Cäsarismus* als Sturz in die Unmenschlichkeit

Den Christus findet man [...] nicht bloß durch Entwicklung des Innern, sondern dann, wenn man sich vor allen Dingen bewußt ist, daß der Christus der menschlichen Gemeinschaft angehört, der ganzen menschlichen Gemeinschaft angehört. [...]

Der Christus verlangt in Wirklichkeit: Wenn du einem Menschen gegenübertrittst, dann sollst du ihn so ansehen, daß dasjenige, als was er dir in der äußeren Welt erscheint, nicht der ganze, volle Mensch ist [...]

Man muß sich klar sein darüber, daß mit jedem Menschen uns etwas gegenübertritt, das überirdischer Natur ist und mit irdischen Menschenmitteln nicht begriffen werden kann. Dann stellt sich für jeden Menschen eine intime Ehrfurcht vor allem Menschlichen ein. [...]

In dem Augenblicke [...] wo sich der Mensch wie ein römischer Cäsar als Gott verehren läßt, verliert er seine Menschlichkeit und sinkt in die Untermenschlichkeit herunter. Er hört auf Mensch zu sein, wenn er sich als etwas Übermenschliches verehren läßt im sozialen Leben. [...]

So ist mit Christus das gekommen, [...] daß man anerkenne in jedem Erdenmenschen den Christus [...], daß man anerkenne in jedem Erdenmenschen die Wahrheit des Wortes: »Was du dem geringsten meiner Brüder tust, das hast du mir getan ...«.

Vor dem [...] versinken alle Begriffe und Vorstellungen, die die Menschen trennen, und etwas, was allen Menschen gemeinschaftlich ist, geht als eine Aura über die Erde hin, wenn man sich dazu bekennt [...]”

Denn Christus ist herabgestiegen für alle Menschen. Nur dadurch aber, daß wir den Zusammenhang fühlen mit allen Menschen, gehören wir der Erde an [...]

Der Christus [...] ist ein Wesen, demgegenüber man sich sagen muß: Ich gehöre einer einzelnen Menschengemeinschaft an; dadurch aber, daß ich einer einzelnen Menschengemeinschaft angehöre**, d.h. etwas angehöre, was mit dem Irdischen zusammenhängt, trenne ich mich ab von dem Himmlischen. Davon kann mich nur ein Wesen erlösen, das nichts mit einer Menschendifferenzierung zu tun hat. Nur dadurch, daß ich den Christus in mir verstehe, der mich hinausführt über die Erdendifferenzierung, der mich empfinden lehrt, daß das, was Erdendifferenzierung bewirkt, Leiden ist, todbringend ist, nur dadurch finde ich wieder meinen Zusammenhang mit den geistigen Welten. Alles, was in die Menschheit gefahren ist dadurch, daß die Differenzierungen eingetreten sind, das ist abgenommen worden der Menschheit dadurch, daß der Christus in die Welt getreten ist.”

Rudolf Steiner, Vortrag vom 27. 11. 1916, GA 172, Das Karma des Berufes des Menschen in Anknüpfung an Goethes Leben, Dornach 1980, S. 204-213.


* Cäsarismus im 20. Jahrhundert: Vergottung von Despoten und Gewaltherrschern wie Hitler, Mussolini, Stalin usw.
** Identifikation mit Rasse, Volk, Nation, Blutsgemeinschaft.

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