| War Helena Petrowna Blavatsky Rassistin? Eine Frage, durch sie selbst beantwortet Auszug aus »Der Schlüssel zur Theosophie«, erschienen 1889 in New York Die Ziele der Gesellschaft Was sind die Ziele der Theosophischen Gesellschaft? Die Gesellschaft hat drei Ziele: 1. den Kern einer universellen Bruderschaft der Menschheit ohne Unterschied von Rasse, Farbe und Glauben zu bilden, 2. das Studium der heiligen Schriften der Weltreligionen und der Wissenschaften zu fördern und für die Bedeutung der alten asiatischen Literatur, nämlich der brahmanischen, buddhistischen und zoroastrischen Philosophie, einzutreten und 3. die verborgenen Geheimnisse der Natur in jeder Hinsicht, besonders aber die im Menschen verborgen ruhenden psychischen und spirituellen Kräfte zu erforschen. Das sind, ganz allgemein gesprochen, die drei Hauptziele der Theosophischen Gesellschaft. Können Sie mir eine mehr in Einzelheiten gehende Erklärung dieser Ziele geben? Beginnen wir mit dem ersten! Zu was für Mitteln wollen Sie greifen, um ein solches Gefühl der Bruderschaft unter den Rassen herbeizuführen, die, wie wir alle wissen, ja die verschiedensten Religionen, Sitten, Gebräuche und Eigenheiten des Denkens haben? Es erscheint uns vor allem notwendig, die Ursachen zu beseitigen, welche eine universelle Bruderschaft zur Zeit noch zu einer Utopie machen. Was sind Ihrer Ansicht nach diese Ursachen? Vor allem die natürliche Selbstsucht der menschlichen Natur. Diese Selbstsucht wird statt ausgerottet zu werden durch die gegenwärtige religiöse Erziehung, die sie nicht nur ermutigt, sondern geradezu rechtfertigt, täglich gestärkt und zu einem wilden und unwiderstehlichen Gefühl angefacht. Die Vorstellungen der Menschen über Recht und Unrecht sind durch die wörtliche Annahme der jüdischen Bibel vollkommen verzerrt worden. Die Vorschriften praktischer Selbstsucht, die in der mosaischen Bibel gelehrt werden, gegen die Christus so vergebens predigte, haben sich im innersten Leben der westlichen Völker verwurzelt. Aug um Auge, Zahn um Zahn" ist zum Hauptgrundsatz ihrer Gesetze geworden. Die Verzerrtheit dieser und vieler anderer Lehren kann nur die Theosophie beseitigen. Der gemeinsame Ursprung der Menschheit Wie kann sie dies? Einfach dadurch, daß sie auf logischer, philosophischer, metaphysischer und sogar wissenschaftlicher Grundlage folgendes beweist: 1. Alle Menschen haben geistig und physisch den gleichen Ursprung. Das ist eine Grundlehre der Theosophie. 2. Da die Menschheit ihrem Wesen nach eins und von gleicher Wesenheit ist und da diese Wesenheit eins ist unendlich, unerschaffen und ewig, ob wir sie nun Gott oder Natur nennen , kann nichts ein einzelnes Volk oder einen einzelnen Menschen treffen, ohne zugleich auch alle anderen Völker und Menschen zu berühren. Aber das ist nicht die Lehre Christi, sondern eher eine pantheistische Auffassung. Eben darin liegt der Irrtum. Es ist eine rein christliche, allerdings keine jüdische Lehre. Können Sie das beweisen? Es heißt, daß Christus gesagt hat: Liebet einander und Liebet eure Feinde, denn: Wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben, was für ein Verdienst habt ihr dann? Tun nicht die Zöllner dasselbe? Das sind die Worte Christi. Aber im Kapitel 9, Vers 25, der Genesis heißt es: Verflucht sei Kanaan, ein Knecht der Knechte soll er seinen Brüdern sein! Und darum ziehen die bibelgläubigen Christen das Gesetz des Moses dem christlichen Gesetz der Liebe vor. Sie stützen sich auf das Alte Testament, welches allen ihren Leidenschaften, ihren Gesetzen der Eroberung und Aneignung und der Tyrannei über Rassen, die sie minderwertig nennen, Vorschub leistet. Was für Verbrechen auf Grund dieser, wenn man sie buchstäblich nimmt, teuflischen Stelle begangen wurden, davon gibt uns die Geschichte allein eine wenn auch unzulängliche Vorstellung 1). Aber wie erklärt die Theosophie den gemeinsamen Ursprung der Menschen? Durch die Lehre, daß die Wurzel der ganzen objektiven und subjektiven Natur und alles Sichtbaren und Unsichtbaren, das im Weltall existiert, ein absolutes Sein ist, war und immer sein wird, von dem alles ausgeht und in das alles zurückkehrt. Das ist die arische Philosophie, die voll nur bei Vedantisten und im buddhistischen System zu finden ist. Es ist die Aufgabe aller Theosophen, mit diesem Ziel im Auge auf jede praktisch mögliche Weise und in allen Ländern eine unsektiererische Bildung zu verbreiten. Was wird Ihren Mitgliedern außerdem noch zu tun angeraten, auf der physischen Ebene meine ich? Um brüderliche Gefühle zwischen den Völkern zu erwecken, müssen wir den Menschen die Vorstellung einprägen, daß es, wenn der Ursprung der Menschheit ein einziger ist, auch eine einheitliche »Wahrheit« gehen muß, die in all den verschiedenen Religionen ihren Ausdruck findet ausgenommen in der jüdischen, denn dort finden Sie sie nicht einmal in der Kabbala. Das bezieht sich auf den gemeinsamen Ursprung der Religionen, und dort mögen Sie recht haben. Aber wie wirkt sich das auf eine praktische Bruderschaft auf der physischen Ebene aus? Erstens muß das, was auf der metaphysischen Ebene wahr ist, auch auf der physischen Ebene wahr sein, und zweitens gibt es keine fruchtbarere Quelle von Haß und Streit als religiöse Meinungsverschiedenheiten. Wenn eine Partei glaubt, daß sie allein die absolute Wahrheit besitzt, ist es nur natürlich, daß sie denkt, die anderen befänden sich vollkommen in den Klauen des Irrtums oder des Teufels. Sobald Sie aber die Menschen dazu bringen, einzusehen, daß keiner von ihnen die ganze Wahrheit besitzt, daß sie vielmehr einander ergänzen und daß die vollkommene Wahrheit nur in der Verbindung der Ansichten aller gefunden werden kann, nachdem alles Falsche in jeder von ihnen ausgeschieden worden ist dann kann eine wahre Bruderschaft in der Religion aufgerichtet werden. Dasselbe gilt für die physische Welt. Erklären Sie das bitte weiter. Nehmen wir ein Beispiel! Eine Pflanze besteht aus Wurzel, Stamm und vielen Zweigen und Blättern. Wie die Menschheit als Ganzes der Stamm ist, der aus der spirituellen Wurzel emporwächst, so bedeutet der Stamm die Einheit der Pflanze. Wenn man den Stamm verletzt, so ist es klar, daß jeder Zweig und jedes Blatt darunter leiden werden. Bei der Menschheit ist es ebenso. Ja; aber wenn Sie bloß einen Zweig oder ein Blatt verletzen, dann verletzen Sie doch nicht die ganze Pflanze? Und darum denken Sie, daß Sie dadurch, daß Sie einen einzelnen Menschen verletzen, nicht die ganze Menschheit verletzen? Aber woher wissen Sie das? Wissen Sie nicht, daß selbst die materialistische Wissenschaft lehrt, daß jede noch so schwache Verletzung einer Pflanze den ganzen Lauf ihres Wachstums und ihrer Entwicklung beeinflußt? Sie befinden sich daher im Irrtum, und die Analogie ist vollkommen. Erweitern Sie diese Vorstellung und wenden Sie sie universell an, dann werden Sie bald finden, daß jede physische Handlung ihre dauernde moralische Wirkung hat. Verletzen Sie einen Menschen, indem Sie ihn körperlich verwunden; Sie denken, daß sein Schmerz und sein Leiden sich unmöglich auf seine Nachbarn und schon gar nicht auf Menschen anderer Völker ausdehnen kann. Wir behaupten, daß es dies tun wird, zur gegebenen Zeit. Wir sagen daher, wenn nicht alle Menschen dazu gebracht werden, zu verstehen und es als eine unumstößliche Wahrheit zu betrachten, daß wir, wenn wir einem Menschen Unrecht tun, nicht nur uns selbst Unrecht tun, sondern auf lange Sicht der ganzen Menschheit, dann sind brüderliche Gefühle, wie sie von allen großen Reformatoren, vor allem von Buddha und Jesus, gepredigt worden sind, auf der Erde nicht möglich. 1) Am Ende des Mittelalters war die Sklaverei unter dem Eindruck der moralischen Kräfte in Europa im wesentlichen verschwunden. Aber zwei bedeutsame Ereignisse überwältigten die moralischen Kräfte, die in der europäischen Gesellschaft wirkten, und ließen einen Fluch über die Erde los, wie ihn die Menschheit kaum jemals vorher kannte. Das erste dieser Ereignisse war die erste Reise an eine dichtbevölkerte barbarische Küste, wo Menschen ein gebräuchlicher Handelsartikel waren; das zweite war die Entdeckung einer neuen Welt, wo Gruben glitzernden Reichtums offen lagen, vorausgesetzt, daß Arbeitskräfte eingeführt werden konnten, in ihnen zu arbeiten. Vier Jahrhunderte hindurch wurden Männer, Frauen und Kinder von allen, die sie kannten und liebten, weggerissen und an den Küsten Afrikas an fremde Händler verkauft; sie wurden unter Deck in Ketten gelegt oft Tote mit den Lebenden und auf den furchtbaren Fahrten der mittleren Route wurden, wie der unvoreingenommene Historiker Bancroft berichtet, zweihundertfünfzigtausend von den dreieinviertel Millionen ins Meer geworfen, während der Rest einem namenlosen Elend in den Bergwerken oder unter der Peitsche in den Reis- und Zuckerrohrfeldern entgegenging. Die Schuld für dieses große Verbrechen lastet auf der christlichen Kirche. Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit schloß die römisch-katholische spanische Regierung mehr als zehn Verträge ab, durch die der Verkauf von fünfhunderttausend Menschenwesen autorisiert wurde. Im Jahre 1562 segelte Sir John Hawkins bei seinem teuflischen Geschäft, Sklaven in Afrika zu kaufen und in Westindien zu verkaufen, auf einem Schiff, das den geheiligten Namen »Jesus« trug; die protestantische Königin Elisabeth belohnte ihn für seinen Erfolg als erster Engländer in diesem unmenschlichen Handel damit, daß ihm gestattet wurde, in seinem Wappen einen halben Mohren in seiner richtigen Farbe zu führen, der mit einem Strick gebunden ist, also mit anderen Worten einen gefesselten Sklaven. (»Conquests of the Cross« zitiert aus dem »Agnostic Journal«.)
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