| Fortsetzung der alldeutschen Hetze gegen die Anthroposophie 1921 Quelle: »Dreigliederung des sozialen Organismus«. Die Zeitschrift erschien von Juli 1919 bis Januar 1922 in Stuttgart Dreigliederung, Nr. 38, 2. Jg., 22 März 1921 Vorbemerkung: Zu den alldeutschen Gegnern der Anthroposophie, die Steiner bei ihrer Anhängerschaft durch die Behauptung zu diskreditieren versuchten, er sei jüdischer Abstammung, gehörte General Gerold von Gleich. Während von katholischer Seite schon wesentlich früher der Vorwurf gegen Steiner erhoben worden war, er sei Freimaurer, also Agent der republikanischen Internationale, während theosophische Gegner wie Annie Besant behaupteten, er sei Jesuitenzögling, also katholischer Agent, behaupteten die Deutschnationalen, er sei Agent der jüdischen Weltverschwörung. Insbesondere jüdische Schüler Rudolf Steiners (E. Kolisko, C. Unger, W. Johannes Stein), setzten sich in der Dreigliederungszeitung gegen diese Behauptung zur Wehr, weil sie deren antisemitische Implikationen zurückweisen wollten. Der Sohn des Generals, Sigismund von Gleich, ehemaliger aktiver Leutnant, gehörte zu Steiners Schülern. Dem General mißfiel die nicht standesgemäße Ehe seines Sohnes. Aus diesem Familienzwist entwickelte sich eine öffentliche Fehde gegen Steiner und die Anthroposophie. Gerold von Gleich hielt Vorträge und verfaßte Schriften gegen Steiner. Fortsetzung der alldeutschen Hetze gegen die Anthroposophie und Dreigliederung in Ludwigsburg In Ludwigsburg, einer in der Nähe Stuttgarts gelegenen ehemaligen Hauptgarnisonstadt Württembergs, hielt General von Gleich am 14. März einen öffentlichen Vortrag über das Thema Rudolf Steiner als Prophet. Der Vortrag, den Herr von Gleich vom Manuskript ablas, stellte sich in den wesentlichen Punkten nicht als eine eigene kritische Quellenarbeit dar, sondern als eine Zusammenfassung und Verwendung dessen, was einige der unsaubersten Gegner Dr. Steiners, der Anthroposophie und der Dreigliederung, wie Max Seiling und Karl Rohm, Prof. Fuchs u. a. schon vorgebracht haben. Das Vorgehen des Herrn von Gleich mußte unbedingt den Eindruck erwecken, daß er als Exponent einer Mache aufgetreten ist; die von einer geschlossenen Gegnerschaft mit bestimmten, leicht zu durchschauenden Absichten und Zielen ausgeht. Von den unsauberen Machenschaften der Gegner, von denen an dieser Stelle schon öfter Kenntnis gegeben werden mußte, unterschied sich Herr v. Gleich dadurch, daß er alles übertraf, was bisher geleistet ist an gewissenlosen Verleumdungen, Verdrehung der Tatsachen, perfiden Entstellungen der wahren Zusammenhänge und an Schmutzigkeit in dem Versuch der moralischen Entwertung alles dessen, was die Anthroposophie an moralischen Qualitäten darstellt. Die Art und Weise, wie er die Persönlichkeit Rudolf Steiners in jeder Hinsicht moralisch zu erledigen versuchte, war nichts als ein Angriff auf jede menschliche Gesittung. Herr von Gleich warf die Judenfrage in bezug auf Dr. Steiner in einer Weise auf, aus der klar hervorgeht, daß absichtlich die persönlichen Erklärungen Dr. Steiners über seine Abstammung und unsere Veröffentlichungen in der Dreigliederungszeitung nicht berücksichtigt, sondern totgeschwiegen werden sollen. Aus einer nicht bekanntgegebenen Quelle behauptet Herr von Gleich, daß Dr. Steiner bezüglich der Wiederverkörperung Mitteilungen über seine Persönlichkeit gemacht und in Zusammenhang damit Äußerungen über den ehemaligen Kaiser Wilhelm II. getan habe, welche in ihrer durchsichtigen und plumpen Aufmachung nur die Absichten verraten können welche diese Gegnerschaft verfolgt. Herr von Gleich widmete den Abend, wie er in seinem Vortrage angab, den Gefallenen. Eine wenig würdige, wenig deutsche Totenfeier seitens eines ehemaligen Generals, der das Gedenken an die Gefallenen in eine Verhöhnung des Menschentums kleidet, indem er die Würde, die man den Toten schuldet, durch einen Sumpf ersetzte. Herr v. Gleich hatte die Geschmacklosigkeit, das Gedächtnis an seinen ehemaligen Chef dadurch zu verunglimpfen, indem er sagte: Es besteht Grund zur Annahme, daß die Theosophie in den Schicksalstagen der ersten Marneschlacht lähmend auf die Tatkraft des ohnehin entschlußschwachen Generalobersten von Moltke eingewirkt hat. In den Kreisen des Generalstabs wurde glaubhaft versichert, daß nicht nur die schwache Gesundheit des Generalstabschefs, sondern auch gewisse theosophische Veranstaltungen in Luxemburg ihn davon abgehalten haben sollen, sich rechtzeitig dahin zu begeben, von wo aus der Entscheidungskampf allein zu leiten war, nach Reims oder Chateau-Thierry. Herr von Gleich äußerte sich über die gegenwärtig in Stuttgart stattfindenden freien anthroposophischen Hochschulkurse in einer Weise, die, an den Tatsachen gemessen, sich als ein Angriff auf wissenschaftlichen Geist und Bildung qualifiziert. Herr von Gleich schloß seinen Vortrag, dessen Niveau sich selbst charakterisiert, mit den Worten: Mit Gott, für König und Vaterland. Derjenige Teil des Publikums, der an seinen Ausführungen interessiert war, spendete ihm lebhaften Beifall. Herr Kommerzienrat Molt wandte sich sofort an den Redner mit der Bitte, ihm das Wort zur Verteidigung zu erteilen. Herr von Gleich verschwand jedoch durch eine Seitentür. Als Herr Molt trotzdem versuchte, zu Wort zu kommen, erklärte Herr Buchhändler Aigner, daß eine Diskussion nicht stattfinde, und der Versuch einer Erklärung an die Versammlung vonseiten Herrn Molts wurde verhindert durch in Funktion gesetzte Trillerpfeifen und Gejohle. Das an Herrn von Gleich interessierte Publikum verließ dann den Saal und überließ es einigen Elementen, die Ruhestörung fortzusetzen. Das Licht wurde ausgedreht und damit jeder Versuch einer Verteidigung unterbunden. Infolgedessen sahen wir uns veranlaßt, im Inseratenteil der Ludwigsburger Zeitung und des Stuttgarter Tagblatts den folgenden offenen Brief an Herrn von Gleich zu richten, welcher in den genannten Blättern am 16. März erschienen ist: Offener Brief an Herrn General von Gleich Herr General! Sie haben in Ihrem gestrigen Vortrag im Bahnhof-Hotel in Ludwigsburg über das Thema "Dr. Rudolf Steiner als Prophet einer bedenklichen Lehre" eine Reihe Behauptungen aufgestellt, welche notorische Verleumdungen sind: Es ist eine Verleumdung, wenn Sie behaupten, Dr. Steiner sei Jude und habe sich über seine Abstammung nie geäußert. Tatsache ist, daß er sich bei den Vorträgen im Siegle-Haus vom 2. März und 8. Juni 1920 öffentlich und beweiskräftig über seine arische Abstammung ausgesprochen und die antisemitischen Angriffe abgewiesen hat. In der Dreigliederungs-Zeitung" Nr. 37 vom März und 52 vom Juni 1920 sind diese Äußerungen dokumentarisch belegt. Es ist eine Verleumdung, daß Dr. Steiner jemals in irgendeiner Form und in irgendeiner Beziehung über die Wiederverkörperungslehre in der von Ihnen behaupteten Weise Mitteilungen über seine eigene Persönlichkeit gemacht hat. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner. Dadurch erledigt sich auch Ihre damit verknüpfte Aussage über Kaiser Wilhelm II.; sie gehört in dasselbe moralische Werturteil. Eine Verleumdung ist die Behauptung, daß der Verlag der Monatsschrift Die Drei mit ausländischem Geld arbeite. Sie haben das Gedächtnis an die Gefallenen, dem Sie, wie Sie behaupteten, den Abend widmen wollten, in zweifacher Weise besudelt, indem Sie dieses Gedenken durch die Art Ihrer Behandlung in den Schmutz gezogen haben und dem zu den toten Helden gehörenden Generalstabschef von Moltke anläßlich der Marneschlacht eine gröbliche Pflichtverletzung durch eine theosophische Veranstaltung in Luxemburg verleumderischerweise vorgeworfen haben. Die schamlose Art, mit der Sie sexuelle Angelegenheiten mit den Bestrebungen der Anthroposophischen Gesellschaft behandelten, schlägt der Wahrheit ins Gesicht und kann nur unter dem Gesichtspunkte der Schweinigelei betrachtet werden. Anthroposophische Gesellschaft: (gez.) Dr. Carl Unger [Carl Unger gehörte zu den Schülern Rudolf Steiners jüdischer Herkunft]. Bund f. Dreigliederung d. sozialen Organismus: (gez.) E. Molt. Der wahre Grund Ihrer Hetze gegen Dr. Steiner ist die Zugehörigkeit Ihres Sohnes zur Anthroposophischen Gesellschaft und seine Verlobung mit einer ehrbaren, aber unvermöglichen Dame. Um diese nicht standesgemäße Heirat zu hintertreiben, verlangen Sie meine Mithilfe, indem ich veranlassen sollte, ihm in seiner Eigenschaft als Angehöriger der Schriftleitung "Die Drei" möglichst wenig Gehalt zu bezahlen oder ihn in jene Schweizerische Gesellschaft versetzen solle, deren Internationalität Sie brandmarkten. Daß ich Ihre unerhörten Zumutungen und Ihre Verleumdungen gebührend zurückwies, war die Veranlassung zu diesem sich auf so unsagbar niedrigem Niveau bewegenden Vortrag. Um Ihren aus rein persönlichen Gründen hervorgegangenen Haß ausleben zu können, haben Sie unter dem Deckmantel einer patriotischen Tat diese Versammlung veranstaltet! Stuttgart, 15. März 1921. (gez.) E. Molt, Kommerzienrat. Die folgende Erklärung wurde von der Zuhörerschaft der Ferienkurse der Freien anthroposophischen Hochschulkurse am Donnerstag, den 17. März 1921, einstimmig angenommen. Erklärung Wir unterzeichneten Teilnehmer der Ferienkurse vom 12. bis 23. März 1921 der Freien Anthroposophischen Hochschulkurse Stuttgart verwahren uns auf das energischste gegen die schmutzigen Verleumdungen, die Herr Generalmajor a. D. Gerold v. Gleich in seinem Vortrag in Ludwigsburg, am Montag den 14. März 1921, sowie in seinem Pamphlet Rudolf Steiner als Prophet. Ein Mahnwort an das deutsche Volk gegen die Person Rudolf Steiners vorgebracht hat. Des weiteren erklären wir: Über den Charakter der Ferienkurse, über die Herr von Gleich in unwürdigster Weise sich geäußert hat, können nur diejenigen urteilen, die an ihnen teilnehmen. Wir verwahren uns auf das entschiedenste gegen jede Herabwürdigung dieser wissenschaftlichen Veranstaltung. Wir Unterzeichneten bitten den Bund für Anthroposophische Hochschularbeit, diese unsere Erklärung zu veröffentlichen. Es folgen (bis jetzt) 483 Unterschriften. Wir kommen hiemit der Aufforderung nach: Bund für Anthroposophische Hochschularbeit, Arbeitsausschuß. I. A.: Willi Stokar, stud phil. Werner Rosenthal, stud. rer. nat. Wir fügen hinzu, daß an diesen Kursen mehrere Hundert Studenten und Akademiker aus allen Teilen Deutschlands teilnehmen. Die Schriftleitung
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