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Rudolf Steiner und der Kampf gegen den Rassismus

 

Es handelt sich um einen der Redaktion von «Der Europäer» überlassenen grundlegenden Text zur aktuellen Kontroverse, der nur im Internet wiedergegeben wird. Fassung vom 26. Oktober 2000.

 


 

Wir leben in einer Kultur, in welcher der Rassismus zurecht geächtet ist. Jemand, der Mitmenschen aufgrund ihrer Rasse diskriminiert, wird für unmöglich gehalten. Wir finden auch, dass das Opfer einer Rassendiskriminierung durch diese tief verletzt wird. Nicht nur Handlungen, schon verbale Äußerungen über Rassen und Merkmale von Rassen können verletzend wirken. Das führt dazu, dass manchmal vermieden wird, überhaupt die Rassenzugehörigkeit von Menschen auszusprechen. Es gibt Menschen heute, die schon das Einteilen von Menschen in Rassen diskriminierend finden.

Es gibt gewichtige und ernste Gründe für diese antirassistische Haltung. Der schlimmste Sündenfall der Menschheit im 20. Jahrhundert, der versuchte Völkermord am Judentum unter dem Nationalsozialismus in Deutschland, ging aus einem rabiaten Rassismus hervor. Die kolonialen Befreiungskriege des 20. Jahrhunderts überwanden einen Imperialismus, der oft auch mit rassistischen Begründungen gerechtfertigt worden war. Auch die großen Erfolge bei der Überwindung der Diskriminierung der Schwarzen in den USA wurden als Fortschritt erlebt und als Verbesserung der amerikanischen Gesellschaft im Sinne ihrer Ideale der Freiheit und Gleichheit.

Diese antirassistische Haltung ist also eigentlich selbstverständlich unter zivilisierten Menschen der Gegenwart. Trotzdem haben wir ein großes Problem mit Rassismus. Die Neonazis sind präsent in Deutschland, und sie werden stärker. Auch in allen anderen westlichen Industrieländern gibt es rassistisch eingestellte Menschen und politische Parteien. Nehmen wir noch Antisemitismus, chauvinistischer Nationalismus und religiöse Intoleranz als verwandte Geisteshaltungen hinzu: wenn wir nach Osteuropa schauen, sehen wir, dass noch viel größere Teile der Gesellschaft von ihnen bestimmt werden. Im ehemaligen Jugoslawien, in Kroatien, Bosnien und Kosovo, hat der Völkerhass zu einem fast 10 Jahre währenden Bürgerkrieg geführt. Wenn wir auf die Krisenherde der Welt schauen: Nordirland, der Nahe Osten, Tschetschenien, Ost-Timor - und auf die nichteuropäischen Kulturen, die islamische Welt, Afrika, Indien u.a. - dann ist es sicher nicht übertrieben zu sagen, dass für einen Großteil der Weltbevölkerung ein rassistisches oder chauvinistisches Moment bestimmend ist für ihr Weltbild.

Rassismus und Nationalismus sind zur Hauptursache für Konflikte geworden nach dem Ende des Kalten Krieges, nach dem Wegfall des ideologischen Gegensatzes Kommunismus-Kapitalismus.

Rassismus und Nationalismus negieren den Wert des Individuums. Warum sind sie so verführerisch für die Menschen? Kann man für die Menschenrechte in einer Gesellschaft argumentieren, die von den Idealen der Aufklärung nie berührt wurde?

Dürfen wir von unserer Insel des unbegrenzten Wohlstands aus den Menschen predigen, dass sie «tolerant» sein müssen, wenn sie ganz andere Sorgen haben? Was haben wir für Freiheit und Toleranz geopfert?

Mein Fazit ist: wir erreichen die Rassisten und Chauvinisten mit unseren Argumenten nicht, und wir verstehen sie auch überhaupt nicht. Es ist bitter nötig, dass die internationalen Truppen in Bosnien und im Kosovo sind, damit das Morden aufhört und der äußerliche Friede gewahrt wird; aber niemand zweifelt daran, dass der Nationalismus bei den entsprechenden Menschen immer noch genauso lebt, und die Gewalt sofort wieder aufflammen würde, wenn die Truppen weg wären.

Rassismus und Nationalismus ist das Problem der Gegenwart. Dass wir alle so empfindlich auf - vermuteten oder echten - Rassismus reagieren, ist ein Zeichen dafür. Und wir brauchen alle Kräfte, um den Rassismus zu bekämpfen.

Nun scheint ein Neuer sich in die Riege der Rassisten einzureihen: Rudolf Steiner.

Er hat Äußerungen getan, über Neger, Indianer, das Judentum, die teilweise schlimm klingen. Steiner lebte in der Zeit vor dem Nationalsozialismus, er ist ja 1925 gestorben. Schon in dieser Zeit war es nicht unüblich, über Rassen zu sprechen und sie zu charakterisieren. Hat Steiner rassistische Vorurteile seiner Zeit übernommen und als Teil seiner Lehre verkündet? Hatte er selbst, vielleicht sogar unbewusst, rassistische Vorurteile? Warum weigern sich Anthroposophen heute, sich von Steiners Äußerungen über Rassen zu distanzieren? Drückt sich darin nicht ein unfreies Verhältnis gegenüber einem «Guru» aus?

Ich denke, dass sich diese Fragen wie naturgemäß einem Außenstehenden ergeben. Auf diese Fragen gibt es Antworten aus der Anthroposophie heraus, die aber zusammenhängend dargestellt werden müssen. Dazu möchte ich in diesem Aufsatz einen Beitrag leisten.

Wenn im Folgenden Gedanken Steiners referiert werden, geschieht das nicht mit der Absicht, sie als «Wahrheit» hinzustellen. Steiner erhebt den Anspruch, Wissenschaftler zu sein, Wissenschaftler des Geistes, der die Methode der Naturwissenschaft auf diesem Gebiet weiterentwickelt. Wenn wir ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen, müssen wir zunächst neutral zur Kenntnis nehmen, was er sagt. Es geht nur darum, ihn zu verstehen, nicht seine Aussagen von vorneherein für wahr zu halten. «Immanent-kritisch» heißt die Methode: zuerst muss ich den Autor immanent, seinem eigenen Anspruch gemäß verstehen, ohne ihn von vornherein an einem fremden Maßstab zu messen; erst nachdem ich ihn verstanden habe, ist es sinnvoll und gerechtfertigt, ihn zu kritisieren, wobei es auch nur zulässig ist, ihn an seinen eigenen Maßstäben zu messen. (Dieses Vorgehen ist nicht nur Steiner, sondern jedem Autor gegenüber geboten.)

 

Welchen Charakter haben Steiners Mitteilungen?

 

Steiners Werk hat einen ungeheuren Umfang. Der Kern, das Wesentliche, was er zu sagen hat, sind die ca. 25 Bücher, die er geschrieben hat. Daneben gibt es ca. 330 Bände von Vortragsmitschriften, die interessante Ergänzungen bringen, aber oft nicht von ihm korrigiert wurden. Bei vielen Vortragszyklen, vor allem der späteren Jahre, wo Berufsstenographen eingesetzt wurden, kann man aber davon ausgehen, dass die Wortlaute zuverlässig überliefert sind.

Alles, was er vorbringt, sagt Steiner, bis in die kleinste Einzelheit, hat er selber geistig erforscht. Er hat nichts aus einer Tradition übernommen. Sein Forschen beruhte auf hellseherischer Fähigkeit; er war ein «Eingeweihter» in geheimes Wissen, das bisher der allgemeinen Menschheit vorenthalten worden war. Nun, Anfang des 20. Jahrhunderts, ist aber die Zeit gekommen, dass dieses Wissen öffentlich werden soll. Eines seiner Bücher heißt auch Die Geheimwissenschaft im Umriss (Gesamtausgabe, Bibl.-Nr. 13).

Prinzipiell kann jeder Mensch auf diese Weise geistig forschen - ein anderes Werk heißt Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (GA 10) - aber dazu ist in der Regel eine lange Schulung notwendig. Zunächst sind wir gegenüber einem Großteil von Steiners Werk in einer solchen Lage, dass wir die Mitteilungen über seine geistigen Forschungen nur aufnehmen können, ohne sie durch eigenes Erkennen nachprüfen zu können. Das heißt, wir müssen uns unbedingt auf seinen Wortlaut verlassen können. Steiner sagt auch, dass der Eingeweihte sich einer ungeheuer großen Verantwortung unterzieht, die geistigen Tatsachen sachgemäß darzustellen. Es macht große Mühe, diese Tatsachen in unsere Sprache, die an die physisch-sinnliche Welt angepasst ist, zu übersetzen. In einem Fall musste er 33 Jahre warten, bis er die richtige Sprache fand, um einen geistig erforschten Sachverhalt darzustellen!

Dies ist der Hintergrund des Umstandes, dass ein Anthroposoph nie davon ausgehen wird, dass Steiner in einem öffentlichen Vortrag etwas Unbedachtes oder Fehlerhaftes ausgesprochen oder nur ein allgemeines Ressentiment zum Ausdruck gebracht haben wird. Sein Anspruch steht turmhoch darüber. Das soll nicht heißen, dass Steiner ein «Übermensch» war, der sich nie irrte; es heißt nur, dass er als Eingeweihter, im Bewusstsein seiner Verantwortung für die Darstellung der Geheimwissenschaft, in der Öffentlichkeit nie eine Erkenntnis äußerte, die nicht absolut sicher war. Dasselbe gilt für alle anderen Äußerungen gegenüber nichteingeweihten Menschen. Und man muss sich im Klaren sein, dass, wenn man diesen Anspruch in Frage stellt, man damit die gesamte Anthroposophie in Frage stellt: denn wenn es irgendwo «unsichere» oder «entgleiste» Äußerungen Steiners gibt, sind damit prinzipiell die anderen geisteswissenschaftlichen Angaben auch in Frage gestellt; wir können sie ja vorläufig nicht aus eigener Erkenntnis überprüfen!

Ein kritischer Leser Steiners wird trotzdem immer die Möglichkeit einräumen, dass er sich geirrt hat oder dass er uns täuschen könnte: Ich werde der Erste sein, der das anerkennt, wenn man mir einen Irrtum nachweist. Die vorangehenden Ausführungen sollen aber zeigen, dass man diese Möglichkeit nicht so schnell annehmen darf, wenn man Steiners eigenem Anspruch gerecht werden will; vorher muss ich mich intensiv fragen: habe ich wirklich verstanden, was Steiner aussagt? Deshalb fordert der Anthroposoph auch vom Gegner, dass er sich ernsthaft mit Steiner auseinandersetzt.

Aus diesem Grund müssen wir uns aber auch mit voller Härte - «brutalstmöglich» - den Äußerungen zu den Rassen stellen.

Diese sind ebenfalls Äußerungen, die Steiner vollbewusst und absichtlich getan hat. Warum?

 

Der Stellenwert des Themas «Rassen» im Werke Steiners

 

Das Thema «Rassen» nimmt eine sehr untergeordnete Stellung ein im Gesamtwerk Steiners. Viel wichtiger ist ihm die Entwicklung der Gesamtmenschheit, d.h. in der Gegenwart: des Individuums. Steiners Ansicht über das menschliche Individuum ist wesentlich, um seine Haltung zu den Menschenrassen zu verstehen. Deswegen werde ich zuerst diese Ansicht erläutern.

Die Menschheit hat sich, laut Steiner, im Laufe einer langen Zeit von einem rein geistigen Daseinszustand hin zu einer immer stärkeren Verbindung mit der materiellen Welt (die sich erst mit dem Menschen entwickelte) bewegt. Dabei war sie in einer geistigen Welt eingebettet, die höhere Wesen enthielt, welche die Menschen begleiteten und führten. Das heißt, dass die Menschen auch nicht das helle Tagesbewusstsein hatten, das wir heute besitzen; ihr Bewusstsein war traumartig. In hellseherischer Weise konnten sie die höheren geistigen Wesen wahrnehmen; gleichzeitig konnten sie sich aber ihrer Führung nicht entziehen; durch das Eingebundensein waren die Menschen unselbständig.

Die Menschheit hat sich immer stärker mit der Materie verbunden. Dadurch verschwand das hellseherische, träumende Bewusstsein. Das logische Denken entwickelte sich, in der Auseinandersetzung mit der materiellen Welt. Dieses Abschneiden von der geistigen Welt war eine notwendige Vorbedingung für das Selbständigwerden der Menschheit, dafür, dass sie die Freiheit erlangen konnte. Das Erlangen der Freiheit ist die wichtigste Aufgabe der Menschheit, weil der Mensch sich erst dadurch vervollkommnet.

Der Höhepunkt des Materialismus, auch als Weltanschauung, lag im 19. Jahrhundert. Seither ist die Entwicklung weitergegangen. Die Menschheit ist dazu veranlagt, sich neu zum Geistigen wieder hinaufzuentwickeln, aber mit einem entscheidenden Unterschied: sie muss es aus eigenem Antrieb, aus Freiheit tun. Es gibt keine geistige Führung mehr. Alles, was nun geschieht, muss der Mensch selber in Gang setzen.1 Er soll in Freiheit die geistige Welt wiedererringen, die er in Unfreiheit schon einmal durchlebt hat, und dabei das helle Tagesbewusstsein, das er in der materiellen Welt erlangt hat, mitnehmen.

An diesem Wendepunkt, zur Ermöglichung der menschlichen Freiheit auf diesem Gebiet, tritt ein Entscheidendes auf: das «okkulte», d.h. verborgene Wissen über die Entwicklungsgesetze der Menschheit, das bisher die Menschheit begleitet hat und in «Geheimschulen» gepflegt wurde, welche aber nur Einzelnen durch «Einweihung» zugänglich waren, wird nun veröffentlicht, so dass jeder Mensch sie kennen kann. Wenn der Mensch zur Mitarbeit an der Weiterentwicklung der Menschheit aufgerufen ist, muss er auch die Verantwortung kennen, die ihm obliegt. Dieses bisher verborgene, nun veröffentlichte Wissen ist in der Anthroposophie gegeben, welche durch den Eingeweihten Rudolf Steiner vermittelt wurde.

Es gab drei Erkenntnisse der materialistischen Wissenschaft, sagt Steiner, die Voraussetzung dafür waren, dass die Anthroposophie veröffentlicht werden durfte. Sie wurden alle im 19. Jahrhundert erlangt:

1. Die Entdeckung der Spektralanalyse, wodurch die materielle Konstitution des Kosmos an den Tag kam.

2. Die Einführung der materiellen Evolution in die Wissenschaft vom Organischen..

3. Die Erkenntnis der Tatsache eines anderen als des gewöhnlichen Bewusstseinszustandes durch die Anerkennung des Hypnotismus und der Suggestion.2

Hier sieht man, dass die Anthroposophie die materialistische Naturwissenschaft nicht als «Gegner», sondern als Verbündeter auf dem Weg der Erweiterung des menschlichen Bewusstseins betrachtet. In dieser Naturwissenschaft drückt sich die zeitgemäße Bewusstseinshaltung aus. Nur wenn man das Gebiet der Tatsachen verlässt und auf den Materialismus gründende Hypothesen ausspinnt, über die Entstehung des Kosmos, des Lebens und dgl., geht man in die Irre. Hier gibt die anthroposophische Geisteswissenschaft die sachgemäße Ergänzung.

 

Das menschliche Individuum und das Denken

 

Der Mensch, sagt Steiner, muss heute frei werden. Das kann er nur durch eigene Tätigkeit, nicht, indem er einem «Guru» folgt. Auf diesem Hintergrund erscheint es paradox, dass die Anthroposophie aus Mitteilungen über geistige Tatsachen besteht, die der Leser zunächst nicht durch eigene Erkenntnis nachprüfen kann.

Dazu muss bemerkt werden, dass nicht die gesamte Anthroposophie aus solchen Mitteilungen besteht. Steiners Werke vor 1900 knüpfen an die damalige wissenschaftliche Diskussion an und machen keinerlei «übersinnlichen» Voraussetzungen. Er hat sogar eine Erkenntnistheorie geschrieben, die ausdrücklich von der Voraussetzungslosigkeit ausgeht.3 Trotzdem ist der Inhalt dieser Werke vollgültige Anthroposophie.4 Der Leser kann aber alle geschilderten Beobachtungen und Begriffsverbindungen selbst vollziehen und nachprüfen. Er wird dadurch zur Anschauung seiner eigenen geistigen Tätigkeit geführt. Diese Geisttätigkeit, die schon im Alltagsbewusstsein vorhanden ist, ist das Denken. Diese Denktätigkeit ist, durch die Bildung der Handlungsmotive, auch die Voraussetzung für menschliche Freiheit.

Die Weiterentwicklung der eigenen Denkfähigkeit ist heute das beste und sicherste Mittel für das menschliche Individuum, sich selbst weiterzuentwickeln, selbständig zu werden und geistig in der Welt zu wirken. Es entwickelt sein Allgemeinmenschliches, und macht sich dadurch frei von eventuellen Prägungen durch Volks- und Rassenzugehörigkeit oder durch sein Geschlecht. Es braucht diese Prägungen nicht abzulehnen oder abzuwerten; es kann sie alle als besondere Ausprägungen des allgemeinen Menschseins schätzen lernen; aber für die Frage der Freiheit ist es natürlich ein grundsätzlicher Unterschied, ob es unbewusst diesen Einflüssen unterliegt, oder durch Erkenntnis derselben sich ihnen gegenüberstellen kann und sie in Freiheit akzeptieren - oder auch überwinden.5 Diese Bewusstseinshaltung ist die Kulturhöhe zu welcher die Menschheit, der Veranlagung nach, heute fähig ist. Zu diesem Ziel will auch die Anthroposophie hinführen. Und dies ist Steiners Maßstab, wenn er von «höheren» oder «niederen» Kulturstufen spricht.

Diese Denkfähigkeit fand Steiner am stärksten in der Philosophie des deutschen Idealismus (ca. 1790-1830) vorgebildet. Für diese Philosophie war das «Denken des Denkens» eine Hauptaufgabe. Dabei hat Johann Gottlieb Fichte vor allem die Tätigkeitsseite des Denkens gesehen, G.W.F. Hegel vorwiegend die Inhaltsseite. Das volle Erleben des sinnlichkeitsfreien Denkens beinhaltet beide Aspekte.

Das sogenannte «Verstandesdenken», das sich an der physischen Gegenstandswelt orientiert, hält die Begriffe als einzelne in ihrer Getrenntheit fest; sie heißt auch «analytisch». Sie ist die Voraussetzung für das «Vernunftdenken», das sich von der Gegenstandswelt befreit und die Begriffe rein ihrem eigenen Inhalt nach denkt. Dieses Denken hat zusätzlich eine «synthetische» (vereinigende) Komponente. Dabei zeigt sich, dass die Begriffe «lebendig» werden, sie entwickeln sich, sie verwandeln sich ineinander - aber ohne ihre Identität aufzugeben! Dieser «Begriffskosmos», diese eigenartig bewegte, aber gleichzeitig in sich ruhende Welt ist eine erste abstrakte Form, in welcher die geistige Welt sich zeigt. Jedermann hat wohl , zumindest dem Namen nach, von der Dialektik bei Hegel gehört: sie ist das Bewegungsprinzip dieser Welt. Die Darstellung dieser Welt ist der Inhalt von Hegels «Wissenschaft der Logik».

Man muss aber nicht zum Philosophen werden, um im Sinne der Anthroposophie sich zeitgemäß zu entwickeln. Steiner schätzte auch Goethe sehr, der von sich sagte:

«Mein Kind, ich habe es gut gemacht,
Habe nie über das Denken nachgedacht.»

Bei Goethe hob Steiner die wissenschaftlichen Arbeiten hervor: die Farbenlehre und die Pflanzenmetamorphose. Sie zeigten beispielhaft, wie die Naturwissenschaft in geistgemäßer Weise heute weitergeführt werden kann.

Man kann sich auf vielerlei andere Weise der Anthroposophie nähern, auch indem man die späteren, im theosophischen Stil gehaltenen Mitteilungen Steiners aufnimmt und mit dem von ihm so genannten «gesunden Wahrheitsempfinden» überprüft. Nur ist das nicht die im strengen Sinne wissenschaftliche Herangehensweise, wie sie der Weg über die frühen philosophischen Schriften darstellt. Und es ist sicher wichtig für den kritischen Zeitgenossen zu wissen, dass es diesen Weg gibt.

 

Aussagen zu Rassen und Judentum

 

Die Kenntnis des bisher Entwickelten halte ich für unabdingbar, wenn man die Aussagen Steiners zu Rassen sachgemäß, d.h. unter Berücksichtigung seines eigenen Anspruchs in seinem Werk, beurteilen will. Nochmals sei gesagt: die dargestellten Inhalte sollen nicht als unumstößliche Wahrheiten gelten, sondern nur zur Kenntnis gegeben werden, damit der Leser versteht, wie Steiner seine Äußerungen über Rassen meint.

Sie sind alle, ob über Neger, Europäer, Indianer oder wen auch immer, ganz wörtlich gemeint. Sie sind immer das Ergebnis der geistigen Erforschung von Rassen- und Volksgeistern, niemals Schlussfolgerungen aus physischen Eigenschaften. Wenn sie auch manchmal eigenartig klingen: das ist eben Geisteswissenschaft - manchmal sehr «anders». Wissenschaft ist immer eine Frage der Methode, niemals die Frage des Inhaltes, der auftauchen «darf» oder nicht.

Das Wichtigste: die Äußerungen sind niemals diskriminierend gemeint, denn nie wird der einzelne Neger, Europäer oder Indianer mit seiner Rasse identifiziert. Die Rasse ist eine dem Menschen äußerliche Eigenschaft, die seinen Körper betrifft, die ihn beeinflussen kann, zu welcher sich jeder Mensch aber, der Möglichkeit nach, frei stellen kann, so wie es oben ausgeführt worden ist. Dieser Hintergrund muss berücksichtigt werden, denn es ist ein wesentlicher Unterschied, ob ein Satz über eine Rasse von Adolf Hitler oder von einem modernen Neonazi oder von Rudolf Steiner ausgesprochen wird. Nur wenn man die allgemeine Haltung des Menschen kennt, weiß man, wie der Satz gemeint ist.

Ich halte den Vorwurf des Rassismus, wie er heutzutage meist erhoben wird, für viel zu undifferenziert und grob. Wenn jemand mit einer Äußerung über eine Rasse beleidigen oder diskriminieren will, dann ist der Fall klar. Meist wird der Vorwurf «Rassist» aber schon erhoben, wenn jemand es wagt, überhaupt irgend etwas über eine Rasse zu sagen. Das Thema wird zum Tabu erklärt. Dabei ist es ja offensichtlich, dass es Menschenrassen gibt. Wir haben die umgekehrte Situation wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: es müssen nicht die Kleider gepriesen werden, während der Kaiser in Wirklichkeit nackt ist; sondern die Rassenunterschiede, die auf der Hand liegen, müssen verschwiegen werden. Diese rabiate Haltung gegenüber allen, die es wagen, das Thema anzurühren, führt letztlich zu einem Denkverbot auf diesem Feld. Und sie führt dazu, dass der hochmoralisch sich fühlende Anti-Rassist keinen mehr versteht, weder den Rassenwissenschaftler noch den vorurteilsbeladenen echten Rassisten. Wenn er ein Wirklichkeitsgebiet leugnet, kann er nicht erwarten, von anderen ernstgenommen zu werden; und zu Konfliktlösungen auf diesem Felde kann er nichts beitragen, außer wirkungslosen Toleranzappellen. Das ist «political correctness» in seiner schädlichsten Form.

Der Rassist kommt zu seiner Haltung auf der Grundlage von Wirklichkeitswahrnehmungen, auch wenn seine Ansichten vielleicht völlig verdreht oder korrumpiert sind; man kommt aber doch nur weiter, wenn man diese Ansichten zurechtrückt, nicht, indem man sich entrüstet abwendet.

 

Eine Steiner-Aussage über «Arier»

 

Ich kann jetzt natürlich nicht die Fülle der Steiner-Zitate über die Rassen behandeln, hoffe aber, die notwendigen Gesichtspunkte gegeben zu haben, um sie sachgemäß zu beurteilen. Ich will aber doch noch zwei Passagen besprechen, die mir wichtig und beispielhaft erscheinen.

In seinem Werk Aus der Akasha-Chronik bespricht Steiner die vergangene Entwicklung und die künftigen Perspektiven der Menschheit und der Erde. Es vereinigt Aufsätze aus den Jahren 1904-1908. Manche Passagen haben Anstoß erregt, z.B. auch weil er theosophische Termini wie «Wurzelrassen» und «Unterrassen» benutzt, um Phasen der Menschheitsentwicklung zu bezeichnen. Eine solche Passage lautet:

«Die Vorfahren der Atlantier wohnten auf einem verschwundenen Landesteil, dessen Hauptgebiet südlich vom heutigen Asien lag. Man nennt sie in theosophischen Schriften die Lemurier. Nachdem diese durch verschiedene Entwickelungsstufen durchgegangen waren, kam der größte Teil in Verfall. Er wurde zu verkümmerten Menschen, deren Nachkommen heute noch als sogenannte wilde Völker gewisse Teile der Erde bewohnen. Nur ein kleiner Teil der lemurischen Menschheit war zur Fortentwickelung fähig. Aus diesen bildeten sich die Atlantier. -Auch später fand wieder etwas ähnliches statt. Die größte Masse der atlantischen Bevölkerung kam in Verfall, und von einem kleinen Teil stammen die sogenannten Arier ab, zu denen unsere gegenwärtige Kulturmenschheit gehört. Lemurier, Atlantier und Arier sind, nach der Benennung der Geheimwissenschaft, Wurzelrassen der Menschheit. Man denke sich zwei solcher Wurzelrassen den Lemuriern vorangehend und zwei den Ariern in der Zukunft folgend, so gibt das im ganzen sieben. Es geht immer eine aus der andern in der Art hervor, wie dies eben in bezug auf Lemurier, Atlantier und Arier angedeutet worden ist. Und jede Wurzelrasse hat physische und geistige Eigenschaften, die von denen der vorhergehenden durchaus verschieden sind. Während zum Beispiel die Atlantier das Gedächtnis und alles, was damit zusammenhängt, zur besonderen Entfaltung brachten, obliegt es in der Gegenwart den Ariern, die Denkkraft und das, was zu ihr gehört, zu entwickeln.

Aber auch in jeder Wurzelrasse selbst müssen verschiedene Stufen durchgemacht werden. Und zwar sind es immer wieder sieben. Im Anfange des Zeitraumes, der einer Wurzelrasse zugehört, finden sich die Haupteigenschaften derselben gleichsam in einem jugendlichen Zustande; und allmählich gelangen sie zur Reife und zuletzt auch zum Verfall. Dadurch zerfällt die Bevölkerung einer Wurzelrasse in sieben Unterrassen. Nur hat man sich das nicht so vorzustellen, als ob eine Unterrasse gleich verschwinden würde, wenn eine neue sich entwickelt. Es erhält sich vielleicht eine jede noch lange, wenn neben ihr andere sich entwickeln. So leben immer Bevölkerungen auf der Erde nebeneinander, die verschiedene Stufen der Entwickelung zeigen.»6

Bei manchem Leser wird sich vielleicht unmittelbar nach der Lektüre ein Gefühl der Entrüstung einstellen: was sind das für schlimme Aussagen! Immer wieder muss ein Großteil der Menschheit «verkümmern», er kommt in «Verfall». Die «wilden Völker» von heute sind deren Nachfahren. Nur ein «kleiner Teil» darf sich weiterentwickeln. Und - am schlimmsten - es sind die «Arier», welche die gegenwärtige Kulturmenschheit ausmachen. Die Verbindung zur Nazi-Ideologie liegt doch auf der Hand!

Ich bitte, dieses Gefühl der Entrüstung vorläufig zurückzustellen. Wenn man den Text leidenschaftslos betrachtet, sieht man, dass Steiner in einer knappen, nüchternen Sprache ein Gesetz der Menschheitsentwicklung darstellt. Es mag einem ungerecht vorkommen, dass so viele Menschen zurückbleiben müssen; aber nehmen wir einmal an, es sind Wahrheiten, die Steiner ausspricht: muss er sie denn nicht auf diese Weise darstellen, ob sie ihm (und dem Leser) gefallen oder nicht? Die Wissenschaft kann sich nicht nach den Gefühlen der Menschen richten.

Ob es Wahrheiten sind, lassen wir ja jetzt dahingestellt. Aber abgesehen davon können wir feststellen, dass Steiner keine diskriminierende Absicht verfolgt mit diesen Aussagen. Wie sich sein Begriff von «Arier» zu dem der Nazis verhält, muss noch genauer untersucht werden.

Wenn Steiner «verschiedene Stufen der Entwickelung» bei den Menschen konstatiert, ist sein Maßstab, um diese Stufen zu werten, auch in der Passage enthalten: es ist die «Denkkraft», die in unserer «Wurzelrasse» zu entwickeln ist. Das oben erwähnte «Denken des Denkens» ist ein Beispiel dafür. An dieses Denken knüpfen sich auch alle künftigen geistigen Entwicklungsmöglichkeiten, zu denen der Mensch fähig ist.

Der Zorn über die Ungerechtigkeit, dass nur so wenige sich auf Kosten so vieler höherentwickeln dürfen, verflüchtigt sich, wenn man weitere Aussagen des Buches hinzunimmt. Der Gedanke der Reinkarnation besagt ja, dass es dieselben Menschen sind, die alle diese Stufen durchmachen, so dass es niemanden gibt, der «unwiederbringlich» zurückgelassen wird. Steiner geht noch viel weiter zurück mit den Entwicklungsstufen: sogar die Tiere, Pflanzen und Mineralien sind Wesen, die einmal an der Entwicklung der Menschheit teilgenommen haben, und in urferner Vergangenheit zurückgelassen wurden. Nun muss man dazudenken, dass wir gar nicht in physischen Leibern auf der Erde leben könnten, wenn es nicht Mineral, Pflanze und Tier gäbe: und dann sieht man, dass dieses Zurückbleiben eigentlich ein Opfer war, um uns unsere Entwicklung zu ermöglichen. Dieses Opfer bedeutet für uns die Verpflichtung, in der Zukunft diese Wesen «nachzuholen»; und in der Tat sagt Steiner, dass die Entwicklung der Menschheit und der Erde erst abgeschlossen sein wird, wenn alle Naturreiche erlöst worden sind.

Große Ideale werden angeregt, wenn der Horizont der Betrachtung weit genug gespannt wird.

Nun zum Problem der Arier: ist das nicht identisch mit der Nazi-Ideologie? Sie sagt doch auch, dass die Arier die «Herrenrasse» sind, die die Menschheit führen muss, die minderwertigen Rassen beherrschen und die jüdische Rasse, die sie bedroht, vernichten darf.

Schon hier sieht man, dass ein Gleichsetzen des nationalsozialistischen mit dem anthroposophischen Arierbegriff völlig unzutreffend und oberflächlich ist. Die Vervollkommnung des Menschen geschieht heute, sagt Steiner, auf geistige Art, nicht auf der körperlichen Ebene: siehe die «Denkkraft», die zu entwickeln ist. Die Blutsbanden, die auf der physischen Vererbung beruhen, müssen zurücktreten. Für den Nazi hingegen ist der Mensch ganz durch seine Rasse bestimmt: er hat keinen Anteil, der davon frei wäre. Das läuft in Wirklichkeit darauf hinaus, dass der Nazi den Menschen mit seinem durch die Rasse geprägten Körper identifiziert: er hat ein ganz materialistisches Menschenbild, auch wenn er von «Geist» reden mag. Bei Steiner ist die Rasse dem menschlichen Individuum, das geistiger Natur ist, untergeordnet; der Nationalsozialismus hat keinen Begriff des Individuums, bei ihm beherrscht die Rasse alles. Deswegen ist bei ihm eine Auseinandersetzung auf geistiger Ebene nicht möglich: ein Konflikt muss in einen Krieg zwischen Rassen münden.

Weitere Stellen aus Aus der Akasha-Chronik zeigen, dass der nationalsozialistische Arierbegriff noch mehr von dem Steiners abweicht.

Die Entwicklung des Denkens wurde schon in der atlantischen Zeit vorbereitet. «Den Ursprung dieses logischen Denkens haben wir bei der fünften Unterrasse (den Ursemiten) zu suchen.» (Hervorhebung d.V.)7 Ausgewählte Befähigte dieser semitischen Unterrasse wurden unter einem Führer Manu versammelt, der sie darauf vorbereitete, die Arbeit der arischen Zeit zu initiieren.8 Er ermahnte sie, die Befehle Gottes zu vollziehen, von dem sie sich «kein Bild machen können». Ein «Nachklang» dieses Gebots, sagt Steiner selbst, ist das Gebot Moses' an das Volk Israel: «Du sollst Dir kein Götzenbild machen.»9

In dieser Darstellung stehen die Semiten überhaupt nicht im Gegensatz zu den Ariern: im Gegenteil, sie sind selbst Arier, und, zumindest am Anfang, sogar die Gruppe, die am meisten die Erfüllung der Aufgabe der Arier vorantreibt!

Inzwischen sind das deutsche Volk und die Menschheit durch die nationalsozialistische Katastrophe hindurchgegangen. Ich kann es vollkommen verstehen und akzeptieren, wenn jemand heute sagt, man müsse aus Taktgründen, vor allem gegenüber den Opfern des Holocaust und ihrer Familien, ein Wort wie «Arier» vermeiden. Vermutlich würde Steiner das heute auch tun. Das Wort, und viele andere dazu, ist durch die Nazis besetzt und verunmöglicht worden.

Trotzdem möchte ich Steiners Aussage von 1904 festhalten, «Arier» sei ein Begriff der Geheimwissenschaft.10 Als solchen hat er nichts mit Antisemitismus zu tun; es ist bekannt, dass Steiner diesen vehement bekämpfte.11 Wenn ich davon ausgehe, dass Steiner uns wahres Wissen des Geistes gibt, so heißt das: zuerst hat Steiner 1904 die wahre Bedeutung des Begriffs «Arier» vor die Menschen hingestellt; erst später waren die Nazis in der Lage, ihr verhunztes, materialistisch pervertiertes Verständnis des Wortes zu verbreiten, so dass es schließlich ganz unmöglich wurde.

Steiner war selbst sensibel für diese Schwierigkeiten der Wortbenutzung. Ein Ausdruck wie «arische Unterrasse» war üblich in der Theosophischen Gesellschaft, und Steiner übernahm ihn zunächst, weil er im Rahmen dieser Gesellschaft wirkte. Schon bald ersetzte er ihn aber durch «nach-atlantische Kulturepoche», sicher auch, um Verwirrung durch völkisch-nationale Bedeutungsunterstellungen zu vermeiden. Im anthroposophischen Verständnis gehören also zum «arischen» Kulturkreis die urindische, die urpersische, die ägyptisch-babylonische, die griechisch-römische, die germanisch-europäische, und auch die künftige slawische und nordamerikanische Kulturepoche. Dieser Ausdruck «Kulturepoche» macht auch unmissverständlich klar, dass Steiner nicht die physische Ausformung von Rassen, sondern Stufen der geistigen Entwicklung meint.

 

Eine Ausführung Steiners zum Judentum

 

Zum Problem des Ariertums gehört auch die Frage seines Verhältnisses zu den Semiten, zum Judentum. Steiner sah die Semiten als einen wichtigen und impulsierenden Teil der arischen Kultur, wie wir gesehen haben. Den Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Antisemitismus hielt er für geistlos und einen Ausdruck von Dummheit. Er sagte aber auch, dass das Judentum als für sich abgeschlossenes Ganzes sich überlebt habe: die einzelnen Juden sollten sich assimilieren, sich anpassen an die europäischen Völker, mit denen sie zusammenlebten. Nichtsdestoweniger sei Europa auch auf die Mitwirkung eines jüdischen Elements angewiesen.12

Steiner hat nirgends eine zusammenhängende Charakterisierung des Judentums gegeben; einzelne Bemerkungen müssen in Zusammenhang miteinander interpretiert werden.

Eine sehr aufschlussreiche Stelle ist enthalten in einem Brief von 1905 an seine Mitarbeiterin und spätere Ehefrau Marie von Sivers.13 Es geht um semitische Einschläge in der Kulturentwicklung im Verlaufe der gesamten nach-atlantischen Zeit. Solche nicht-öffentlichen Mitteilungen sind sehr gehaltvoll, weil Steiner immer sehr offen, aber auch knapp und präzise ist und nur Wesentliches ausspricht.

«(...) Denn darauf kommt es an, dass mit der Wissenschaft sich die theosophische Auffassung verbinde. Die naturärztliche laienhafte Pfuscherei kann und darf nicht von uns in Schutz genommen werden. Das wäre eine Gefahr. - Man muss hier eben durchaus tiefer sehen. Das Ganze hängt mit unserem Rassenzyklus zusammen. Jede der Unterrassen unserer fünften Wurzelrasse hatte bisher einen semitischen Einschlag. Der letzte kam, wie Du weißt, über Spanien nach Mitteleuropa. Aber solche Einschläge erschöpfen sich, und, wenn ein Zyklus abgelaufen ist, so muss ein neuer Einschlag kommen. Wir haben in unserer Kultur eigentlich den neuen Einschlag schon darinnen; aber er hat noch nicht seine volle Entfaltung erlangt. Das Ganze ist als das Ineinandergreifen zweier geistiger Wirbel zu verstehen, die ihr Übereinanderlaufen in Christus haben. Ich schalte Dir eine symbolische Zeichnung ein, die Du studierend entziffern magst.

 

Bild aus GA 262, S. 62

Aus: GA 262, S. 62.

 

Wo das Zeichen Bild-Ausschnitt steht, da sind wir jetzt. Wir sind noch nicht ganz christlich, und die Einschläge semitischer Art von früher sind noch da, aber sie sind eben das Zersetzungsferment. Nicht zufällig ist es, dass die Männer, welche durch ihr scharfes, klares, aber ganz materialistisches Denken den stärksten Einfluss in der letzten Zeit auf die europäischen Massen gehabt haben, Marx und Lassalle, Juden waren. Und nicht zufällig ist es, dass Geister, welche synthetisch, aufbauend, nicht verstandesmäßig zersetzend wirken, wie Bismarck, Haeckel usw. kleine Denker sind, laienhaft und noch stumpfsinnig in bezug auf alle höheren Angelegenheiten der Menschheit. Sie sind eben die Embryonen einer werdenden Kultur. Haeckel trägt etwas an sich, was als Kulturnachgeburt ausgeschieden werden muss. Sein Positives ist embryonal, und die Hülle ist von der materialistischen Nährmutter des 19. Jahrhunderts versorgt. Ich sehe eben in dem Positiven bei Haeckel doch etwas, was sich entfalten kann. Es gibt eben in unserer Zeit zweierlei Gedankenformen, eine aufkommende, noch embryonale: Haeckel in der Zoologie; Schiller-Goethe muss diese Form befruchten - dann Fechner in der Psychologie; die Theosophie muss diese Form befruchten - Bismarck in der Kulturpolitik, Tolstoi muss diese Form befruchten.

Alles andere ist absterbend, zersetzend: das rein analysierende Denken in der Zoologie, Botanik und Medizin; Wundt und seine Anhänger in der Psychologie; die Sozialdemokratie und der Liberalismus in der Politik (...).»

Halten wir zunächst fest: Steiner spricht hier von einem semitischen Einfluss auf das Denken, von einer «jüdischen Denkweise». Nach allem, was in diesem Aufsatz entwickelt worden ist, hoffe ich, dass der Leser akzeptieren kann, dass diese Ausführungen Steiner nicht automatisch zu einem Gesinnungsgenossen der Nazis macht. Seine Darlegungen sind in einem ganz anderen Menschenbild eingebettet. Wenn Steiners Angaben der Wahrheit entsprechen, kann man sich sogar vorstellen, dass verzerrte Versatzstücke davon, aus trüben, atavistischen Quellen gewonnen, Eingang gefunden haben in die Nazi-Ideologie. Und das wäre eine entscheidende Hilfe, um die Anziehungskraft dieser Ideologie zu verstehen!

Wenn der Leser das allerdings nicht akzeptiert, sondern diese Passage als Beweis für Steiners verstecktes Nazitum auffasst, dann kann ich auch nichts anderes sagen, als was schon vorher in diesem Aufsatz vorbereitend ausgeführt worden ist. Wenn der Leser nicht gewillt ist, sich fair auf Steiner einzulassen, dann ist der Verteidiger Steiners machtlos. Dann können solche Passagen zur demagogischen Denunzierung der Anthroposophie benutzt werden. Aber solche Demagogie nutzt niemandem außer demjenigen, der es von vornherein auf die Schädigung der Anthroposophie abgesehen hat.

Und nun einige Erläuterungen zu der angeführten Passage (die aber beleibe nicht erschöpfend sind!). Die Bedeutung des Christus für die Menschheitsentwicklung möchte ich nicht berühren; das würde hier zu weit führen. Es geht nach wie vor um den «semitischen Einfluss» auf das Denken. Prinzipiell kann das Individuum die Bedingtheiten des Leibes, also auch die Einflüsse der Rasse überwinden. Offenbar ist es aber so, dass, solange der Mensch zum Denken noch auf ein physisches Gehirn angewiesen ist, d.h. solange er noch nicht durch das «Denken des Denkens» und die daran anschließenden geistigen Übungen ein leibfreies Denken erlangt hat, diese Einflüsse vom Leib her noch vorhanden sind. Darauf möchte Steiner aufmerksam machen.

Der semitische Einfluss wird sowohl «positiv» als auch «negativ» charakterisiert. Einerseits ist er eine «Befruchtung» der germanischen Kultur [siehe Bild]; andererseits ist er ein «Zersetzungsferment». Der von Steiner geschätzte Autor Robert Hamerling nennt den jüdischen Einfluss einen «Sauerteig im Völkerleben»: das ist vielleicht der zutreffende Ausdruck, um diese scheinbar sich widersprechenden Charakterisierungen zu vereinen.14

Das semitische Denken wird scharfes, klares, materialistisches Verstandesleben genannt; ihm steht ein synthetisches, aufbauendes, aber noch embryonales Denken gegenüber, das auch als Vernunftdenken bezeichnet werden kann. So charakterisiert Steiner Bedingungen des kulturellen Lebens seiner Zeit, in welcher er wirken will.

Wie lässt sich der Unterschied zwischen Verstand und Vernunft besser verstehen? Dazu ein popularisiertes, aber zutreffendes Beispiel:

Die Logik des analysierenden Verstandes ist die auf Aristoteles zurückgehende formale Logik. Ihr oberster Grundsatz lautet: ein Ding ist immer mit sich selbst identisch. Ein Stuhl ist ein Stuhl, und nicht gleichzeitig etwas anderes. Oder auch: ein Stuhl kann nicht gleichzeitig existieren und nicht existieren. Auch zwei allgemeine Begriffe wie «Sein» und «Nichts» sind selbstverständlich Gegensätze und bleiben solche.

Die Logik der synthetisierenden Vernunft ist die inhaltliche oder Hegel'sche Logik. Sie löst sich ganz von der Welt der sinnlichen Gegenstände und betrachtet nur die reinen Begriffe, den Inhalt des Denkens. Man versuche, den ersten, allerallgemeinsten, voraussetzungslosen Begriff, «Sein» genannt, zu denken. Er darf aber in keiner Weise inhaltlich bestimmt sein, weil diese Bestimmung ihn sonst gegen anderes abgrenzen würde, und er nicht mehr ganz allgemein und allumfassend wäre. Man kann diese Aufgabe dann drehen und wenden wie man will, heraus kommt - das Sein ist «in Wirklichkeit»: Nichts! Wir sind beim Gegenteil gelandet! Was wie ein Denkfehler aussieht, ist in Wirklichkeit die erste dialektische Bewegung. Vom Sein zum Nichts: «Vergehen»; vom Nichts zum Sein: «Entstehen»; beides zusammen: «Werden» als dritter dialektischer Begriff, als «Synthese» von Sein und Nichts.

Das geht natürlich nicht mit dem Stuhl. Dieser hat aber auch für Hegel nicht «Sein», sondern «Dasein», Existenz. Er ist gegen anderes abgegrenzt. Das Sein ist allgemeiner, es geht dem Dasein voraus. Das Sein ist die Einheit von Dasein und «Nicht-Dasein» (Transzendenz).

Die Hegel'sche Logik bewegt sich ganz in der geistigen Welt. Dort verkehren sich die Gesetze der Welt der sinnlichen Gegenstände, die Gesetze von Raum und Zeit, in ihr Gegenteil. (Aber: diese Logik können wir selber denken, ohne dem «Guru» Steiner nachzubeten!)

Hegel'sche Logik ist ja nur ein Beispiel für synthetisierendes Denken. Es zeigt sich auch überall sonst im Kulturleben, laut Steiner, bei dem Naturforscher Ernst Haeckel, beim Psychologen Fechner, beim Politiker Otto von Bismarck. Die Befruchtung durch die genannten anderen kulturellen Impulse hätten im Sinne Steiners einen geistigen Fortschritt bedeutet. Allein diesen Hinweisen nachzugehen, wäre eine lohnende, aber nicht leichte Aufgabe!

Die von Steiner gemeinte Rolle des semitisch-materialistischen Denkens kann man sich, finde ich, ganz gut am Beispiel Karl Marx verdeutlichen. Als Schüler Hegels war er ein ausgezeichneter Kenner der Dialektik, meinte ihn aber, im Sinne seines «historischen Materialismus», «vom Kopf auf die Füße» stellen zu müssen, d.h. diese Denkweise direkt auf die materielle Welt anzuwenden.

Wenn die Geschichte der Menschheit aber mit dialektischer Notwendigkeit dahinrollt, dann geht die menschliche Freiheit, die Lebensbedingung des Individuums, verloren! Dieser Grundfehler des Kommunismus ist durch den tatsächlichen Gang der Geschichte zur Genüge erwiesen worden. Es ist eine Tragik, dass die Welt des deutschen Idealismus für das soziale Leben nicht fruchtbar gemacht werden konnte; Hegel hat es nicht vermocht, und Marx hat es auf verkehrte Weise versucht.

Andererseits ging aus Marx' materialistischem Verstandesdenken die brillante Analyse und Kritik des Kapitalismus hervor, die man voll anerkennen muss, und welche die Voraussetzung bildet, um diese Gesellschaftsform zu überwinden. Bloß hat Marx nach seiner «zersetzenden» Kritik nicht vermocht, «aufbauend» eine wirklich fruchtbare Gesellschaftsform zu entwickeln.

Steiners eigene Forderung nach gesellschaftlicher Umwandlung, die «Dreigliederung des sozialen Organismus», ist in vielem das Gegenteil von Marx' Utopie: seine Hauptforderung ist die Emanzipation des Geisteslebens, um die Lebensbedingung für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft herzustellen.

Das materialistische Verstandesdenken hat Steiner übrigens nicht allein auf einen semitischen Einfluss zurückgeführt; auch der Jahrhunderte währende Einfluss von äußerlich gewordenen christlichen Konfessionen, die kein wirkliches Verständnis von Geist mehr hätten, hätten zum Materialismus geführt. Die gymnasiale Schulbildung würde ebenfalls dazu beitragen, zum Beispiel durch das Lehren der toten Sprache Latein, die das Denken verfestige. Und im Kontext der sozialen Frage sagte er, dass nur die relativ ungebildeten Arbeiter (Proletarier) noch so «unverbrauchte» Gehirne hätten, dass sie neue soziale Ideen aufnehmen könnten; die Führer der Arbeiter wären schon «verbürgerlicht».

 

Rudolf Steiner - ein Verbündeter im Kampf gegen den Rassismus

 

Über das hier vorgebrachte Material möge jeder Leser sein eigenes Urteil finden. Es ist meine Überzeugung, dass man Steiner nur als Rassisten und Geistesverwandten des Nationalsozialismus verstehen kann, wenn man ihn oberflächlich liest und sich, ob absichtlich oder nicht, von äußerlichen Wortübereinstimmungen leiten lässt. Wenn man ihn an seiner eigenen Intention misst, muss man sehen, dass er genau das Gegenteil will als diese menschenverachtende Ideologie. Steiner spricht dieselben Themen an, die den Nazis wichtig sind: die Rolle der menschlichen Rassen und des Judentums. Er hat aber - um 1900 herum - die wahren Erkenntnisse über diese Gebiete öffentlich gemacht, die aus der wissenschaftlichen geistigen Erforschung hervorgingen, bevor die Nazis ihre pervertierte Ideologie allzusehr verbreitet hatten. Ich bin überzeugt, dass Steiner das Heraufkommen einer Bewegung wie den Nationalsozialismus in Deutschland voraussah, und sich mit all seinem Wirken dagegenstemmen wollte. Er wollte ein kulturelles Gegengewicht aufbauen. Als 1919 die erste Waldorfschule gegründet wurde, sagte er seinen Mitstreitern: «Wenn innerhalb eines Jahres nicht hundert solcher Schulen entstehen, betrachten Sie diese Schule als nicht gegründet!»

Woher kommt der Inhalt der Nazi-Ideologie? Viele Quellen verlieren sich in mystischen Nebeln, im Dunstkreis der 1875 gegründeten Theosophischen Gesellschaft, in deren Rahmen Steiner zunächst auch wirkte. Ich gehe davon aus, dass aus trüben okkulten Quellen, durch mediumistische Mitteilungen bei herabgedämpftem Bewusstsein, Halb- und Viertelswahrheiten über diese Gebiete herauskamen, die Eingang in die Nazi-Ideologie fanden. Der Grundfehler beim Nationalsozialismus ist, dass er alles ins Materialistische verkehrt. Er hat keinen Begriff des Menschen. Der Mensch ist nur sein durch die Rasse bestimmter Körper. Deswegen kann eine Auseinandersetzung mit dem Judentum oder den Slawen nur auf eine Unterwerfung oder Vernichtung hinauslaufen, nicht auf geistige Art geführt werden.

Schon die Andeutungen Steiners zeigen, dass das Verhältnis von Deutschen und Juden, von Europäern und Juden, ein besonderes ist oder sein sollte. Vielleicht können wir heute, belehrt durch die Katastrophe, dieses Verhältnis neu suchen. Wobei man sich sowieso in erster Linie rein von Mensch zu Mensch begegnen sollte, und nicht als «Jude» und «Deutscher».

Der Nationalsozialismus ist meines Erachtens immer noch ein Rätsel. Er ist doch nicht verstanden, wenn man ihn für ein irgendwie geartetes «Absolut-Böses» ansieht, das irgendwoher für 12 Jahre in die Geschichte eingebrochen ist und jetzt wieder verschwunden ist. Die soziologischen, geschichtlichen und wirtschaftlichen Bedingungen seines Entstehens reichen auch nicht aus, um ihn inhaltlich zu erklären. Wie kann, knapp 200 Jahre nach der Aufklärung, im Zeitalter der Demokratie und des Industrialismus, eine solch atavistische, rückwärtsgewandte Ideologie soviel Begeisterung entfachen und Macht entfalten?

Wie konnten so viele Deutsche die Höhe des deutschen Idealismus verlassen und sich in die Niederungen des Rassismus begeben, ja, sogar in gutem Glauben Goethe und Schiller mit hinunterzerren, indem sie sie zu Vorbereitern des Nationalsozialismus erklärten?

Bei Steiner finde ich zumindest Anhaltspunkte, das zu verstehen. Die Menschheit steht an dem Punkt, sich stärker individualisieren zu können - und zu müssen! Denn zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte muss jeder Einzelne aktiv werden, damit dieser Entwicklungsschritt vollzogen wird. Das ist schwer; «Denken des Denkens» ist nicht jedermanns Sache, und auch jede andere geistige Tätigkeit erfordert Anstrengung.

Sich individualisieren heißt auch, sich von dem Einfluss von Volks- und Rassegeistern zu befreien. Deren Zeit ist seit Ende des 19. Jahrhunderts abgelaufen. Was ist, wenn der Schritt nicht gelingt? «Volk» und «Rasse» werden zum Problem, rumoren im Unbewussten, finden Eingang in Ideologie oder Ressentiments und beherrschen uns so weiterhin. Dieses Problem wird erst gelöst, wenn «Volk» und «Rasse» zum Bewusstsein gebracht werden, wenn sie erkannt werden in ihrem wirklichen Verhältnis zum menschlichen Individuum. Dann sind sie gebannt.

In diesem Sinne finde ich, dass Rudolf Steiner uns kein Gegner, sondern ein Verbündeter ist im Kampf gegen den Rassismus. Er gibt uns Mittel in die Hand, um diese «Geistes»-Haltung wirklich zu verstehen und wirkungsvoll zu bekämpfen bzw. zu heilen.

 

Nicholas Dodwell-Humpert, Karlsruhe

 


 

 

 1

«Der Weltengrund hat sich in die Welt vollständig ausgegossen; (...) die höchste Form, in der er innerhalb der Wirklichkeit des gewöhnlichen Lebens auftritt, ist das Denken und mit demselben die menschliche Persönlichkeit. Hat somit der Weltengrund Ziele, so sind sie identisch mit den Zielen, die sich der Mensch setzt, indem er sich darlebt.» (Rudolf Steiner, Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, GA 2, Kap. 19, Abs. 3.)

 2

Rudolf Steiner, «Barr-Dokumente» (1907), in: Rudolf Steiner/Marie Steiner-von Sivers, Briefwechsel und Dokumente, GA 262, S. 15.

 3

Rudolf Steiner, Wahrheit und Wissenschaft, GA 3.

 4

Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, GA 4, Vorrede zur Neuauflage 1918, Abs. 3.

 5

Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, GA 4, Kap. 14: «Individualität und Gattung».

 6

Rudolf Steiner, Aus der Akasha-Chronik, GA 11, S. 32-33.

 7

A.a.O., S. 40.

 8

A.a.O., S. 48.

 9

A.a.O., S. 49-50.

10

A.a.O., S. 32.

11

Siehe zahlreiche Aufsätze in: Rudolf Steiner, Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887-1901, GA 31.

12

Rudolf Steiner, Gesammelte Aufsätze zur Literatur 1894-1902, GA 32, S. 145-155.

13

Rudolf Steiner/Marie Steiner-von Sivers, Briefwechsel und Dokumente, GA 262, S. 61-63.

14

Zitiert nach Thomas Meyer, Neuere Tendenzen zu geistiger Rückständigkeit oder die wachsende Salonfähigkeit von autoritärem Gesinnungszwang - Einige Bemerkungen zur «Rassismus»-Kampagne gegen R. Steiner und sein Werk, in: Der Europäer, Jg. 4, Nr. 5 (März 2000), S. 11.

 

 

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