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Stellungnahme zum gegen Steiner
erhobenen Antisemitismusvorworf


Von Steiner führt kein Weg zu Hitler, genauso wenig wie zu Stalin oder Pol Pot. Es führt aber ein geistiger Weg von Steiner zu den großen gewaltlosen Freiheitskämpfern und Tat-Christen dieses Jahrhunderts, zu Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer, zu Martin Luther King, Lech Walesa, Nelson Mandela und Vaclav Havel.

Steiner brachte bereits in seiner ersten selbständigen Publikation, in den
Grundlinien einer Erkenntnistheorie... 1886 seine Auffassung zum Ausdruck , die Würde des Menschen bestehe in seiner freien, auf Selbstbestimmung beruhenden Sittlichkeit und das gesellschaftlich-politische Leben müsse auf diese freie Selbstbestimmung gegründet werden. Er entwarf 1894 in seiner Philosophie der Freiheit ein philosophisches Menschenverständnis, das die menschliche Freiheit nur durch die Überwindung der biologischen, gesellschaftlichen und kollektiven Abhängigkeiten für erreichbar hielt:

"Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei. .. Ist ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir wollen alles, was an ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ".

Konstitutiv für die soziale und politische Gemeinschaft war für Steiner 1894 individuelle Selbstbestimmung und Toleranz:

"Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens: das ist die Grundmaxime der freien Menschen."

Diese philosophische, auf Freiheit und Toleranz gegründete Weltsicht bezieht sich nicht nur auf den individuellen Menschen, sondern auch auf das soziale und politische Ganze. Sie bildet die Grundlage der von Steiner nach der Jahrhundertwende entwickelten "Anthroposophie". So teilte er etwa 1917 seinen Zuhörern mit:

"Denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich die Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen. Durch nichts wird der wirkliche Fortschritt der Menschheit mehr aufgehalten als dadurch, dass aus früheren Jahrhunderten stammende [...] fortkonservierte Deklamationen herrschen werden über die Ideale der Völker, während das wirkliche Ideal dasjenige werden müsste, was in der rein geistigen Welt, nicht aus dem Blute heraus, gefunden werden kann."

Das Kernstück des europäischen Rassismus seit Houston Stewart Chamberlain war der Antijudaismus bzw. Antisemitismus. Wer Rassist war, musste zwangsläufig Antisemit sein. Das "Judentum" wurde als das Zersetzungsferment schlechthin betrachtet, insbesondere in Wien bildete sich der paranoide Vorstellungskomplex von der "jüdischen" Hochfinanz, vom "jüdischen" Liberalismus und Marxismus, kurz, von der "jüdischen" Moderne aus. Das Judentum wurde zur Projektionsfläche für alle völkischen Minderwertigkeitsgefühle, für alle klerikalen, konservativen, antimodernistischen Ressentiments.

Steiner war erklärter Gegner des Antisemitismus und damit auch des Rassismus. Im
Magazin für Literatur, dessen Herausgeber er war, schrieb Steiner im September 1900:

"Für mich hat es nie eine Judenfrage gegeben. Mein Entwicklungsgang war auch ein solcher, dass damals, als ein Teil der nationalen Studentenschaft Österreichs antisemitisch wurde, mir das als eine Verhöhnung aller Bildungserrungenschaften der neuen Zeit erschien. Ich habe den Menschen nie nach etwas anderem beurteilen können als nach den individuellen, persönlichen Charaktereigenschaften, die ich an ihm kennenlerne. Ob einer Jude war oder nicht: das war mir immer ganz gleichgültig. Ich darf wohl sagen: diese Stimmung ist mir auch bis jetzt geblieben. Und ich habe im Antisemitismus nie etwas anderes sehen können als eine Anschauung, die bei ihren Trägern auf Inferiorität des Geistes, auf mangelhaftes ethisches Urteilsvermögen und auf Abgeschmacktheit deutet [...], die jeder gesunden Vorstellungsart ins Gesicht schlägt."

Hier bezeichnet Steiner also den Antisemitismus als Verhöhnung aller Bildungserrungenschaften, als Ausdruck einer Inferiorität des Geistes, als Zeugnis der Abgeschmacktheit, als Gegenteil jeder gesunden Vorstellungsart. Doch dies ist nicht die einzige und auch nicht die schärfste Stellungnahme Steiners gegen den Antisemitismus. In einer Serie von Aufsätzen, die er für die
Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus im Jahr 1901 schrieb, dessen Mitarbeiter der mit ihm befreundete jüdische Dichter Ludwig Jakobowsky war, nimmt Steiner fortlaufend Stellung gegen jene "abgeschmackte" Ideologie. Im November 1901 schreibt Steiner in einem Aufsatz, der sich mit dem Verschämten Antisemitismus des zeitgenössischen Philosophen Paulsen auseinandersetzt:

"Der Antisemitismus verfügt nicht gerade über ein großes Besitztum an Gedanken, nicht einmal über ein solches an geistreichen Phrasen und Schlagwörtern. Man muß immer wieder dieselben abgestandenen Plattheiten hören, wenn die Bekenner dieser "Lebensauffassung" den dumpfen Empfindungen ihrer Brust Ausdruck geben."

Im Verlauf dieses Aufsatzes geht Steiner auch auf die politisch-demagogische Wirkung ein, die der antisemitische Propagandist der Alldeutschen, Georg von Schönerer, in Österreich entfaltete, und sieht in ihm und seinen Anhängern

"die strenge Logik [...] aus der Reihe der Mächte gestrichen, die den Menschen im Innern beherrschen ... Durch den Antisemitismus ist die Logik entthront worden."

Kurz darauf identifiziert Steiner im hier besprochenen Text den Antisemitismus als eine Form des Rassismus und weist beide Auffassungen als unberechtigt zurück, weil sie ein Hohn auf allen Glauben an die Ideen seien. Für Steiner schließt der Glaube an die Ideen, zu dem er jeden Philosophen verpflichtet hält, jeglichen Rassismus aus, ja er verpflichtet den Philosophen vielmehr dazu, dem Rassismus und Antisemitismus entschieden kämpferisch entgegen zu treten.

"Der Antisemitismus ist ein Hohn auf allen Glauben an die Ideen Er spricht vor allem der Idee Hohn, daß die Menschheit höher steht als jede Form (Stamm, Rasse, Volk), in der sich die Menschheit auslebt [...] Der Glaube an die Ideen wird erst dann wieder zu seiner Geltung kommen, wenn wir den ihm entgegengesetzten Unglauben auf allen Gebieten so energisch als möglich bekämpfen."

Was Steiner so auf ideeller Ebene von Anfang an mit Entschiedenheit, ja mit äußerster Schärfe vertrat, eben die kompromisslose Ablehnung des Antisemitismus, das hat er auch im äußeren Leben immer überzeugend praktiziert. Er lebte als junger Mensch lange Jahre als Erzieher eines gesundheitlich gefährdeten Knaben in einer Wiener jüdischen Familie und war in großer Herzlichkeit in das Familienleben integriert. Immer hatte Steiner unter seinen engeren Freunden, sei es in den Weimarer oder dann in den Berliner Jahren, nahe Freunde, die Juden waren. Zu der Berliner Künstlergruppe "Die Kommenden", in der Steiner um die Jahrhundertwende oft auch als Vortragender intensiv mitwirkte, gehörte auch der junge Stefan Zweig. Er hat in seinem Lebensbericht mit großer Positivität, ja mit Bewunderung, von seiner damaligen Begegnung mit Rudolf Steiner erzählt. Das wäre nie der Fall gewesen, wäre bei Steiner auch nur etwas von antisemitischer Einstellung angeklungen. Vor allem aber gab es später in der anthroposophischen Gesellschaft eine große Zahl von Mitgliedern jüdischer Herkunft. Bedeutende anthroposophische Autoren (wie etwa Dr. Carl Unger und Prof. Hermann v. Baravalle) und zahlreiche engere Mitarbeiter Steiners (Ärzte, Pädagogen, Künstler, u.a.) waren Juden. Hinzuweisen ist auch auf die seinerzeit allgemeines Aufsehen erregende sogenannte Dreyfuss-Affäre in Frankreich, in der ein jüdischer Offizier der französischen Armee schweren Beschuldigungen ausgesetzt war, die offensichtlich von einer antijüdischen Tendenz bestimmt waren. Steiner bezog leidenschaftlich - auch publizistisch – Stellung zu Gunsten von Dreyfuss, der in der Tat bald darauf rehabilitiert wurde.

Das alles muss zum Verständnis herbeigezogen werden, wenn man in der damaligen Zeit – vor allem noch in den Wiener Jahren – auch auf Äußerungen Steiners stößt, die sich in scharf ablehnender Weise mit dem von Theodor Herzl (1860 – 1904) begründeten Zionismus befassen. Die Idee der Begründung eines eigenen Nationalstaates in Palästina für das in der Welt seit dem Jahre 70 n. Chr. zerstreute Judentum war auch unter den Juden damals außerordentlich umstritten. Höchst aufschlussreich für die Einstellung der europäischen Juden dem Zionismus gegenüber sind die eindrucksvollen Jugenderinnerungen des jüdischen Schriftstellers Elias Canetti. Noch aus dem Jahr 1927 berichtet er über seinen Aufenthalt in Bulgarien von seinem und offenbar von sehr vielen geteilten Erstaunen über den schwärmerischen Zustand, in den gewisse jüdische Predigertypen eine größere Anzahl von Juden versetzten, um sie zum Auswandern nach Palästina zu motivieren. Er fragte sich, warum diese Menschen das taten, wo sie doch in ihrer Heimat (Bulgarien) als Mitbürger geachtet und anerkannt waren, wo sie ihren Beruf ausüben konnten und ihr gutes Einkommen hatten.

Man darf nicht vergessen, dass das 19. Jahrhundert mit seinen immer stärker werdenden emanzipatorischen und liberalen Tendenzen auf breiter Front eine Assimilation der jüdischen Mitbürger ermöglichte. Gerade im deutschsprachigen Raum war diese Öffnung - neben gewiss auch aus der Vergangenheit (nicht zuletzt auf christlich-kirchlichen Traditionen beruhenden) weiterwirkenden Vorurteilen – weit fortgeschritten. In dieser Lage war ein großer Teil der Juden in Deutschland und in ganz Europa gar nicht gewillt, sich aus dem geschätzten Zusammenhang zu lösen. Man denke etwa an die zahlreichen Juden, die sich in allen Völkern im ersten Weltkrieg spontan aus Begeisterung zum "Dienst an der Waffe" entschlossen. In klassischer Weise kommt dies tiefempfundene Doppelerlebnis in dem Bekenntnisbuch des damals viel beachteten Schriftstellers Jakob Wassermann "
Mein Weg als Deutscher und Jude" (erschienen in den 20-er Jahren) zum Ausdruck. Viele deutsche Juden nahmen zum Beispiel die schrecklichen antijüdischen Ausfälle eines Adolf Hitler in seiner Programmschrift "Mein Kampf" gar nicht ernst. Man hielt diese meist für das abseitige Getöne einer inferioren Minderheit. Erst die sich zuspitzende und konkretisierende Hasswelle im Dritten Reich brachte ein für viele Juden schmerzliches Aufwachen. Und erst das Grauen des zunächst unvorstellbaren Holocaust trieb schließlich alle Juden zur positiven Einstellung gegenüber dem Zionismus, dem Nationalstaatsgedanken für Palästina. Noch ein so bedeutender Dichter wie Celan, der in der damals österreich-ungarischen Bukowina deutschsprachig aufgewachsen war und der die Schrecken der Naziherrschaft bitter erfuhr, scheiterte an seinem Lebensende bei dem Versuch, in Palästina sesshaft zu werden: er konnte sein Dichtertum nur in der deutschen Sprache ausleben. An diesem Tatbestand zerbrach er.

Dies alles muss bedacht werden, wenn man die vor dem Holocaust sich artikulierenden Auffassungen von sehr vielen Juden und ebenso von anderen Menschen, die sich als Freunde des jüdischen Beitrags zur europäischen Kultur empfanden, angemessen werten will. So war auch Steiner, dem alles einseitig Nationalstaatliche aus seiner menschheitlichen Gesinnung fremd war, ein entschiedener Vertreter der Überzeugung, dass die positiven Kräfte des Judentums dem jeweiligen Gastvolk zugute kommen sollten. So bejahte er den Gedanken einer fortschreitenden Assimilierung der Juden. Hätte er dem jüdischen Element gegenüber auch nur etwas von einem kritischen Vorbehalt gehabt, so hätte er das deutsche Volk vor dem jüdischen Geist mit seinen oft höchst intellektuellen, aber auch kritikfähigen Momenten schützen müssen; und eben keine Assimilation, die er als produktiven Kulturbeitrag empfand, empfehlen dürfen. Man bedenke doch: Der Rassismus des Nationalsozialismus lehnte schroff jede Assimilation ab. "Der Jude" sollte radikal ausgegliedert, ja ausgemerzt werden. Jeder Deutsche, vor allem, wenn er eine verantwortliche Stellung einnehmen wollte, musste im Dritten Reich mühsam und mit Hilfe eines Ahnenpasses seine sogenannte "arische Abstammung" bis mindestens drei Generationen zurück nachweisen.

Das also war der Hintergrund einer Formulierung in einer Besprechung des Buches von Robert Hamerling "
Homunkulus, Modernes Epos in 10 Gesängen" (1888), die Steiner seinerzeit für die "Deutsche Wochenschrift" verfasst hatte:

"Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte".

Diese Aussage, bloß abstrakt für sich genommen, kann befremden. Steiners Aufsatz stieß auch bei dem jüdischen Hausherren, in dessen Familie er als Erzieher seinerzeit lebte, auf deutlichen Widerspruch. Steiner berichtet selbst darüber in seiner Autobiografie "
Mein Lebensgang"; er wird daran gewiss erkannt haben, dass seine Wortwahl Empfindlichkeiten verletzen konnte. Er hat später in den sogenannten Arbeitervorträgen, noch einmal ähnlich – nicht ganz so scharf - formuliert:

"...Und so kann man sagen: Da alles dasjenige, was die Juden getan haben, jetzt in bewusster Weise von allen Menschen zum Beispiel getan werden könnte, so könnten die Juden eigentlich nichts besseres vollbringen, als aufgehen in der übrigen Menschheit, sich vermischen mit der übrigen Menschheit, so dass das Judentum als Volk einfach aufhören würde. Das ist dasjenige, was ein Ideal wäre."

Und weiter hat Steiner sich zum Beispiel aus seiner oben charakterisierten Einstellung heraus kritisch im "
Magazin für Literatur" 1897 über den Zionismus und dessen Führer ausgesprochen:

"...Viel schlimmer als die Antisemiten sind die herzlosen Führer der europamüden Juden, die Herren Herzl und Nordau. Sie machen aus einer unangenehmen Kinderei eine welthistorische Strömung; sie geben ein harmloses Geplänkel für ein furchtbares Kanonenfeuer aus. Sie sind Verführer, Versucher ihres Volkes."

Der aus Ungarn stammende, jüdische Autor Max Nordau, der als Auslands-Korrespondent der Wiener
Neuen Freien Presse in Paris lebte, führte übrigens durch seinen Bestseller "Entartung” diesen Begriff der Biologie in die öffentliche Diskussion ein. In einer maßlosen Schärfe verurteilte er die Moderne, in der er eine gefährliche Dekadenzerscheinung sah. Den Vertretern der künstlerischen Avantgarde warf er vor, daß sie wie "Irrsinnige” das Hässliche und Kranke verehrten. "Die Entarteten lallen und stammeln statt zu sprechen ... Sie zeichnen und malen wie Kinder ... Sie machen Musik wie die gelben Menschen Ostasiens.” In der ästhetischen Avantgarde sah er ein Ergebnis der "Geisteskrankheit von Entarteten und Hysterikern.” [Ebenda, S. 471.]

Er diagnostizierte: "Wir stehen mitten in einer schweren geistigen Volkskrankheit, in einer Art schwarzer Pest von Entartung und Hysterie.” [Ebd, S. 469] Die Thematisierung der Sexualität in der zeitgenössischen Kunst erschien ihm als Verseuchung der Kultur, gegen die "kartöffelnde Schweinebande der berufsmässigen Pornographen” müsse man Partei ergreifen, sänken die Menschen durch sie doch "körperlich bis zur Stufe der Firsche, ja der Gliedertiere und selbst der geschlechtlich noch nicht differenzierten Wurzelfüßler” hinab. [Ebd, S. 500]

Theodor Herzl war Feuilletonist der
Neuen Freien Presse und aus der deutschnationalen Burschenschaft "Albia” hervorgewachsen, aus der er 1883 austrat. Der ehemals begeisterte Assimilant, der also denselben Standpunkt vertrat wie Steiner, wandelte sich unter dem Eindruck des Leids der in Rußland seit Anfang 1882 unter Alexander III. verfolgten Juden zu einem jüdisch-völkischen Nationalisten. Joseph Roth meinte 1937 im Rückblick:

"Der moderne Zionismus entstand in Österreich, in Wien. Ein österreichischer Journalist hat ihn begründet. Kein anderer hätte ihn begründen können.”

Auch der mit Herzl befreundete Nordau war ursprünglich Assimilant. Er schrieb 1899 – nunmehr Zionist – über die Ostjuden:

"Sie sind eine chaotische Masse. Wir organisieren sie. Sie stammeln ihre Klagen in einem den cultivierten Menschen unverständlichen Kauderwelsch. Wir leihen ihnen die civilisierten Sprachen.”

Aus den vereinzelten Äußerungen Steiners kann – vor allem bei seiner im Vorangehenden geschilderten entschieden antirassistischen und den Antisemitismus vernichtend charakterisierenden Grundüberzeugung – niemals eine antijüdische Tendenz bei ihm festgestellt werden, sondern höchstens eine gegen den Zionismus gewandte, weil er die Angehörigen des jüdischen Volkes als wesentlichen Bestandteil der jeweiligen Kulturen betrachtete, in denen sie lebten. Steiner sprach also für die Assimilation und gegen die Aussonderung oder Ausgrenzung von Angehörigen des Judentums. Die Unterstellung, Steiner sei antisemitisch gesinnt gewesen ist ein leichtfertiges Konstrukt wider besseres Wissen oder - im Zweifelsfall - sogar eine bewusst böswillige Verunglimpfung. Steiner starb 1925, entsprechende Formulierungen wären bei ihm nach dem Dritten Reich und vor allem nach dem Holocaust völlig undenkbar.

Im übrigen drückten Angehörige des Judentums ihre Ablehnung des Zionismus weitaus radikaler aus, als Steiner. Gabriel Rießer etwa, ein jüdischer liberaler Politiker, meinte in der Mitte des 19. Jahrhunderts, ein Jude, der einen nichtexistierenden Staat und eine nichtexistierende Nation (Israel) Deutschland vorziehe, sollte unter Polizeischutz gestellt werden, nicht etwa, weil seine Ansichten gefährlich seien, sondern weil er offensichtlich geisteskrank sei. Stattdessen bekannte er sich im Geiste des Assimilationsgedankens zu seinem deutschen Vaterland:

"Wer mir den Anspruch auf mein deutsches Vaterland bestreitet, der bestreitet mir das Recht auf meine Gedanken und Gefühle, auf die Sprache, die ich rede, auf die Luft, die ich atme, darum muß ich mich gegen ihn wehren, wie gegen einen Mörder.”

Gegen Herzls 1896 erschienenen Roman
Der Judenstaat wandte sich der Wiener Oberrabiner Moritz Güdemann. In einer Broschüre bezeichnete er Herzls Idee als "Kuckucksei des Nationaljudentums” und erklärte, die Juden seien keine Nation, ihre einzige Gemeinsamkeit sei ihr Glaube an Gott und der Zionismus sei mit den Lehren des Judaismus nicht vereinbar.

Steiners Aufsatz über Hamerlings
Homunkulus aus dem Jahr 1888 enthält nicht nur jene Passagen, in denen er sich gegen einen jüdischen Nationalismus ausspricht, sondern auch klare Distanzierungen vom Antisemitismus und vom "Rassenkampf”. So schreibt Steiner:

"Aber die Juden brauchen Europa und Europa braucht die Juden.”

Hamerling spricht er die Haltung eines "Weisen” zu, der mit "überlegener Objektivität” sowohl den "Juden wie den Antisemiten” gegenüberstehe. Hamerlings Kritikern wirft er vor, sie hätten kein Recht, "jenen, der nicht ausdrücklich seine Parteinahme für die Juden betont, sogleich der Stellungnahme gegen sie zu beschuldigen.” Die Kritiker, so Steiner, hätten das Werk Hamerlings in den "Streit der Parteien” herabgezerrt "
und zwar in die widerlichste Form desselben”, in den "Rassenkampf”. Man habe Hamerling, indem man ihn des Antisemitismus zeihe, "einen Standpunkt unterschoben, den er vermöge der geistigen Höhe, auf der er steht, nicht einnehmen kann.” An der Neuen Freien Presse bemängelt Steiner , sie habe eine Plattform "für die Wutausbrüche eines Befangenen” abgegeben. Und von den Antisemiten, die den Dichter für ihren Standpunkt vereinnahmen wollten, sagt er, sie hätten außer ihrer "Eignung zum Toben und Lärmen nichts Charakteristisches ... als den gänzlichen Mangel jedes Gedankens” zu bieten.

Aus Steiners Kritik am Kampagnenjournalismus seiner Zeit läßt sich die bemerkenswerte methodische Kontinuität erkennen, die diesen bis heute kennzeichnet. Er sagt nämlich von diesem Journalismus: "
Die Anhänger dieser Partei [des Antisemitismus] haben in ihren Blättern einfach Abschnitte aus dem Zusammenhange gerissen, um sie in ihrem Sinne umzudeuten, was ja bekanntlich das Hauptkunststück des Journalismus ist.” Ebendies ist ja auch den gegenwärtigen angeblich antirassistischen Verunglimpfern Steiners vorzuwerfen. Während Steiner in seiner Auseinandersetzung um Zionismus und Antisemitismus sich darum bemühte, einen Standpunkt jenseits des "Rassenkampfes” einzunehmen, schrieb Hitler in Mein Kampf im Rückblick auf die Auseinandersetzungen zwischen liberalen und zionistischen Juden:

"Dieser scheinbare Kampf zwischen zionistischen und liberalen Juden ekelte mich in kurzer Zeit schon an.”

Für Hitler war die geistige oder politische Einstellung der Juden unwichtig, waren sie doch alle Angehörige derselben "Rasse”.

Schließlich gilt es zu bedenken, daß Steiner sich nicht erst 1888 oder um 1900, wie vielfach auch von anthroposophischer Seite kolportiert wird, sondern bereits 1881 gegen den Antisemitismus aussprach.

In seinen Briefen an Rudolf Ronsperger sieht Steiner in Eugen Dührings
Kursus der Philosophie den "ärgsten Ausbund aller philosophischen Rückläufigkeiten”, ja er bezeichnet Dührings Anschauung als "barbarisch und kulturfeindlich”. Dessen [von Antisemitismus triefenden] "Schriften über die Juden” sind für Steiner "die strengsten Konsequenzen seiner beschränkten egoistischen Philosophie”. In Gestalt des Kathedersozialisten Dühring verurteilte Steiner einen der profiliertesten deutschen Antisemiten der damaligen Zeit. Dühring versuchte den Rassenantisemitismus philosophisch zu begründen, sowie biologisch und historisch zu rechtfertigen. Für Dühring war "der Jude” nicht nur "unschöpferisch”, sondern auch eines der "niedrigsten und mißlungensten Erzeugnisse der Natur” und er hielt die "Judenfrage” (im Jahr 1881 wohlgemerkt) nur durch eine gesamteuropäische Säuberungsaktion für lösbar, "durch Ausgliederung der Juden aus allen Völkern, durch Rückgängigmachen der Emanzipation, durch Ausnahmerechte, Deportationen und Gründung eines Judenstaates, wo sie sich dann schon von selber ausrotten würden.”

Am 26. August 1881 kommt Steiner in einem Brief an Ronsperger erneut auf Dühring zu sprechen, bezeichnet dessen Philosophie als "
barbarischen Unsinn”, als "Blödsinn”, und meint schließlich "leidenschaftlich erregt”:

"Wenn man diese Dinge liest, so glaubt man sich zuweilen in Australien, nicht unter Deutschen. Deutsche können denken, die Materialisten können nicht und sind zu faul dazu. Um Hegel zu verstehen, muß man Lust am Denken haben, wie er es selbst hatte; man muß aber auch dem freien fortschrittlichen Denken, dem kulturfreundlichen Lichte gewogen sein und nicht mit den Banden des hergebrachten traditionellen Dogmas gefesselt sein, wie es die Materialisten alle sind.”

Diese Bemerkungen Steiners aus dem Jahr 1881 über den Kathedersozialisten und Antisemiten Eugen Dühring lassen sich im übrigen auch auf seine gegenwärtigen Verunglimpfer und ihre medialen Nachbeter applizieren, die aus ihrer Geistfeindlichkeit eine sektiererische Kampagne gegen die Anthroposophie führen.

Michael S. Schild

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