werden, die den Anforderungen entsprechen, für die jeder Mensch, gleichgültig, aus welcher der herkömmlichen Gesellschaftsklassen er stammt, sich einsetzen kann. Was die Praxis des Gegenwartslebens von den Menschen verlangt, es muß in den Einrichtungen dieser Schule sich widerspiegeln. Was als beherrschender Geist in diesem Leben wirken soll, es muß durch Erziehung und Unterricht in den Kindern angeregt werden.”

Eine Schrift, die mit einer solchen ägyptischen Finsternis einsetzt, schmeiße ich sonst augenblicks in den Papierkorb, unter dem herausgefluchten Schwur, von ihrem Verfasser künftighin keine Zeile mehr zu lesen. Wende mir, bitte, keiner ein, vielleicht käme es später besser; ich müßte an seinem gesunden Menschenverstand zweifeln. Auf solche Sätze kann es nicht besser kommen. Hier liegt eine schwere Erkrankung der Zirbeldrüse vor, nach irgendeinem Weisen bekanntlich des Sitzes der Seele. Tatsächlich komme es auch nicht besser, und wenn es ja einmal so aussieht, ist’s wieder Gewäsch oder hochnäsige Wichtigtuerei mit uralten Wahrheiten.

Zum kurzen Beweis dessen, will ich gleich in den sauersten Apfel beißen und auf die Rede eingehen, die Steiner vor der „mehr als tausendköpfigen Waldorfgemeinde”, vor „Eltern und Kindern”, wohlverstanden, vor Kindern, gehalten hat. Auch diesmal beutelt uns schon die Einleitung ab, daß uns Hören und Sehen vergeht.

„Aus den Worten des Herrn Molt werden Sie haben entnehmen können, aus welchem Geist heraus er die Initiative ergriffen hat zur Begründung dieser seiner Waldorfschule. Sie werden aus seinen Worten heraus vernommen haben (aus was denn sonst? Vielleicht aus seiner großen Zehe? D. E.), daß nicht irgend einer alltäglichen Absicht diese Gründung entsprungen ist, sondern dem Rufe, der heraustönt so klar aus der Entwicklung der Menschheit gerade in unserer Zeit, und der doch so wenig vernommen wird. Indem aus dieser Entwicklung der Menschheit heraustönt vieles, das eingefaßt werden kann in den Rahmen des sozialen Gestaltens der Menschheitsgeschicke, des sozialen Neuaufbaues, liegt auch etwas in diesem Rufe, das nicht überhört werden darf: es liegt in ihm vor allen Dingen die Erziehungsfrage. Und man kann überzeugt sein, daß nur diejenigen den Ruf nach sozialer Neugestaltung richtig hören in dem verwirrenden Chaos von Forderungen der Gegenwart, die seine Wirkungen hineinverfolgen bis in die Erziehungsfrage.”

Ich gäbe weiß Gott was darum, wenn ich die Augen der Kinder gesehen hätte, als Steiner nach der Einleitung die Atempause benützte, um einen hoheitsvollen Blick auf seine Opfer zu werfen. Noch mehr aber hätten mich die Augen des „Schulvatters” interessiert. Es müssen kolossale Augen gewesen sein.

„Da meine sehr verehrten Anwesenden, muß ein neuer Geist in die Menschheitsentwicklung eingreifen, der Geist eben, den wir durch unsere Geisteswissenschaft suchen. Der Geist, der davon hinwegführt, in dem lebendigen Menschen den Träger von Pump- und Blasinstrumenten, einen Mechanismus zu sehen, der nur nach naturwissenschaftlichen Methoden begriffen werden kann. Es muß einziehen in die Geistesgesinnung der Menschheit die Überzeugung, daß Geist in allem Naturdasein lebt, und daß man diesen Geist erkennen könne. Und so haben wir versucht in dem Kursus, der vorangegangen ist unserer Waldorf-Unternehmung, und der bestimmt war für die Lehrer, eine Anthropologie, eine Erziehungswissenschaft zu begründen, die werden kann eine Erziehungskunst, eine Menschheitskunde, welche aus dem Toten das Lebendige im Menschen wieder erweckt. Das Tote – und das ist das Geheimnis unserer gegenwärtigen absterbenden Kultur – das Tote, es macht den Menschen wissend, es macht den Menschen einsichtig, wenn er es aufnimmt, als Naturgesetze; aber es schwächt sein Gemüt, aus dem die Begeisterung hervorgehen soll gerade im Erziehen. Es schwächt den Willen. Es stellt den Menschen nicht harmonisch in das ganze, gesamte soziale Dasein hinein. Nach einer Wissenschaft suchen wir, die nicht bloß Wissenschaft ist, die Leben und Empfindung selber ist, und die in dem Augenblick wo sie als Wissen in die Menschenseele einströmt, zu gleicher Zeit die Kraft entwickelt, als Liebe in ihr zu leben, um als werktätiges Wollen, als in Seelenwärme getauchte Arbeit ausströmen zu können. Als Arbeit die insbesondere übergeht auf das Lebendige, auf den werdenden Menschen. Wir brauchen eine neue Wissenschaftsgesinnung.”

Nein, wir brauchen neue Haselnusserne! Aber nicht für die Kinder! Wenigstens nicht für die in der Waldorfschule. Die sind gestraft genug.

Soll man das für möglich halten? Das Tote macht den Menschen wissend, macht ihn einsichtig, schwächt aber sein Gemüt, seinen Willen, und stellt ihn nicht harmonisch in das ganze, gesamte soziale Dasein hinein! Das Tote! Ich muß offen gestehen: mit ist’s, als sähe ich weiße Mäuse.

Während des Vortrags eines Berliner Universitätsprofessors schrieb der junge Schopenhauer in sein Kollegienheft etwa folgendes: Bei dieser Phrase wäre ich beinah auf’s Katheder gesprungen, mit gezogener Pistole, und hätte ihm zugerufen: „Kerl, sterben mußt du auf jeden Fall: aber bei deinem ewigen Seelenheil beschwöre ich dich, sage mir zuvor, ob du dir bei dem Gallimathias auch nur das Geringste gedacht hast!

In der Waldorfschule scheinen sie nur Pump- und Blaseinstrumente zu besitzen. Immerhin hätte sich damit wohl auch eine hübsche Wirkung erzielen lassen, auf naturwissenschaftlicher Grundlage.

Vor Kindern wurde diese Rede verzapft! Eine Rede, die sich zu der Forderung verdichtet:

Lebendig werdende Wissenschaft!
Lebendig werdende Kunst!
Lebendig werdende Religion!

Lebendig! Und derselbe Schreier, der dieses „Lebendig!” in den Saal schmettert, quasselt Zeug zusammen, wie es lebloser gar nicht gedacht werden kann. Nun ja, er ist konsequent. Macht denn nicht, seiner Überzeugung nach, das Tote den Menschen einsichtig, macht es ihn nicht wissend? Und auch das andere stimmt: wenigstens den Steiner stellt das Tote nicht harmonisch in das ganze, gesamte soziale Dasein hinein. Das tut es wirklich nicht. Sonst würde ich mich unverzüglich daraus verduften.

Ein anderes Bild von diesem Heros und seiner „Wissenschaftsgesinnung”. Im August-September-Heft 1916 der Monatsschrift »Theosophie« findet sich unter dem Titel »Das „Reich” des Lucifer« nachstehende Auseinandersetzung [Eckart zitiert ohne Verfassernamen. Verfasser der hemmungslosen Polemik, die nun folgt, war vermutlich Hugo Vollrath, der bereits 1908 aus der von Steiner geleiteten Deutschen Sektion ausgeschlossen worden war. (Die Verfasserschaft wird gegenwärtig noch überprüft]:

„In unserer Zeit erstrahlte eine Zeitlang ein Dreigestirn, das vielen die Augen blendete und noch blendet. Der Sozialist Liebknecht, der Tagespolitiker Maximilian Harden und der Geheimlehrer Dr. Steiner. Drei Könige; auch sie boten dem Geschlechte der Zukunft Gaben, Geschenke, die aber nur die Sinne berauschten, nicht das wahre Ich berührten. Der Zeitgeist hat aber dieses Dreigestirn vor die Kritik der Gegenwart hingestellt, sie müssen demnach notwendig gewesen sein, notwendig wenigstens als Ausrufer mit Peitsche und Klapper. Dr. Steiner erregt nun die Aufmerksamkeit unserer Kreise durch eine neue Sensation. Er hat »Das Reich«, eine Zeitschrift, April 1916 mit Hilfe seiner Schüler ins Leben gerufen. Welches Reich? Das Reich seiner Ideale. Über sich und diese Ideale spricht er sich zum ersten Male programmatisch in dem Leitwort aus unter der Überschrift »Lucifer«, das er seiner ersten Zeitschrift »Lucifer« gab. Diese Zeitschrift war erschienen am 1. Juni 1903 und verlief 1908 im Sande. Die ersten Jahre erschienen die einzelnen Nummern in immer größeren Pausen, bis zuletzt bei Nr. 35 überhaupt die Lebenskraft ganz versagte. Dr. Steiner bezeichnet Lucifer als das bedeutsame Symbol der Weisheit und sich als ein Kind des Lucifer. In den Jahren 1903 – 1912 versuchte Dr. Steiner, ein theosophisch-christliches Reich aufzubauen, gab sich als den Vertreter des Christus auf Erden aus, tat nichts gegen diesen Kultus und benutzte die Theosophische Gesellschaft, deren Generalsekretär er von 1902 – 1912 war, dazu, seine Gemeinde zusammenzubringen. Ende 1911 mußte er aus der Theosophischen Gesellschaft entfernt werden; er verlor sein Prestige, sein Amt und seine Stellung. Er gründete nun die Anthroposophische Gesellschaft. Dabei stellte es sich heraus, daß Dr. Steiner das gewährte Vertrauen benutzt hatte, anstatt in selbstloser Weise an den Aufgaben der Theosophischen Gesellschaft mitzuarbeiten, im Stillen sich seine eigene Gemeinde zu bilden und diese durch ein jesuitisches System unter Anwendung allesamt der Mittel der Massensuggestion und des Seelenfanges von sich abhängig zu machen.

Im Jahre 1914 änderte Dr. Steiner sein Lucifer-Ideal. Bisher war Lucifer der Gott der »Freiheit« und »Weisheit«. In diesem Jahre stellt er Lucifer dem Christus gegenüber und sagt: »Lucifer gehört von der Erde all dasjenige, was durch den Christus nicht befreit wird, er strebt danach, das eigentliche Erdenziel zu durchkreuzen und die Seelen ihr Erdenziel nicht erreichen zu lassen, sie in seiner Welt zurückzubehalten.«

Steiner läßt bei Gelegenheit durchblicken, wie er zu den neuen Anschauungen gekommen sei. Er verkehre mit dem Geiste der Gräfin Brockdorff (im Jahre 1904 gestorben), und dieser Geist wirke als eine Art Schutzengel auf ihn. Der Artikel »Lucifer« aus dem Jahre 1903 habe in der Theosophischen Bewegung die heftigste Opposition erfahren, Gräfin Brockdorff sei damals die einzige gewesen, die dennoch an seinen guten Willen geglaubt habe. ...

Dr. Steiner kommt 1914 auch zu der Einsicht, daß die menschlichen Ideale, wenn sie für die Menschheitsentwicklung fruchtbar werden sollen, von dem Christusgeist anerkannt, durchchristet werden müßten, sonst verstecke sich Lucifer dahinter ... täusche die Menschen und verstricke sie immer mehr in den Wahn ihrer Eigenheit. Dr. Steiner spricht wörtlich in dieser Zeit von einer »durchchristeten Theosophie«. Das sei hier nur der Kuriosität wegen bemerkt. Dr. Steiner ist von den Schülern der Theosophie immer als eine Art Judas und okkulter Jongleur in der Theosophischen Gesellschaft betrachtet worden, der nie – auch heute nicht – weiß, was Theosophie in Wahrheit zu bedeuten hat.

Dr. Steiner hat nun gleich im ersten Hefte seiner Zeitschrift seinen Schüler Dr. Peipers zu einem Angriffe gegen unsere Zeitschrift vorgeschickt. Dieser Schlag Dr. Peipers ist mit viel Gift geladen. Die Wut dieser Kinder des »Lucifer« ist durch die Veröffentlichung des Bamlerschen Artikels neu entfacht. Wir waren bereit, auch eine Erwiderung der Gegner Bamlers zu bringen. Es wurde Herrn Bamler davon Mitteilung gemacht. Der Bamlersche Artikel sollte die Diskussion eröffnen über ein Gebiet, das dringend der Klärung bedurfte. Dr. Steiner hat sich leider, feig und furchtsam wie er ist, dieser Diskussion entzogen. Der gehässige Angriff Dr. Peipers zwingt uns aber zu einer entsprechenden Abwehr. Obwohl Dr. Peipers den Schlag ausführt, ist er doch nicht in Wahrheit verantwortlich, sondern sein Geheim-Lehrer Dr. Steiner. Nur mit diesem haben wir es zu tun. Wir kennen die strengen Bedingungen, die Dr. Steiner seinen Schülern stellt: er wacht eifersüchtig über die Beachtung der Gesetze seiner Schulung. Der Geistesschüler ist seinem Lehrer strengsten Gehorsam schuldig und die Verbindung zwischen beiden sei so fest, daß sie »nie wieder gelöst werden könne.« Dr. Steiner verpflichtet die Schüler durch Handschlag zu unbedingtem, unverzüglichem Gehorsam ...

Die Arbeit Dr. Peipers‘, der zu den bevorzugten Schülern Steiners gehört, ist ein Musterbeispiel der verderblichen Geheimschulung Steiners. Dr. Peipers will Bamler antworten, das ist der ausgesprochene Zweck seiner Arbeit. Anstatt das zu tun und nun methodisch vorzugehen, zeigt er, daß er weder eine geisteswissenschaftlich-anthroposophische noch eine akademischlogische Methode hat. Er beginnt mit einer Deklamation allgemeiner anthroposophischer Redensarten und schließt mit solchen über Sympathie und Antipathie, von Gebundensein an Triebe und Begierden; dabei passiert ihm das Spaßhafte, daß er seine eigene Kritik und sein eigenes Verdammungsurteil ausspricht ...

Sein ganzer Artikel »Gesunde Geistesforschung und krankes Seelenleben« ist im Tone der Sympathie für Dr. Steiner und im Tone der Antipathie, gesteigert bis zur Polemik, gegen E. Bamler und die Zeitschrift »Theosophie« gehalten. Er gleicht dem kleinen Kinde, das den Tisch schlägt, woran es sich in seiner Unwissenheit gestoßen hat. Dr. Peipers schweift immer wieder vom Thema ab. Plötzlich legt er Bekenntnisse schwerwiegender Art ab. Er verdanke Dr. Steiner von allen Schönheiten des Lebens die allerhöchste: den Geist. Immer kehrt diese in den Sekten und der Heilsarmee eingeführte Gewohnheit wieder: anstatt sachlich objektiv eine Sache zu begründen, legt man Zeugnis für die Person des Sektenleiters ab. Das ist doch keine öffentliche, sondern eine rein persönliche, diskrete Angelegenheit. Was nützen die Bekenntnisse – man will die guten Früchte einer Sache sehen: echte Logik, Erkenntnis, Urteilskraft. Spaßig auch ist das Verfahren gegen E. Bamler. Dr. Peipers beklebt diesen seinen zwangsweise übergebenen Patienten einfach mit allerlei Etiketten, schreibt darauf irgendetwas in seinem medizinischen Jargon, dann bezeichnet er den Klatsch der anthroposophischen Tanten in München als »in München gepflogene Erhebungen«. Interessenten dieser Anthroposophischen Gesellschaft werden ferner einen sonderbaren Eindruck bekommen, wenn Dr. Peipers sagt, daß zu ihrer Gesellschaft (Bewegung nennt er sie hochfahrend) geistig anormale Menschen aller Kategorien herankämen und die Zulassung solcher Unglücklicher ließe sich nicht immer vermeiden, weil die sie einführenden Mitglieder nicht über psychiatrische Sachverständigkeit verfügen ... Daß solche und ähnliche Worte und Gedanken überhaupt ausgesprochen werden können., ist ein Zeichen, welche Kopflosigkeit und geistige Hoffnungslosigkeit hinter den hochtrabenden Phrasen der Christusbotschaft dieser Leute stehen. ...

Dr. Peipers beklagt sich, daß die heutige Wissenschaft den Genius Steiner nicht anerkenne, und glaubt diese Wissenschaft deswegen warnen zu müssen. Er spricht sich ferner lobend über den guten Geschmack des Publikums von heute aus, das Steiners Lehren gerecht beurteilen würde, auf der andern Seite spricht er demselben Publikum die Fähigkeit ab, die Werke des Genius Steiner richtig zu beurteilen. Die heutige Wissenschaft wird sich schön bedanken, den Jesuiten Steiner ernst zu nehmen, der, wenn er es für seine Agitation nützlich findet, die Geister des verstorbenen Dichters Christian Morgenstern und der Gräfin Brockdorff für sich eintreten läßt und sie als Beweisgegenstände aufbringt.

Solche konfuse Mediziner nach Art Dr. Peipers sind eine große Gefahr. In ihnen gewinnt der Jesuitismus eine neue Schärfe und Gewalt. Es ist ein Zeichen feinen Steinerschen Instinktes, sich hinter solche Sachverständige zu verstecken, die seine willenlosen Sklaven sein müssen nach den Bestimmungen und dem Ehrenkodex seiner Geheimschulung. Der medizinische Sachverständige hat bei der Entwicklung der Psychiatrie eine große Macht, die Macht des Priesters früherer Zeiten. Graf Mielczynsky, der Führer der polnischen Fraktion im Reichstage, erschoß früh morgens mit seiner doppelläufigen Jagdbüchse seine Frau und seinen Neffen, die er beide beim Ehebruch auf frischer Tat erwischte. Er wurde freigesprochen. Er galt als Doppelmörder. Grund des Freispruches: Berücksichtigung des Dämmerzustandes. Solche Urteile sind vielfach interessant und charakteristisch auch für das Eindringen des Christusgeistes in die Beurteilung schuldiger Menschen. Die Ausbreitung der Macht des Christus, und sei es noch so tastend und unbeholfen, wirkt herzerhebend und belebend. Verfolgt man dagegen Dr. Steiners Wirken bis in seine Einzelheiten, so strömen einem darauf die Kälte des Lucifer, Eis und Versteinerung entgegen. Es ist schon zuviel Aufmerksamkeit für Steiners Schüler Dr. Peipers verwendet, sein Lehrer kommt für unsere Abwehr lediglich in Frage. Hätte dieser einen Funken wahrer Verantwortlichkeit, dann wäre er E. Bamler die Antwort nicht schuldig geblieben. Aber es ist viel bequemer, seine unfertigen gutgläubigen Schüler ins Treffen zu schicken, als selber die wenig angenehme Arbeit zu leisten, die doch karmisch notwendig war.

Dr. Steiner hat immer die Aufmerksamkeit in den Theosophischen Kreisen scharf auf sich gezogen. Manche fürchteten sich vor ihm, manche beneideten seine Erfolge, viele seine blendende niedere Mentalität. Die Theosophische Bewegung in Deutschland ist charakteristisch wegen ihrer Zersplitterung der Kräfte und ihrer vielen verschiedenen Richtungen, die allesamt eigene Wege gehen. Nur einmal waren alle diese Kräfte einer Erkenntnis, als es galt, Dr. Steiner aus der Theosophischen Bewegung zu entfernen. Instinktiv fühlten alle, daß hier eine Naturwidrigkeit bestehe. Dr. Steiner hatte in der Tat während seiner Tätigkeit in der T.G. alles auf den Kopf gestellt. Das Ich des Menschen legte er in den Tierischen Teil des Menschen. Die Persönlichkeit machte er zum Gott, ihr gab er die Willensfreiheit. Das Theosophische Ethos verlangt vollständige Unterordnung der Persönlichkeit (Kama-Manas, Niederes Selbst) unter die Führung der Höheren Menschennatur (Höheres Ich, Höheres Manas), der Individualität; die Theosophische Forschung erkennt den Sitz des freien Willens in dem Göttlichen Teil des Menschen. Steiner ignorierte die Theosophischen Forschungen, ihnen stellte er die Weisheit des Lucifer entgegeben. Er sah in die Höheren Welten von unten, er war aber nicht im Besitz der Fähigkeit, sich ins Geistige zu erheben. Deshalb blieben die Höheren Güter der T.G. und deren Aufgaben ihm fremd und unverständlich. ... Als er den Theosophischen Kongreß in München 1907 veranstalten sollte, errichtete er als Symbol dieses Kongresses die Hure von Babylon: Dieses Emblem war in Form eines Gemäldes in der Mitte des Saales über dem Rednerpulte angebracht. Im Begriffe, die T.G. nach jesuitischem Muster zu reorganisieren, ereilte ihn das Schicksal. – Sprichwörtlich ist der Haß Steiners gegen Dr. Hartmann. Wohin Dr. Steiner kam, mußte jede Erinnerung an Dr. Hartmann ausgelöscht werden. Aus den theosophischen Bibliotheken der echten Kinder des Lucifer flogen Hartmanns Bücher hinaus. Hervorragende Anhänger Dr. Hartmanns wurden von Steiner systematisch mit Hilfe gewisser Tricks bearbeitet und umgelernt. Aus solchen präparierten Anhängerinnen, bilden sich die Steinerschen Kraftweiber. Ihnen war die Steinersche Erklärung über die wahre Bedeutung des griechischen Gottes Eros gerade zur rechten Zeit gekommen. Jene, die vorher durch die Theosophische Erziehung zum Erlebnis ihres Höheren Selbst gekommen waren, fanden es bequemer, den für die Persönlichkeit zu setzen und ihr die Willensfreiheit zu geben. Daraus entstanden dann Hyperkulturerscheinungen verschiedener Art. Megärentypen. „Sauf Deinen Sudel selbst” – mit solchen Tönen mußte dann der Meister seine Zauberlehrlinge einschüchtern, wenn ihre Forderungen zu sehr über das Maß gingen. Diese veranstalteten die bekannten Ketzergerichte in der T.G. Der sonst so kluge und korrekte Steiner stieß dann Satzungen und Verfassung der Deutschen Sektion und der T.G. um. Die Regeln in der Geschäftsführung erkannte Steiner für sich nicht an, es wurde ihm hinterher nur zu willig „Indemnität” erteilt. Die Ketzer durften sich nicht verteidigen, sie wurden heimlich verurteilt. Die Megären traten als Kläger und Richter auf. Steiner – immer korrekt – enthielt sich der Abstimmung. Diese haben sich auch sehr nützlich erwiesen, als es galt, die große Theosophische Bibliothek, die durch Vermächtnis in den Besitz der Theos. Gesellschaft übergegangen und deren Eigentum war, durch geschickte Schiebung in andere Hände gelangen zu lassen.

Dr. Steiner hat von 1902–1912 gezeigt, daß er für Theosophische Aufgaben nicht in Frage kommt. Sein Geist ist unfähig, die Theosophischen Werte deutsch zu erfassen, er erfaßt sie romanisch. In Ihm kommt der Geist der Romanischen Rasse, der Geist der allmächtigen, schillernden Mentalität (nicht Geistigkeit), der Routine, des Dogma und des Papsttums, der Vergewaltigung der Seelen und der Veräußerlichung alles wahrhaft Seelischen noch einmal zur letzten Blüte. Steiner muß für seine Ideen einen Tempel, einen Vatikan haben; den baut er jetzt. In diesem alleinseligmachenden Zentrum entfaltet sich nun erst seine Welt. Er braucht ein hierarchisches System, an dessen Spitze er der verantwortliche Leiter und Herrscher ist; auch das hat er nun in seiner Anthroposophischen Gesellschaft. Dort hat er seine Minister, sein Reich, seinen Hofstaat, und ein deutscher Freiherr macht dazu die schrecklichsten Verse, die nach Form und Inhalt mit allen Mitteln der Folterkammer behandelt werden.

In Theosophischen Kreisen ist Dr. Steiner immer als der Lehrer einer höheren Selbstsucht angesehen worden. Seine Schüler, wie Dr. Unger in Stuttgart, haben versucht, auch in der T.G. das Dogma und die Unterdrückung der Willensfreiheit und der Gedankenfreiheit durchzusetzen. Dr. Unger versuchte auf dem Theosophischen Kongresse in München 1907 das Buch Steiners »Theosophie« zum Katechismus der T.G. zu machen; dieser Herr stellte sich dabei auf das Pult unter das schon genannte Emblem und zeigte dieses Buch demonstrativ der Versammlung, ein Buch, das ungefähr den Wert von Brandlers »Okkultistischen Lehrbriefen« haben mag. Gleichzeitig waren die »Kraftweiber« als Steiners Wahlagitatoren tätig: er sollte Präsident der T.G. werden. Die Theosophische Toleranz erlaubte es nicht, schon damals gegen Steiner vorzugehen. Gutes und Böses war noch im Flusse, und die Wirkungen, die zu seinem Ausschlusse führten, waren noch nicht genügend sichtbar. Steiner zeigte immer große Aufnahmefähigkeit für Deutsche Kultur, er schlüpfte in das Gewand, das Goethe aus deutschen Stoffen gewoben hatte; er war ferner ein Bewunderer von Hermann Grimm, des Statthalters der geistigen Hinterlassenschaft Goethes; später kamen noch die guten Ratschläge hinzu, die Steiner von okkulter Seite erhielt, Ratschläge, die ihm dazu halfen, erfolgreich gegen den mechanistischen Materialismus vorzugehen, aber immer blieb er er, der interessante okkultistische Agitator, der bei großen seelischen Erschütterungen aus dem Goetheschen und Grimmschen Anzuge herausrutschte und in den Jargon seiner galizischen Heimat, in sein wahres Wesen zurückfiel. Wer ihn näher kannte, wußte das; der Pferdefuß wurde mit in Kauf genommen; sah man doch würdige Herren, geschätzte Vertreter der Theosophie, mit Eselsköpfen zur Türe hereintreten.

Im ersten Hefte der Zeitschrift »Das Reich« teilt Dr. Steiner seine neueste okkulte Entdeckung mit. Wörtlich heißt es dort: »Man entdeckt wahrhaftig in sich einen zweiten Menschen, der als Geistwesen ein bewußter Zuschauer des gewöhnlichen Seelen-Erlebens ist«. – Nun beginnt ein gewaltiges Gegacker Steiners vor seiner Herde. Diese Entdeckung ist reichlich spät, so entdeckt er allmählich alle Theosophischen Urbegriffe und Forschungsresultate. Nächstens nennt er diesen zweiten Menschen »Christus«, und dann flaggen wieder alle Häuser. Hochinteressant ist doch Dr. Steiner. Er nennt die Dinge nicht so wie andere Menschen, sondern andersklingend mit Nuance. Er sagt nicht zum Hund: das ist ein Hund, sondern: sehet, meine lieben Freunde, ein – Quadruped, jenes – tiefgeheimnisvolle Hauswesen.

Sucht man bei Steiner das gute, edle Herz, so muß man ihm auf den Mund sehen; hier offenbart es sich als Grimasse und schillert in allen Formen der Gesichterschneiderei ...”

Was ist das doch für ein Hexensabbat! Eine Welt tut sich da vor einem auf, die einen fast frösteln macht. Der gute „Schulvatter”! Wenn er noch lange die Steinerei betreibt, fürchte ich, wird er einmal in einer schwülen Sommernacht durch die Luft nach dem Blocksberg sausen, den Doktor der schwarzen Kunst zur Seite. Irgendetwas wird wohl auf jeden Fall zum Teufel gehen, und wäre es auch nur sein Geld.

O, wenn er mich nur verstände,
Der gute, gute Herr Molt!
Mir ist’s als ob ich die Hände
Aufs Haupt ihm legen sollt‘ ...


Zurück